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Periodical volume 16.September 1899 Nr, 37

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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verlaufen. Wenn sie dieses Vaters Frau geworden wäre statt der 
anderen, sie mit idrer glühenden Energie, ihrer unerschöpflichen Lebens 
kraft, Kurt von Tercnhofen hätte Karriere gemacht, er besähe noch 
Ramin und Weißhausen, das Kind in den Kissen eine Erbschaft. Tie 
reiche Erbin hatte ihn zum armen Manne gemacht, ihr Kind zur Waise, 
selbst als sie noch lebte. 
Warum war dies Mädchen Diakonissin geworden? Warum bewahrte 
sie ihm solchen Haß? — 
Das späte Morgenlicht fiel durch die Vorhänge. Der Knabe schlief 
den schweren Schlaf völliger Erschöpfung. Schwester Marie ging aus 
der Stube, leise, wortlos, mit einer kleinen höflichen Verbeugung 
gegen ihn. 
Am Abend kam sie wieder, ebenso stumm. Des Kindes Augen 
hatten sie schon gesucht, sie leuchteten auf, als sie zum Bett trat. Kurt 
von Derenhofe» wunderte sich, daß die stumpfblickcnden Augen seines 
Knaben eines solchen Leuchtens fähig waren. 
Der Diener hatte im Nebenzimmer für die Schwester eine Er 
frischung serviert. Sie nahm sie nicht. Es wäre nicht ihre Gewohnheit, 
nachts etwas zu genießen. Der Kampf mit dem Fieber begann aufs 
neue. Kurt von Derenhofen blieb im Zimmer, wie die Nacht zuvor. 
Er sprach nicht, sie sprach nicht' die Nacht verrann. 
Ani dritten Abend schlug Schwester Marie die Augen zu dem 
Hausherrn auf. 
„Es würde richtiger sein, wenn Sie nachts zu Bett gingen," sagte 
sie zu dem ' überflüssigen Wächter. „Sie würden frischer sein für die 
Pflege tagsüber, falls Sie pflegen wollen." 
„Sie scheinen daran zu zweifeln." 
„Nein. Der Knabe ist ja der Erbe Ihres Namens, Ihrer 
Fannliengüter." 
„Sie sind im Irrtum. Der Knabe erbt nichts. Ich habe keine 
Familicngütcr mehr." 
Sie hatte den Kopf abgewandt mit der alten Lebhaftigkeit, wie ihm 
schien mit einer Art Entrüstung. „Keine Familieugüter?" 
„Nein, leider. Der Scheidungsprozeß mit meiner Frau hat sie 
verschlungen, der Prozeß und andere Unglücksfälle, Thorheiten. Ja, es 
ist so. Wenn Sie mich früher einer Frage nach meinem Ergehen ge 
würdigt hätten, so würden Sie längst wissen, daß ich durchaus nicht, 
wie der reiche Mann in der Bibel, in eitel Freude und Wohlleben 
meine Jahre verbracht habe, sondern von den Bitternissen des Lebens 
einen angemessenen Anteil erhalten habe." 
Sie hatte ihr Gesicht ihm zugewandt und nickte gedankenvoll, als 
wolle sie sagen, es sei in der Ordnung, was sie da höre, ciu Ereignis, 
das sich habe voraussehen lassen mit der Sicherheit, mit der Astronomen 
eine Sonnenfinsternis voraussehen. 
Er fuhr fort: „Auch Ihr Leben hat sich überraschend entwickelt. 
Wenn ich an Sie dachte, denn, obgleich Sie das Gegenteil annehmen, 
ich habe ab und zu an Sie gedacht — wenn ich an Sic dachte, stellte 
ich mir Sie immer vor als eine kleine, rührige Frau, eine Frau Professor 
vielleicht, mit einem großen Haushalt, einer .Schar Kinder, thätig vom 
Morgen bis zum Abend, zufrieden mit der Welt und sich. Wie seltsmn, 
daß gerade Sie barmherzige Schwester geworden sind! Sie, so voll 
Lebensfreude!" 
„Ja, freilich," sagte sie, „so voll Lebensfreude!" 
Ihr To» ermutigte ihn nicht, weiterznsprechen. Aber nach einer 
kleinen Weile fragte sie selbst: 
„Da Sie nicht mehr Offizier sind — was ist jetzt Ihr Beruf?" 
„Ich habe keinen." 
Sie nickte wieder, als hätte sie diese Antwort vorausgesehen. 
„Ja," sprach er fort, „das werden Sic in Ihrem Thätigkeitsficber 
nicht begreife», aber ich bin müd', sterbensmüd' von all dem, was ich 
höchst nutzlos bis jetzt gethan habe. Ich warte ab, ich sammle mich." 
Sic gab keine Antwort, aber sie wandte sich nicht von ihm ab. 
„Da Sie heut in mitteilsamerer Stimmung scheinen," sagte er 
schnell, „entschließen Sie sich vielleicht, mir zu verraten, wodurch ich 
mir eine so leidenschaftliche und dauerhafte Abneigung um Sie ver 
dient habe?" 
„Wodurch?" 
„Ja, bitte. Ich war ein übermütiger, junger Bursch, ungeheuer 
stolz auf meine Epauletten und die Wunder von'Klugheit und Tapfer 
keit, mit denen ich mir vorgenommen hatte, die Welt in Erstaunen zu 
setzen. Sie —" 
„Ich war eine kleine Lehrerin," ergänzte sie. Es lag Bitterkeit 
im Tou. 
„Verzeihung, nein! Ein entzückendes Exemplar der Species Weib, 
Eva in der Knospe —" 
„Herr von Derenhofen!" (Fortsetzung folgt.) 
Kunst und Wissenschaft. 
Theater. 
König!. Schauspielhaus. Die Theatersaison ist bereits in vollem 
Gange. Am letzte» Sonnabend gab es nicht weniger als vier Premieren: 
im König!. Schauspiclhause, „Caub" von Wnltcr Bloem, im Lcssing- 
theatcr „Neigung" von I. F. David, im Thaliathcater „Der Platzmajor" 
von Kren und Schönfeld und im Schillertheater „Ehre" von Sudcr- 
mann, das zwar keine Novität mehr ist, aber in diesem Theater zum 
erstenmal aufgeführt wurde und mehr Werl besitzt als die anderen 
drei Stücke zusammengenommen. „Caub" ist ein patriotisches Stück 
und behandelt den Rbciuübergang Blüchers in der Sylvesternacht 
1818—1814. Ter Patriotismus ist aber auch sein einziger Vorzug. 
Es ist freilich nicht zu leugnen, daß Walter Bloem dramatisches Talent 
besitzt, allein er läßt sich zu Uebertreibungen hinreißen, die die Wirkung 
zerstören. Patriotisch ist wohl der historische Hintergrunds zweifelhaft 
ist es indessen, ob man auch der frei erfundenen Handlung diese Be 
zeichnung beilegen darf. Eine deutsche Pfarrerstochter verliebt sich in 
einen französischen Kapitän. Im Leben mag dergleichen vorkommen, 
aber in einem patriotischen Stück! Wo bleibt da der Patriotismus, 
und dazu noch von einer Pfarrertochter, von der man doch annehmen 
muß, daß sie in ihrem Vaterhause eine ethische Erziehung genossen hat! 
Run soll das Mädchen von ihrem Geliebten entführt werden, eine 
deutsche Jungfrau spielt jedoch die Vorsehung und erschießt den Fran 
zosen auf der Bühne, wofür die treffsichere Schützt» auch erschossen 
werden soll. Zum Glück hat sie aber einen Bräutkgnm, dieser errettet 
sie und soll dafür ebenfalls totgeschossen werden' zur rechten Zeit trifft 
aber Blücher ein, und so giebt es nur einen Toten, den verliebten 
französischen Kapitän. 
Lessing-Theater. Ein Wiener Stück mit viel Stimniung und 
wenig Handlung ist I. F. Davids „Neigung". Waruni es so heißt? 
Du lieber Himmel, weil sich zwei lieben und sich am Ende kriegen. 
Das ist nicht Liehe, das ist Neigung, und so heißt das vieraktige 
Schauspiel „Neigung". Es könnte auch anders heißen, würde aber 
darum nicht besser, nicht einmal „moderner": denn cs ist nur insoiveit 
modern, als es keine Handlung besitzt. Sonst arbeitet es mit ver 
brauchten Requisiten. Da ist der heruntergekommene Edelmann, der 
Kassierer geworden ist. Da er nun Kassierer ist, so muß er selbst 
verständlich unterschlagen. Wozu wäre er denn Kassierer? Das gehört 
ebenso zum dramatischen guten Ton wie der nachfolgende Selbstmord. 
Und es ist gut so: denn hätte er sich umgebracht, ehe er defraudicrte, 
so hätte der simple Bürgerschullehrer das adelige Fräulein Tochter nicht 
gekriegt, die allerdings auch bloß Schullehrerin ist. Das junge Lehrer- 
paar kriegt sich aber, sie heiratete aus „Neigung", und wenn sie nicht 
gestorben sind, so leben sie noch heut. 
Berliner Chronik. 
Am 3. September wurde in Berlin der erste elektrische Om 
nibus in Betrieb gesetzt. Derselbe fährt die Strecke Stettiner Bahu- 
Kreuzberg. 
Am 5. September feierte Landgerichtsrat Theodor Ehlert seinen 
70. Geburtstag: er tritt mit Einführung des bürgerlichen Gesetzbuches 
in den Ruhestand. 
Am 6. September starb der Kammergerichtsrat a. D. Paul 
Kandclhardt, der von 1867—1898 in Berlin als Richter gewirkt hat. 
1864 hatte er sich beim Sturm auf die Düppeler Schanzen als Landwehr- 
Leutnant den Raten Adlcrordcn mit Schwertern erworben. 
Am 7. September wurde das neue Missionshaus in der 
Georgenkirchstraße durch General-Superintendent D. Faber feierlich 
eingeweiht. 
Das Märkische Museum, das in den nächsten Wochen seinen 
Umzug nach dem interimistischen Heim Zimmcrstraße 90 bewerkstelligt, 
ist vom 4. September an geschlossen. 
Ter Berliner Magistrat hat bei der Stadtverordncten-Versammlnng 
beantragt, der Technischen Hochschule anläßlich ihrer Hundertjahr 
feier eine Ehrengabe von 100000 Mark zu stiften. Aus den Zinsen 
dieses Kapitals sollen jährlich zwei unbemittelte Techniker nach Ab 
solvierung ihres Studiums zur weiteren technisch-wissenschaftlichen Aus 
bildung auf Reisen geschickt werden. 
Der „Liederverein Berlin 1829," der am 12. September 1829 
gegründet morden und nächst der Zelterschen Liedertafel der älteste aller 
Berliner Männcrgesangvereine ist, feierte am 11. September in seinem 
Vcreinslokalc „Königgrätzer Garten" (Königgrätzerstraße 111) seinen 
siebzigsten Geburtstags In den siebzig, unter die Regierung von 
6 preußischen Königen fallenden Jahren hat der Verein nur 3 musikalische 
Leiter gehabt, den Mitgründer Prof. Julius Schneider, dann den 
Prof. Gustav Jankc und jetzt den König!. Musikdirektor Carl Mengcwein. 
Der „Liederverein Berlin 1829" gehörte dem Provinzial-Licdertafel- 
Verbande 44, dem Verbände der vereinigten norddeutschen Liedertafeln 
22 Jahre lang an: mit jenem beteiligte er sich an 42, mit diesem an 
22 Sängerfesten: auch war er vertrete» bei den beiden großen Sänger- 
festen in Lübeck 1847 und 1860, sowie bei den drei ersten deutschen 
Sängerbundesfesten zu Dresden 1866, zu München 1874 und zu 
Hamburg 1882. Die offizielle 70 jährige Stiftungsfest-Feierlichkeit findet 
erst Sonnabend, den 11. November, im „Hotel Kaiserhof" statt. 
Bei der Himmelfahrts-Gemeinde ist Pastor I)r. Preuß als 
dritter Geistlicher berufen worden. 
Im Gesangssaal des grauen Klosters, dem alten Refektorium, 
ist ein Reliefbild von Heinrich Bellermann angebracht worden, 
das der Bildhauer Ernst Wenck in Marmor ausgeführt hat. Professor 
Bellcrniann hat dem Gymnasium von 1853—1898 als Gesanglehrer 
angehört. 
Das Fernsprechwcsen Berlins steht mit seinen 60000 Apparaten 
unter allen Städten der Erde an erster Stelle. In ganz Frankreich 
existieren nur 40 000 Apparate, 
Der Sprectuunel zwischen Stralau und Treptow ist in 
einem reich illustrierten, technischen Prachtwcrk anschaulich geschildert 
worden, das soeben bei Julius Springer erschienen ist. 
Märkische Chronik. 
Ripdorf. Für die Errichtung eines Kaiser Wilhelm-Denkmals 
sind bis jetzt 15 400 Mark gesammelt. 
Friedenau. Am 8. September feierte Missions-Inspektor Professor 
vr. Plath, der Leiter der Goßnerscheu Mission (seit 1871), seinen 
70. Geburtstag.
        
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