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Periodical volume 16.September 1899 Nr, 37

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Bilder ans 
Auto 
fasfin betäubender Lärm in den Straßen der Weltstadt: Fnhr- 
C> werke aller Art hasten an uns vorüber, die Droschken rasseln, 
schwer dröhnen die Lastwagen und Omnibusse auf dem Pflaster, 
die Kutscher und Führer der Straßenbahnen klingeln, Radfahrer 
läuten, das schrillt und pfeift und schallt wirr durcheinander und 
in diesem sonderbaren Konzert, an das sich das Ohr des neroen 
geplagten Sterblichen nach und nach hat gewöhnen müssen, erklingt 
nnnmehr ein neuer Ton, der einem Hornruf ähnelt. Es ist das 
Signal eines Gefährtes, das sich jetzt uns schnell nähert. Sein 
Kommen kündigt es nicht mir durch diesen dumpfen Laut an, 
sondern auch durch ein eigentümliches Zischen, Surren und Pusten, 
das zu der ihm vom Volksmund verliehenen Bezeichnung „Töff- 
Töff" Anlaß gegeben hat. Das Automobil lenkt sofort die Blicke 
der Passanten auf sich, hier und dort scheut ein Pferd vor dem 
unheimlichen Wagen, der schnöde die tierische Betriebskraft ver 
schmäht und sich von den elektrischen Trambahnwagen dadurch 
unterscheidet, daß er ohne Benutzung eines Schienenweges munter 
auf der Straße dahinrollt. Dem „All-Heil!" der Radfahrer 
hat sich das „Auto-Heil!" der Selbstfahrer zugesellt. Abermals 
bahnt sich in unserem Verkehrswesen eine Umwälzung an, die 
nicht nur für den Sport, sondern auch für Handel und Industrie 
von großer Bedentnng ist. 
Ein bekanntes sportliches Genrebild, das „Zwei Konkurrenten 
unter einem Dache" benannt ist, versetzt uns in die Zeit, in welcher 
das Fahrrad seinen Siegeslauf durch die Welt antrat. In einem 
Stallgebände steht ein Pferd vor der Krippe, aber es verspürt 
keinen Appetit, schaut vielmehr mit einem gar bitterbösen Blick 
über die Seitenwand seines Verschlages, an der ein Bicycle lehnt. 
Ein Gegenstück hierzu — „Im Schlepptau des Automobils" — 
hat vor kurzem ein Münchener Künstler geschaffen. Eine junge 
anmutige Dame fährt auf einem Motordreirad und bugsiert hinter 
sich einen Zweiradfahrer her, der, von Mattigkeit befallen, sich, 
wie es scheint, nicht ungern von seiner holden Führerin ziehen 
läßt. Pferd, Fahrrad und Automobil zeigen uns drei wichtige 
Etappen auf dem Wege des Verkehrs und Kulturfortschritts; der 
Radfahrer wollte nicht mehr au die animalische Kraft gebunden 
sein, er bewegt sein Fahrzeug durch eigene Thätigkeit, die der 
Selbstfahrer durch die Leistung eines toten Mechanismus zu ersetzen 
bestrebt ist. Die Maschine will auch hier die Arbeit von Menschen 
und Tieren verdrängen oder doch wenigstens erheblich einschränken. 
Rur wird das Fahrrad in seiner Existenz durch das Automobil 
weit weniger bedroht als das Pferd, das seinerseits von dem 
Velociped nicht so viel zu fürchten hatte als von dem neuesten 
Verkehrsmittel. 
Das Automobil ist ein Kind der jüngsten Zeit: denn wenn 
auch die Idee, die ihm zu Grunde liegt, schon vor Jahrhunderten 
die Erfinder beschäftigt hat, so konnte es doch eine wirkliche 
praktische Bedeutung erst im letzten Jahrzehnt erlangen. Zunächst 
fand es nur Verwendung für den Sport der eleganten Welt; seine 
ersten Triumphe feierte cs bei den Fahrten im Bois de Boulognc 
bei Paris und im Bois de Chambre bei Brüssel, aus den Stätten, 
auf denen es sich jetzt den ersten Platz erobert hat. In Deutsch 
land führte sich der Selbstfahrer nicht so schnell ein als in Frank 
reich, Belgien und in England und erst dann, als es eine glänzende 
Vielseitigkeit au den Tag gelegt hatte und erwiesen war, daß es 
außer dem Sportsmann auch den Angehörigen der verschiedensten 
Berusskategorieen, vor allem dem Fabrikanten und Geschäftsmann, 
wichtige Dienste zu leisten im Stande ist. Sehr viel zur Ent 
wickelung des Antomobilverkehrs haben auch die Ausstellungen in 
den letzten Jahren beigetragen, die zugleich einen interessanten 
Ueberblick über den Stand der neuen Industrie gaben, in erster 
Linie die beiden Ansstellungen, die sin Juni und Juli 1898 und 
in den gleichen Monaten dieses Jahres im Tnileriengarten in 
Paris veranstaltet wurden. Jetzt ist der französischen Hauptstadt 
Berlin gefolgt mit der Abhaltung der internationalen Motorwagen- 
Ausstellung/ die am 3. September d. I. im Exerzierhause und 
auf dem Exerzierplätze in der Karlstraße eröffnet wurde und bis 
zum 28. September dauern soll. Vor einiger Zeit ist auch die 
«Gründung eines Deutschen Automobilklubs unter dem Vorsitze des 
Herzogs von Ratibor in Berlin vollzogen worden. 
In mannigfacher Gestalt zeigt sich das Automobil schon jetzt 
auf den Straße». Bald tritt es als Luxusgefährt aus, das in 
seiner Bauart gleichsam in der Luft zu schweben scheint, als 
Phaeton, Spider, Petit Duc, Mylord, bald präsentiert es sich neben 
dem Coupec und der Viktoria in der Gestalt eines bescheidenen 
Breaks. Ein schwerbeladener Bierwagen keucht heran; es ist 
gleichfalls ein Selbstfahrer, der eine Tragfähigkeit bis zu zwei 
hundert Zentnern erreicht. Jetzt sehen wir den Motorwagen einer 
Neu -Berlin. 
Heil! 
Manufakturwarenfirma, auf deren Bock neben dem Führer der 
Hausdiener Platz genommen hat, um die Pakete in die Wohnungen 
der Kunden abzuliefern. Wir erblicken ferner einen Geschäfts 
reisenden, der auf seinem Motordreirad das Gepäck und den 
Musterkoffer mit sich führt, einen jungen Manu, der sein Motorrad 
mit einem kleinen Vorspannwagen verbunden hat und auf diesem 
seine Gattin ansfährt, ein anderes Rad schleppt einen Anhänge 
wagen, auf dem kleinere Lasten befördert werden. Bald wird das 
„Töff-Töff" sich auch im öffentlichen Verkehrswesen seinen Weg 
bahnen. Scho» sind vom Berliner Kommissariat für das Fuhr 
wesen Taxameter-Automobile zugelassen, bereits befährt die erste 
elektrische Droschke die Straßen der Reichshauptstadt, die Feuerwehr 
stellt Versuche an mit Motorwagen, die den Löschzügen an die 
Brandstelle vorauseilen sollen, damit auf das schleunigste Vor 
bereitungen für ein wirksames Eingreifen der Wehr getroffen werden 
können. Große Veränderungen stehen bevor, wenn erst der Motor- 
Omnibus und der elektrische Omnibus die Zahl der öffentlichen 
Verkehrsmittel vermehrt haben werden, die jetzt in Berlin auch 
durch die elekttischen Hochbahnen und Untergrundbahnen einen 
wichtigen Zuwachs erfahren sollen. Auf der Berliner Ausstellung 
erregt ein prächtiger, von Siemens & Halske gebauter, elektrischer 
Straßenbahn-Omnibus die Bewunderung der Besucher; er eignet 
sich zur Fahrt auf Straßen mit und ohne Gleise und ist für 
gemischten Betrieb (Oberlcitungs- und Sammlerbetriebs zu ver 
wenden. Auch die Post geht mit dem Plane um, Automobile ein 
zustellen. Der Staatssekretär von Podbielski interessiert sich auch 
persönlich für die Selbstfahrer; er ist Ehrenpräsident der Motor 
wagen - Ausstellung. Die Bestrebungen der Automobilindnstrie 
werden auch von den Militärbehörden eifrig verfolgt, da für den 
Kriegsfall eine beträchtliche Ersparnis an Menschen- und Tier- 
material in Betracht kommen würde. Was den öffentlichen Verkehr 
betrifft, so wird übrigens die Verwendung von Selbstfahrern für 
absehbare Zeit auf die Elektromobile beschränkt bleiben, denn die 
Polizeibehörde lehnt es ab, diejenigen Systeme zuzulassen, die 
bisher die gebräuchlichsten sind. Es sind dies die mit Benzin oder 
Petroleum betriebenen Explosivmotore. Wohl in allen Großstädten 
legen die Behörden auch den Führern der privaten Motorgefährte 
dieser Art strenge Verpflichtungen auf, um Unfälle», die aus einer 
unvorsichtigen Behandlung der gefährlichen Stoffe entstehen könnten, 
vorzubeugen. 
Die Zahl der in Berlin bestehenden Automobil-Fahrschulen 
nimmt immer mehr zu. Besondere Wett- und Fernfahrten für 
Selbstfahrer sind schon oft mit Erfolg durchgeführt worden. Auch 
bei den Radfahrrennen kommen Motortandems in Anwendung, die 
als vorzügliche Schrittmacherapparate fungieren. Im letzten Blnmen- 
korso zu Westend spielte der Selbstfahrer gleichfalls bereits eine 
Rolle. Die Pariser Künstler arrangierten diesen Sommer im 
Bois de Boulogne ein Automobil- und Radfahrfest in großem 
Stil. Dabei fand auch ein Motorwagen-Defilee von Mitgliedern 
der Pariser Bühnen statt. Den „Clou" dieses Festes bildete eine 
riesige Motor-Lluil coach, die über und über mit blan-weiß-roten 
Hortensien geschmückt war. In Berlin läßt sich das Automobil 
auch schon aus der Bühne selbst sehen bei den Aufführungen von 
„Berlin lacht" im Metropoltheater. 
Die Vorzüge der Automobile, die sich teilweise mit dem der 
Fahrräder decken, liegen auf der Hand, daß eine Aufzählung 
sich erübrigt. Sehr ins Gewicht fällt namentlich in pekuniärer 
Beziehung bei den Transportwagen die Beseitigung der Unter 
haltungskosten für die Zugtiere. Freilich steht vorläufig einer all 
gemeinen Verbreitung des neuen Verkehrsmittels noch immer der 
verhältnismäßig hohe Anschaffungspreis hinderlich im Wege. So 
kostet ein Motordreirad ca. 1600 Mark, mit Vorspann- oder An 
hängewagen 2000, ein größerer Motorwagen ca. 4000 Mark, ganz 
zu schweigen von den Preisen, die für Luxusgefährte angelegt 
werden müssen. Bei diesen Summen wird, wie schon erwähnt, 
gerade das Fahrrad die Konkurrenz der Selbsffahrer nicht allzu 
sehr zu scheuen haben. Die in Berlin in Dienst gestellte elektrische 
Droschke legt 12—14 km in der Stunde zurück; natürlich entwickelt 
sie nur aus Gründen der Betriebssicherheit keine höhere Ge 
schwindigkeit, denn Automobile bringen es bis auf 40 km, Motor- 
tandems bis auf 60 km und mehr. Wer das Automobilfahren 
als Sport betreibt, hat, wenn er dem Deutschen Automobil-Klub 
beizutrcteu wünscht, mit nicht geringen Ausgaben zu rechnen. Der 
jährliche Mitgliedsbetrag beläuft sich ans nicht weniger als 100 Mark, 
außerdem wird vom 1. Januar 1900 ein Eintrittsgeld, gleichfalls 
in der Höhe von 100 Mark, erhoben. 
Da, wo die Beschaffenheit der Straßen eine gute ist, wird 
sich das Automobil auch auf dem Lande schnell einführen und dem
        
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