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Periodical volume 28.Januar 1899 Nr, 4

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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vielleicht wiederholte sie ihre Anerbietungen, und er hatte schon 
vorhin ein gewisses Gefühl der Demütigung kaum verwinden 
können 
Seine Lage war in der That übel. Er vorlor nicht leicht 
den Mut' aber nun war er nahe daran, zu verzweifeln. Herr 
Gott, was war das für ein elendes Dasein! Eine ewige Sorge 
um den nächsten Tag — eine ewige Augst um die Existenz! Und 
in allen diesen Nöten sollte er auch noch arbeiten; denn mit Ab 
lauf des Jahres mußte er seine Staatsprüfung bestanden haben; 
er wollte endlich einmal in geebnetere Bahnen gelangen. 
Er trat an das Fenster und öffnete es. Flimmernde Sonnen 
glut lag über dem Dächermeer, das man von hier aus, fast sechs 
Stockwerke über dem Straßenpflaster, übersehen konnte. In der 
heißen Luft schien das Drahtnetz der Telcphonleitungen unauf 
hörlich hin- und herzuschwanken. Aus dem nächsten Schornstein 
kräuselte in Guirlandenform ein dünner, hellblauer Dampf empor, 
und etwas weiter hinten entströmten einem mächtig aufragenden 
Fabrikschlot dicke Wolken rußigen Qualms. 
Dicht vor dem Fenster lärmte und zwitscherte ein Spatzen- 
schwarm. Das graue Völkchen befand sich sichtlich in Aufregung. 
Freese pflegte gewöhnlich sein Morgenbrot mit den piepsenden 
Herrschaften zu teilen; heut hatte er es vergessen. Der Kopf war 
ihm schwer; was sollte nun werden? — Bisher hatte ihn der 
Privatunterricht an faule oder zurückgebliebene Jungen wenigstens 
einigermaßen vor dem Mangel geschützt. Aber das Geld für die 
letzten Annoncen war umsonst ausgegeben worden; es hatte sich 
niemand gemeldet. 
Freese suchte seine Bücher hervor; er wollte arbeiten. Doch 
die sorgenden Gedanken waren stärker als seine Arbeitskraft. Die 
griechischen Buchstaben begannen vor seinen Augen zu tanzen, sich 
in Reigen zu schlingen und dann in tollem Cancan über die Seite 
zu springen, herauf und hinab, querüber und wieder zurück. Nein — 
es war unmöglich; mit ruheloser Seele läßt sich nicht studieren! 
Der junge Mann schleuderte das Buch ärgerlich vom Tische. 
Verdammte Bücher — verdammte Gelehrsamkeit! Warum war 
er nicht Tischler geworden, Maurer, Dachdecker, Schuster?! Die 
Leute brauchten wenigstens nicht zu verhungern — und bei Gott, 
ihm drohte der Hunger! Natürlich — wenn seine letzten paar 
Mark aufgezehrt waren, dann kam der Hunger an die Reihe! 
/Wollen 'mal sehen, wie's thut/ sagte sich Freese; ein grimmiger 
Humor überschlich ihn. ,Jch glaube, der Mensch kann wochenlang 
ohne Nahrung leben. Succi hat es bewiesen. Schließlich werde 
ich Hungerkünstler wie der Italiener, statt Gymnasiallehrer. Succi 
mag sich sowieso besser stehen . . .‘ Er streckte sich der Länge nach 
auf dem Sofa aus und zog den Schlasrock über die Beine. Das 
war die Stellung, in der er zu überlegen pflegte. Zum Teufel : — 
war das denn nicht alles Unsinn?! Am Ausgang des neun 
zehnten Jahrhunderts verhungert man nicht mehr. Man mußte 
ihm helfen. Aber wer?! — Frau Möhring hatte sich dazu er 
boten. Nein — lieber schon hungern, als zum Almosenempfänger 
herabzusinken! Gab es denn nichts mehr zum versetzen?! Ja — 
ein Wertobjekt, das schon längst auf die Pfandleihe wartete, 
besaß er noch: seine silberne Taschenuhr. Er hatte sie zur Kon 
firmation bekommen; der Vater mochte lange genug gespart und 
gedarbt haben, ehe er sie hatte bezahlen können. Dieser unglück 
selige, liebe, gute, närrische Vater! Er war Kantor in Rieder- 
Dittersdorf gewesen, einem Dorfe im Kreise Belzig. Ein Original: 
ungeheuer lang, erschreckend mager, immer mit großer, blauer 
Brille, die seinem spitzen Vogelgesicht das Aussehen eines Uhus 
gab. Sein liebendes Vaterherz wollte den einzigen Sohn aus 
der tristen Einförmigkeit des Dorflebens, in dem er selber auf 
gewachsen, herausheben; sein Franz sollte dermaleinst mehr er 
reichen als er. Und da der Junge fleißig war und ihm die ver 
storbene Mutter zudem noch ein kleines Kapital hinterlassen hatte, 
so schien sich auch alles von selbst machen zu wollen. Aber das 
Kapital war gering, und um es zu vergrößern, kam der Alte ans 
Anraten eines Bekannten, des dicken Neumüllers vom Wasserhof, 
auf die unglückselige Idee, sich Spekulationspapiere zu kaufen. 
Er verlor das Geld seines Sohnes, und eines Morgens fand man 
ihn tot im Bette. Die Gewissensbisse hatten ihn iu das Grab 
gebracht ... 
In diesem Augenblick, da Freese so lebhaft an den Vater 
dachte, sah er ihn förmlich leibhaftig vor sich. In dem grau- 
braunen, eingelrockneten, eigentümlich gestalteten Gesicht prägte sich 
immer ein Zug leidensvoller Entsagung aus, der sich in zwei 
tiefen Linien zwischen der knochigen Nase und dem Munde mar 
kierte. Und wenn der Alte die blaue Brille abnahm, sah er aus 
wie die lebendig gewordene Verkörperung des Lehrerelends. Man 
konnte sich fürchten vor diesem hageren Greise, der sich niemals in 
seinem langen Leben satt gegessen zu haben schien. Um seinem 
Jungen eine gute Erziehung zu teil werden lassen zu können, hatte 
er sich die Butter auf dem Brote versagt und zum Mittagessen 
dünnen Kaffee getrunken. Die Hoffnung, Franz einmal als 
„Or. phil." und wohlbestallten Oberlehrer an seine Brust schließen 
zu dürfen, hatte ihm die Entsagung leicht werden lassen. Und 
nun hatte der Moloch Spekulation mit einem Schlage alle seine 
Hoffnungen zertrümmert; der Alte starb, weil er an die Grenze 
seiner Entsagungskraft gelaugt war . . . 
Höher und höher klomm die Sonne. Es wurde stickig heiß 
in der kleinen Mansarde. Franz war unthätig aus dem Sofa 
liegen geblieben. Es war, als sei seine Arbeitsamkeit ganz plötzlich 
lahmgelegt worden. Die Sorgen hatten ihn in den letzten Rächten 
schlecht schlafen lassen; nun plötzlich überkam ihm im heißen 
Sonnenschein und in der dumpfen Lust des Stübchens eine un 
widerstehliche Müdigkeit. Er schloß die Augen und schlummerte 
ein. Als er wieder erwachte, verspürte er einen grimmigen Hunger. 
Er sah ans die Uhr; es ging ans Eins. Seufzend erhob er sich, 
setzte sich aber sofort wieder, ganz beherrscht von seiner Un 
entschlossenheit, ans das Sofa zurück. 
.Mich hungert/ sagte er zu sich selbst. Menu ich nun tapfer 
wäre, würde ich dies ekelhafte Gefühl zu bekämpfen versuchen. 
Ich könnte eine Probe machen, wie weit meine Kourage reicht. 
Ich könnte wenigstens einmal einen Tag lang hungern. Aber/ — 
Er sprang wieder aus. Was Teufel — dazu hatte er immer 
noch Zeit, wenn erst der letzte Groschen verthan war! Vielleicht 
kam ihm beim Glase Bier ein rettender Gedanke! Er wollte auch 
noch einmal auf der Expedition des Tageblattes nachfragen, ob 
nicht doch noch ein Brief für ihn eingetroffen sei .... Mit 
fiebriger Hast warf er den alten, verschlissenen Schlasrock ab, hing 
ihn in den Schrank und schlüpfte in seinen schwarzen Rock, das 
wertvollste Stück seiner Garderobe, das er zu tragen hoffte, bis 
die Staatsprüfung den vorschriftsmäßigen Frack von ihm ver 
langen würde. 
Als er über den Korridor schritt, sah er die Thür zu der 
gegenüberliegenden Küche halb offen stehen. Dort stand die 
Möhring, plättete ihre Hemdenkragen und dachte dabei an de» 
Undank der Welt. 
„Ich gehe zum Mittagessen, Frau Möhring," ries Freese in 
die Küche hinein, „bin aber gegen Drei wieder zurück, falls jemand 
nach mir fragen sollte!" 
„Es wird ja woll keiner," erwiderte die Möhring, und ihre 
Plätteisen klapperten heftig. 
Die Thür fiel zu. Franz stieg die Treppe hinab, deren 
Dielung sich geworfen hatte und von der längst der letzte Rest der 
Anstrichfarbe gewichen war. Eine ewige leichte Staubschicht rieselte 
durch diesen tiefen, durch schmallängliche Fenster erleuchteten Treppen 
schacht. Das Haus, in dem der Kandidat wohnte, zählte an 
sechszig Parteien, nur arme Leute, die ihrerseits dies oder jenes 
Zimmer wieder an Aftermieter vergaben oder als „Schlafstelle" 
ausnutzten, so daß das ganze Gebäude mit seinen Ouerflügeln und 
dem Hinterbau von fast zweihundert Menschen bewohnt wurde. 
Es glich einem kolossalen Ameisenhaufen, zumal am frühen Morgen, 
wenn die meisten der Insassen an ihre Arbeit gingen, oder in den 
Abendstunden, wenn sie nach vollbrachtem Tagewerk wieder heim 
kehrten. Und immer war der Hos von einem lärinenden Kinder 
schwarm erfüllt, der hinter dem Müllkasten Verstecken spielte und 
das zum Ausklopfen der Teppiche errichtete Gerüst für ihre Turn- 
künststückchen benützte ... 
Franz bog in eine Seitenstraße ein, in welcher die kleine 
Gastwirtschaft lag, in der er gewöhnlich zu speisen pflegte. Es 
war dies ein sehr sauber und freundlich gehaltenes Kellerlokal. 
Der Fußboden war mit weißem Sande bestreut; auf jedem Tische
        
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