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Periodical volume 9.September 1899 Nr, 36

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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stellung als Pfarrer, und damit die Möglichkeit erreicht, hat zu 
heiraten. — Haßfurth sprach sein Mißfallen über derartige Ver 
lobungen offen ans, während meine Begleiterin das sichtliche 
Herzensglück des jungen Paares hervorhob, und Fräulein Lilien 
beil sich umwandte, um auszurufen: „Die Glückliche! Sie lebt 
doch jetzt im Sonnenschein ritterlicher Anbetung und schwärmerischer 
Verehrung eines strahlenden Apollo!" 
Wir anderen lachten alle über die pathetische Rede, denn der 
gute Kandidat hat sehr wenig von einem „strahlenden Apoll" an 
sich; die kleine, wunderliche Person aber rief eifrig: „Sie lachen? 
Herzlose Spötter! Begreifen Sie denn nicht, welch tragisches 
Geschick aus meinen neiderfüllten Worten hervorsteht! — Das ist 
ja überhaupt mein Pech —" sie seufzte drollig; „ich werde nie 
ernst genommen! Allem, was ich sage oder thue, heftet etwas 
komisches an; nehmen Sie nur meinen Namen! Giebt es 
etwas Widersinnigeres? Und kann man überhaupt einen Menschen 
ernst nehmen, der Lilienbeil heißt?!" 
Frau Fascher und ich lachten weiter, Haßfurth aber sagte mit 
achtungsvoller Herzlichkeit: „Mein verehrtes Fräulein, wer wie ich 
sich stets bemüht hat, den Dingen auf den Grund zu gehen und 
nicht nach unwesentlichen Aeußerlichkeiten zu urteilen, der wird 
bald unter Ihrem sprudelnden Humor, Ihrer behaglichen Selbst- 
ironie das weiche, kindergute Herz, den klaren, sichern Verstand 
entdecken und verehren — und was man verehrt, das nimmt 
man doch wohl ernst?" 
Die kleine Malerin sah ihn mit einem Blicke an, der sie 
wahrhaft verschönte, nickte ihm aber nur kurz zu und wandte sich 
wieder, um stumm mit den Knaben vorauszuschreiten. 
„Sie billigen solche Verlobungen nicht, Herr Rechtsanwalt," 
fuhr Frau Fascher sanft fort. „Aber bedenken Sie: zwei junge, 
heitere, vertrauende Menschen, die sich, lieb haben! Wie natürlich 
erscheint es, daß sie lieber Hand in Hand, in der Gewißheit ihrer 
Liebe, warten wollen ans eine glückliche Wendung ihres Geschicks, 
die ihnen erlaubt, einander anzugehören — als daß sie wortlos 
scheiden und verzichten sollen!" 
„Sie mögen recht haben, gnädige Frau," sagte Haßfurt 
gedankenvoll; „ich habe diese ganze Sache auch mehr vom Stand 
punkte des vermögenslosen Mannes aufgefaßt, der liebt und noch 
nicht weiß, ob er je Gegenliebe erringen wird. Man urteilt ja 
meist aus eigenen Erfahrungen heraus. — Denken Sie sich einen 
jungen Assessor, der eben sein Examen bestanden hat und auf die 
erste Anstellung wartet, und bis dahin den Rest seines väterlichen 
Vermögens verzehren muß, den die Studienjahre übrig gelassen 
haben. So ging es mir zum Beispiel vor vier Jahren. Wenn 
nun ein solcher Mann das Unglück haben sollte, eine verwöhnte, 
vielgefeierte Schönheit zu lieben, von deren väterlichem Reichtum 
er weiß, daß er auf unsicherer Basis beruht und über Nacht 
zusammenstürzen kann — was sollte der Mann dann thun, gnädige 
Frau? Ist es dann nicht das Beste, das einzig Richtige, er beißt 
die Zähne zusammen, verschließt seine Liebe ins tiefste Herz und 
verschwindet aus dem Gesichtskreise dieses Mädchens, dem er nicht 
helfen, dem er nicht dienen, das er nur bemitleiden kann?" 
Seine zuerst völlig ruhige Stimme hatte bei den letzten Worten 
gebebt, und mit stockendem Atem lauschte ich ihm — o, Agnes, es 
war nicht recht von Dir, was Du mir heute schriebst! Du hast 
mir dadurch das unbefangene Urteil getrübt — es kann doch nicht 
sein, daß dieser Mann schon vor vier Jahren, ein halbes Jahr 
vor der Katastrophe, wußte, wie es um meines Vaters Vermögen 
stand! Und daß er damals fortging, weil er — mir nicht helfen 
konnte! 
Jedes Wort dieses Gespräches ist lebendig vor mir, und ich 
schreibe eS halb mechanisch nieder. Nein, nur Deine Neckerei ist 
schuld daran, sie und die zufällige Aehnlichkeit meines Schicksals 
mit dem, jener von ihm geliebten, leiten mich irre! Und dennoch — 
Frau Fascher hatte ihn mit ihren klaren Augen erst erstaunt, 
dann prüfend angesehen und sagte schließlich einfach: „Ich denke. 
Sie haben Recht gethan!" Mit einem feinen Lächeln fügte sie 
hinzu: „Und der wohlbestallte Herr Rechtsanwalt, der sich schon 
einen Namen gemacht hat und eine vorzügliche Praxis besitzt, 
kommt doch nun wohl nicht mehr in die Lage, resignieren zu 
müssen?" 
Er ging nicht auf ihren scherzenden Ton ein, sondern sagte 
sehr ernsthaft nur: „Wer weiß?" 
In diesem Augenblicke riefen die beiden Knaben wie aus 
einem Munde: „Ein Eichkätzchen!" Der kleine Arnold hing sich 
an seiner Mutter Arm und zog sie eifrig vorwärts. Fräulein 
Lilienbeil und ihr getreuer Anbeter Georg liefen hinter dem 
Tierchen her, das quer über den Weg gesetzt war, und Haßfurth 
und ich gingen langsam allein weiter. Mir war ein wenig be 
klommen und unsicher zu Mute und wir schwiegen beide eine Zeit 
lang. Endlich sagte Haßfurth ruhig: 
„Ich habe Ihnen, mein gnädiges Fräulein, noch gar nicht 
die Grüße überbracht, die mir Ihr alter Freund, Sanitätsrat 
Weber, für Sie aufgetragen hat!" 
Ich sah überrascht auf: „Sie kennen ihn?" 
„Er ist ein alter Freund auch von mir — oder vielmehr der 
älteste Jugendfreund meines Vaters, und diese Freundschaft hat er 
nun, nach dessen Tode, auf den Sohn übertragen. Ich habe Glück 
mit solchen Freundschaften!" fuhr Haßsurth in leichtem Tone fort. 
„Ein anderer alter Freund meines Vaters, ein ausgezeichneter 
Jurist, der Justizrat Schwertlein in Marburg, bot mir vor drei 
Jahren ganz unvermutet die vielbeneidete Stellung seines Assistenten 
an. Er hatte einen leichten Schlaganfall gehabt und fürchtete, die 
Arbeitslast nicht mehr allein bewältigen zu können, die seine Riesen 
praxis mit sich brachte. Zwei und ein halbes Jahr durfte ich ihm 
zur Seite stehen, und als ich ihn im vergangenen Winter infolge 
eines neuen Schlaganfalls verlor, war's mir, als sei mein Vater 
zum zweitenmal gestorben. Väterlich hat auch er für niich 
gesorgt, besser noch, als mein armer Vater es damals konnte — 
ich bin nicht nur der Erbe seiner Praxis, sondern auch seines 
ganzen großen Vermögens — er stand ganz allein in der Welt." 
„Und wie hat Ihr Weg Sie nun wieder nach Berlin geführt?" 
fragte ich mit lebhaftem Interesse. 
Er sah an mir vorüber in das Waldesgrün, durch das jetzt 
die ersten Strahlen des ausgehenden Mondes fielen, und seine 
schöne Stimme klang gedämpft, als er erwiderte: „Ich war so 
schnell von Berlin geschieden — damals — vor vier Jahren 
und ich hatte diese ganze Zeit über nur meiner Arbeit gelebt. — 
Als mein alter Wohlthäter starb und ich plötzlich reich und völlig 
unabhängig dastand, dachte ich daran, daß in der Reichshanptstadt 
Menschen lebten, deren Wohl und Wehe meinem Herzen sehr teuer 
geblieben war —" 
„Und da fuhren Sie nach Berlin und besuchten auch Ihren 
alten Freund?" sagte ich hastig. 
„Und da fuhr ich nach Berlin und suchte unsern alten Freund 
auf," wiederholte er. „Ich fragte ihn nach Ihrem Ergehen, 
gnädiges Fräulein — er war der einzige aus dem früheren Kreise, 
der von Ihnen noch wußte — und wir haben viel von Ihnen 
gesprochen —" 
Er brach plötzlich ab und schritt schweigend weiter. 
Ich ging mit klopfendem Herzen neben ihm; mir war's, als 
ob dieser Mann viel, sehr viel von mir wisse — mein ganzes, 
vergangenes Leben kenne — und das machte mich beklommen. 
Ich ging schneller und wir erreichten bald die Anderen vor uns. 
Fräulein Lilienbeil blieb stehen und rief scherzend: „Sie sind ja 
ganz stumm geworden, meine Herrschaften — wenn ich's einem 
hartgesottenen Juristen zutraute, würde ich nach Ihrem Gesichts 
ausdrucke schließen, daß Sie soeben dichteten, Herr Rechtsanwalt!?" 
„Vielleicht that ich's eben, meine Gnädigste," sagte Haßfurth 
munter. 
„Beweisen!" rief das lebhafte, alte Fräulein, indem sie den 
Arm in die Seite stemmte und resolut den Schirm schwenkte 
„Behaupten kann's ein jeder!" 
„Dichten Sie eine Ode auf den heutigen Ausflug, auf die 
Rosenmühle und die Kartoffelpuffer, damit Fräulein Lilienbeil zu 
friedengestellt sei," sagte die Künstlerfrau lachend; „und widmen 
Sie uns dann das Opus —" 
„Recht so! Schriftlich wollen wir es haben!" rief Fräulein 
Lilienbeil kampflustig. 
tgortlehung folgt.)
        
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