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Periodical volume 28.Januar 1899 Nr, 4

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Illustrierte Wochenschrift für Geschichte und modernes Leben. 
25. Jahrgang. 
Sonnabend, 28. Januar 1899. 
Nr. 4. 
Was Beiratsjabt 3 . 
(Ein Lustspiel-Roman in zwölf Kapiteln von Hedor von Aobeltitz. 
(Fortsetzung.) —— (Nachdruck verboten.) 
Virrkrs Kapitel. 
7?üf)rt den Scfcr in die Hauptstadt und macht ihn mit zwei armen Teufeln 
bekannt, handelt auch von der Geschichte einer Nase. 
n eben diesem Tage schien die Morgensonne gleich freundlich, 
wie sie über Hohen-Kraatz leuchtete, in ein kleines Man- 
sardenstübchen hinein, das hoch oben unter dem Dache 
einer gewaltigen Mietskaserne im Norden der Hauptstadt lag. 
Es war noch 
früh, früher, als 
man im Herren 
hause zu Hohen- 
Kraatz zu er 
wachen pflegte, 
aber der Insasse 
der kleinen Man- 
sarde lag doch 
schon seit geraumer 
Zeit mit hellen 
und wachen Augen 
in seinem Bette 
und starrte zu der 
weis; gekalkten 
Decke empor, als 
gebe es dort et 
was ungemeinJn- 
teressantes zu ent 
ziffern. 
DasZimmer- 
chen machte trotz 
seiner ziemlich 
ärmlichen Möblie 
rung keinen un- 
wohnlichen Ein 
druck, zumal jetzt, 
wo das Sonnengold 
gebaute Fenster in 
zu 
einen 
Nur Kanal. 
Nach einer photographischen Aufnahme des Herrn Geheimsekretärs Rich. Köhler in Berlin. 
durch das tief in die schräge Wand ein 
vollen und warmen Fluten hineinströmte. 
Die Sonne störte den jungen Mann im Bette augenscheinlich; sie 
war höher gestiegen, legte sich mit breitem Strahle über das Kopf 
kissen und fing hier ein neckisches Spiel an, strich flimmernd über 
die Augen des jungen Mannes und leuchtete ihm dann plötzlich in 
das ganze Gesicht, so daß er zunächst zu blinzeln und dann zu 
niesen begann und sich schließlich unmutig aufrichtete. 
War es denn schon so spät? — 
Der junge Mann warf einen raschen Blick auf die silberne 
Taschenuhr, die neben dem Bette auf dem Stuhle lag. Sieben 
Uhr! Seine Wirtin hatte wieder einmal die Zeit verschlafen! — 
Aber nein — schon der Gedanke war eine Verleumdung, die auf 
der Stelle zurückgewiesen wurde, denn in diesem Augenblick klopfte 
es mit kräftigem Finger an der Thür, und draußen wurde das 
eigentümlich fettig klingende Organ der Frau Möhring vernehmbar. 
„Herr Freese! . . Herr Freese — es ist sieben!" 
„Danke, Frau Möhring," rief der junge Mann zurück, „ich 
stehe schon auf!" 
Er sprang aus dem Bette und begann sich zu waschen und 
anzukleiden. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Doch es 
ging Alles so still vor sich, daß sich die Wirtin, die jenseit des 
Korridors in einer kleinen Küche am Plättbrett stand und eifrig 
beschäftigt war, darüber wunderte; denn sonst pflegte Herr Freese 
während seiner 
Toilette ein lusti 
ges Studentenlied 
singen oder 
fröhlichen 
Gassenhauer vor 
sich hinzupfeifen. 
Frau Möhring 
war eine ehrsame 
Wittib und halte, 
wenn auch nur 
nach ihrer Mei 
nung, eine große 
Vergangenheit 
hinter sich. Vor 
einigen Jahren 
hatte ihr Gatte 
das Zeitliche ge 
segnet, der Heldcn- 
spieler in Patzko's 
Baudevilletheater 
gewesen war. Ein 
bedeutenderMann, 
der namentlich in 
hohen Stiefeln 
schön, stattlich und 
ritterlich aussah 
und das r wundervoll aussprach. Wer in einer Sonntags 
nachmittagsvorstellung des „Kätchen von Heilbronn" war ihm 
eine Kulisse auf den Kopf gefallen und von dieser Zeit ab 
kränkelte er, und eines Morgens erhob er sich nicht mehr von 
seinem Lager. Der Verlust war ein schwerer für die trauernde 
Witwe. Sie war Souffleuse bei Patzko und spielte auch dann und 
wann kleinere Rollen in Vertretung; aber nach dem Tode ihres 
Gemahls regten sich wüste Kabalen im Baudevilletheater, denen 
sie. nicht gewachsen war:« die Eichlcr-Biesenow, die erste Heroine, 
wollte ihre Tante in den Souffleurkasten bringen, und dieser intri 
ganten Seele gelang auch der Streich. Frau Möhring trat zurück 
von den weltbedcutenden Brettern und schuf sich einen anderen 
Beruf. Sie „plättete auf Neu" und vermietete nebenbei zur Er 
höhung ihrer kärglichen Einkünfte das einzige Vorderzimmer ihrer 
Wohnung an Studenten oder junge Handlungsbeflissene. Aber 
die Erinnerung zehrte noch immer mit voller Kraft an ihr. Sic
        
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