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Periodical volume 2.September 1899 Nr, 35

Full text: Der Bär Issue 25.1899

bor West über die Haustreppe durch den Qualm versperrt war, 
wird sicher in dem Rettungssack untergebracht, und in kurzer Zeit 
gleitet an langer, sicherer Leine der Sack mit seinem lebenden 
Inhalt hinab in die Tiefe, wo hilfsbereite Hände sie empfangen. 
Trotzdem nun aber au den Fenstern sich niemand mehr zeigt, 
giebt sich die Feuerwehr damit nicht zufrieden: denn wie leicht 
Uobungen mit dem Sprungtuch. 
kann jemand in dem schrecklichen Rauch schon halb erstickt nieder 
gesunken sein: niemand hat es bemerkt, selbst die Angehörigen 
wissen es nicht; auch haben selbst die Ruhigsten den Kopf verloren, 
als ihnen anscheinend jede Rettung unmöglich schien. Also weiter 
vorwärts gehen die braven Mannschaften, hinein in den erstickenden 
Qualm, der jedem desselben Ungewohnten die ruhige lleberlegnng 
und Besinnung raubt! Genau wird jedes einzelne Zimmer, 
jeder Raum abgesucht, ob vielleicht noch jemand hilflos 
oben liegt. Was hat der Qualm zu sagen?!! Vorwärts, 
nur vorwärts! Menschenleben können in Gefahr sein! 
Da kennt der Feuerwehrmann keine Rücksicht auf seine 
eigene Person. „Gott zur Ehr', dem Nächsten zur Wehr!" 
Das ist der Wahlspruch seines Korps. Nach ihm allein 
handelt er. Auf der Erde kriechend, die Rase dicht über 
dem Fußboden, strebt er vorwärts. Sehen kann er nichts, 
nur fühlen. Tastend gleitet er vorwärts, schon glaubt 
er, nach nutzlosem Wege umkehren zu müssen, da stößt 
seine Hand an etwas Weiches. Zu sannst engekrümmt und 
schon leblos liegt ein kleines Kind in der äußersten Ecke, 
wohin es sich vor dem erstickenden Qualm flüchten wollte. 
Schnell auf! denn noch kaun es zu retten sein! Mit 
starkem Arm reißt der Feuerwehrmann daß Kindchen 
hoch, in höchster Eile, und doch genau die Richtung inne 
haltend, stürzt er nach dem Fenster zurück; die Rettungs 
leine vom Gurt los — in wenigen Augenblicken 
ist das Kind unten in den Armen der Samariter, die es 
bald wieder zum Bewußtsein bringen und der vor'Freude 
aufschluchzenden Mutter übergeben. 
So geschieht es in allen verqualmten Wohnungen, 
und bald kommt der letzte der ausgeschickten Sappeure 
mit der Meldung zurück: Alle Wohnungen abgesucht! 
Niemand mehr oben! 
Nun ist das Rettungswerk beendet. Tief atmet der 
Offizier auf: denn die gefährlichste und verantwortungsvollste Arbeit 
ist glücklich erledigt. Nun kann er mit größerer Ruhe die Brandstelle 
überblicken und sich die Punkte wählen, von denen aus er das Feuer 
am besten angreifen kann. Denn die eigentliche Löschthätigkeit 
kann jetzt erst beginnen, nachdem keine Menschenleben mehr in 
Gefahr sind. Jetzt sind auch die Zuschauer ruhig geworden und 
sehen dem Schauspiele, vor dem sie eben noch lähmendes Entsetzen 
empfanden, mit Interesse zu. Selbst in dem brennenden Hanse 
sehen die Leute ans den Fenstern; denn der Rauch hat sich jetzt, 
nachdem die Feuerwehr überall Luft geinacht hat, verzogen. Und 
Gefahr ist ja nicht mehr! die Feuerwehr ist ja da. Und das hat 
man nicht alle Tage, die Feuerwehr in ernster Thätigkeit im 
eigenen Hanse. Wie alles bunt durcheinander läuft, wenn ein 
Pfeifensignal ertönt! So sieht es wenigstens aus. Aber jeder 
Feuerwehrmann kennt die Bedeutung des Signals, und das 
anscheinende Durcheinander läßt bald ein Ziel erkennen. Eine 
Schlauchleitung wird im Treppenhanse nach dem Dache vor 
genommen, eine zweite soll über die mechanische Leiter direkt im 
Dachstuhl das Feuer bekämpfen. Die schwere Leiter, die eben 
noch zur Rettung der Menschen gedient hat, wird nun noch etwas 
höher ausgeschoben, so daß sie sich au das Dach anlehnt, und 
dann steigt ein Feuerwehrmann, das Schlauchrohr im Gurt, 
hinauf. Oben angekommen, giebt er das Signal: „Wasser marsch!" 
und nun bekämpft , er wirksam von diesem Standpunkt aus das 
Feuer. 
Die andere Kolonne ist inzwischen in dem verqualmten 
Treppenhaus hochgegangen, um das Feuer von innen anzugreifen. 
Zwar werden alle Fenster im Treppenhaus geöffnet, und die 
Kolonne kommt ohne große Mühe bis zum vierten Stockwerk 
hinauf, denn die ranchgewohnten Feuerwehrmäuucr werden durch 
ein wenig Qualm nicht geschreckt, aber oberhalb des vierten Stock 
werkes bis zum Bodeneingang ist der Rauch zu dicht selbst für 
sie. Sollen sie nun unverrichteter reiche wieder zurück? Da giebt 
es noch manche Hilfsmittel, welche das Vordringen trotz Rauch 
und Hitze ermöglichen Der Führer der Kolonne eilt zum nächsten 
Fenster und giebt das Signal: „Ranchschntzapparat marsch!" 
Unten wird das Signal aufgenommen und in kurzer Zeit ist der 
Apparat zur Stelle. Schnell setzt ein Mann die Rauchkappe auf, 
der Luftschlauch, welcher ihm stets frische Luft zuleiten soll, wird 
ausgelegt, der Blasebalg angekuppelt, und so kann der Feuerwehr 
mann, unbekümmert um den Ranch, der ihn nicht mehr belästigt, 
vorgehen. Schon nach kurzer Zeit ist er vor dem Feuer angelangt 
und kann es von innen bekämpfen. 
Unten hat unterdes der Leitende überschaut, daß diese beiden 
Schlauchleitungen allein das Feuer nicht niederzwingen werden. 
Da inzwischen auch eine Dampfspritze sowie eine zweite mechanische 
Leiter angekommen sind, so läßt er die beiden schon in Aktion 
befindlichen Schläuche mit der Dampfspritze verbinden, damit sic 
durch den stärkeren Druck besser wirken können, und befiehlt das 
Vornehmen zweier neuer Leitungen, der dritten über die eben 
angekommene mechanische Leiter, der vierten im Hintertreppenhause 
hoch. Die vierte Leitung hat denselben Kampf gegen den Qualm zu 
bestehen wie die zweite Kolonne im Vordertreppenhaus. Nur 
zeigt sich, daß durch starken Luftzug in der Gegend des Hinter- 
treppenhauses eine ganz enorme Hitze entwickelt wurde. Der 
Führer dieser Kolonne läßt daher, um an das Feuer heran 
zukommen, den Feuerschutzanzug holen, welcher, vermöge seiner 
eigenartigen Konstruktion, nicht nur gegen Qualm, sondern auch 
gegen die intensive Hitze schützt, indem der mit diesem, auch 
„Feuertaucher" genannten Gnmmianzuge bekleidete Feuerwehrmann 
Anlegen des Rauchhelms. 
imstande ist, sich fortwährend von oben durch die im Taucherhelm 
angebrachte Brausevorrichtung zu benetzen. Die zum Atmen nötige 
Luft wird ihm wie bei der Rauchkappe durch Lustschlauch und 
Blasebalg zugeführt. Eine ihm entgegenstehende Thür wird mit 
der Axt geöffnet, und nun hat er das ganze Flammenmeer vor 
sich. In wenigen Minuten ist wenigstens unmittelbar vor ihm
        
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