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Periodical volume 21.Januar 1899 Nr, 3

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Kleine Mitteilungen. 
Die Trauung der Tochtcr drs österreichifchrn VotsrizaNers, 
des Fräulein Camilla v. Szögyenyi-Marich mit dem Grafen 
Somssich de Saürd bildet eines der bedeutenderen Ereignisse in 
Berliner high Ute. Ter österreichisch-ungarische Botschafter ist persona 
gratissima beim Kaiser und in der Berliner Gesellschaft sehr beliebt; 
daher wurde der Trauungsfeierlichkeit mit großem Interesse entgegen 
gesehen. Am Montag, den 9. Januar, wurde das Brautpaar auf 
dem Standesamt in Moabit bereits um 8 Uhr früh durch den Standes- 
beamte», Prediger Knörcke, getraut) der bürgerliche Akt vollzog sich in 
der einfachsten Weise. Tie kirchliche Einsegnung dagegen war. eine 
feierliche Handlung und erfuhr durch die Anwesenheit des Kaisers einen 
besonderen Glanz. Um zwölf Uhr Mittags heirat der Kaiser in öster- 
reichischer Generalsuniform unter Glockengeläute und Fanfarengeschmcttcr 
dieKirche, und nach einer huldvollen Begrüßung des Brautvaters begann die 
religiöse Feier, die der ungarische Bischof von Hetyey ans Fünfkirchen ccle- 
brierte. Ter Hochaltar war überaus geschmackvoll dekoriert) die Pfeiler der 
Kirche waren durch Laubgewinde verbunden, und zahlreiche Fahnen 
und Wimpel belebten den festlichen Schmuck. In Begleitung ihrer 
Brantjnngiern näherte sich die Braut in iveißem Brautgewande mit 
langem Brautschleier und Myrthcnkrone auf dem jugendlichen Haupte 
dein Altar. Ter Bräutigam wurde vom Grafen Zichy und seinem 
Bruder geführt. Nach der Trannngsseier gratulierte der Kaiser zuerst. 
Im Palais der österreichisch-ungarischen Botschaft fand ein Frühstück 
in engerem Kreise statt, an dem auch der Kaiser teilnahm. Seiner 
Sympathie für das junge Paar hatte der Kaiser durch ein künstlerisch 
vollendetes Hochzcitsgeschcnk, ein prächtiges Porzcllanscrvicc, Ausdruck 
verliehen, linier der stattlichen Ausstellung der Brautgeschenke nahm 
es einen hervorragenden Plan ein. In einem warm empfundenen 
Trinksprnch dankte der Botschafter für die Gnade, die ihm der Kaiser 
durch sein Erscheinen erwiesen. 
Nach Rückkehr von der Hochzeitsreise, die das Brautpaar am 
Montag Abend angetreten hat, wird die junge Gräfin Somssich 
Moltkeslraße 4 ihre Salons für die hiesige Gesellschaft eröffnen. 
„Unser Frist" beim alten D.iguet. Ter allen älteren Ber 
linern durch sein früheres Geschäft in der Iägcrsrrnße bekannte, im 
September 188V verstorbene Nignet, welcher seine Laufbahn als Hans- 
diener der Firma Treu & Rnglisch begann, verdankte einer glücklichen 
Idee seine Popularität und — seinen Reichthum. Nachdem er sich 
als Hausdiener einiges Geld erspart hatte, mietete er sich schräg gegen 
über seinen Prinzipalen einen Keller, in welchem er ein Fleischwarcn- 
Geschüft mit Bierausschank einrichtete, das, da es nicht ein gewöhnlicher 
Frühstückskeller alten Stils, sondern ein mit vornehmem Büffet und 
hübsch ansgestaticten Gastzimmern versehenes Lokal war, wie solches 
die Berliner in den vierziger Jahren unseres Zäcnlnms noch nicht 
kannten, sich besonders wegen seiner Wiener Würste und guten bairischen 
Biers bald großen Rufes erfreute. Tas stets gefüllte, oft sogar über 
füllte Lokal wurde den nach Berlin kommenden Fremden, wie das 
TpernliauS und Kroll als eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges 
empfohlen, itnd selbst Tamen der besseren Stände, bei denen bis dahin 
der Besuch eines Resianrants als verpönt galt, zählten zti den Niqnet- 
schcn Gäste». Als Würstchen und bairisches Bier nicht mehr ziehen 
ivollten, ließ sich der nnternehmende kleine Mann für seine Gäste ans 
London Ale und Porter kommen, was wiederum etwas Apartes 
tvar. Ter ehemalige Hausdiener ivar stolz auf seine vornehme Knnd- 
ichnfr, am meisten aber auch darauf, daß selbst Prinzen und sogar der 
Thronfolger, wenn auch incognilo, bei ihm ab und' zu verkehrten. 
Ta begab cs sich, „daß ein redseliger Professor die dort unerkannt 
seilt wollenden Prinzen, ben Kronprinzen Friedrich Wilhelm, nach 
maligen Kaiser Friedrich III. itnd den Prinzen Friedrich Karl den 
Gästen verriet)'. Schleniiigst verließen die beiden hohen Herrn ben 
Nigliel'schen Keller. Prinz Friedrich Karl wagte sich dnnti noch hin 
uttd wieder mit seinem Adjutanten als Engländer verkleidet in den 
..feinen Bums", der Kronprinz aber blieb ans. Nun wollte es der 
Zufall, daß Nignet einmal nach Jahren dem Kronprinzen in Civil be 
gegnete nnd ehrfurchtsvoll grüßte. „Unser Fritz" dankte letitselig und 
erkundigte sich tiach de» Verhältnissen des Ganymeds, bei dem es ihm 
so gut geschmeckt hatte. Tas ernintigte Nignet, den Thronfolger »in 
die Ehre seines Besuches zu bitte». „Ich käme gleich mit, wenn der 
verräterische Professor nicht da wäre," meinte der Kronprinz, woraus 
Nignet erwiderte: „Ten, Königliche Hoheit, hab' ick glücklich ransjejranlt." 
Kanin halte der Kronprinz den Keller betreten, so siel sein Blick 
sofort ans ein winziges, heftig gestikulierendes Männchen, welches sic!> 
devot vor ihm verneigte und eben im Begriff war, die Umstehenden 
ans den hohen Gast anfinerksam ztl machen. Nignet jedoch verhinderte 
dies, indeiii er, auf den Kronprinzen deutend, zu dem Männchen sagte: 
„Iestalten Sie, Herr Professor, de! ick Ihnen hier meinen Reffen vor 
stelle. Herr Professor Müller! — Herr — Herr Friedrich Wilhelm — 
Schulze!" Nur mühsam konnte der spätere Kaiser das Lachen unter 
drücken, der Professor aber errötete. 
Das lochte Geschäft. Es war am Sonnabend, den 1. Mai 1886, 
dem Tage, an welchem auf dem Tonhoffsplatze der letzte Wochenmarkt 
abgehalten wurde, als gegen) 10 Uhr vormittags daselbst zwischen den 
Bude» der Schlachter plötzlich ein lebhaftes Gedränge und großes 
Geschrei entstand. Eine Marktdiebin ivar in flagranti ertappt worden, 
als sie eben ein großes.Stück Schweinefleisch unter ihrem Umschlagtuch 
verschwinden ließ. Mit festen! Griff packte sie ein Schlächtergesellc an 
beiden Armen, wobei der sich sträubenden Diebin noch mehrere kleinere 
Fleichstücke, welche an anderen Schlächlcrständcn gestohlen waren, ent 
fielen. Bleich und zitternd stand die Gaunerin da nnd preßte ängstlich 
einen Korb an sich, der anscheinend auch noch mit Fleisch gefüllt war. 
Am letzten Tage hatte sie noch eine gute Markternte halten wollen. 
Mit welcher Härte gerade Marktleute ihren Jingrimni gegen Diebe Lust 
machen, ist bekannt, und der jetzt so herrlich gezierte Dönhoffsplatz 
hatte früher schon so innnche Scene der Lynchjustiz gesehen. Aber dies 
mal eriveichtc das wehmütige Gefühl der Schcidestnnde selbst die ver- 
härtcsten Gemüter. Eine dicke Schlächtcrfrau die selbst zu den Be 
stohlenen gehörte, sagte: „Kinder dhnt ihr heute nischt, laßt ihr ruhig 
Hülfen!" Ein beifälliges Gemurmel ertönte aus der angesammelten. 
Menge. Man gab der Marktdiebin die Freiheit nnd diese entschlüpfte 
schleunigst mit ihrem flcischgefüllten Korbe. M. M. 
13randonburgilrlir Landmiliz. Nach dem für die preußischen 
Waffen unglücklichen Treffen von Ray <23. Juli 1759) lag Frankfurt a. Z. 
fast wehrlos vor den Russen. Nur 400 Mann brandcnbnrgische Land 
miliz, zwei Kompagnien Invaliden und 2 Geschütze bildeten die von 
dem Major von Arnim befehligte schwache Besatzung. Am sechsten 
Tage nach der Niederlage von Ray kamen die Russen erst vor Frankfurt 
an. Major von Arnim glaubte, cs sei nur ein feindliches Streifkorps, 
ließ seine beiden Kanone» zur Bestreichung der Odcrbrücke auffahren 
nnd besetzte das linke Ufer. Bald aber erschien ei» russischer Parlamentär 
nnd forderte die Uebergabc der Stadt, mit dem Hinweis, daß 60,000 
Mann hinter ihm ständen. Gleichzeitig errichteten die Missen ihre 
Batterien. Arnim wies die Zumutung zurück nnd blieb auch bei der 
Drohung, „daß man zum Bombardement schreiten würde," bei seiner 
Erklärung. Eine halbe Stunde später kam ein zweiter Parlamentär. 
„Tie Stadt wird nicht übergeben!" lnnicte ivicder die Antwort des 
braven Majors. Inzwischen erkannte er aber die ungeheuere Ueberinacht, 
nnd beschloß nun, dein König wenigstens die Soldaten zu retten. Sehr 
geschickt ordnete er den Abzug der Miliz auf Küstrin, blieb persönlich 
an der Brücke und sandte einen dritten Russen wieder mit den Worten 
zurück: „Wird nicht übergeben!" Ta sauste die erste Bombe durch die 
Luft. Major von Arnim hatte die Brücke so gut wie möglich ver 
barrikadiert) er setzte sich nun zu Pferde nnd ritt seinen Milizen nach. 
Als die Russen dann in Frankfurt eindrangen, sandten sie sofort 
15 Schwadronen dem kleinen Tetachement nach, und diese ereilten den 
Mchor von Arnim etwa eine gute Meile nördlich Frankfurt. Als dieser 
sah, daß er Küstrin nicht mehr erreichen konnte, besetzte er eine zur 
Lcrreidigung günstige Stellung auf einer Anhöhe nnd wehrte sich bis 
abends 6 Uhr mit Löwenmut gegen die ihn einschließende Ueberinacht. 
Erst dann kapitulierte er mit allen Ehren — zur Ehre der branden- 
burgischcn Landmiliz. 
'Der besorgte Staatsstanzler. Im Sommer 1811 ging König 
Friedrich Wilhelm III. nach Schlesien. Zwischen Berlin nnd Frankfurt a. L. 
brach der Wagen, und ehe ein Ersatz herbeigeschafft werden konnte, kam 
der Siaatskanzler, Graf Hardenberg, heran und bat den König, den 
seinigcn anzunehmen, was dieser zuletzt, obgleich ungern, that. Im 
Wagen des Staatskanzlers steckten acht Pistolen. Ter König konnte sich 
darüber gar nicht zufrieden geben. Er ließ den Flügclndjntanten, 
Grafen Henckel von Tonuersmark, nachsehen, ob sic geladen seien, und 
sagte dann: „Habe niemals gehört, daß in Meineni Lande so un 
sicheres Reisen ist) ist Ihnen schon einmal etwas begegnet?" was der 
Graf, wie natürlich verneinte. Bald daraus kam dann der requirierte 
Wagen, der König verließ die Kutsche des Staatskanzlers und meinte 
beim Aussteigen: „Ich bin froh, wieder heraus zu sein, denn es war 
ordentlich graulich!" 
Unbequemer Empfang. An demselben Tage, an dem auf allen 
Straßen ei» fürchterlicher Staub ivar, entstand vor einer der kleineren 
Studie, welche Friedrich Wilhelm III. passierte, ein noch stärkerer Staub. Es 
war die berittene Schützengilde, ivelche entgegen kani, und nun zu beiden 
Seiten neben dem Wagen herritt nnd diesen geradezu mit Staub über 
schüttete. Ter König war dadurch sehr verstimmt) er erheiterte sich 
aber wieder, als er auf einen der Reiter anfinerksam gemacht wurde, 
der nur das Degengefäß in der Hand hielt, während der lange Spieß 
der Degenklinge, an der Seite hochhcransragend, mit der Klinge selbst 
sitzen geblieben ivar. In der Stadt waren die Bürger mit ihren 
Fahnen aufmaschieri und schwenkten diese, den König begleitend, ihm 
immer unmittelbar vor dem Gesicht. Ter König rief ans dem 
Wagen: „Meine Herren! ich muß mir diese Zeremonie verbitten, denn 
ich kann gar nichts sehen!" ' Auf dem Markte wurde ein kleines Kind 
an der Seite des Wagens herausgehoben, welches anfing: „Daignez, 
Sire, permettre —" Ter König ließ es nicht ausreden, sondern rief 
dem Bürgermeister zu: „Sind Sic alle hier französisch geworden?" 
„Nein, Euer Majestät, es ist eine französische Pension!" „Rn! dann 
kann sie wieder anfangen!" §. B. 
Vereinsnachrrchten. 
Verein für dir Geschichte Berlins. 
Ter Verein für die Geschichte Berlins hielt am vorigen Sonnabend 
seine Generalversammlung ab, in welcher an Stelle des im August 
verstorbene» Borsitzenden, Geheimrat Reuter, der frühere ziveite Vorsitzende 
Amtsrichter Dr. Bäringuier gewählt ivurde, während der Vorstand 
im übrigen unverändert in der allen Zusammensetzung verblieb. Archivrat 
Dr. Baillcu gab einen klirzen Ucberblick über das verflossene Vcrcins- 
jahr und machte bekannt, daß der Vorstand die silberne Fidicinmcdaille 
dem Hanpischriftwart Dr. Brendickc zuerkannt habe, und daß die 
Herren Professor Finke in Freiburg, Regierungspräsidenten Stüvc sowie 
Staatsarchivar Bär in Osnabrück, ferner Archivrnt Dr. Philippi wegen 
ihrer Verdienste um den Geschäftstag in Münsterzn korrespondierenden 
Mitgliedern ernannt seien. — Nach den ausführlichen Mitteilungen 
des Hanptschriftwarts wurden im Vorjahre vier öffentliche und sieben 
Arbeitsfitznngcn abgehalten, während die Zahl der Besichtigungen nnd 
Ausflüge sich auf zivölf belief. Tie Zahl der Mitglieder hat wiederum 
zugenommen nnd beträgt gegenwärtig 381. Ten sonstigen Berichten 
ist zu entnehmen, daß Archiv und Bücherei, abgesehen von zahlreichen 
Urkunden und Abbildungen, über rund 5000 Bände verfügt, und daß 
mit achtzig Vereinen und Museen Schriftenaustausch gepflegt wird. 
Wegen Verwendung der sehr erheblichen Mittel der Charlotte Hayn- 
Stiftung schivebcn zur Zeit noch Verhandlungen mit zwei UiiterstützungS- 
kasse», die in kurzem zum Abschluß gelangen dürften. 
^mpitinnniiriu'v iKcbnfü'iir: Dr. M. $vo.Ittci«Cstito, Berlin. — Truck und-Beklag': . Friedrich Schirmer. Berlin SW., Neneiiburner § träne 14 a.
        
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