Path:
Periodical volume 26.August 1899 Nr, 34

Full text: Der Bär Issue 25.1899

540 
Goethe in seinen Lebensbeziehungen nt Lili Schönemann 
und Gräfin Auguste von Stotberg. 
Von 
A. Matthes. 
psychologisches Rätsel war bisher den Goethe-Forschern 
WtzK das gleichzeitige Verhältnis Goethes zu Lili Schönemann 
und Gräfin Auguste von Stolberg. Diese beiden Frauengestalten 
gehören schon jede für sich zn den eigentümlichsten und bedentnngs- 
vollsten Erscheinungen in Goethes Leben. Durch ihre seltsame 
gleichzeitige Verknüpfung mit dem Herzen des Dichters werden sie 
es noch in erhöhtem Maße. Es scheint fast, als ob sich uns 
hier in Goethes Seelenleben etwas aufthätc, was dem gemeinen 
Verstand unfaßbar wäre, etwa wie der kaum erträgliche Schluß 
des aus derselben Zeit stammenden Dramas „Stella", das in 
seiner ursprünglichen Fassung mit einer Doppelehe endete. Und 
allerdings fällt dies Erlebnis in die Tage, die er rückblickend selbst 
„die verworrensten, die zerstreutesten und ganzesten, vollsten und 
leersten, kräftigsten und läppischesten seines ganzen Lebens" genannt 
hat, von denen er später selbst 
äußerte, daß er unter solchen fort 
währenden Umständen unfehlbar 
zu Grunde gegangen wäre. Es 
ist die Zeit seiner höchsten genialen 
Anspannung, das letzte Jahr 
vor seinem Abgänge nach Weimar, 
in dem er bei aller Aufgeregtheit 
seines äußern Treibens neben 
Stella noch einige Singspiele, 
viele seiner schönsten Liebeslieder 
und zugleich einige der ergreifend 
sten Szenen aus Faust und die 
erhaltenen Bruchstücke der Burleske 
Hanswursts Hochzeit schuf, das 
Drama Egmont begann und ver 
mutlich auch schon die Anfänge 
von Wilhelm Meisters Lehrjahren 
im stillen konzipierte. Damals 
schrieb er auch die tagebuchähn 
lichen, wundersamen, aber höchst 
wichtigen Briefe an die Gräfin 
Auguste von Stolberg, in denen 
er diese selbst mit „Du" und 
„Gustchen" anredete, sie die ver 
trautesten Einblicke in sein privates 
Leben, besonders auch sein Em 
pfinden und Denken über Lili thun 
ließ und sie schließlich anflehte, 
ihn aus all dem Ungemach, in 
das er sich durch die hoffnungslose 
Liebe zu Lili gestürzt sah, zu retten. 
Es ist mir gelungen, zwei 
neue, bisher ganz unbekannte 
Porträts der beiden durch so seltsames Empfinden in der Seele 
des Dichters verknüpften weiblichen Gestalten aufzufinden, die nach 
weisbar der Zeit ihrer ersten Bekanntschaft mit Goethe entstammen, 
und niit deren Hilfe es uns vielleicht gelingen wird, uns tiefer in 
das Herz des Dichters zu versenken, als es bisher ohne sie möglich 
mar. Vorher aber sei es mir gestattet, die Leser, gleichsam ein 
leitend, auf ein wohl nicht ganz unbekanntes, aber kaum beachtetes, 
und soviel ich weiß, hier im „Bär" zum erstenmal repro 
duziertes Goethebildnis aus jener Zeit aufmerksam zu machen, 
das nach dem llrteil des Physioguomen Lavater, dessen „Physiog- 
nomischen Fragmenten, Band 3 (erschienen 1777), es entnommen 
ist, wie kein anderes, „die hochaufschwebende dichterische Genialität 
ausdrückt", also uns den Dichter selbst gerade von der seelischen 
Seite zeigt, in der wir ihn auch in seinem Verhältnis zu Lili 
Schöncmaun und Gräfin Auguste von Stolberg zu erfassen haben. 
„Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen," scheint dies Bild 
uns gleichsam mit Mignon zu sagen; „denn mein Geheimnis ist 
mir Pflicht; ich möchte Dir mein ganzes Innere zeigen, allein mein 
Schicksal will es nicht." lind in der That stehen wir ja auch in 
dem hier behandelten Falle vor einem Wendepunkt des Schicksals, 
der für sein ganzes übriges Leben entscheidend geworden ist. Er 
selbst äußerte sich später (1824) über diese Lebenswende einem 
Freunde (Soret) gegenüber: „In meinem Verhältnis zu Lili war 
das Dämonische besonders wirksam; cs gab meinem ganzen Leben 
eine andere Richtung, und ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, 
daß meine Herkunft nach Weimar und mein jetziges Hiersein davon 
eine unmittelbare Folge war." 
Es war gegen Ende des Jahres 1774, als Goethe, damals 
im Vollgenussc des jungen Dichtcrrnhms stehend, den ihm „Götz" 
und „Werther" gebracht, Lili unter Umständen, die er selbst in 
Dichtung und Wahrheit näher schildert, kennen lernte und sich in 
wenig Wochen in eine solche Leidenschaft zu ihr verstrickt fühlte, 
daß er allein in der dauernden Vereinigung mit der Geliebten das 
Glück seines Lebens finden zu können glaubte. Wie sehr Lili ihn 
selbst bald in ihrer Gewalt hatte, und wie sie spielend, ja tändelnd 
im Vollgefühle dieser Gewalt alle seine Seelenstimmungen auf- 
uud abwogen machte, schildert uns der Dichter mit fast burleskem 
Humor in „Lilis Park". In seinen ernsten lyrischen Gedichten 
rühmt er an ihr den „Blick voll Treu und Güte", der „Lieb' und 
auch um sich her verbreitet, wie der Frühling Blüte» über 
ie vereinigte in seltener Weise starke Gegensätze in 
ihrem Charakter, zarte geistige 
Empfindsamkeit und feste Energie 
und Entschlossenheit, ja unter 
nehmende Stärke, virtuose Ge 
wandtheit im geselligen Umgänge 
und häuslichen Sinn, kräftigste 
Lebensfrische und -fülle, und dabei 
doch völlige Herrschaft über sich 
selbst, so daß sie dem jungen 
Dichter einerseits völlig ebenbürtig, 
andrerseits ihn auch aufs beste zu 
ergänzen schien. Das war es, was 
er meinte, wenn er an Auguste 
von Stolberg schrieb, daß der Ab 
stand LiliS von ihm das Band 
nur fester mache, das ihn au sie 
zaubere. Je ernster es dem Dichter 
mit seiner Liebe war, um so 
schmerzlicher empfand er es, wenn 
Lili ihn einmal fallen ließ oder gar 
abstoßend behandelte, und dafür 
einen andern ihrer zahlreichen Ver 
ehrer, die sich alle Abende in ihrem 
fürstlich eingerichteten Salon »m 
sie versammelten, zn bevorzugen 
schien. Von jeher durch ihre llm- 
gcbung verwöhnt und durch Ver 
wöhnung auch ein wenig launisch, 
dabei jugendlich übermütig und 
anspruchsvoll, noch nicht durch 
eigene trübeLebenserfahruugen, die 
ihr nicht erspart bleiben sollten, ge 
läutert und geschmeidigst kam es 
ihr gar nicht darauf an, ihren 
leidenschaftlichen Liebhaber zu quälen, ja gelegentlich sein Herz mit 
Füßen zu treten und so seine Liebe auf die härtesten Proben zu 
stellen. Mit einem Lächeln, einem Blick, einem Knß, einer mehr 
andeutenden, als offenen Erklärung verstand sie daun im Notfälle 
alles wieder ins schönste Gleichgewicht zu bringen: so erweckte sie 
unaufhörlich Dissonanzen in der Seele des Dichters, um sie spielend 
wieder in Harmonie aufzulösen; und so zeichnen sich auch die Lieder 
an sie von allen andern Liebesliedern Goethes dadurch aus, daß 
sie Schmerz in Lnst oder Lust in Schmerz schmelzen; sie sind darin 
wie Rachtigallengesang, während z. B. die Lieder an Friederike 
mehr dem Lerchenjubel gleichen. 
Mau wird die geschilderten Charakterzüge leicht in dem hier 
aus Lavaters Physiognomischen Fragmenten, Band III, repro 
duzierten Profilbild wiedererkennen. Lili erscheint hier speziell für 
den Zweck der physiognomischen Analyse nicht in elegantem Gesell- 
schaftsputz, sondern in gewöhnlicher Haustracht, das Haar, das 
sonst in Locken um Hals und Nacken bis in den Busen hinein sich 
ringelte, durch einen Kamm in die Höh' genommen und durch eine 
Schutzperücke.verdeckt, so wie wir uns auch ihr Nachbild „Stella" 
in der berühmten Szene des dritten Aktes zu denken haben, wo 
ihr Fernando den Kamm aus den Haaren ziehst so daß diese tief 
herunterrollen, und er, seine Hände darin wickelnd, spricht: „Rinaldo 
ln den alten Ketten," vermutlich die treue Kopie eines wirklichen 
Erlebnisses Goethes. „Belinde" pflegte sie Goethe in dieser ein 
fachen Hanstracht zu nennen, im Gegensatz zu „Lili", der eleganten 
Gesellschaftsdame, und so werden wir auch das II unter dein 
Bilde zu deuten haben, wenn nicht die Verlobung mit ihrem Better 
Güte' 
die Flur. 
Lili Schönemann.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.