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Periodical volume 26.August 1899 Nr, 34

Full text: Der Bär Issue 25.1899

63° 
Erinnert mich durch neidische Laute: 
Mein Hochbesitz, er ist nicht rein: 
Der Lindenbaum, die braune Baute, 
DaS morsche Kirchlein ist nicht mein! — 
Hub wenn Goethe auch der eigenen ärgerlichen Stimmung 
gedachte, als er diese Worte schrieb, so scheint doch sogar die Er 
innerung an die klappernde Mühle des Einsiedlers von Sanssouci 
hier sehr überwiegend gewesen zu fein. 
Wie natürlich ist beides! — Denn hier, wie überall, erfüllte 
der große Schöpfer die große Gestalt mit eigenem Geistes-, Herzens 
und Lebensinhalt. Andererseits aber, wie gesagt, zeigt er uns 
diese Gestalt hier in der Thätigkeit eines für das Wohl seiner 
Unterthanen, für das Gedeihen seines Gebietes sorgenden Herrschers. 
Welch ein besseres außenstehendes Vorbild konnte er "da finden 
oder finden wollen, als den Fürsten, den man in Wahrheit einen 
Beglücker seines Volkes nennen konnte*), den König, den er selbst oft 
genug, wie in der Rede zum Gedächtnis der Herzogin Anna Amalia, 
„den größten Mann seiner Zeit" nennt! — Er hatte ihn noch 
mit eigenen Augen gesehen. Der Neunundzwanzigjährige hatte 
auf einer Reise, die er in Begleitung des Herzogs nach Berlin 
und Potsdam machte, Gelegenheit gehabt, den Helden zu betrachten. 
Ihn hatte die Ehrfurcht vor diesem seltenen Mann, vor irdischer 
Größe durchschauert — aber auch der Schauer irdischer Vergäng 
lichkeit hatte ihn berührt. Und was empfinden wir bei der Be 
trachtung des greisen Faust? — Den immer noch rastlos schassen 
den, sinnenden König hatte der Dichter gesehen, dessen Einsamkeit 
Alter und Sorge teilten. 
„Der Fluch aber, den die Sorge Faust mitgiebt," heißt es 
in dem mehrfach erwähnten Buch, „der Fluch, den er nicht, wie 
den Gedanken an ein Gericht im Jenseits, abschütteln kann, das 
ist die Furcht, seines Werkes Vollendung nicht mehr zu erleben. 
So arbeitete mit ungeheurem Ungestüm der alte König; man 
erzählt, als sein alter Kabinetssekretär, während er ihm diktierte, 
vom Schlag getroffen tot niedergestürzt sei, habe er, ohne um 
ihn sich zu bekümmern, einen anderen holen lassen und fortdiktiert. 
— Und Goethe selbst mochte zuweilen mit ähnlichen Gefühlen 
den riesigen Torso eben dieses Werkes, des „Faust", betrachtet 
haben. —" 
Ja, der Schatten Friedrichs mußte vor seine Seele treten, 
er mußte sich ihm bei dieser Schöpfung aufdrängen! •— Wenn 
wir es sonst nicht wüßten, in welchem Grade dieser Fürst der 
Beherrscher seiner Zeit war: wir könnten es ans Goethes Wahr 
heit und Dichtung nachweisen. Wie reizvoll schildert der Sechzig 
jährige den Aufruhr, den Friedrichs Einfall in Sachsen bei 
Beginn des siebenjährigen Krieges 1756 im Kreise seiner Familie 
hervorgerufen hatte! „Die Welt, die sich nicht nur als Zuschauer, 
sondern auch als Richter aufgefordert fand, spaltete sich sogleich 
in zwei Parteien, und unsere Familie war ein Bild des großen 
Ganzen. Mein Großvater, der als Schöff von Frankfurt über 
Franz dem Ersten den Krönungshimmel getragen und von der 
Kaiserin eine gewichtige goldene Kette mit ihrem Bildnis erhalten 
hatte, war mit einigen Schwiegersöhnen und Töchtern auf Oester- 
reichischer Seite. Mein Vater, von Karl VII. zum kaiserlichen Rat 
ernannt, und an dem Schicksale dieses unglücklichen Monarchen gemüt 
lich teilnehmend, neigte sich mit der kleinern Familienhälfte gegen 
Preußen. Gar bald'wurden unsere Zusammenkünfte, die man seit 
mehreren Jahren Sonntags ununterbrochen fortgesetzt hatte, gestört. 
Die unter Verschwägerten gewöhnlichen Mißhelligkeiten fanden nun 
erst eine Form, in der sie sich aussprcchen konnten. Man stritt, man 
überwarf sich, man schwieg, man brach los. Der Großvater, sonst 
ein heiterer, ruhiger und bequemer Mann, ward ungeduldig. Die 
Frauen suchten vergebens das Feuer zu tuschen, und nach einigen 
unangenehmen Szenen blieb mein Vater zuerst aus der Gesellschaft. 
Nun freuten wir uns ungestört zu Hanse der Preußischen Siege, 
welche gewöhnlich durch jene leidenschaftliche Tante mit großem 
Jubel verkündigt wurden. Alles andere Interesse mußte diesem 
weichen, und wir brachten den Ileberrest des Jahres in beständiger 
Agitation zu. Die Besitznahme von Dresden, die anfängliche 
Mäßigung des Königs, die zwar langsamen, aber sicheren Fort 
schritte, der Sieg bei Lowositz,. die Gefangennehmung der Sachsen 
waren für unsere Partei ebenso viele Triumphe. Alles, was zum 
Vorteil der Gegner angeführt werden konnte, wurde geleugnet oder 
verkleinert; und da die entgegengesetzten Familienglieder das Gleiche 
thaten, so konnten sic einander nicht auf der Straße begegnen, 
ohne daß es Händel setzte, wie in Romeo und Julie. 
Und so war ich denn auch Preußisch, oder, um richtiger zu 
reden, Fritzisch gesinnt; denn was ging uns Preußen an! es war 
die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüter wirkte." 
Ja, leidenschaftlich war der Knabe für seinen Helden begeistert, 
sosehr, daß ihm im Hanse seines Großvaters, in dem er des 
Sonntags zu speisen pflegte, kein Bissen mehr schmecken wollte. 
*) Man vergleiche, um sich Friedrichs Größe i„ dieser Hinsicht zu vergegenwärtigen, 
die treffliche Tarsicllimg: Friedrichs II. »-such im Rhin- Ulid Dosscbruch tu Thcod. Foutaue, 
Wand-rungen durch die Mark Brandenburg I. Teil. 
daß ihm „diese vergnügtesten Stunden der ganzen Woche" vergällt 
wurden! Er mußte hören, wie die „größten und augenfälligsten 
Verdienste geschmäht und angefeindet, die höchsten Thaten, wo 
nicht geleugnet, doch wenigstens entstellt und angefeindet" wurden. 
„Und ein so schnödes Unrecht geschah dem einzigen, offenbar über 
alle seine Zeitgenossen erhabenen Manne." In demselben Abschnitt 
seines Werkes erzählt uns der Dichter, wie im Jahre 1757 die 
Siege, die Großthaten, die Unglücksfälle, die Wiederherstellungen 
auf einander folgten — immer aber die Gestalt Friedrichs, sein 
Name, sein Ruhm in kurzem wieder oben schwebte! „Der Enthu 
siasmus seiner Verehrer ward immer größer und belebter, der 
Haß seiner Feinde bitterer, und die Verschiedenheit der Ansichten, 
welche selbst Familien zerspaltete, trug nicht wenig dazu bei, die 
ohnehin schon auf mancherlei Weise von einander getrennten 
Bürger noch mehr zu isolieren!" 
Immer neue Nahrung fand die einmal entzündete Begeisterung. 
Bei der Schilderung der Feierlichkeiten, die anläßlich der Krönung 
des Kaisers Franz in Frankfurt stattfanden*), berichtet uns Goethe 
mehrmals, mit welchem Interesse, mit welcher Zuneigung der 
Brandenburgische Gesandte, von Plotho, allgemein betrachtet wurde. 
Von diesem Diplomaten erzählte man, er habe zu Regensburg den 
Kaiserl. Notarius Pfeil, der ihm die gegen seinen König ergangene 
Achtserklärung, von einigen Zeugen begleitet, zu insinuieren gedachte, 
mit der lakonischen Antwort: „Was! Er insinuieren?" die Treppe 
hinuntergeworfen. Das schon hatte ihm alle Fritzisch gesinnten 
Frankfurter gewonnen, und es entstand jederzeit eine Art von 
frohem Zischeln, wo er erschien, und wenig fehlte, daß man ihm 
Bravo! zugerufen hätte. „So hoch stand der König, und alles, 
was ihm mit Leib und Seele ergeben war, in der Gunst der 
Menge, unter der sich außer den Frankfurtern schon Deutsche aus allen 
Gegenden befanden." Ja, sogar allerlei kleine Verstöße gegen das 
Cermoniell, über das sich Plotho „wie ein König" hinauszusetzen 
pflegte, erregten, da man etwas Vorsätzliches darin erkennen mußte, 
allgemeines Vergnügen. — 
Es ist nicht wunderbar, daß solche Eindrücke, in früher 
Jugend empfangen und ausgehend oder hervorgebracht von der 
Wirksamkeit einer einzigen, alles überragenden Persönlichkeit, 
durch ein ganzes langes Leben fortwirkten. — Wohl wird uns, 
ebenfalls in „Wahrheit und Dichtung"**), erzählt, daß die Ein 
wohner von Leipzig den jungen Studenten Goethe um das an 
genehme Gefühl brachten, einen großen Mann zu verehren. 
„Friedrich II.", heißt es da, „stand noch immer über allen vor 
züglichen Männern des Jahrhunderts in meinen Gedanken, und 
es mußte mir daher sehr befremdend vorkommen, daß ich ihn so 
wenig vor den Einwohnern von Leipzig als sonst in meinem 
großväterlichen Hause loben durfte." Aber die Leipziger, welche 
die Hand des von Friedrich begonnenen Krieges schwer gefühlt 
hatten, wußten sehr vieles gegen ihn vorzubringen und hatten, 
„um diese Gesinnungen zu behaupten, ein unendliches Detail an 
zuführen, welches ich nicht zu leugnen wußte, und nach und nach 
die unbedingte Verehrung erkalten fühlte, die ich diesem merkwürdigen 
Fürsten von Jugend auf gewidmet hatte." — Allein, diese Erkaltung 
hielt jedenfalls nicht allzu lange an. Es ergiebt sich aus dem, was 
der gereiste Mann geschrieben, und was wir angeführt, zur Genüge, 
daß die alte Verehrung wieder die Oberhand gewann. An vielen 
anderen Stellen noch erwähnt er Friedrichs mit gleicher Be 
wunderung, so sagt er z. B. einmal:***) „Der erste wahre und 
höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen 
und die Thaten des siebenjährigen Krieges in die deutsche Poesie," 
und an einer anderen Stelle:ch) „Friedrich hatte die Ehre eines 
Teils der Deutschen gegen eine verbundene Welt gerettet." Er 
erzählt uns in seiner Italienischen Reise, wie er in Sizilien den 
Einwohnern von Caltanisetta von Friedrich II. erzählen mußte, 
und wie ihre Teilnahme an diesem großen König so lebhaft ge 
wesen sei, daß „wir seinen Tod verhehlten, um nicht durch eine so 
unselige Nachricht unseren Wirten verhaßt zu werden!" — Er 
übersetzte die Akademie-Rede Johannes von Müllers über Friedrich 
den Großen vom 29. Januar 1807 aus dem Französischen ins 
Deutsche, und wenn er dies auch in den „Annalen" ans freund 
schaftlichen Gefühlen gegen den Redner erklärt, so würde er doch 
schwerlich die Arbeit unternommen haben, wäre er nicht mit dem 
Inhalte der begeisterten Rede einverstanden gewesen! 
Das beste und schönste Zeugnis aber für die Empfindung 
des großen Dichters gegenüber dem unsterblichen Könige enthält die 
Aufzeichnung in seiner Italienischen Reise vom 19. Januar 1787: 
„So hat denn der große König, dessen Ruhm die Welt 
erfüllte — endlich auch das Zeitliche gesegnet, um sich mit den 
Heroen seines Gleichen im Schattenreiche zu unterhalten. Wie gern 
ist man still, wenn man einen solchen zur Ruh gebracht hat!" 
*) Wahrheit und Dichtung, V. Buch. 
**) VII. Luch. 
***) Wahrheit und Dichtung, VII. Buch, 
-ft XII. Luch.
        
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