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Periodical volume 19.August 1899 Nr, 33

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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unter Vorbehalt dem Gubener Stadtmuseum zur Aufstellung überwiesen 
hat, so daß dieser älteste Fund aus der geschichtlichen Zeit Gubens der 
Stadt erhalten bleibt. ®. A.' 
Berliner Chronik. 
Am 3. August starb der Verlagsbuchhändler Raimund Mitscher 
im 59. Lebensjahre. 
Am 6. August starb im 78. Lebensjahre Prof. August Nothnagel, 
der lange Jahre hindurch zum Lehrerkollegium der' königlichen Kunst 
schule und des Kunstgewerbemuseums gehörte. Zu seinen Schülerinnen 
gehörten auch die Töchter Kaiser Friedrichs. Als Maler ist Nothnagel 
aus dem Gebiete der Landschaft und des Blumenstilllebens hervor 
getreten. 
Am 6. August waren hundert Jahre seit dem Tode Marcus 
Elieser Blochs verflossen, eines Berliner Arztes, welcher der be 
deutendste Ichthyolog des 18. Jahrhunderts war. Sein Hauptwerk, 
„Allgemeine Naturgeschichte der Fische" (12 Bände, Berlin 1782—1795, 
mit 432 gemalten Kupfern), war lange das einzige auf diesem Gebiete 
und ist der Abbildungen wegen noch heute brauchbar. Die große 
Sammlung von Fischen, die Bloch angelegt, wurde nach seinem Tode 
von der Regierung angekauft und bildet einen Teil des Berliner 
Zoologischen Museums. 
Im physiologischen Institut wird demnächst eine Büste von 
Emil Dubois Reymond, ein Geschenk der Gattin des verstorbenen 
Gelehrten, aufgestellt werden. Die Büste ist ein 
Werk von Professor Ernst Herter. 
Professor Weierstraß hat der Universität eine 
Marmorbüste seines Bruders, des berühmten Pro 
fessors, geschenkt und dem Fonds der Hilsskasse 
1000 Mark überwiesen. 
Das Legat von 300000 Mark, welches 
Geh. Justizrat Professor Dr. von Kuny der 
Universität ausgesetzt hat, hat die landesherrliche 
Genehmigung gefunden. Das Legat ist sieben Monate 
nach dem Ableben seiner Gattin zahlbar und soll 
zur Erhöhung des Fonds der Hilfskasse und der 
akademischen Krankenkasse, sowie zur Begründung 
einer Kuny-Stistung dienen, deren Zinserträgnisse 
zur Förderung wissenschaftlicher Arbeiten der Do 
zenten bestimmt sind. 
An der Berliner Universität führten sich dieser 
Tage drei neue Privatdozenten ein: Die. Dr. Hein 
rich Weigel in der theologischen, Dr. Paul 
von Winterfeld und Dr. phil. et jur. Paul 
W. Meyer in der philosophischen Fakultät. 
An dem Hanse Potsdamer Straße 131, in 
welchem Theodor Fontane sechsttiidzwanzig 
Jahre wohnte, ist eine Tafel mit der Inschrift an 
gebracht worden: „Hier wohnte Theodor Fontane 1872—1898. 
Die Stadt Berlin." 
Prinz Friedrich Heinrich von Preußen, der älteste Sohn des 
Prinzen Albrecht, hat nach der „Voss. Ztg." die stattliche Größe von 
zwei Metern und daniit den Vorzug, der größte Hohenzoller zu 
sein. Prinz Friedrich Heinrich ist am 15. Juli 1874 geboren. 
Märkische Chronik. 
Lübbeu. Am 4. August feierte der hiesige Bürgermeister Koberstein 
sein 25 jähriges Amtsjubiläum. 
Kleine Mitteilungen. 
Das Sporkdenkmal bei Grünau. An einem der schönsten 
Punkte der Oberspree, oder genauer ausgedrückt am Ufer der Dahme, 
die an dieser Stelle den Namen Lange-See führt, erhebt sich seit länger 
als Jahresfrist das eigenartige Sport-Denkmal, das die Segler- und 
Rudervereine dem Andenken Kaiser Wilhelms I. errichtet haben. Als 
sich ganz Deutschland zur hundertjährigen Geburtstagsfeier des alten 
Kaisers rüstete, tauchte in Waffersportkreisen der Gedanke auf, auch 
ihrerseits etwas zu thun, uni den Manen des ersten Hohenzollernkmsers 
aus dankbarer Anerkennung für oft bewiesenes Wohlwollen eine Hul 
digung darzubringen. Man entschloß sich, am Hauptplatz der Berliner 
Wassersportkämpfe, am Langen See, ein Denkmal zu errichten, zu welchem 
jeder der beteiligten Ruder- und Seglervereine einen Baustein spenden 
sollte. Als Standplatz wurde die vielgeuannte „Bammelecke" aus 
ersehen, die ihren echt Berliner Namen auch dem Wassersport zu ver 
danken hat. Bei dem großen Eentenar-Sportfest im Jahre 1897 wurde 
der Grundstein zu dem Denkmal gelegt, dessen Ausführung dem durch 
ähnliche Arbeiten schon vorteilhaft bekannt gewordenen Architekten 
Bvdo Ebhardt übertragen wurde. Aus Berlin und von allen Deutschen 
Sportvereinigungen trafen Denksteine ein, die, harnionisch aneinander 
gefügt, ein eigenartiges Bauwerk bildeten, das nur in der Stein- 
Pyramide am Denkmal des Turnvaters Iahn ein gleichwertiges Gegen 
stück besitzt. Am 12. Juni 1898, einem von echtem Kaiserwetter 
begünstigten Sonntag, fand im Anschluß an die große Grünaner 
Ruderregatta und im Beisein des Kaiserpaares und der ältesten kaiserlichen 
Prinzen' die feierliche Enthüllung des Denkmals statt. Der Kaiser 
unterließ nicht, dem Schöpfer des Werkes seine besondere Anerkennung 
und allen Förderern der Sache seinen Dank auszusprechen. 
Vom alten Tees. Anläßlich der Wiederkehr des Tages, an 
welchem vor 75 Jahren (4. August 1824) das Königstädtische Theater 
eröffnet wurde, ist auch die Erinnerung an den ersten Direktor des 
Theaters, den Kgl. Kommissionsrat Friedrich Cerf wieder geweckt 
worden. Cerf war im alten Berlin eine stadtbekannte Persönlichkeit, 
von welcher man sich zahlreiche Anekdoten erzählte, die meist den Mangel 
an Bildung des Direktors zum Gegenstände hatten. Wie das Gerücht 
behauptete, konnte Cerf weder lesen noch schreiben, er mußte sich deshalb 
die eingegangenen Briefe von seinem Sekretär vorlesen lassen, dem er 
stets beide Ohren zugehalten haben soll, damit er von dem Inhalt der 
Briefe nichts höre. Als Cerf nach einer Abendpromenade im Tier 
garten im „Hofjäger" einkehrte, um zu Abend zu essen, ließ er fich die 
Speisekarte reichen und vertiefte fich in das Studium derselben,' dann 
deutete er stillschweigend auf drei Gerichte hin und war sehr erstaunt, 
als der Kellner ihm saure Gurken, Senfgurken und Pfeffergurken brachte. 
Eines Tages besuchte der König Friedrich Wilhelm III. das neue 
Königstädtische Theater und beugte sich, um besser Umschau halten zu 
können, weit aus seiner Loge vor, da rief ihm Cerf ängstlich zu: 
„Majestät, nehmen Sie sich in acht, die da oben spucken runter." Ein 
anderes Mal hatte Prinz Karl von Preußen seinen Besuch angemeldet, 
und Cerf, der die Ehre eines solchen Besuches zu würdigen wußte, hatte 
schon lange vor Beginn der Vorstellung auf dem Korridor des Theaters 
Posto gefaßt. In seiner Ungeduld sah er auch mehrmals auf die 
Straße hittaus, ob der prinzliche Wagen noch nicht zu sehen wäre, und 
erregte dadurch die Aufmerksamkeit einiger Berliner Straßenjungen, die 
sich nun an der Thür aufstellten und den allbekannten Cerf verspotteten. 
Inzwischen langte der Prinz an, und der Direktor wollte gerade mit 
seiner Begrüßungsansprache beginnen, als einer der Jungen die Haus 
thür öffnete und „Schasstopp" hineinrief. Cerf war aufs äußerste 
erschrocken, faßte sich aber schnell wieder und sagte mit großer Geistes 
gegenwart zum Prinzen: „Entschuldigen, Königliche Hoheit, der Junge 
meinte mir." 
Int Königstädtischen Theater wurde eine zeitlang Babos „Otto von 
Wittelsbach" mit großem Erfolge gegeben. Daraufhin befahl Cerf 
seinem Sekretär, an den Verfasser zu schreiben, ob er ihm nicht noch 
mehr solche Stücke überlassen könnte. Leider war Babo bereits seit 
achtzig Jahren tot. — Seine litterarischen Kenntnisse bewies der Direktor 
auch bei einer anderen Gelegenheit, als ein Schauspieler auf der Bühne 
von Orestes und Pylades sprach und dabei die zweite Silbe der letzten 
Namens betonte. Das Publikum lachte darüber, und sogleich stürzte 
Cerf auf die Bühne und rief ziemlich laut aus der Kulisse heraus: 
„Wie haißt! Wissen Se nich, daß man sagt Orestes und Pilatus?" 
Pfannkuchen aß der Kommissionsrat leidenschaftlich gern, erzählt 
Reich in „Berlin wie es lacht", und an einem Fastnachtsabend nahm 
er in der im Theatergebäude befindlichen Friedebergschen Konditorei 
nicht weniger als acht Stück, und zwar von den großen „Glasierten" 
zu „zwei Gute", zu sich. Auf dem Heimwege konnte er der Versuchung 
nicht widerstehen und kaufte einer Straßenverkäuferin noch zwei kleine 
Pfannkuchen a 6 Pfennig ab, welche er gleichfalls mit gutem Appetit 
verzehrte. „Es ist merkwürdig," sagte er zu dem ihn begleitenden 
Schauspieler Beckmann, „ich bin von die zwei kleine Dinger satter 
geworden, wie von die acht jroße!" — Reich hat uns auch die folgende 
Anekdote aufbewahrt. Cerf hatte eine neue italienische Sängerin 
engagiert. Beckmann ftagte ihn darauf, wo die Künstlerin herstamnte. 
„Na, aus Italien!" antwortete Cerf. 
„Das kann ich mir lebhaft denken," entgegnete Beckmann. „Aus 
welcher Stadt meine ich." 
„Die Stadt?" überlegte Cers. „Wie heißt sie doch gleich? Ra, 
der Name erinnert an ein' kleines Geschäft —" 
„Ah, aus Pisa!" 
„Nein, nein. — Halt, jetzt fällt's mir ein: Die Sängerin ist aus 
Turin." 
Berlin und seine Umgebung im Anfange uirfcres Jahr 
hunderts. — Es ist bekannt, daß der dreißigjährige Krieg, wie 
viele andere Länder, so auch die Mark in schrecklicher Weise entvölkerte. 
Der Große Kurfürst ließ es sich dann angelegen sein, fremde Fauiilien 
heranzuziehen, um das verödete Land wieder zu bevölkern. So ließen 
sich denn Niederländer, Schweizer und Franzosen scharenweise in der 
Mark nieder. Tie folgenden Fürsten setzten dieses Bestreben mit bestem 
Erfolge fort. Friedrich der Große siedelte im Laufe seiner Regierung 
Wie die Berliner zum Stralauer Fischruge ziehen. 
(Nach einer Zeichnung von Th. Hosemann.)
        
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