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Periodical volume 12.August 1899 Nr, 32

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Verantwortlicher Redakteur: vr. M. Folticineano, Berlin. — Druck und Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin 81V., Neucnbnrgcr Straße ltu. 
Der Bericht über dir Gemeinde-Verwaltung der Stadt 
Berlin in den Jahren 1889 bis 1898; zweiter Teil ist er 
schiene»^) Aus seinem reichen, lehrreichen Inhalte teilen mir einige 
Einzelheiten aus verschiedenen Zweigen des kommunalen Lebens mit. 
Die allgemeine Uebersicht der gesamten Einnahmen und 
Ausgaben des Stadthaushaltsetats weist nach, daß in diesen 
sechs Jahren insgesamt eine Mehreinnahme von 21,7 Millionen Mark 
erzielt worden ist,' also 8,6 Mill. M. pro Jahr. Im einzelnen sind je 
doch die Ueberschüffe dieser Periode sehr ungleichmäßige. Der höchste 
von 6,3 Mill. M. liegt bei ihrem Beginn im Jahre 1889/90, der niedrigste 
mit 0,6 Mill. M. fällt ins Jahr 1890/91. Das folgende letzte Jähr ist 
mit 1,5 Mill. M. Üeberschnß ein unter durchschnittliches. 
Die Einnahmen hoben sich stetig von 76,9 auf 88,7'Mill. M., 
aber auch die Ausgaben von 70,6 auf 87,2 Mill. M. 
Bei den Einnahmen fällt • im einzelnen das stetige Sinken der 
Ueberschüffe aus der Verwaltung der städtischen Werke auf, die sich 
von 7,2 auf 3,2 Mill. M. verringerten. Dieser Fall wurde im wesent 
lichen bewirkt durch das Vordringen der elektrischen Beleuchtung, welche 
den Gaskonsum verminderte. Es sei dazu angemerkt, daß seither so 
durch bedeutend gesteigerten Verbrauch von Gas zu gewerblichen und 
zu Kochzwecken, wie durch die neuen Methoden der Beleuchtung (Glüh 
strümpfe) eine bedeutende Erhöhung des Gasverbrauchs wieder ein 
getreten ist, welche sich durch Verbilligung oder wenigstens einheitliche 
Berechnung der Gaspreise, wie durch Fortsall der Gasmessermiete, durch 
Gasautomaten ic. sehr erheblich noch steigern ließe. Dieser momentane 
Rückgang Hai sonach nichts Bedenkliches an sich. 
Das Kapitel der Steuer-Verwaltung wies stetig steigende 
Ueberschüffe auf mit einem kleinen Rückschlag im Jahre 1892/93, in den 
letzten Jahren unserer Periode wuchs die Zunahme auf 3 Mill. M. 
jährlich an. Ebenso ist die Zunahme der Mehraufwendung bei der 
Unterrichts- und Armcn-Vcrwaltung eine stetige. Bei ersterer 
stieg sie von 13,3 auf 14,6, bei letzterer sogar von 6,6 auf 8,8 Mill. M. 
Ebenso erforderte die öffentliche Gesunheitspflege ansehnliche 
Mehrkosten. Die Park- und Gartenverwaltung wies im Jahre 
1891/92 eine ansehnliche Ueberschreitung der durchschnittlichen Jahres 
ausgaben von 1,1 Mill. M. um das doppelte dieses Betrages auf. 
Damals wurden die Arbeiten zu unserem herrlichen Viktvriapark auf 
dem Kreuzbcrge und dem Wassersturz daselbst in Angriff genommen. 
Die Ausgaben der Hochbauverwaltung schwankten in den ein 
zelnen Jahren beträchtlich, wogegen die der Tiefbauverwaltung in 
saust ansteigender Kurve verliefen. Unerfreulich, aber erklärlich ist das 
starke Anwachsen der Verwaltungskosten. Da jedoch die Mehr 
ausgaben hier durch Uebernahme verschiedener Titel auf diesen bewirkt 
wurden, ist die Zunahme weniger bedenklich. 
Bezüglich der Polizei-Verwaltung hat der Bau des neuen 
Verwaltungsgebäudes am Alcranderplatz sowie das Inkrafttreten des 
Polizcikostengesetzes von 1892 eine sehr bedeutende Ausgabevermehruug 
zuwege gebracht. 
Sehr interessant ist, zu erfahren, was ein großer Schneefall die 
Gemeinde kostet. Im ganzen wird für Beleuchtung und Reinigung 
der Straßen etwa 2,2 Mill. M. jährlich ausgegeben. In dem schnee 
reichen Winter 1894/95 aber vermehrten sich die -Kosten plötzlich auf 
3,6 Mill. M. 
Die Gemeindefriedhöfe erforderten im ganzen nur bescheidene 
Zubußen, liebernormale Ausgaben erfolgten durch den Bau von 
Leichenhallen im Jahre 1893/94. 
Bei den Zivi lstandcsämtern blieb der Kostenaufwand mit rund 
250 000 M. ein ziemlich konstanter. 
Das Anschlagwesen, welches bekanntlich verpachtet ist, brachte 
der Stadt 1889—91 jährlich 50000, seither aber 255 000 M. ein. Aus 
Anleihen nahm die Stadt im ganzen 33,6 Mill. M. ein im Verlaufe 
unserer Periode. Diese Summen wurden im wesentlichen verwendet zu 
Schulbauten, zum Bau des Polizeipräsidiums, verschiedener Kranken 
häuser und Irrenanstalten, zum Ausbau der Dammmühlen, für die 
Hasenaulage am Urban, endlich für verschiedene Brücken- und Wasser 
bauten re. 
Aus Ueberfchüssen erzielte die Gemeinde eine Einnahme von 
4,5 Mill. M. pro Jahr. 
Bon großem aktuellen Jutcressc sind die Aufwendungen der Stadt 
für kirchliche Zwecke angesichts des bekannten Streites der Stadt- 
genieinde mit einzelnen evangelischen Kirchengemeinden wegen Regelung 
der Kirchenbaulast. Im Anhang ist auch die Eingäbe des Magistrates 
au den Kultusminister (1892) abgedruckt, in welcher gesetzliche Regelung 
dieser Materie unter Aufhebung der bezüglichen Vorschriften der Konsistorial- 
und Visitationsordnung vom Jahre 1573 erbeten wird. Indessen sind 
die städtischen Ausgaben für kirchliche Zwecke relativ nicht unbedeutend; 
sie beziffern sich auf mehr als 100 000 M. alljährlich. Im einzelnen 
setz! sich dieser Betrag zusammen aus 203 000 M. für eine neue Kirchen 
gemeinde, ivelche von der St. Markuskirchcugemcindc abgezweigt wurde 
(1889/99), weiter ein Zuschuß von 60 000 M. zum Bau der Emmaus- 
kirche auf den, Lausitzerplatz (1891/92), 15 000 M. Reparaturkoste» der 
St. Thomaskirche (1892/93), zum Bau einer dritten Kirche im Gebiete 
der Sl. Markusgemeinde 50 000 M. (im selben Jahre), endlich ein 
weiterer Zuschuß von 70 000 M. für die Emmauskirche. 
Richt minder interessant ist das Kapitel „Repräsentation". Ins 
gesamt wurden dafür 777 000 M. ausgegeben. Es entfielen davon 
175 000 M. für Ausschmückung der Straßen beim Besuch des Königs 
von Italien, 310 000 M. für den monumentalen Schloßbrunnen als 
Huldigungsgeschcnk au den Kaiser, 40 OM M. für Ehrenpreise zum 10. 
deutschen Bundesschießen, 10 3M M. Prämiierungen auf der deutschen 
Landwirtschaftliche» und der Märkischen Obst-Ausstellung, 5 300 M. für 
Herstellung eines Modells von den Bauausführungen am Mühlcudamm 
behufs Ausstellung beiin 5. Internationalen Binnenschiffahrts-Kongreß, 
endlich 26 000 M. für künstlerische Ausstattung des Ehrenbürgerbricses 
an I)r. Birchow und für Beschaffung der Bildnisse ovtt -vicchow und 
von Forckcnbcck. 
Rn Beiträgen zu Vereinen wendete die Kommune insgesamt 
1,7 Mill. M. in dieser Periode auf — wohl etwas wenig — an Unter 
stützungen insgesamt 105 000 M., für gemeinnützige Zwecke gar nur 
65 000 M. Das Märkische Provinzial-Muse um erforderte an Kosten 
86 000 M., die verschiedenen Ausstellungen (darunter mehrere auswärtige) 
zusammen 2700M M. Der Grundstück-Erwcrbungsfonds er 
forderte in den Jahren 1889—92 insgesamt 3 Mill. M., für Kunst- 
gewerbe beliefen sich die Aufwendungen auf nur 130000 M. Davon 
entfiel beinahe die Hälfte auf das Jahr 1894/95 mit 0,6 Mill. M., 
während 1892/93 keinen Posten dieser Art aufwies. Bekanntlich ist in 
dieser Beziehung seither eine entschiedene Wandlung zum anderen, wir 
dürfen wohl sagen zum besseren erfolgt. 
In diesen Bergen trockener Ziffern sicht das geistige Auge die ge 
waltige Aufmärtsbewegung der jüngsten Weltstadt. Trotz mancher 
Lücken, trotz des Zurückbleibens aus einzelnen Gebieten ist das lebhafte 
Tempo der Vorwärtsbewegung unverkennbar. Ja, es läßt sich bereits 
aus den groben Umrissen der Zahlen ablesen, deren Signatur stetiges 
Anwachsen der städtischen Aufwendungen auf- allen Gebieten bildet. 
Und wie reich verzweigt das Gesamtbereich einer derartigen Verwaltung 
ist, das lehrt auch diese Zusammenstellung. Wir gedenken von diesem 
Boden aus Streifzüge in einzelne wichtigere Ziveige der Berliner Ver 
waltung zu unternehmen und die beachtenswertesten Thatsachen zu 
samnieln. 
Allein ein Gedanke möge vorweg auf Grund dieses Thatsachen- 
maierials zur Diskussion gestellt werden. Der Etat der Reichshaupt 
stadt übertrifft an Größe bereits die Budgets der meisten deutschen 
Einzelstaate». Ist nun Groß-Berlin, die Einverleibung der Vororte in 
beträchtlichem Umfange, ein ausführbares Problem, wie auchwir annehmen, 
so erscheint es ganz undenkbar, ohne eine weitgehende Dezentralisation 
der Verwaltung eines so gewaltigen Gemeinwesens, die großen Aufgaben 
der Gegenwart und die größeren der Zukunft zufriedenstellend zu lösen. 
Eine Ueberfpannuug der Zentralisation, die beinahe jetzt schon be 
merkbar ist und mitunter Fortschritt und Initiative hemmt, würde sehr 
bedenkliche Folgen haben. 
Wer also diesem Problem näher treten will, wird auf Vorschläge zur 
Dezentralisation Bedacht nehmen müssen. Civis. 
Am 7. August Vor 120 Jahren wurde in Quedlinburg Karl 
Ritter geboren, der von 1820 bis zu seinem am 28. September 1859 
erfolgten Tod als Professor der Geographie in Berlin wirkte. Er gab 
der Geographie eine neue, wissenschaftliche Richtung. Sein Hauptwerk 
ist „Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und Geschichte des Menschen". 
Er war der erste Direktor der Berliner Gesellschaft für Erdkunde, die 
am 7. Juni 1828 ihre erste Sitzung abhielt und zu ihren Ehrenmit 
gliedern Männer zählte wie Baker, Bancroft, Besscl, Leopold von Buch, 
Cameron, Darwin, M'. Clinstock, Renan, de la Roucisre, Tyudall u. a. m., 
während zu den ordentlichen Mitgliedern, außer Ritter, Ehrenberg, 
Rachtigal, Lichtenstei», Barth, Dove, Kiepert, Bastian, Richthofen, 
Virchow, Henry Lauge und viele andere Körphäen der Geographie ge 
hörten und zum Teil noch gehören. 
Am 8. August vor 78 Jahren starb in Marseille der Berliner 
Dozent Friedrich August Wolf, der geniale Verfasser der „Prolegomena 
ad Homerum". Sein Leben und seine Schriften sind bekannt. Als 
ihn die Franzosen ans Halle vertrieben hatten, schrieb er an einen Un 
bekannten, vielleicht den Geheimen Tribunals- und Justizrat von Klein 
in Berlin, am 18. April 1807: „Glücklicher Weise gehöre ich unter die 
noch vom Schicksal Begünstigten, indem unser guter König (Friedrich 
Wilhelm III.) mir vor einigen Jahren eine bedeutende Zulage als 
Mitglied Ihrer Akademie aus deren Fonds anwies und dieser Fonds 
von unseren Nachbarn jenseit des Rheins geschont und erhalten ist. 
Letzteres bestimmt mich daher, das zweite Quartal, das mich eben der 
Rendant erwarten läßt, in Berlin selbst abzuholen und in einigen 
Tagen, wenigstens auf ein paar Wochen in Ihre Nähe zu kommen, ja, 
finde ich, daß es meinen Umständen entspricht, so möchte ich mich wohl 
für die nächste Zeit vielleicht ganz dort niederlassen. — Ich wünschte 
selbst jetzt, obgleich ich diesem Briefe sofort nachreisen werde, den ganzen 
Plan von Ihnen gegen jedermann verschwiegen zu sehen. Sie, innig 
verehrter Freund, sind der einzige, dem ich es sage, daß mein Entschluß, 
mich auf eine Zeitlang in Berlin niederzulassen, seiner Reife näher tritt." 
Wolf nahm daun au der Gründung der Berliner Universität lebhaften 
Anteil. 
Am 12. August vor 140 Jahren wurde dem preußischen Major 
Ewald Christian von Kleist in der blutigen Schlacht bei Kunersdorf 
das rechte Bein durch eine Kartätschenkugel zerschmettert. Bekanntlich 
erlag er dieser Verwundung nach mannigfaltigem Schicksal am 24. August 
früh 2 Uhr in Frankfurt au der Oder. Gerade vor 150 Jahren erschien 
sein „Frühling" und entzückte die deutsche Leserwelt, die seinen Tod um 
so mehr betrauerte. „Er hat sterben wollen!" schrieb Lcsflng an Gleim, 
und letzterer erhielt einmal von Kleist folgenden Brief; „Sie schreiben 
mir, daß es Ihnen graut, Nachricht zu erhalten, daß ich ini Kriege ge- 
tödtet oder verwundet worden. Sie müssen sich gewöhnen, diese Nachricht 
einmal mit kaltem Blut zu lesen oder zu hören. Wenn es geschehen 
sollte — woran ich aber sehr zweifle, denn ich hab in gewissen Stücken 
gutes Glück — oder Unglück, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll — 
so sollen Sie es lesen, und ich will Ihnen niciuen Tod selber ankündigen. 
Ich will, wenn ich eine Action vermuthe, vorher au Sie schreiben und 
meinem Kerl (Burschen) befehlen, daß er den Brief, im Falle ich bleiben 
sollte, sogleich auf die Post bringe, sonst aber nicht. Der Brief wird 
ansangen: Im Fall Sic dieses Schreiben erhalten, so bin ich todt re." 
Der Einfall ist doch lustig, daß man seinen Tod selber meldet; aber ich 
glaube, es wird nichts daraus, und Sie werden den Brief nicht be 
kommen. Geschieht es aber, so bin ich wohl daran. Ich bin so viel 
glücklicher, als wenn ich Sie überlebte. Ich freue mich auf den Tod, 
ivie ein Schiffer nach Sturm und Ungewitter auf den Hafen." 
*) Carl HeymannS Verlag, Berlin 1899. Mit Abbildungen Slv Seiten.
        
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