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Periodical volume 12.August 1899 Nr, 32

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Wesen in den mancherlei Regungen und Bewegungen des schwankenden 
Halmfeldes ihre vorübergehende Anwesenheit bekunden. Wogte letzteres 
im Windeswchen auf und nieder, so hieß es im bäuerlichen Munde: 
„die Wetterkayen sind im Getreide — die Wölfe jagen sich im Korn — 
die wilden Schweine wühlen im Korn" u. s. w. Man schrieb jenen 
mythischen Wesen ebenso wie den veränderlichen Naturgewalten des 
Windes und der Wolken bald eine fördernde, bald eine zerstörende 
Wirkung auf das zarte Wachstum zu. Obgleich die volkstümliche An 
nahme herrscht, das; in jeder Fruchtart des Feldes ein besonderer Dämon 
sein Wese» treibt, so werden sie doch im allgemeinen mit dem Gesamt 
ausdrucke „Korndämonen" belegt, weil eben der brotspcndcnde Roggen 
seit uralten Zeiten unserem deutschen Volke als das wichtigste Nahrungs 
mittel galt. 
Eines der gefurchtesten Wesen im hoffnungsvollen Getreidefclde 
war aber der menschengestaltige Bilwitz- oder Bilmesschneider, aus Neid, 
Tücke, Bosheit und Heimlichkeit zusammengesetzt und bei Verfolgungen 
unerreichbar, .Von außerordentlicher Magerkeit, trägt er einen Rock 
mit sehr langen Schößen und ein niedliches Hütchen von dreieckiger 
Form, Die Hände fast immer in den Rocktaschen verborgen haltend, 
geht er entweder um Walpurgis oder Johanni, wenn kein Mond am 
Himmel steht, schleichend hinaus zum halmbewogten Felde, unhörbar, 
unsichtbar, um hier das letztere nach allen Richtungen hin zu durch 
kreuzen, wobei mittelst einer am rechten Fuße befestigten haarscharfen 
Sichel breite Streifen in schadenfroher Manier niedcrgeschnitten werden. 
In dieser sündhaften Weise schändet der heimtückische Böscwicht die 
üppigen Getreidefelder im Voigtlande, in Bayern, Thüringen, Branden 
burg u, s. w,, und der volkstümliche Glaube an ihn reicht weit ins 
Altertum hin 
auf, Eigentliche 
Mittel zur Un 
schädlich 
machung des 
argen Plage- 
geistes giebt es 
so gut wie keine. 
Im nördliche» 
Bayern hing 
man wohl ani 
Gründonners 
tage geweihte 
Kränze zu seiner 
Abwehr an ei 
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deln herum und 
bezeichnete dann 
den etwa sich 
zufällig dem 
Scheunenthore 
sich nähernden 
Fremden als den 
schuldigen „Bil- 
messchnitter." 
Nach Witzschel 
hingegen banden Thüringens Bauern Dornen und Disteln in die ersten 
Ernlegarben und sprachen dabei: „Dornen und Disteln für den Binsen 
schneider, das Korn für mich!" 
Das niederdeutsche Gctreidegespenst ist weiblichen Geschlechts und 
wird „die Kornmutter" genannt, auch wohl als „Roggenmuhme" be 
zeichnet. Als emsige Beschützerin der fruchtgcfüllten Aehreu raubt dieses 
im fahlen Schleier und mit eisernen Brüsten erscheinende Roggenweib 
die halmzertretcnden Kinder, welche sich beim Blumenpflücken zu weit 
ins Getreide wagen. Ein reizendes Bild ihrer ganzen Elfenwirtschast 
giebt der gemütvolle Jmmermann in „Tristan und Isolde", und Kopisch 
ruft im Hinblick auf die sagenhafte „Alte" aus: 
„Laß stehn die Blume! 
Geh nicht ins Korn! 
Die Roggenmuhme 
Zieht um da vorn. 
Bald duckt sie nieder, 
Bald zuckt sie wieder: 
Sie wird die Kinder fangen, 
Die nach Blumen langen!" 
Daß diese geisterhafte Feldgestalt ursprünglich ein holdes und gutes 
Wesen war, geht aus einer nicht geringen Anzahl deutscher Erntebräuche 
hervor, welche zugleich in ihren hauptsächlichsten Zügen unzweideutig 
darthun, daß cs sich um die vielgenannte „Frau Holle", jene alt- 
germanische Göttin Hulda, handelt. Man kennt sie meistens als „die 
Alte" und läßt ihr iu norddeutschen Gauen beim Mähen des Kornfeldes 
wohl einen kleinen Halmrest in opferwilliger Weise stehen und spricht 
dabei im betenden Tone: 
„Wir geben's der Alten, 
Sie soll es behalten. 
Sie sei uns im nächsten Jahr 
So gut, wie sic es diesmal war," 
So berichtet Mannhnrdt in seinen „Korndämonen" (S. 22), und 
Witzschel erzählt, daß bei Völkeshansen in Thüringen sorvie im Fclde- 
grnnde die mit Laub und Blumen geschmückte Erntepuppc für „die 
gute Frau" stehen bleibt, welche wiederum bei Saldern unweit 
Wolfenbüttel als „die Kornjungser" und in Tyrol sogar als „Braut" 
tituliert wird. 
Gewisse böse Geister, die man sich in Gestalt von Mäusen, Wieseln, 
Raupen u, s, w, auf dem halmbewachsenen Acker schadenstiftcnd 
dachte, wurden auch wohl mit Feuer, Rauch, lautem Lärm, Fliutcn- 
schüssen u, s. w. zu vertreiben gesucht. Ein altes Buch vom Aberglauben 
empfiehlt dem vorsichtigen Landmann, am Walpurgisabende dreimal 
über die halmigen Felder hinwegzuschießen, damit die verderbenbringenden 
„Hexen" de» sprossenden Ackerbeständen nicht zu schaden vermochten. 
Aber auch „von oben herab" droht den hoffnungsvollen Aehren schweres 
Unheil, Mit dem Erscheinen des heißen Sommers ziehen bekanntlich 
auch hin und wieder )chwere Gewitter herauf, und da erstreckt sich so 
mancher Wunsch des vielgeplagten Landmannes auf das „gnädige" 
Vorübergehen des wütenden Unwetters an den leicht zerstörbaren 
„Früchten des Feldes". In katholischen Ländern werden heute noch 
zur Zeit des Getreidekürnens gewisse Flurumgänge und Prozessionen 
veranstaltet und am Palmsonntage geweihte „Palmen" sWeidcn- 
zweige) zum Schutze gegen Verheerungen durch „Wind und Wetter" 
zwischen die Halme gesteckt. Nicht minder verbreitet ist das Läuten 
mit geweihten Glocken zur Abwendung vernichtender Blitz- und Hagel- 
schläge, In ländlichen Ortschaften Siebenbürgens soll es sogar noch 
zauberkräftige Frauen geben, von denen nian glaubt, daß sie die segen- 
bcrgeiidcn Aehreu gegen jegliches Unwetter zu schützen vermögen, wofür 
sie dann nach be 
schlossener Ernte 
von jedem Be 
sitzer eine Ver 
gütung in Form 
von Körner 
früchten erhal 
ten. Nach oldcu- 
burgischerVolks- 
mcinung kann 
heranziehendes 
Hagelwetter so 
fort gebannt 
werden, wenn 
der Landmann 
dreiEisbröckchen 
desselben auf 
sängt und sie in 
seinen Busen 
steckt. Ja, ein 
in den Acker ge 
bohrtes Messer 
hat eine gleiche 
Kraft, wie man 
in Bayern 
glaubt, 
Uni ein ern 
st findlichesHeim- 
suchen des Ge 
treidefeldes 
durch Vögel, 
Mäuse, Unge 
ziefer u. s. w, zu 
vermeiden,ken»t 
das biedere 
Landvolk auch 
allerhand Mittel 
und Wege, So 
hält man in Böhmen die geftäßigen Sperlinge vom gereisten Halm- 
segen fern, wenn man einen Span von solchem Holze, aus dem ein 
Sarg gezimmert wurde, in den Acker steckt oder einen Totenknochcu 
vom Kirchhofe auf das Gesimse der Scheuer legt. „Wer das Halmfcld 
gegen Vogclfraß sichern will, gehe morgens ganz früh auf den Acker, 
ziehe sich nackend aus, gehe dreimal um das Getreide, bete das Vater 
unser, dann ziehe er sich wieder an, mache etwas Schwefeldamps, nehme 
eine Kornähre in den Mund und komme, ohne jemanden zu sprechen, 
geradeswegs nach Hause," (Vergl, Heinrich, Agrarische Sitten der 
Siebenbürger Sachsen, S, 14.) Gegen bodenzerwühlende Maulwürfe 
werden hier und da in die Gänge derselben Hollunderzweigc gesteckt, 
„weil der Geruch des Hollunders de» Maulwurf tötet", und zur Abwehr 
der lästigen Feldmäuse säet der siebeubürgischc Landmann Hanfabfälle 
zwischen das Getreide, Böhmische Oekonomen streuen die Saatfrucht 
des Wintergetreides vielfach abends auf den gepflügten Acker; denn 
in diesem Falle „kommen keine Feldmäuse in die Saat," 
Eine wichtige Rolle im deutschen Volksglauben spielt auch die 
körnerbcrgeude Aehre selbst. Wenn man z. B, im Frühlinge die drei 
zuerst erblickten Kornähren durch den Mund zieht, so bleibt man das 
Jahr hindurch vor jeglichem Fieber befreit, wie in Nord- und Mittel 
deutschland behauptet wird. Die leichtgläubigen Landbewohner des 
Erzgebirges und Böhmcrwaldes meinen beim Vornehmen derselben 
Handlung vor Leibesschäden und Schlangenbiß bewahrt zu bleiben, 
während wiederum der biedere Thüringer damit bösartigen Zahn 
schmerzen vorzubeugen sucht. Fast allgemein ist aber die landläufige 
Meinung, daß jeder, der das gedachte Experiment ausführt, „immer 
Brot haben wird," was übrigens schon der Fall ist, wenn man von 
Kornähren die Blüten abstreift und verschluckt, sSchlcsieu, Thüringen). 
„Die drei ersten reifen Aehren, die jemand im Sommer auf dem Acker 
findet, können ihm die beste Herbstaussaat verkünden. Er muß sic 
nämlich stillschweigend abbrechen und so in die Erde einlegen, Kommt 
aus der ersten Aehre der krästigste, vollste Wuchs, so hat er frühe mit 
Bad Röfen.
        
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