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Periodical volume 12.August 1899 Nr, 32

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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An der Pforte des Saalethals. 
8 Aon der Höhe des Naumburger Bürgergartens aus dringt der Blick 
j£ des Schauenden über die vier Türme des alten Domes hinweg 
direkt in das rebenumwallte Unstrutthal mit seinen freundlichen Dörfern 
und der kraftvoll emporstrebenden alten Veste Frciburg, die dem zu 
ihren Füßen liegenden Städtchen den Namen gegeben hat. 
Frciburg bietet, trotz seines kleinen Umfanges, dem Touristen eine 
Menge reizvoller Sehenswürdigkeiten. Die Burg selbst (btc Ncuenburgf ist der 
Schauplatz vieler historischer Begebenheiten gewesen, die durch die deutsche 
Sage poetische Ausschmückung erfahren haben. Gebaut wurde sie von 
Ludwig dem Springer 1062, der sich in die schöne Gemahlin des Pfalz 
grafen Friedrich III. von Sachsen, Adelheid von Stade, verliebte und 
deren Gatten auf einer Jagd ermorden ließ, um sich in den Besitz der 
schönen Frau zu setzen. Vom Kaiser in die Reichsacht erklärt und ge 
fangen genommen, wurde er auf das feste Schloß Giebichcnstein gesetzt. 
Seine Flucht nach zwei Jahren durch einen kühnen Sprung vom Fenster 
des Gesäugnisses in die Saale verschaffte ihm den Beinamen „der 
Springer".' Er ist später als Mönch in dem von ihm zur Sühne des 
Mordes erbauten Kloster Reinhardsbrunn gestorben, während Adelheid 
Doppel-Kapelle im Schloß zu Neuenburg. 
auf Weißenburg, der Residenz ihres ersten Gatten, die sic in ein Nonnen 
kloster supplicium (jetzt die Ortschaft Zscheiplitz an der Saale) ver 
wandelt hatte, ihr Leben als Nonne beschloß — ein Drama voll blutiger, 
echt mittelalterlicher Tragik. — Unter den Nachfolgern des Springers 
ist besonders Ludwig IV., „der Eiserne", von Sagen umwoben. Eine 
Empörung seiner Vasallen bezwang er mit eherner Energie, und spannte 
zur Strase je vier Edelleute an einem Pflug, mit dem sie einen großen 
Bergacker pflügen mußten. (Durch eine kleine Schlucht von der Frei 
burg geschieden führt dieses Feld noch heute den Namen „Edclacker".) 
Aus Furcht vor seinen Vasallen trug der Landgraf seitdem stets einen 
eisernen Panzer, der sich noch jetzt auf der Wartburg befindet, und der 
ihm den Beinamen „der Eiserne" gegeben hat. Im Jahre 1170 empfing 
er den Besuch seines Schwagers, des Kaisers Friedrich I., der seine 
Verwunderung darüber äußerte, daß der sonst wohlgebauten Frciburg 
eine Mauer fehle. Ludwig antwortete, daß er binnen drei Tagen eine 
solche von Eisen herstellen werde. Am dritten Tage erblickte der Kaiser 
diese Mauer: sie bestand aus den gewappneten Grafen und Herren 
Ludwigs, die rings um die Burg aufgestellt waren. Dieser Begebenheit 
verdankt die Sage von der eisernen Mauer ihre Entstehung, wie 
Ludwig auch der Held der bekannten Volkssage vom Schmied von 
Ruhla ist. — Einer der spätere» Besitzer der Frciburg, Ludwigs IV. 
zweiter Sohn, Hermann I., 1190—1515, war es übrigens auch, der 
den Sängerkrieg auf der Wartburg abhielt, dessen Schwicgerlochtcr 
wiederum die heilige Elisabeth war. Auch in der Geschichte von 
Heinrich Raspe, dem Gegcukünigc Friedrichs II., spielte die Freiburg 
eine Rolle. Jetzt ist die Burg der Sitz eines königlichen Reut- und 
Oekouomie-Amtes. Aber die Altertümer, die sie birgt, sind wohl 
erhalten, besonders die kunstvoll ausgeführte Doppelkapcllc und der 
zweihundert Ellen tiefe Brunnen, den der Führer aus Wunsch durch 
hinabgelassene Lampen erhellt, um seine Tiefe zu zeigen. Von dem 
157 Fuß bohen Schloßturm hat man bei klarem Wetter eine prachtvolle 
Aussicht bis Jena, Halle, Leipzig, auch lassen sich Brocken und Kyff- 
häuser erkennen. 
Zur Stadt herniedcrstcigend, gelangt man an das unmittelbar am 
Schloßberge gelegene „Jahnhaus", das der Turnvater Jahn von 1829 
bis zu seinem Tod 1852 in der Verbannung bewohnte: jetzt ist es eine 
Restauration. Aber sein Andenken wird in Freiburg liebevoll gepflegt: 
ein prächtiges, in modernem Stil gebautes Jahn-Museum enthält seine 
und seiner Gattin Gebeine, und ist mit zahlreichen Erinnerungen an 
den Schöpfer der deutschen Turnkunst gefüllt. 
Ein paar Schritte weiter — und ein anderer, noch modernerer 
Bau fesselt die Aufmerksamkeit der Touristen: die deutsche Schaumwein- 
fabrik von Kloß & Förster mit ihren großartigen Anlagen. Der Fremde 
wird hier in der liebenswürdigsten Weise überall herumgeführt, in die 
fünf Etagen tief in die felsige Ecke hineingebauten, riesigen Keller mit 
ihren Unmengen von Flaschen und Fässern, deren größtes 120 000 Liter 
hält, mit ihrem großartigen Betrieb. Der Liebhaber deutschen Sektes 
hat hier Gelegenheit, die Entstehung des perlenden Getränks kennen zu 
lernen, das ihm vielleicht schon einmal ein Freund in trüber Stunde, 
ein Sorgenbrecher und Frohmacher geworden ist. 
Schlägt man von Naumburg saälaufwärts gehend den landschaftlich 
reizvollen Spaziergang über Allmcrich nach Küsen ein, so stößt man gar 
bald kurz vor dein Bergvorsprung, der sich quer durchs Thal lagert, 
auf einen Komplex von Gebäuden, die umhegt von frischem Waldes 
grün in lauschiger Einsamkeit ein idiillischcs Traumdasein zu führen 
scheinen. Aber dieser Schein trügt: nirgendswo wird wohl mehr ge 
arbeitet, als in dieser beschaulichen Zurückgezogenheit. Es ist Schul- 
pforla, die ans einem Cistercicnser-Kloster durch den Kurfürsten Moritz 
von Sachsen am 2l. Mai 1543 in eine Bildungsstätte deutschen Geistes 
umgewandelte Landes- und Fürstcnschule. Aus kleinen Anfängen 
hervorgegangen ist diese Schule jetzt eine Zierde der preußischen Lehr 
anstalten, und als pädagogische Musteranstalt sogar im Auslande ge 
würdigt. Männer wie Klopsiock, Fichte, Chr. G. Ehrenberg, Aug. Meinicke, 
Leopold von Ranke, Fr. W. Tiersch, C. R. Lepsius haben hier ihre 
wissenschaftliche Erziehung genossen und den Ruhm Psortas mit hinaus 
getragen. Die Schüler „Alumnen", zweihundert an der Zahl, erhalten 
hier neben wissenschaftlicher Ausbildung auch eine vorzügliche körperliche 
Pflege durch Turn-, Schwimm-, Tanzunterricht und Ausflüge. — Unter 
den von einer hohen alten Mauer umgebenen Baulichkeiten der Anstalt 
ragt besonders die Kirche hervor: in den fünfziger Jahren unter ge 
treuem Festhalten aller Einzelheiten ihres altgotischen Stils ist sie eine 
architektonische Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Eine Zierde derselben 
ist das prachtvolle Altnrgemälde des Düsseldorfer Malers W. Schadow, 
welches den Heiland mit Petrus und Johannes darstellt. — Der hinter 
Pforta sich erbebende „Knabenberg" bietet eine herrliche Aussicht, die 
von Jena bis Weißenfels und Frciburg an der Unstrut reicht; an seinem 
Fuß liegt die „Klopstockquclle", eine übermnuerte Quelle, an der Klopstock 
als Alumnus an der Mefsiade gearbeitet haben soll. Seinem Gedächtnis 
ist in der steinernen Einfassung der Quelle ein Bronze-Relief mit seinem 
Bildnis gewidmet: er selbst widmete der Schule zur Erinnerung ein 
Prachtexemplar seiner Mefsiade, das als Reliquie in der Schulbibliothek 
verwahrt wird. 
Und nun durch die „Windlücke" aus sanft niedcrsteigender Land 
straße vom „Knabenberge" zur „Kinderstube Berlins!" 
„Berlins Kinderstube" hat man mit einem Scherzwort das Sool- 
Bad Küsen genannt, da in erster Reihe die Reichshauptstadt einen Teil 
ihres Kindersegens zur Auffrischung in seine Berge schickt. Daß diese 
Kinderstube eine gesunde ist, das bezeugen die geröteten Wangen der 
kleinen Großstädter, wenn sic nach der uiigemessenen Freiheit der Ferien 
aus Kösener Wäldern wieder auf den Asphali Berlins zurückkehren. 
Ganz besondere Anziehungskraft übt Kösen auf die akademische 
Jugend aus, deren Wnnderziel meist die nahegelegene Rudelsburg mit 
ihrer Romantik und — ihrem Lichtcnhainer Bier ist. Von Jena, Halle 
und Leipzig ziehen au Sonn- und Feiertagen Scharen buntmütziger 
Jünger der Wissenschaft heran, burschikoses Treibe» herrscht in dem 
verwitterten Burghofe und mit Staunen sieht der „Philister" auf die 
freucht-sröhliche Gymnastik, die dem Humpcnstechen der einstigen Burg- 
mannen nichts nachgiebt. Den Gipfelpunkt erreicht die studentische 
Machtentsaltung aber in den Pfingsttagen, wo der Kongreß des „Kösener 
Seuioren-Convent-Berbandes" (Kösener S.-C.-V.) im Gasthaus „Zum 
Mutigen Ritter" abgehalten wird, zu dem die Korps der meisten deut 
schen Universitäten ihre Vertreter entsenden. Da drängt sich am Pfiugst- 
heiligabend ganz Kösen, Einheimische und Badegäste, dem Eommcrs im 
„Mutigen Ritter" zuzuschauen. Bewundert werden des Fuchsmajors 
schneidig Walten, das Welttrinkcn der Füchse der einzelnen Korps und 
die „steigenden Cantus". Am folgenden Pfingsttage dann ist auf der 
Rudelsburg die Fuchstaufe. Im Burghof drängt sich eine bunte Menge, 
die kaum den nötigen Raum für die „Hohle Gasse" läßt, die von dem 
Füchsleiu dreimal durchmessen werden muß, um die Taufe aus Kännchen 
und Glas, von Tisch und Bank, ja hoch vom Gemäuer herab zu 
empfangen. 
Zahlloser Wallfahrer Ziel ist die Rudelsburg von jeher gewesen 
und unzählige Male ist sie besungen worden. Eine urkundliche Nach 
richt über ihre Gründung existiert nicht: nur so viel läßt sich annehmen, 
daß sie im Jahre 1040 noch nicht vorhanden war. Ruthelebesburch, 
Rothleibisberg, Rottilsberg sind die alten Formen des Namens. Sie 
deuten an, daß da, wie sie steht, Wald (Laube) geordnet worden ist. 
Mit einem Rudolf hat die Rudelsburg dagegen nichts zu thun: es ist 
eine Fabel, daß Rudolf von Habsburg die Veste errichtet habe: als 
dieser Kaiser regierte (1273—1291), stand die Burg längst. Wahrscheinlich 
ist, wie das benachbarte Saaleck im „wo l sic n Jahrhundert von den 
Markgrafen von Meißen gegründet, um die, das Thal durchziehende 
Landstraße zu schützen. Die Burgmannc', der Beste waren hörige Kriegs 
leute, lebte» jedoch adelig. Und als in der Blüte des Mittelalters der
        
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