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Periodical volume 12.August 1899 Nr, 32

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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3 Uhr 15 Min. nachts. 
Kurz vor zehn Uhr gestern abend war ich hier in Schildbach an 
gekommen und im Hotel „Zum Hafen", dem einzigen Hotel der kleinen 
Stadt, eingekehrt. Ich glaubte natürlich, Johannes würde mir nach 
kommen. 
Er kam aber nicht. Um 3 / 4 H Uhr war er noch nicht da. 
Oh, Mia, was für eine Angst kam da über mich! Wenn ilnn 
etwas zugestoßen war . . . und ich hatte ihn verlassen ... in stock 
finsterer Nacht ... in einer wildfremden Gegend ... in einem un 
heimlichen Walde . . . 
Es soll hier viel 'Wilddiebe geben! 
Um 10 Uhr 55 Min. telegraphierte ich an Papa, was ich thun 
solle. Eine Stunde wartete ich auf Antwort, eine ganze Stunde. Dann 
kam sie: „Suchen!" 
Sie fiel wie ein Lichtstrahl in meine Seele. Sie gab mir Mut, sie 
gab mir Thatkraft. Ich ging zu dem Besitzer des Hotels „Zum Hasen" 
hinunter und sagte ihm alles. Ich bat ihn um Hilfe. Ganz gleich- 
giltig, was es koste. 
Zum Glück waren in dem Restaurant, das zum Hotel gehört, noch 
Gäste, meist Ackerbürger aus der Stadt, fünfzehn Mann. 
Der Hotelier meinte, sic würden bereit sein, Hans zu suchen, wenn 
sie gut bezahlt würden. Auch der Ortsdicner würde sich dann beteiligen 
und der Förster. 
Wir machten also für den Ortsdicner und den Förster als Führer 
je 20 Mark ab, für jeden anderen 10 Mark. Zur Sicherheit für die 
guten Menschen hinterlegte ich die 170 Mark gleich beim Hotelier. 
(Welch ein Glück, daß ich während der Hochzeitsreise die Kasse führen 
sollte!) 
Und dann machten sie sich auf, es war fünf Minuten vor 1 Uhr, 
mit Hunden und Laternen. Und nun suchen sie seitdem den Wald ab 
zuteilen; ausgenommen natürlich Deinem Manne. Denn in der wahren 
Ehe muß zwischen Manu und Frau unbeschränktes Vertrauen herrschen, 
sagt Hans. 
Und hat er darin nicht recht? Unser ganzes Mißgeschick beruht ja 
eigentlich darin, daß er gleich nach unserer Verlobung von Winkelsbühl 
fort mußte. Wenn wir zusammengeblieben mären, hätte er es mir ja 
gar nicht vorspiegeln können, daß er radeln gelernt habe. 
Wir sind also beide nicht schuld! schuld ist allein seine vorgesetzte 
Behörde, die ihn damals so plötzlich versetzte. 
Augenblicklich schläft er. Er ist so müde, so zerschlagen, der Arme. 
Er war es schon, als er zur Hochzeit kam. Und nun noch dazu diese 
Tour, und zuletzt hat er zu Fuß gehen müssen, den ganzen Weg, in 
dem Zustande! 
Als er schon fast nicht mehr weiter konnte vor Müdigkeit, hat er 
sich neben der Chaussee unter einen Busch gesetzt, um sich einen Augen 
blick auszuruhen. Nur eine» Augenblick, dann wollte er gleich weiter. 
Er dachte es sich ja, daß ich so sehnsüchtig auf ihn wartete. Und da 
muß er eingeschlafen sein. Erst als die Sonne aufging, wurde er wach 
und merkte, daß der Busch, unter dem er geschlafen hatte, unmittelbar 
neben dem Thore von Schildbach stand. 
Und dann kam Hans ins Hotel nnd zu mir .... 
Und wir haben uns miteinander ausgesprochen, und er hat mir 
alles verziehen. Alles, Mia, alles! Und dann wurde er wieder müde, 
nnd ich habe ihm noch eine frische Kompresse gemachl, und nun schläft 
er, und draußen laufen wohl noch immer die Leute im Walde umher, 
und klopfen mit den Stücken gegen die Bäume und rufen „Hans!" 
6 Uhr nwrgens. 
Eben war Papa hier. Es hat ein furchtbares Donnerwetter gegeben, 
als er alles erfuhr. Ich habe aber Hänschen nicht geweckt. Es ist Pflicht 
einer guten Frau, ihrem Manne alles Unangenehme möglichst zu erspare». 
Srhlotz Neuenburg bei Frriburg. 
(Zum Artikel „An der Pforte des Saalctyalö."- 
nnd klopfen mit Stöcken gegen die Bäume und rufen von zehn zu zehn 
Schritte: „Hans!" 
Oh, Mia, wie gern wäre ich mitgegangen und hätte auch „Hans" 
gerufen! Aber ich konnte es nicht. Meine Füße sind wie gelähmt, und 
meine Stimme ist ganz schwach. 
Glaubst Du, daß sie ihn finden werden? 
Oh, Mia, wenn sie ihn finden, wenn er wiederkommt, dann will ich . . 
4 Uhr nachts. 
Eben hat Papa telegraphiert, daß er kommt. „Komme! Donner 
wetter!" hat er telegraphiert. 
Ach, das Donnerwetter will ich ja gern hinnehmen, wenn nur 
Hänschen erst wieder da wäre! 
Aber er wird wohl nicht kommen. Er wird mich nicht mehr lieb 
haben. Kann ein Mann eine Frau lieb habe», die ihm am ersten 
Tage der Ehe sagt, daß sic ihn nicht geheiratet haben würde, wenn sie 
gewußt hätte, daß er nicht radeln kann? 
Es ist unmöglich, ei» Mann, der Ehre hat, kann das nicht! Und 
Hans hat so viel Ehre! Er ist der ehrenhafteste Mensch, den ich kenne. 
Und dabei ist er so gut, so himmlisch gut! Würde er sonst in die 
Hochzeitsreise per Tandem überhaupt eingewilligt haben? 
Aber ich bestand so eigensinnig darauf! Und da dachte er wohl: 
„Mein Gott, warum soll ich dem kleinen, kindischen Frauchen den Spaß 
nicht machen?" 
Tenn die ganze Geschichte ist doch eigentlich unglaublich kindisch! 
Das kommt aber davon, daß ich immer das einzige Kind zu Hanse 
ivar, und daß Papa und Mama uiich immer so verwöhnt haben, daß 
sic mir alles gegeben haben, was ich verlangte! Ist es da ein Wunder, 
wenn mau auf solche excentrische Geschichten verfällt? 
Aber, wenn Hans zurückkehrt, dann will ich . . . 
5*/ü Uhr morgens. 
Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich Dir diesen Brief 
überhaupt zugehen' lassen soll. Denn eigcnllich ist die ganze Sache 
doch ungeheuer lächerlich, sagt Hans. Aber ich werde ihn doch ab 
sende»! nur mußt Du mir das Versprechen geben, ihn niemand mit- 
Nachdem Papa drei Kognak, der Kutscher fünf Nordhäuser getrunken 
nnd die Pferde etwas Hafer bekomnien haben, sind sie wieder nach 
Haus gefahren. 
Und nun will ich auch ein wenig schlafen. Gute Nacht! Oder 
vielmehr: guten Morgen! ' Deine glückliche Wiwi. 
6 V 4 Uhr morgens. 
Ich mache den Brief noch einmal auf. Gerade als ich ihn geschlossen 
hatte, kamen die Leute aus dem Walde zurück. Sie haben Hans natürlich 
nicht gefunden. Aber ihr Geld haben sie doch bekommen, und nun 
trinken sie unten Kaffee, und ihr Lachen dringt zu mir herauf. 
Sie scheinen sich gut zu amüsieren. 
Uebrigens noch eins, Liebste. Der Gedanke an den D. R. K. 
„Germania" drückt mich schwer. Ich habe doch das Statut wegen der 
Hochzeitsreise auf dem Tandem unterschrieben. Was soll ich nur thun? 
Die Obige. 
(Telegramm.) Schildbach, 11. Juni 1899. 12 Uhr 50 Min. N. 
Vorstand D. R. K. „Germania"' Winkelsbühl. 
Erkläre hiermit Austritt aus Klub. Tandem folgt zurück. 
Luise Weiland geb. Stechlin. 
» » 
* 
(Ansichtspostkarte Nr. 8.) 
Bahnhofsrestaurant Werkuhncn, 11. Juni 1899. 
5 Uhr 10 Min. nachmittags. 
Liebste, beste Mia! 
Nach dreistündiger Eisenbabnfahrt hier 15 Minuten Aufenthalt. 
Die gute alte Eisenbahn! Sie ist doch sehr nett! 
Herzl. Grüße von Haus zu Haus! .... Wiwi. Hans.
        
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