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Periodical volume 12.August 1899 Nr, 32

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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fertig bezieht. Die Konditorei bietet infolgedessen mehr Auswahl 
im Gebäck und wird von denen mehr besucht, denen es um Kuchen 
mehr als um Kaffee oder dergleichen zu thun ist. Aber einige alte 
Konditoreien haben sich schon mehr und mehr nach dem Kaffeehaus 
mäßigen hin entwickelt. So das Jostysche Lokal am Potsdamer 
Platz, von dessen geräumigem Borgarten, auch Terrasse genannt, 
man an den Sommernachmittagen den lebhaften Verkehr zwischen 
Leipziger- und Potsdamerstraße, vom und zum Tiergarten n. s. w. 
beobachten kann, ein beliebter Ruhepunkt für die Spaziergänger. 
Mehr Konditorei als Cafe dagegen ist das alte Kranzlersche Lokal, 
gegenüber dem Cafe Bauer, noch jetzt ein bevorzugter Verkehr für 
die Flaneurs der „Linden", für die Spvrtswelt u. a., dessen 
schmaler, für nur wenige Personen ausreichender, mit einem leichten 
Geländer versehener Borranm noch immer von den Passanten be 
lächelt wird — so lange bis diese selbst auf diesem raren Terrain 
einmal einen Beobachtnngspnnkt finden. 
Ein lebhafter Nachmittagskaffeeverkehr entwickelt sich auch in 
den alten historischen „Zelten" und ihren nicht so beschränkten 
Vorgärten, wo die Spaziergänger des Tiergartens, Männlein und 
Weiblei», einzeln und in Familie, sich gern ein Stelldichein geben, 
beim Klange der verschiedenen, oft genug ineinandertönenden Konzert 
kapellen. Hier trösten sich auch gern diejenigen über ihr Miß 
geschick, denen es nicht vergönnt war, zur heißen Sommerszeit den 
Berliner Staub von den Füßen zu schütteln und draußen irgendwo 
in einem Kürbause oder Knrgarten sich zu erholen für die folgende 
Herbst- und Wintersaison. 
Friedrich Rudolf Ludwig von Canitz 
(Gestorben am l j. August ^699-) 
Von 
Paul Seliger. 
n der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts sah es 
trübe mit der deutschen Litteratur aus. Das Land erholte 
sich nur mühsam von den Leiden des dreißigjährigen Krieges, in 
dem der Sinn für Poesie vor der furchtbaren Wirklichkeit voll 
ständig verschwunden war; und wo er sich nach Eintritt geordneter 
Zustände schüchtern wieder hervorwagte, wurde die Beschäftigung 
mit der Dichtkunst zunächst nur als ein Mittel angesehen, die 
Muße, welche die Berufsgeschüfte ließen, auf würdigere Art aus 
zufüllen als mit Zechgelagen, Spiel und Jagd. Der niedere 
Standpunkt der damaligen Litteratur ergiebt sich danach von selbst: 
davon, daß die Poesie wie gstc Kunst Selbstzweck ist, war keine 
Rede, und daraus erklärt sich der rein verstandesmäßige Charakter, 
den die damalige Litteratur samt und sonders an sich trägt. Von 
irgend einem Schwünge/ist nirgends etwas zu bemerken, es wird 
— zumeist auch noch sin engem Anschluß an auswärtige Muster — 
schlecht und recht'gereimt, und nur selten findet sich ein Ansatz zum 
angemessene^^ Ausdruck einer wahren, tiefen Empfindung sam 
meisten.--koch in religiösen Dichtungen) oder zu einer glücklichen 
Charakteristik. 
Es ist kein Zufall, daß diese Art von Poesie vielfach in den 
höher stehenden Kreisen gepflegt wurde. Aus diesen ging auch 
Canitz hervor, dessen Bedeutung darin beruht, daß er einerseits im 
Gegensatz zu der Lüsternheit und dem übertriebenen Schwulste der 
zweiten schlesischen Schule daraus bedacht war, wieder zu dem 
ernsten und schlichten Geiste zurückzulenken, der Opitz erfüllt hatte, 
und andererseits durch seinen engen Anschluß an Boileau und den 
französischen Geschmack im allgemeinen vorwärts auf Gottsched 
hinweist. 
Friedrich Rudolf Ludwig von Canitz wurde am 27. No 
vember 1654 zu Berlin geboren. Da sein Vater schon vorher ge 
storben war und die Mutter sich bald wieder verheiratete, so wurde 
der Knabe von seiner Großmutter, Frau von Burgsdorf, erzogen. 
Mit siebzehn Jahren bezog er die Universität Leiden, um die Rechte 
zu studieren, und setzte dann seine Studien in Leipzig fort, wo er 
1674 unter Thomasius Vorsitz eine historisch-politische Dissertation 
Do cautelio principum circa colloquia et eongressus mutuos 
verteidigte. 
Schon auf der Schule hatte er Verse gemacht: 
In meinem Schüler-Stand, auf den bestaubten Bänken 
Hub sich die Kurtzwcil an, 
sagt er selbst in seiner Satire „Von der Poesie," freilich, um ein 
paar Verse weiter zu gestehen: 
So ward mir aller Fleiß durch Reimen unterbrochen. 
In Leipzig erhielt diese Neigung neue Nahrung durch den 
Verkehr mit Zapfe, der als Hofmeister eines Studenten dort lebte 
und mit dem Canitz Freundschaft fürs Leben schloß. Beide 
teilten einander ihre dichterischen Versuche mit und förderten sich 
durch gegenseitige Kritik: im Wettstreit unternahmen sie häufig 
Uebersetzungen eines und desselben Stückes. 1675 kehrte Canitz 
nach Berlin zurück und trat kurze Zeit nachher, begleitet von dem 
kurfürstlichen Sekretär Weiß, die damals übliche große europäische 
Reise an, die ihn nach Italien, Frankreich, England und den 
Niederlanden führte. Einen besonders starken Eindruck hatte er 
von Frankreich erhalten: aus Lyon, also noch ehe er Paris kennen 
gelernt hatte, schrieb er an Zapfe: 
Komm, komm! und laß dich nichts von dem Beginnen lenken. 
Das du so löblich itzt nach Frankreich hingcricht. 
Du darfst nicht an Gefahr noch Hinderniß gedenken. 
Hier bey den Lilien merkt man die Dornen nicht. 
Soll dich ein schönes Land und muntres Volk vergnügen, 
So komm ans Tageslicht, du tappst noch in der Nacht: 
Du kannst hier nähern Kaufs die edle Freyheit kriegen. 
Als dort, wo Erbar-thun sie war, zur Unzeit macht. 
Die Aermsten! welche noch in blinder Einfalt leben. 
Die sich osit schlechtes Glas für Diamant crwehlt, 
Die immer noch, wie vor, an schnöder Erde kleben, 
Darunter ich mich selbst vor diesem mitgczehlt. 
Bald nach seiner Ankunft in Berlin wurde er vom Großen 
Kurfürsten zum Kammerjunker ernannt und begleitete diesen in 
den pommerschcn Feldzug, wobei er au der Belagerung Stettins 
teilnahm. Hier traf er Zapfe, der gekommen war, den Freund zu 
besuchen. Die Belagerung zog sich indes in die Länge: unter den 
brandenburgischen Truppen brach eine ansteckende Krankheit aus, 
von der auch Canitz und Zapfe befallen wurden. Sie kehrten des 
halb nach Berlin zurück und verlebten längere Zeit in dem an 
regendsten Verkehre. Zapfe hatte litterarische Verbindungen in 
Paris und stand zu Boileau selbst in Beziehungen. Dieser wurde 
maßgebend für Canitz' litterarische Thätigkeit. Unser Dichter über 
setzte Boileaus Satiren (bic Uebersctzuug der fünften ist erhalten), 
und blieb auch bei seinen eigenen Versuchen in dieser Dichtungsart, 
die er zuerst in Deutschland einführte, ganz von dem französischen 
Muster abhängig 
Doch diese Muße dauerte nicht lange. 1678 mußte er den 
Kurfürsten abermals nach Pommern, und 1679 nach Preußen 
begleiten. 1681 vermählte er sich mit Dorotha von Arnim, einer 
geistig und sittlich gleich hochstehenden Frau, die regen Anteil an 
seinen dichterischen Arbeiten nahm. Im Herbst wurde er vom 
Kurfürsten nach Potsdam berufen und zum Hof- und Legationsrat 
ernannt. Damit beginnt Canitz' diplomatische Thätigkeit, die ihn 
in der Folge viel in Anspruch nahm. Zweimal, 1682 und 1684, 
wurde er an die rheinischen Höfe gesandt, um im Interesse des 
Friedens mit Frankreich zu wirken, 1685 nach Hamburg, wo 
Streitigkeiten zwischen dem Bürgermeister Meurcr und der Bürger 
schaft ausgebroche» waren, und wo die Gefahr bestand, daß die 
benachbarten Fürsten, der Herzog von Celle und der König von 
Dänemark, von denen der erstere für den Bürgermeister, der letztere 
für die Bürgerschaft Partei ergriffen hatte, der Unabhängigkeit der 
wichtigen Hansastadt Gefahr bringen könnten. Canitz nun sollte 
die Stadt des kurfürstlichen Schutzes versichern und zugleich in den 
Zwistigkeiten zu vermitteln suchen. Nach langwierigen Verhand 
lungen kehrte er jedoch unverrichteter Dinge nach Berlin zurück. 
1686 wurde Canitz nach Wien gesandt, um dem Kaiser zu 
der Erstürmung von Ofen Glück zu wünschen, an der auch ein 
brandenburgisches Hilfskorps von 8 000 Mann unter General 
von Schöning teilgenommen hatte. Von da wurde er nach Ungarn 
selbst geschickt, um einige Angelegenheiten bei den brandenburgischen 
Truppen zu ordnen, in Ofen verfaßte er ein Trancrgcdicht auf den 
Tod seines Freundes, des Grafen Theodor von Dohna, der beim 
Sturm auf die Festuuug gefallen war. Es heißt darin: 
Die Grabschrift hat er sich mit eignem Blut geschrieben. 
Ein Werk, das ewig währt! Er ist im Sturm geblieben. 
Wo GOtt mit Mahomet um eignen Ruhm gekämpft: 
Daselbst hat er gesiegt, im Beyseyn vieler Helden, 
Die in der halben Welt den frühen Fall vermelden, 
Ter Neid beklaget selbst, daß ihn der Tvd gedämpft: 
Der Neid, der insgemein den Stachel zu bcblnmcn, 
Tie Tugend in dem Sarg am liebsten pflegt zu rühmen. 
Nach Wien zurückgekehrt, blieb er hier längere Zeit und versah 
die Geschäfte des inzwischen verstorbenen Residenten von Schmettau. 
Ain 28. April 1688 starb der Große Kurfürst: Friedrich HL, 
der „die guten Qualitäten auch bey vielen Verschickungen erwiesene 
sonderbahre Dexterität unsers Hof- und Legationsrathes in gnädige 
Consideration gezogen" hatte, ernannte Canitz zum Geheimen Rat. 
Seine wichtigste diplomatische Sendung in dieser Zeit war die 
nach Wien, wo er fünf Monate als Gesandter blieb. 
1694 erlebte er den größten Schmerz seines Lebens: am 
9. April starb seine Gattin, von allen, die sie kannten, betrauert.
        
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