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Periodical volume 21.Januar 1899 Nr, 3

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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haben fast in allen Verhältnissen des menschlichen Lebens Um 
wälzungen hervorgerufen, durch welche alle Gesellschasts- und 
Staatseinrichtungen mit ihren beengenden sozialen Schranken — die 
letzten Reste aus mittelalterlicher Zeit — allmählich beseitigt wurden 
Durch die Erfindung der Spinnmaschinen in England, die es er 
möglichten, mit einem Schlage tausende von Fäden zu Garn zu 
gestalten, durch die Errungenschaft des mechanischen Webestuhls, 
des zaubergleichen Werkes der Jacquard-Maschine und alle der 
anderen maschinellen Apparate zur Ausführung der vorbereitenden 
textilen Arbeiten und der Appretur war man nun in den Stand 
gesetzt, wenigstens bezüglich der Tracht einen gewissen sozialen 
Ausgleich herbeizuführen. Hierdurch begann der „Standard of life" 
auch für die untersten Klassen der Bevölkerung, begannen die all 
gemeinen Ansprüche, die an ein „menschenwürdiges Dasein" gestellt 
werden, in erheblicher Weise zu steigen. Den wunderbaren Er 
gebnissen der angewandten Naturwissenschaften, dem mächtigen 
Aufschwünge der Technik im neunzehnten Jahrhundert ist es zu 
danken, daß diesen Anforderungen zu einem großen Teile entsprochen 
werden konnte. 
Der gewaltig vorwärts drängende Geist der neuen Zeitströmung 
kam jedoch erst durch die Nutzbarmachung der Dampfkraft im 
Dienste der Mechanik zur vollen Geltung. Mit der Erfindung der 
Dampfmaschine war man nun im Stande, die mechanische Be 
wegung an jeder Produktionsstätte in einem weit großartigeren 
und regelmäßigeren Betriebe, als dies bisher bei der Wasserkraft 
möglich gewesen, ins Werk zu setzen. Bereits 1788 ließ man ans 
Veranlassung des damals an der Spitze des schlesischen Hütten 
wesens stehenden Oberbergrats, späteren Staatsmiiristers v. Reden 
die erste Dampfmaschine von England nach Deutschland 
kommen und in der Friedrichsgrube bei Tarnowitz als Betriebs 
motor der Wasserpumpen in Wirksamkeit treten. Ein Jahrzehnt 
später hatte auch die Stadt Berlin Gelegenheit, diese staunen- 
erregende Schöpfung als Betriebskraft eines Pochwerkes in der 
Königlichen Porzellan-Manufaktur in Thätigkeit zu sehen. 
Der damalige Intendant der königlichen Schauspiele, dessen 
Wohnung an die genannte Manufaktur grenzte, erhob gegen das 
dämonische Ungetüm, wie er es nannte, das ohne Hülfe von 
Pferden, ohne Unterstützung der Hände sich plötzlich zu bewegen 
begann, einen energischen, aber natürlich vergeblicher Protest. 
Dieser Motor, der anfänglich die Bezeichnung „Feuermaschine" 
erhielt, vermochte nur etwa 20 Hub in der Minute zu vollführen. 
Ein wesentliches Verdienst um die Verbreitung der Dampf 
maschine auf dem Kontinente, insbesondere aber in Deutschland, 
erwarben sich die Gebrüder James und John Cockerill, die 
infolge einer Anregung der königlichen Regierung im Jahre 1815 
in der Neuen Friedrichstraße zu Berlin eine Maschinenbauanstalr 
begründeten, deren Schöpfungen nach allen Teilen des Landes ge 
liefert wurden. Mit ihrem Unternehmen verbanden sie gleichzeitig 
eine mustergiltig ausgerüstete Wollspinnerei, in welcher die Werke 
ihrer Maschincnbauanstalt im Betriebe waren und die Proben 
ihrer vollkommenen Leistungskraft ablegten. Der Thätigkeit dieser 
Firma ist es zu einem wesentlichen Teile zuzuschreiben, daß eine 
neue Aera der Entwickelung in der märkischen Wollenmannfaktnr 
erstand. 
Fast zur selben Zeit, als die Gebrüder Eockerill ihr längst 
entschwundenes, damals weit berühmtes Unternehmen eröffneten, 
errichtete der Maschineningenieur I. C. Freund in der preußischen 
Hauptstadt ein ähnliches Fabrikwerk. Eine der ersten Dampf 
maschinen, welche seinen Werkstätten entsprossen war, brachte im 
Jahre 1816 die rühmlichst bekannte Berliner Gold- und Silbcr- 
waren-Manufaktur von Henscl & Schumann zur Nutzanwendung. 
Noch heute versieht dieser Dampfmotor, der niit eisernem Balancier 
versehen ist, in einer Abteilung dieser in der NiederwaUstraßc 34 
gelegenen altehrwürdigen Fabrik in nngeschwächter Kraft den Dienst. 
Im Jahre 1822 ward die Maschinenbauanstalt von F. A. Egells 
ins Dasein, gerufen, die in dem damals in jugendlicher Kraft auf 
strebenden August Borsig und später in Earl Hoppe höchst 
beanlagtc und erfindungsreiche leitende Ingenieure gefunden hatte. 
Dem kühnen und ingeniösen Vorgehen eines Freund, eines 
Egells, eines Borsig, Hoppe, Wöhlert und Schwartzkopss 
muß es gedankt werden, daß sich Berlin zu einer Zentrale des 
deutschen Maschinenbaues erhob und zu einem industriellen Leben 
sich entwickelte, dessen Verbindüngsfäden die nunmehr ganze Kultur- 
welt umspannen. In späteren Schilderungen werden wir ans die 
nnverwclklichen Verdienste dieser bahnbrechenden Pioniere der 
deutschen Arbeit näher eingehen. 
Das Mairnftst int KünMerhanle. 
HM,leichsam, um sein schönes neues Heim vorzustellen, beschloß der 
/MsX Verein Berliner Künstler ein Kostümfest zri feiern, zu dem er alle 
IZM? seine Freunde einlud. Den Stil des Hauses für die GesamI- 
stimmung des Festes auszunutzen, wurde es.ein Fest aus der Zeit der 
Hohenstaufen, der Zeit, wo sich Gothik und 
romanischer Stil mischten. Die starken Farbe» 
und die großformige Ornamentik der Zeit, die 
sich anch in den Trachten und Stoffen wieder 
holte, verbürgte herrliche Bilder von glühender 
Farbenpracht, in denen sich dabei die herben 
Linien in großen Zügen zeigen, die dem 
allcrmodernstcn Stilempfinden so verwandt 
sind. Die besten Quellen für die Kostüme 
und alle Einzelheiten gaben die viele» 
Miniaturen her, in denen die Träger der 
geistigen Bildung der Zeit, die Mönche be 
schaulichen, geduldigen Fleißes voll, i» 
Psalterien und anderen geistlichen und 
weltlichen Büchern die Menschen und Dinge 
ihrer Zeit in einem naiv primitiven, dabei 
äußerst sachlichen Stil abkonterfeiten. 
_ Den Ort des Festes mußte man natürlich 
da suchen, wo sich zur Zeit der Hohenstaufen 
das Kulturleben, höfische, ritterliche Feste und 
bürgerliche Regsamkeit allein in Deutschland 
sanden: in Sübdeutschland oder der Rhein 
gegend. Man wählte die letztere und zwar 
die Gegend der Rheiupfalz bei Caub. 
Nachdem so Ort und Zeit feststanden, 
ging es an ein rühriges Arbeiten; die 
historischen Quellen wurden eifrig studiert, 
Kostüme gezeichnet und geschneidert, die ein 
zelnen Gruppenführer hielten Vorträge und 
überwachten ihre Schutzbefohlenen, als ge 
strenge Herren alles Entstehende prüfend und 
das stilwidrige und unkünstlerische zurück 
weisend.^ Die Dekorationsmaler bereiteten 
die Ausschmückung des Hauses vor, ganze 
Panoramen und weite Prospekte malend.' D as- 
schöne Ergebnis der reichen Arbeit war nun 
das Maien- und Minnefcst am 14. Januar. 
Wenn man durch die Winternacht durch die nasse Kälte der Straßen 
gefahren war und Schwelle und Schranken im Hause überschritten 
hatte, fühlte man sich plötzlich in eine Welt sonnigen Frühlings und 
heiterer Poesie versetzt: ein Ausblick üsfnet sich zwischen Baumriesen hindurch 
weit in die lachende Landschaft. 
Wir steigen die halbe Treppe empor zu dem Taal, der sonst der 
erste der Ausstellung ist. Wie verzaubert kommen wir uns vor. Wir 
stehen in einem Burghof. Links und im Rücken haben wir die mit Moos 
und Ephcit überwachsenen Zinnen und Mauern der Burg: über uns 
Gruppenbild vom Maienfest im Künftlerhsuse. 
wölbt sich die Laubkronc einer alten Linde, au deren rissigen Stamm 
wir uns lehnen, rechts öffnet sich der Wald; in dessen Grunde ein schils- 
vcrivachseucr Sec verblaut. Gerade vor uns zwischen gewaltige, alte 
Tannen hindurch blicken wir auf den sonncnbestrahltcn Rhein: in der 
Mitte des Stromes die alte Pfalz, jenseits die von Licht überfluteten
        
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