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Periodical volume 5.August 1899 Nr, 31

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Ansichtspostkarte 9?r. 2.) 
Chauffeegeld-Einnahmestcllc Wildschleuse, 10. Juni 1899. 
3 3 / 4 Uhr nachmittags. 
Abfahrt vom Felsenkeller sehr mühsam. Hans fünfmal vergebens 
versucht, auf Tandem zu komincn. Endlich oben: Hans hinten, ich vorn. 
Reizende Fahrt auf ebener Straße, dann kleiner Berg. Furchtbar 
schweres Treten hinauf, Hans kann nicht, Wadenkrampf, absteigen, 
schieben! Schmach, was'? Oben verschnaufen, scheußliche Hitze. Dann 
wieder siebenmaliges Klettern auf Tandem von Johannes, endlich bergab. 
Schneidig: 30-Kilomcter-Tcmpo! Hussa! Hans stöhnt entsetzlich, ganz 
blaß. Unten angekommen, Haus halb ohnmächtig: kann schnelles Fahren 
nicht vertragen. Also, da gerade Chausseegcld-Einnahmestelle Wild 
schleuse in Sicht (3% Kilometer!), absteigen, Milch trinken in primitiver 
Laube beim Einnehmenhäuschen. Oeder Garten, Gemüse, Kohl, Kohl, 
Kohl! Aber sonst reizender Aufenthalt. Nur Hans schon merkwürdig 
müde, aber prächtiger Kerl! Ungeheuer gutmütig. Neue Kompresse uni 
Stirn. Sehr, sehr lieb! Deine glückliche Wiwi. 
* * 
* 
(Ansichtspostkarte Nr. S.) 
(Aiistchtspostkartc Nr. 6.) 
Schildbach, Hotel „Zum Hafen", 10. Juni 1899. 
10 Uhr abends. 
Beste Mia! 
Soeben hier angelangt. Alleine!! 
Dr. Johann Weiland ist ein Betrüger!!! 
Ich habe ihn verlassen!!!! 
In ewiger Freundschaft Deine empörte Wiwi. 
(Ansichtspostkarte Nr. 7.) 
Schildbach, Hotel „Zum Hafen", 10. Juni 1899. 
10% Uhr abends. 
Liebste Mia! 
Er ist noch nicht da. Es ist ein Skandal von ihm, seine junge 
Fran so allein zu lassen. 
Er wagt mir wohl noch gar zu trotzen, der Schwindler? 
Bis morgen früh werde ich hier auf ihn warten: kommt er dann 
noch nicht, dann . . . Oh, er wird es bereuen! 
In unwandelbarer Liebe Deine betrogene Wiwi. 
Flecken Katzensteiu, Krug „Zum grünen Finken", 
10. Juni 1899. 5% Uhr nachmittags. 
Johann ein Ungeheuer, Scheusal! Bon Wildschleuse er vorn, ich 
hinten. Qualvolle Tour, jeden Stein mitgenommen, zwei Bäume an 
gerempelt. Können nicht in gleichmäßiges Treten kommen: Johann 
verwechselt immer Pedale. Ich 
zähle unaufhörlich: 1, 2 . . 1, 2 . . 
Wenn das in Ehe auch so wird — oh! 
Einfahrt in Katzenstein (ö Kilometer!), 
Thor mindestens 6 Meter breit, aber 
beide Seiten angefahren. Breite Straße, 
« anz einsam: »ur am Rande kleiner 
lintscher, in Sonne schlafend. Pintschcr 
von Johann natürlich überfahren, 
natürlich tot. Besitzer natürlich schreiend 
aus dem Hause: ich rufe Johann zu: 
„Treten! Feste! Feste!" Im nächsten 
Augenblick quer über Straße weg, auf 
ein Haus los, gegen heraustretenden 
Menschen. Haus natürlich Gemeinde 
haus, Mensch natürlich Gensdarm. 
Natürlich angehalten. Radfahrerkartc? 
Ich ja, Johann nein! Natürlich arre 
tiert! Johannes Legitimation; Trau 
schein von heut morgen. Gcnsdarni, 
Gemeindevorsteher, Schreiber, Besitzer 
toten Pintschers: große Augen. Dann 
allgemeines Schmunzeln. Ich wütend. 
Wiwi. 
(Fortsetzung ar', nächster Karte!) 
* * 
* 
(Ansichtspostkarte Nr. 4.) 
Flecken Katzenstein, 
Krug „Zum grünen Finken", 
10. Juni 1899. 6 Uhr nachmittags. 
Gemeindevorsteher telegraphiert nach 
Winkclsbühl, ob Johanns Legitimation 
richtig. Müssen Antwort in Kürze ab 
warten. Schenkzimmer voll Fliegen 
und neugierigen Menschen. Gensdarm 
bewachend mir gegenüber am Tisch, 
Hans mit neuer Kompresse hinterm Tisch, auf Holzbank sofort eingeschlafen. 
Angenehme Situation. Endlich zwei Antworttclcgrammc aus Winkelsbühl, 
eins an Gemeindevorsteher, eins an Johann. „Bürgermeister Bodins 
wünscht Dr. Weiland weiter amüsante Hochzeitsreise." Boshaft, was? 
Gemeindevorsteher giebt uns endlich frei. Müssen aber vorher zahlen: 
sür toten Pintschcr 100 Mark, für fehlende Radfahrkarte 5 Mark, Tele 
gramme 1 Mark, für Zeche des Gcnsdarmen 1,50 Mark. Billig!! 
Johannes, mit kaltem Wasser endlich aufgeweckt, macht furchtbar traurige 
Augen. Armer Kerl, unglaubliches Pech! Wird aber bald wieder lustig 
werden. Schönste Tour kommt jetzt, durch Hochwald, Abcnddämnierung. 
Hochpoetisch! Wiwi. 
(Telegramm.) Schildbach, 10. Juni 1899. 10 Uhr 55 Min. N. 
Rp. Rittergutsbesitzer Stcchlin, Winkelsbühl. 
Hans unterwegs verloren gegangen. Was thun? Antwort Hotel 
„Zum Hafen". Wiwi. 
Der Dom fu Naumburg a. S. 
(Telegramm.) Winkclsbühl, 10. Juni 1899. 11 Uhr 50 Min. N. 
Frau Or. Weiland, Hotel „Zum Hasen", Schildbach. 
Suchen. Wenn Drahtnachricht bis 2 Uhr nicht hier, komme. 
Papa. 
* * 
* » 
(Telegramm.) Schildbach, 10. Juni 1899. 2 Uhr 5 Min. B. 
Rp. Rittergutsbesitzer Stcchlin, Winkelsbühl. 
Hans nicht da. Komm. Wiwi. 
(Telegramm.) 
Winkelsbühl, 11. Juni 1899. 3 Uhr 10 Min. B. 
* * * 
(AustchtSpostkatte Nr. 5.) 
Forsthaus Waidmannsheil bei Winkelsbühl 
10. Juni 1899. 7% Uhr nachmittags. 
Hochpoetisch? Ich danke! — Bergauf, Johann schlapp, schieben! 
Bergab — — oh! Ich vorn, Hans hinten. Entzückendes Tempo: 
Wald fliegt, Kilometersteine fliegen, Straße fliegt. Unten angekommen 
— Johann fort! Auch geflogen? Ich zurück, Berg wieder hinauf, ge 
schoben. Johannes oben, voll Staub, dritte kolosiale Beule vor Stirn, 
rechte Backe geschwollen. Behauptet auch Abschürfungen an Schulter 
und Schienbein. Also bcrgunter geschoben bis Forsthaus Waidmanns 
heil (8% Kilometer!!!), hier Hans beim Förster Lanolin und Binden 
für Abschürfungen, neue Kompresse sür Stirn und Backe. Sieht 
jammervoll komisch aus. 
Bin wütend. . 
Wiwi. 
* * 
* 
Frau Dr. Weiland, Schildbach, Hotel „Zum Hafen". 
Komme! Donnerwetter! Papa. 
* 4- 
* 
(»rief.) Schildbach, Hotel „Zum Hasen", 11. Juli 1899. 
2 Uhr 10 Min. nachts. 
Oh Mia! 
Ich bin in einer Auftegung ... eben habe ich an Papa telegraphiert... 
Hans ist noch nicht da . . er soll kommen . . d. h. Papa . . . Hans- 
natürlich auch . . . und nun wird ihn der Telegraphenbote mitten in 
der Nacht aus dem Bette jagen . . . Papa . . . weiß Gott, wo er i» 
der Finsternis vielleicht umherirrt, miitterscelenallein . . . Hans . . . 
und er wird fluchen: denn er kann es nicht vertragen, wenn er im 
Schlaf gestört wird . . Papa . . . und wird vielleicht in einen Abgrund 
stürzen . . . und wird die Pferde anspannen lassen müssen, die er doch 
immer so schont . . . und sich vielleicht beide Beine brechen, oder auch 
das Genick . . . und wenn er kommt, ist es vielleicht schon zu spät . . . 
und er kommt nie wieder zu mir zurück, nie, nie ... oh, Mia!
        
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