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Periodical volume 5.August 1899 Nr, 31

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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des Prinzen darf deswegen auch wohl jetzt noch auf hohes 
Interesse Anspruch erheben. 
„Ich sehe ihn noch," schreibt Frsdöric Godet, „wie er zu jener 
Zeit war, mit seinen geschmeidigen Bewegungen, seinen dunkel 
blonden Haaren, in der roten oder blaugestrciften Blouse, die um 
seine feste, und doch zugleich biegsame Taille eng zusammen ge 
zogen war. Alles an ihm war graziös und zeigte die Vornehmheit 
seines Wesens. In einem Briefe, der einige Tage nach meiner 
Ankunft*) geschrieben ist, findet sich folgende Charakteristik von 
dem Prinzen: Wie ist er doch so rührend mit dem zugleich gut 
mütigen und nachdenklichen Ausdruck seines Kinderantlitzes, mit 
der weichen und einfach-natürlichen Modulation in der Stimme 
und seinen einschmeichelnden Manieren, rührend sogar in gewissen 
Fällen von Ungeduld und Schelmerei, ja sogar im Ungehorsam, 
worin sich das Gefühl seiner Stellung kund giebt. Ich glaube, 
daß Herr von Unruh und ich im rechten Augenblick kamen." 
Oberst von Unruh, früher Adjutant des Prinzen von Preußen, 
war ungefähr um dieselbe Zeit, da der Prinz in Frädöric Godet 
einen Zivilerzieher erhalten, zum Militär-Gouverneur des Prinzen 
ernannt und als solcher mit der Oberleitung der Erziehung betraut 
worden. In einem Spielgenossen und Mitschüler, Rudolf von 
Zastrow, hatte Friedrich Wilhelm bekanntlich einen Kameraden 
erhalten, mit dem ihn jahrelang, bis zu dessen frühem Tode 
eine innige Freundschaft verband. Der Knabe stammte von einer 
ReuchLteller Mutter, die den Sohn des damaligen Gouverneurs 
von Reuenburg, des Generals von Zastrow, geheiratet hatte. Die 
beiden Freunde waren unzertrennlich und zeigten ihre herzliche 
Kameradschaft auch darin, daß sie gleich gekleidet gingen. 
Die Anlage der beiden Knaben und ihr Antrieb zum Lernen 
waren verschiedener Art. Der Prinz, mit einer starken Phantasie 
begabt, neigte anfänglich zu einer gewissen Zerstreutheit. Sein 
Erzieher war infolgedessen öfters genötigt, ihn aus seiner Träumerei 
zu ziehen, indem er ihm plötzlich sagte: „Prinz, wo sind Sie?" 
worauf ersterer dann ab und zu eine Beichte wie diese erhielt: 
„In Weimar, Monsieur." Im allgemeinen zeigte sich damals, wie 
Godet erzählt, bei ihm weniger Energie und Spannkraft als bei 
seinem Kameraden, was an einer gewissen physischen Schlaffheit 
liegen konnte, die ans seinem schnellen Wachstum hervorging. 
Seine Mutter, die ein lebhaftes Interesse an seiner Entwickelung 
nahm, beunruhigte sich über diese Anlage und versäumte nichts, 
um sie zu bekämpfen. Jeden Tag kam sie gegen 10 Uhr, um sich 
an den Unterrichtstisch zu setzen, wo sie oft, mit einer Stickerei 
beschäftigt, zwei volle Stunden blieb, ihren Sohn zur Aufmerk 
samkeit und zur Arbeit ermutigend. 
Daß die Besorgnisse der Prinzessin-Mutter nach der an 
gedeuteten Richtung hin unbegründet waren, beweist eine interessante 
Aeußerung Godets, die er an einen Brief des Prinzen knüpft. 
Bei Gelegenheit der Lektüre der Psalmen, die er gemeinschaftlich 
mit dem Rektor Bormann, Godets Nachfolger, las, schrieb der Prinz 
an seinen früheren Erzieher in einem Brief vom Dezember 1844: 
„Ich bin so stark berührt von dieser Lektüre, daß ich mir in der 
Stunde vorgenonnnen habe, den Versuch zu machen, auch solche 
Psalmen zu schreiben." Man sieht aus dieser Aeußerung, daß 
trotz seiner damals scheinbar ein wenig lässigen Natur ihm die 
schöpferische, besonders die poetische Thätigkeit nicht fehlte. Stand 
sein reich veranlagtes Geistes- und Gemütsleben auch mehr dem 
ästhetischen Gefühl offen, so zeigte er doch, wie dies namentlich 
seine späteren Lehrer, Professor Schellbach und Ernst Curtius, be 
zeugen, in der Folge auch einen sehr regen, wissenschaftlichen Eifer. 
Der Sonnabend war ein Tag der Erholung für den Prinzen. 
Den Schluß des Wochenunterrichts bildete ein Spaziergang am 
Ufer der Havel. „Auf diesem Spazierzange," berichtet Godet, 
„schüttete mir der Prinz sein ganzes Herz aus, indem er mir von 
allen Eindrticken der Woche sprach, von allen Personen, denen er 
bei seinen Eltern begegnet war, von seinem Urteil über Menschen 
und Dinge, wobei er mir auch Gelegenheit gab, sein Herz zu 
bilden und ihn zum Urteilen anzuleiten, besser, als es im Laufe 
der eigentlichen Unterrichtsstunde möglich gewesen wäre. Der Prinz 
erwähnt sehr häufig in seinen Briefen der Erinnerung an diese 
Augenblicke, die wir in Unterhaltungen voll freundschaftlichsten 
Vertrauens zubrachten." 
Der Prinz war eine leicht erregbare, sensible Natur; starke 
Gemütseindrücke hafteten lange in seiner Seele. Als er die Nach 
richt von dem Ableben seines Großvaters, des Königs Friedrich 
Wilhelm III. erhielt, geriet er in eine große seelische Erregung. 
Godet berichtet darüber: „Am Nachmittage des 7. Juni 1840 kam 
plötzlich der Befehl des Prinzen von Preußen, daß der Prinz sich 
sofort ins Palais seines sterbenden Großvaters zu begeben habe. 
Ich mußte ihn begleiten. Ein Zimmer, welches an dasjenige stieß, 
in welchem der erhabene Kranke im Sterben lag, war mit den 
Familienmitgliedern angefüllt, die den letzten Augenblick des Königs 
erwarteten. Der Prinz war sehr ergriffen, als er in diese Ver 
sammlung trat, in der ein frommes Schweigen herrschte, und als 
man meldete, daß der König eben gestorben sei, empfand er eine 
*) grebevtc Godet hatte sein Erzieheramt im Herbst 1838 angettcten. Ter Prinz hatte 
vor knrzem sein 7. Lebensjahr vollendet. 
unsagbare Erregung. Wir gingen aus dem Palais. Es war ein 
schöner Abend, als wir zusammen durch den Tiergarten schritten. 
Unter dem feierlichen Eindruck dessen, was sich eben zugetragen, 
hatten wir eine Unterredung, an die er mich später in seinen 
Briefen erinnerte." 
Ein bedeutungsvoller Wendepunkt in der wissenschaftlichen 
Ausbildung war bekanntlich die Berufung Ernst Curtius' zum Zivil 
erzieher des Prinzen an Stelle Frsdäric Godets, der durch Ueber 
nahme eines geistlichen Amtes in seiner Heimat 1844 veranlaßt 
war, sich von seinem fürstlichen Zögling zu trennen. Mit trauer 
vollem Herzen sah der Prinz seinen Lieblingslehrer scheiden; er 
blieb jedoch im engsten brieflichen Verkehr mit ihm und teilte ihm 
alle kleinen Freuden und Leiden seiner Jugend, wie auch späterhin 
die wechselvollen Geschicke seines Lebens, getreulich mit. 
Durch diese regelmäßigen Berichte des ehemaligen fürstlichen 
Zöglings blieb Godet auch nach seinem Weggange über die weitere 
geistige Entwickelung des Prinzen genau unterrichtet. Auch die 
verborgensten Falten seines Herzens öffnet er in seinen Briefen 
dem geliebten Lehrer. 
Daß der wissenschaftliche Unterricht nach der Uebernahme des 
Erzieheramtes durch Curtius mit großem Eifer und tiefer Gründ 
lichkeit betrieben, und daß an die geistigen und körperlichen Kräfte 
des Prinzen große Anforderungen gestellt wurden, zeigt der nach 
stehende Lektionsplan aus den Jahren 1844/45 und 46, welchen 
der Prinz eingenhändig Frsdsric Godet mitgeteilt hatte. 
Stundenplan 
des Prinzen Friedrich Wilhelm aus den Jahren 1844 bis 1846 
(nach seiner eigenen Niederschrift für Professor Godet). 
Montag 
Dienstag 
Mittwoch 
Donnerstag 
Freitag 
Sonnabend 
Von 6 bis 
8 Uhr 
1844 
Morgengebet, Arbeitsstunde und frühstück 
Von 8—9 
1844 
1845 
1846 
Latein 
Latein 
Latein 
Latein 
Latein 
Latein 
Latein 
Latein 
Latein 
Latein 
Latein 
Latein 
Bon 9—10 
1844 
1845 
1846 
Religion 
Latein 
Latein 
Religion 
Latein 
Latein 
VonlO—11 
1844 
1845 
1846 
Mathematik 
Geschichte 
Arbeitsstunde 
Mathematik 
Latein 
Deutsch 
Mathematik 
Mathematik 
Arbeitsstunde 
Mathematik 
Geschichte 
Deutsch 
Schreiben 
Teutsch 
Arbeitsstunde 
Mathematik 
Geschichte 
Deutsch 
Bonll—12 
1844 
1845 
1846 
Geographie 
Deutsch 
Geschichte 
Zeichnen 
Arbeitsstunde 
Arbeitsstunde 
Geschichte 
Mathematik 
Mathematik 
Geographie 
Deutsch 
Geschichte 
Zeichnen 
Arbeitsstunde 
Geschichte 
Geschichte 
Arbeitsstunde 
Religion 
Von 12—1 
1844 
> 1845 
1846 
Arbeitsstunde 
Arbeitsstunde 
Reiten 
Mathematik 
Religion 
Mathematik 
Geschichte 
Reiten 
Mathematik 
Geschichte 
Religion 
Arbeilsftnnde 
Von 1—3 
Spaziergang und Diner 
Von 8—4 
1844 
1845 
1846 
Geschichte 
Arbeitsstunde 
Geographie 
Deutsch 
Physik 
Mathematik 
Deutsch 
Geographie 
Besuch bei 
der Königin 
Arbeitsstunde 
Deutsch 
Physik 
Französisch 
Deutsch 
Geographie 
Geographie 
Von 4—5 
>844 
1845 
1846 
Musik 
Zeichnen 
Deutsch 
Französisch 
Französisch 
Französisch 
Musik 
Arbeitsstunde 
Zeichnen 
Englisch 
Französisch 
Französisch 
Französisch 
Englisch 
Mathematik 
Von 5—6 
1844 
1845 
1846 
Englisch 
Zeichnen 
Turnen 
Turnen 
Turnen 
Arbeitsstunde 
Tanzen 
Zeichnen 
Turnen 
Turnen 
Arbeitsstunde 
Tanzen 
Arbeitsstunde 
Physik 
Vorstehender Lektionsplan läßt wohl in Bezug auf seine Reich 
haltigkeit nichts zu wünschen übrig und wäre heute geeignet, einem 
modernen Gegner der Jugendüberbürdung ein gelindes Gruseln 
abzunötigen. 
Aber neben dieser Pflege des rein Wissenschaftlichen wurde 
auch die ästhetische Bildung nicht vernachlässigt. Namentlich waren 
es Musikstudien, die mit Lust und Liebe betrieben wurden. Der 
Lehrer Aghte und der treffliche Musikdirektor Taubert waren in 
diesen Fächern die bewährten Lehrmeister. Der Prinz erfreute sich 
mit Begeisterung an edlen Kompositionen, wie beispielsweise an 
dem „Tod Jesu" von Graun, „Paulus" von Mendelsohn u. s. w. 
Ueber das erste dieser Werke schrieb er an Fredsric Godet im 
Juni 1845: 
„Wie schön ist diese Musik! Lange haben mich an jenem 
Abend die bewundernswürdigen Stellen, z. B.: „Wie herr 
lich ist die neue Welt!" verhindert zu schlafen; so sehr hatten 
sie mich erregt."
        
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