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Periodical volume 5.August 1899 Nr, 31

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Um die elektrischen Laternen ballte sich der Nebel in rötlichen 
Ringen zusammen. Kaum vermochte das elektrische Licht diesen 
grauen, dichten, zähen Großstadt-Nebel zu durchdrängen. 
Rötlichen Schein warfen die Schauläden auf die Straßen; 
die großen Schaufenster trieften von Nässe, ebenso wie die Häuser 
und das Trottoir. f 
Wie häßlich war das alles! Bernd sehnte sich nach dem 
frischen Winter da draußen auf seinem Gute, nach dem traulichen 
Wohnzimmer mit den knisternden Tannenscheiten im Kamin und 
dem leisen Tiktak der Pendule. 
Und plötzlich tauchte aus dem Nebel auch das liebliche, von 
blonden Locken umrahmte Gesichtchen Aennes auf, und zwei große, 
blaue Augen sahen ihn kindlich scheu und doch so vertrauensvoll an. 
Er seufzte leicht auf. Ja, wenn er zehn Jahre jünger ge 
wesen wäre! Wenn sein Herz nicht so hart und kalt in seiner 
Brust läge, gleichsam eingesargt und keiner warmen, leiden 
schaftlichen Empfindung mehr fähig! 
An der Ecke der Friedrichstraße ballten sich die Menschen zu 
einem undurchdringlichen Knäuel zusammen. Die Pferde einer 
herrschaftlichen Equipage waren gestürzt und schlugen wild um sich. 
Mehrere Schutzleute sprangen hinzu, um die Stränge der Pferde 
zu lösen und dem Kutscher beim Hochbringen der Pferde zu helfen. 
Zu beiden Seiten der gesperrten Passage staute sich eine Wagen 
reihe ans, und zwei berittene Schutzleute suchten Ordnung in den 
Wirrwarr von Wagen, Pferden und Menschen zu bringen. 
Ein Polizcileutnant, der auf seiner Runde vorüber kam, gab 
mit lauter Stimme Anweisungen und schnauzte einige halbwüchsige 
Burschen an, die mit lautem Hallo die Menge durchbrechen wollten. 
Endlich entwirrte sich der Knäuel, und das Straßenleben flutete 
weiter. Der Polizeileutnant ließ sich Rapport erstatten, machte 
einige Notizen und wollte seinen Weg fortsetzen, als sein Blick 
Bernd traf, der unter einer Laterne an der Ecke der Straße auf 
das Abfluten der Menschenmasse wartete. 
„Ostervth — irre ich mich nicht? — Bist Du's?" fragte der 
Polizeiofsizier, indem er auf Bernd zutrat. 
„Ich bin's — und ich habe Dich sofort erkannt, alter Freund. 
Ich sehe. Du hast Dich in Deinen neuen Stand bereits vollständig 
eingelebt." 
„Was soll man machen," entgegnete Bruno von Western, Bernd 
die Hand schüttelnd. „Der Bien muß," setzte er mit sauersüßem 
Lächeln hinzu. „Aber eS freut mich wahrhaftig, daß ich Dich 
zufällig treffe. Hörte ja neulich bereits, daß Du jetzt Ritterguts 
besitzer und Reichstagsabgeordneter bist, und wollte Dich schon 
lange einmal aufsuchen. Ich fürchtete nur, ich könnte Dir un 
bequem kommen . . ." 
„Unbequem? Ein alter Kamerad?" 
„Na ja — mit der Kameradschaft ist's vorbei. Und so eine 
subalterne Kreatur wie ich muß stets hübsch bescheiden sein." 
„Schwatz keinen Unsinn. — Subalterne Kreatur — Du thust 
Deine Pflicht wie jeder Minister — was soll's weiter? Es freut 
mich, Dich wiederzusehen. Was macht Deine Frau — die kleine 
niedliche Elli Mertens?" — 
„Hm — aus der kleinen niedlichen Elli Mertens ist eine recht 
stattliche Dame geworden. Mutter von zwei kleinen Schreihälsen ..." 
„Gratuliere. — Aber — hast Du Zeit? Willst Du mit mir 
dinieren? Dann können wir in Ruhe uns unsere Erlebnisse 
erzählen." 
„Zeit hätte ich schon — das heißt dienstlich. Mer meine 
Frau erwartet mich. — Doch wie wär's, wenn Du mit mir kämest? 
Elli wird sich natürlich riesig freuen, Dich wiederzusehen." 
„Wenn ich nicht fürchten müßte zu stören?" 
„Kein Gedanke! Elli hat heute ihren five-o'clock-tea . . ." 
„Was — five-o’clock-tea? So weit ist man hier schon?" 
„Elli wollte cs nicht anders., 's ist ja natürlich Unsinn. 
Aber 's ist Mode, und was Mode ist, muß meine liebe Frau 
mitmachen." 
„So — so. — Nun, dann kaun ich es wohl schon wagen, 
unangemeldet zu kommen." 
Dieser Fünf-Uhr-Thee amüsierte Bernd. Die Frau dieses 
kleinen Beamten, der, um heiraten zu können, seine Offizierslauf- 
bahn hatte aufgeben müssen, ahmte die Sitten der großen Welt 
nach und gab einen Fünf-Uhr-Thee! Es war köstlich —'im Grunde 
genommen aber verächtlich. Doch Bernd wollte sich heute die 
gute Laune nicht verderben lassen. Zudem schien es ihm, als ob 
Western gern ein wenig mit ihm, dem Rittergutsbesitzer und 
Reichstagsabgeordneten, vor seiner Frau groß thun wollte. Western 
bat wenigstens so eindringlich, als ob Bernd ihm in der That den 
größten Dienst erwiese. So nahm er denn die Einladung an. 
Der Polizeileutnant winkte einer Droschke erster Klaffe, die 
eilig herbeiholpertc. 
Während der Fahrt erzählte Western von seinem Leben. 
„Ja, weißt Du, lieber Bernd," sagte er mit leisem Seufzer, 
„eigentlich that es mir furchtbar leid, daß ich den Dienst quittieren 
mußte. Aber ich hatte nun einmal A gesagt, so mußte ich auch 
B sagen, und wir hatten uns wirklich lieb — die Elli und ich. 
Es blieb mir, weiß Gott, nichts Anderes übrig — die Kaution 
war nirgends aufzutreiben — und da mußte ich schon in den 
sauren Apfel beißen ..." 
„Der aber durch Elli doch versüßt wurde." 
„Na, freilich. — Ich bin ja auch ganz zufrieden, bin ja auch 
Reserveoffizier geblieben und mache nächsten Sommer meine Haupt 
mannsübung." 
„Du kannst ja auch noch Polizeidirektor werden." 
„Wenigstens Polizeihauptmann — und dann ist man ja ge 
borgen. Anfangs ging's uns nicht besonders, haben schwere Zeiten 
durchgemacht — aber jetzt geht's ganz gut, seit Elli einige tausend 
Thaler geerbt hat." 
„Nun, siehst Du . . ." 
„Wenn nur diese verdammten Modethorheiten nicht wären! 
Elli muß aber alles mitmachen . . . na, Du wirst ja selbst sehen." 
Der Wagen fuhr durch einige dunkele Straßen, die Bernd 
nicht kannte. 
„Wir wohnen ziemlich weit im Osten," sagte Western gleichsam 
entschuldigend. „Mein Revier liegt dort . . ." 
Endlich hielten sie vor einer großen, dunklen Mietskaserne in 
einer langen, engen, dunklen Straße. Das hellerleuchtete Berlin, 
das glatte Asphaltpflaster hatte hier aufgehört! trübselig brannten 
die wenig zahlreichen Gaslaternen! den kleinen Läden und Budiken 
entströmte ein dumpfer, muffiger Geruch. Nur einzelne Menschen 
sah man auf der dunklen Straße. Desto Heller und lebhafter war 
es in dem Salon Frau Ellis von Western, drei Treppen hoch. 
Mehrere Damen saßen um den Sofatisch in eifrigem Gespräch, 
während Minna, das Mädchen für Alles, Thee und Backwerk 
präsentierte. 
Einen großen Aufstand gab es, als Western mit Bernd ein 
trat. Elli war anfangs starr vor freudigem Staunen; dann aber 
begrüßte sie mit übertriebener Herzlichkeit Bernd. 
„Herr Baron . . . nein, diese freudige Ueberraschung! Wenn 
ich das gewußt hätte . . . aber Sie nehmen fürlieb . . . nicht 
wahr? — Bruno, weshalb hast Du mich nicht vorher benachrichtigt?" 
„Aber, gnädige Frau, ich wollte doch nicht stören/' wehrte 
Bernd ab, unangenehm durch Ellis übertriebene Freundlichkeit be 
rührt. „Bitte, meine Damen — wollen Sie nicht Platz behalten . ." 
„Darf ich Sie vorstellen, Herr Baron? — Herr Rittmeister 
Baron von Osteroth, Reichstagsabgeordneter — ein alter Freund 
von uns — Frau Hauptmann Dunker — Frau Mamroth — 
Fräulein Mamroth — Frau Leutnant Zenker . . . bitte, Herr 
Baron, wollen Sie hier Platz nehmen . . ." 
Bernd verbeugte sich gegen die Damen, die den Gruß voller 
Würde erwiderten. Frau Hauptmann Dunker schien hier die 
Stelle der „Koinmandeuse" einzunehmen! sie war die Gattin des 
Rcviervorstandes. Frau Polizeileutnant Zenker, ein kleines, 
unscheinbares Dämchen, war mit falschen Steinen und Ketten be 
hängen. Dagegen glänzte Frau Mamroth, die Gattin eines 
reichen Fabrikanten, in echtem Brillantschmuck, und Fräulein 
Mamroth suchte der entschwindenden Jugend durch eine exzentrische 
Toilette und allerlei kleine Toilettenkünste aufzuhelfen. 
(FoUfchuiig folgt.)
        
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