Path:
Periodical volume 29.Juli 1899 Nr, 30

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Illustrierte Wochenschrift für Geschichte und modernes Leben. 
25. Jahrgang. 
Sonnabend» 29. Jul! 1899. 
Nr. 30. 
Gplei- öes Ner>2eys. 
Berliner Roman von ©. (Elfter. 
(Fortsetzung.) 
runhild ließ den Brief sinken und starrte mit thränenschweren 
Augen in die Ferne. Sie fühlte, daß sie ihr Glück ver 
loren — unwiederbringlich! Ein bitteres, wehes Gefühl 
krampfte ihr Herz zusammen, und es war ihr, als solle sie nieder- 
„Jch habe Euch keine Schande bereitet, Mutter," entgegnete 
sie mit bebender Stimme. „Aber darin hast Du recht, meines 
Bleibens ist hier im Hause nicht mehr. — Die GesellsHast würde 
mit Fingern auf mich weisen, und ihr Mitleid, ihr Spott wäre 
Schloff Grunrioald. 
knieen vor dem Vater, der sie so ernst und schmerzlich anblickte, ihre 
Arme um seine Knie schlingen und ihn anflehen, sie in seinen 
Schutz zu nehmen, sie vor dem Leben, vor dem namenlosen Elend 
dieses Lebens zu schützen. 
Die heftigen Worte der Mutter ließ sic über sich hinwegbrausen, 
wie die schwanke Tanne den Sturmwind. Trotziger, stolzer nur 
richtete sie sich empor, als die Justizrätin in aufloderndem 
Jähzorn rief: 
„Fortweisen müßten wir Dich aus dem Hause, Du un 
geratenes Mädchen, das nur Schande über seiner Eltern Haupt 
bringt. . . ." 
Da trat sie einen Schritt zurück und streckte die Hand mit 
einer Geberde aus, daß die Justizrätin betroffen schwieg. 
für mich unerträglich. Ich bitte Euch um die Erlaubnis, Euer 
Haus verlassen und meine eigenen Wege gehen zu dürfen." 
„Das ist denn doch zu toll!" ries jetzt aber der Justizrat. 
„Es sind schon mehr Verlobungen in der Welt aufgehoben worden, 
ohne daß das Mädchen an seiner Ehre Schaden gelitten hätte. 
Wenn Herr von Osteroth in der Thal Dich nicht liebt oder Du 
ihn nicht liebst — nun, so ist es das Vernünftigste, was wir thun 
können, wenn wir die Verlobung aufheben. Ein Grund, Brunhild 
deshalb aus dem Hause zu weisen, oder ein Grund für Dich, mein 
Kind, das elterliche Haus zu verlassen, liegt nicht im geringsten vor. 
Und nun bitte ich mir aus, daß Ihr beide ruhig und vernünftig redet." 
Er ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. Seine Gattin 
blickte ihn erstaunt an; es war selten, daß er ihr gegenüber so
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.