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Periodical volume 22.Juli 1899 Nr, 29

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Ruhe int Friedrichshain gebettet wähnt, während er nur kurze Zeit in 
den Kasematten non Spandau geschmachtet hat, und nun bei der Heim 
kehr den Liebhaber vorfindet, der sich beim Erscheinen des Freibeits- 
kämpfcrs unter den Tisch verkriecht. Der Knüttel, welchen der Barri 
kadenmann unterm Arnre trägt, läßt für die nächsten Augenblicke das 
Schlimmste besitrchten, zumal der überraschte Liebhaber ein Angehöriger 
der bewaffneten Macht ist, wie der Säbel und die Uniform-Mütze auf 
dem Bette beweisen. Der Hintergangene Ehemann wird die Kolbenstoße, 
die er während des Transportes nach Spandau erhallen, dem ertappten 
Liebhaber mit Zinsen heimzahlen und seiner teuren Ehehälfte mit fübl- 
barer Deutlichkeit klar machen, daß ihre Schwärmerei für das verhaßte 
Militär so weit nicht gehen dürfe! Tann aber wird der so arg ent 
täuschte Freiheitskämpfer mit Gier über Kaffee und Kuchen herfallen 
und sich nach 48stündigem Fasten mit Heißhunger über die Reste her 
machen, die ihm sein Nebenbuhler gelasien hat, 
Theodor Hosemann, dem wir diese humoristische Skizze aus 
wild bewegter Zeit verdanken, hat eine sehr große Anzahl von Blättern 
geschaffen, welche das Berliner Leben der Vergangenheit mit Humor 
und Witz schildern, und welche gleichsam eine Bilderchronik der Berliner 
Geschichte von den dreißiger Jahren bis in die Mitte dieses Jahrhunderts 
bilden. Der Künstler ist ein Sohn der Mark; in Brandenburg wurde 
er am 24, September 1807 geboren, verlebte aber seine Knabenzeit in 
Düsseldorf, Schon 1820 trat er in das dortige lithographische Institut 
von Arnz & Winckelmann und kolorierte Bilderbogen für dasselbe. Als 
Ein Totgeglaubter aus dem Friedrichslzain. 
Episode aus dem Jahre 1848. 
(Nach einer Zeichnung von Theodor Hosemann (1807—1875). 
Jüngling fand Hosemann Zeit, neben seiner Thätigkeit als Zeichner die 
von der preußischen Regierung neu eingerichtete Akademie zu besuchen, 
auf welcher ihm Lambert Cornelius, ein älterer Bruder von 
Peter von Cornelius, Unterricht im Zeichnen erteilte. Im Jahre 
1828 ging der eine Prinzipal Hosemanns, Winckelmann. nach Berlin, 
um hier das noch heute blühende lithographische Institut von Winckel 
mann & S ohne zu begründen; er zog den begabten Theodor Hosemann 
mit nach der preußischen Hauptstadt, die sich damals von den letzten 
Nachwelten der Napoleonischen Kriege erholt hatte, und in der in Kunst 
und Litteratur ein reges Leben herrschte. In der aufstrebenden Groß 
stadt — Berlin zählte 1830 fast 248 000 Einwohner — fand der junge 
Künstler das geeignete Arbeitsfeld für seinen fleißigen und gewandten 
Zeichenstist; er hielt das Berliner Leben jener Tage in zahlreichen 
Blättern fest, die von Humor und künstlerischem Empfinden Zeugnis 
ablegen und für die Kulturgeschichte jener Epoche geradezu eine Fund 
grube bilden. Neben seiner Thätigkeit als Zeichner und Illustrator — 
die Zeichnungen zu den bekannten Glaßbrennerschen Heften „Berlin, 
wie es ist und — trinkt" sind it. a. von Hosemann — wirkte der 
Künstler auch mit dem Pinsel auf der Leinwand, Es befinden sich eine 
größere Anzahl Hoscmannscher Oelgemülde im Privatbcsitz, zumeist 
Genrebilder, in denen sich der liebenswürdige Humor des Künstlers 
wiedcrspiegelt, Tic Nationalgalcrie besitzt von Theodor Hosemann, der 
1867 auf Fürsprache des Prinzen Georg zum Professor ernannt und 
1860 Mitglied der Akademie der Künste wurde, ein Oelgemälde aus dem 
Jahre 1865: „Sandfuhrmann in der Mark". Theodor Hosemann starb 
am 15, Oktober 1875 und wurde aus dem Sophien-Kirchhose zur ewigen 
Ruhe bestattet. Zu seinem 90. Geburtstage (1897) hat Dr. Franz 
Weinitz in den Schriften des Berliner Geschichtsvereins eine auf ein 
gehenden Studien beruhende Monographie über diesen specifisch 
Berlinischen Künstler veröffentlicht, welche dem biographischen Teil dieser 
Skizze als Unterlage gedient hat. R. G. 
Vrreins-Nachrichten. 
Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie 
und Urgeschichte. 
Die Berliner Gesellschaft für Anthropologie unternahm 
am Sonntag, den 25. Juni, einen Ausflug nach Wilmersdorf hei 
Fürstenwalde, um auf dem beim Dorfe befindlichen altgermnnischen 
Gräbcrfelde Ausgrabungen vorzunehmen. Ungefähr 30 Teilnehmer, 
unter ihnen verschiedene bekannte Anthropologen und Ethnologen, wie 
Prof, von den Steinen, Prof, Oppert, Dr, Ehrenreich 
und Dr, Häßler, hatten sich auf dem Bahnhöfe zu Fürstcuwaldc ein 
gefunden, von wo der Ausflug unter Führung des Konservators Krause 
und des Werkmeisters Busse angetreten wurde. 
Die Wagenfahrt ging über Ketschendorf und Petcrsdorf an Braun 
kohlen- und Mergelgruben vorüber durch waldiges Hügelland zunächst 
nach Forstbaus Pechhütte und dann am Ostufer des Scharmützelsecs 
nach Schloß Picskow, Pechhütte ist ein kleines unscheinbares Forst 
haus, welches, am Nordzipfcl des genannten Sees gelegen, einen 
prächtigen Ausblick über diesen gewährt. Man erblickt die weite Wasser 
fläche eines der größten märkischen Seen in lieblicher Umrahmung von 
bewaldeten Höhcnzügen, im Vordergründe auf einer Landzunge das 
kleine in Grün eingehüllte Dorf Saarow und dahinter einzelne 
Schornsteine der bei Silberberg belegenen Ziegeleien, Im Walde 
zwischen Pechhütte und Picskow liegt ein gewaltiger Findlingsblock tief 
in der Erde vergraben, auf dessen Oberfläche einige nicht mehr lesbare 
Verse verzeichnet stehen. Noch prächtiger ist der Ueberblick über den 
See von der Terrasse des Gutshauses in Pieskow aus, von welcher 
man nach dem durch seine Thongruben und geologischen Formationen 
berühmten Wcstufer des Sees hinüberblickt, Pieskow selbst hat eine 
schöne Lage am Ufer, namentlich der Gutshof; das dahinter land 
einwärts liegende Dörfchen ist ziemlich unscheinbar, aber rings von 
Wald umgeben, der sich östlich bis dicht an Wilmersdorf heran hinzieht. 
In diesem Walde liegen, ungefähr 2 km von Wilmersdorf entfernt, 
eine Anzahl Hügelgräber mit mächtiger, unregelmäßiger Stcinpackung, 
Herr Busse, der diese Gräber, sowie das große Gräberfeld vor etwa 8Jahren 
entdeckte, hat verschiedene Hügel abtragen lassen und selbst durchsucht. 
Unter zahllosen rundlichen Feldsteinen fanden sich größere und kleinere 
Gefäße mit Strichvcrzierung, auch einige Buckelurnen, welche nur 
Leichcnbrand ohne irgendwelche Beigaben enthielten. Die Grabstätten 
sollen dem 9, Jahrh, v, Chr, Geb, angehören. Nach Besichtigung dieser 
Hügel und der massenhaft umherliegenden Steine begaben sich die Teil 
nehmer der Exkursion nach dem dicht beim Dorfe in flacher Ebetie liegenden 
Gräberfeld, wo bereits Vorbereitungen für die Ausgrabungen ge 
troffen waren. Die ungefähr vier Morgen große Begräbnisstätte liegt 
hart an der von Wilmersdorf nach Süden führenden Chaussee und 
wird auf der anderen Seite von einem kleinen Höhenzuge begrenzt, 
von dem sic früher durch einen Breiten Sumpf getrennt wurde. Die 
Gräber liegen dicht nebeneinander, die Gefäße etwa 1 in unter der 
Oberfläche in regelmäßigen Stcinpackungcn, und zwar meist ein größeres 
Gefäß nebst zwei oder drei Beigefäßen in einem Giabe, Herr Busse hat'seit 
der Entdeckung des Gräberfeldes nahe an 400 Gräber geöffnet und mehr 
als 1000 Gefäße zu Tage gefördert, von denen sich ein Teil im Mär 
kischen Museum, ein Teil im Königlichen Museum und ein dritter Teil 
im Privatbcsitz des Herrn Busse befindet. Die Urnen weisen sehr ver 
schiedene Formen auf, sind teils rötlich-braun, teils bläulich-grau 
gefärbt und enthalten gewöhnlich nur Knochentcile und Asche, An 
Beigaben sind bisher einige Steinbeile von verschiedener Form, etwa 
dreißig Bronzenadeln von ungleicher Länge und mannigsacher Ver 
zierung am oberen Ende, eine gleiche Anzahl Bronzeringe, einige Bronze- 
pfeilspitzen und ein Bronzekelt gesunden, entweder in der Asche oder 
oben auf der verdeckenden Schale des Gefäßes. Bei der Ausgrabung 
am Sonntag wurden sechs ncbencinandcrlicgende Gräber geöffnet und 
ungefähr acht große unb zehn kleine Urnen unversehrt und einige in 
Scherben zu Tage gefördert. Die Gefäße zeigten meist Ornamente von 
kurzen Strichen, die in Dreiecksform aneinander gestellt waren, andere 
Verzierungen von Fingernägeleindrücken und blattrippenartige Ver 
tiefungen. Die Form war sehr verschieden, die gewöhnliche Gestalt 
war niedrig und weitbauchig mit geradem Rand, daneben fanden sich 
vasen- und topfförmige Gefäße und einige gehenkelte Schälchen. Die 
großen Urnen waren mit flachen, breitrandigen Deckeln geschlossen und 
enthielten den Leichenbrand, die kleinen Gefäße waren teilweise an die 
größeren angeklebt und enthielten nur Sand. An Beigaben wurden 
zwei Bronzeringc, das Stück einer Bronzcnadel, ein Stück Bronzcschlacke 
und drei rundliche, abgeplattete Steine, sogen, Käsesteine gefunden. 
Die Funde werden dem Museum für Völkerkunde einverleibt werden. 
Nach Beendigung der Ausgrabung begab man sich nach dem 
Nachbardorfe Lomitzsch, wo ein altes Blockhaus besichtigt wurde. 
Dieses Ucberbleibsel aus früherer Zeit dürfte 400 Jahre alt sein und 
immerhin zu den Seltenheiten in der Mark gehören. Die vordere und 
hintere Giebelwand ist aus rohbchauenen Blöcken aufgeführt, die Seiten 
wände aus Fachwort, in der Mitte des Hauses steigt ein mächtiger 
Schlot empor, die Stuben sind klein und niedrig. In Lomitzsch wurde 
auch eine alte Mühle bezw, ein Mörser, aus einem Baumstamm ge 
fertigt, entdeckt und für das Volkstrachtenmuseum erworben. Der etwa 
mannshohe Baumstamm ist ausgehöhlt und in diese Höhlung paßt ein 
Stößel mit langem Stiel, der an der Decke des Bodens oder Stalles 
befestigt ist. Die Mühle wurde zum Zerquetschen von Hirse und 
Reis benutzt. 
In Pfaffendorf vereinte ein gutes Mabl die Teilnehmer des Aus 
flugs; dann erfolgte die Rückfahrt nach Fürstcnwaldc, G, A.
        
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