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Periodical volume 22.Juli 1899 Nr, 29

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Jasper wollte auffahren. Er bezwang sich jedoch und sagte 
lachend: „Es ist stets ein Unterschied . . . kennst Du den Vers 
Badenstedts: 
In Gemeinheit tief versunken 
Liegt der Thor, vom Wein bemeistert. 
Trinket er, ist er betrunken — 
Trinken wir, sind wir begeistert. —" 
„Du wolltest nur von dem Verkauf meiner Büste sprechen", 
erwiderte Ewald, ohne auf Jaspers Anspielung einzugehen. 
»Ja — ich denke 500 Mark ist ein ganz angemessener 
Preis — wie?" 
„Ich denke auch. Das deckt gerade so das Nötigste." 
„Aber Ewald —" 
„Run ja, wenn mau sechs Monate nichts verdient . . . doch 
eines interessirt mich . . ." 
„Ra, Gott sei dank!" 
„Du sagtest, eine junge Dame sei neulich beim Anblick der 
Büste in Ohnmacht gefallen? Wer war die junge Dame?" 
„Der Kunsthändler kannte sie nicht. Sie war mit einem 
Dragonereffizier, anscheinend ihrem Verlobten in der Ausstellung ..." 
„Mein Gott, erkannte sie der Esel von Kunsthändler denn 
nicht an der Aehnlichkeit mit der Büste?" 
„Ah, Du meinst, cs sei Brunhilde Asmuth gewesen?" 
„Ohne Frage. Ihr Bräutigam ist Dagonerosfizier. Das war 
ja meine Rache, alter Freund — und jetzt kommt ein Beauftragter 
des Herrn Bräutigam, um die Büste zu kaufen. Der Skandal 
soll aus der Welt geschasst werden." 
„Du könntest so unrecht nicht haben . . ." 
„Da können wir den Preis etwas höher stellen . . ." 
„Alle Wetter — da hast Du recht!" 
In diesem Augenblick ward an die Thür geklopft und der 
Hauswart — Portier hieß es in diesem deutschtümelnden Hanse 
nicht — steckte sein wertes Gesicht hinein. 
„Herr Brünner — 's ist ein Herr da, der Sie von wegen 
der Büste sprechen will." 
„Aha, da ist er schon . . ." 
„Ewald — Du bist allerdings nicht in dem Auszuge, dem 
Herrn zu imponieren. Ilcberlas; mir die Sache. Steige wieder 
auf Deinen Hängeboden." 
„All right — aber 600 Mark muß er blechen." 
„Laß mich nur machen . ." 
Ewald kroch wieder in seine Schlafkabine und Jasper ließ 
den Herrn bitten, einzutreten. 
Rach wenigen Minuten trat die schlanke, aristokratische Gestalt 
Bernd von Osteroths, in einfaches, dunkles Civil gekleidet, ein. 
Erstaunt sah sich Bernd in dem düsteren, unordentlichen Raum 
um; er hatte sich von einem Künstleratelier eine andere Vorstellung 
gemacht. 
Sein Antlitz war ernst und von einer leichten Blässe bedeckt; 
in seinen Augen lag der Ausdruck eines stolzen Grams. 
„Habe ich die Ehre, Herrn Ewald Brünner zu sehen?" fragte 
er mit kühler Höflichkeit und verwundertem Blick auf die kleine, 
behäbige Gestalt des fast fünfzigjährigen Jaspers. 
„Mein Raine ist Jasper, Bildhauer . . ." 
„So ist Herr Brünner nicht daheim? — Ich komme, um mit 
ihm über den Kauf seiner Brunhildenbüste zu unterhandeln." 
„Ich weiß . . . mit wem habe ich die Ehre?" 
„Mein Name ist von Bernd —" 
„Richtig — der Kunsthändler sprach davon. Nun, Herr von 
Bernd, ich bin von meinem zufällig abwesenden Freunde Ewald 
Brünner beauftragt, die Büste zu verkaufen." 
Bernd atmete auf. Es war ihm sehr lieb, Ewald Brünner 
nicht anzutreffen. 
„Unser Geschäft ist bald beendigt," sagte er dann. „Welchen 
Preis fordert Herr Brünner? Ich setze jedoch hinzu, das ich nicht 
nur die Mormorbüste, sondern auch etwa noch vorhandene Gips 
oder Thoumodelle, Studien und so weiter — kurz alles kaufen 
will, was sich auf die Büste bezicht." 
Ein Lächeln umspielt- den Mund Jaspers. Jetzt war er 
seiner Sache gewiß; dieser Herr von Bernd kam im Aufträge 
des Bräutigams oder der Familie Asmnth. Da konnte man fchoü 
einen hohen Preis fordern. 
„Gestatten Sie, Herr von Bernd, daß ich, bevor wir unser 
Geschäft abschließen, die Hängelampe anzünde. Es ist ja fast 
Nacht." 
Der kleine Bildhauer kletterte auf einen Stuhl und zündete 
die in der Mitte der Decke hängende große Hängelampe an, welche 
mit ihrem durch einen Restektor verstärkten Schein das kleine 
Atelier bis in den letzten Winkel erleuchtete. 
Jetzt erst bemerkte Bernd die ganze wilde Unordnung des 
Raumes und die Aermlichkeit seiner Ausstattung. 
Ein bitteres Gefühl durchzuckte sein Herz. Einen Mann, der 
in solcher Umgebung lebte, konnte Brunhild lieben? Einen solchen 
Mann konnte sie ihm vorziehen? 
Das war tief demütigend für ihn. 
„Soviel ich weiß," sagte Jasper, keuchend von dem Stuhl 
steigend, „besitzt Brünner keine Form mehr, außer jener Gipsbüste 
dort auf dem Tisch. Das Thonmodell existiert nicht mehr. Andere 
Studien sind meines Wissens nicht vorhanden." 
Bernd trat an die verstaubte Gipsbüste heran. Ja, das war 
Brunhildens Porträtbüste, ähnlicher noch wie die Marmorbüste, 
welche mehr in den Charakter der sagenhaften Brunhilden gefallen 
war. Zu dieser Gipsbüste mußte Brunhilde selbst gesessen haben! 
Schmerzhaft krampfte sich sein Herz zusammen. Jetzt sah er 
deutlich, daß Brunhilde ein frivoles Spiel mit ihm getrieben hatte. 
Alle Erzählungen seiner Kameraden von der freien Lebensauffassung 
der großstädtischen Damenwelt zogen wie düstere Schatten durch 
seine Seele und erstickten jeden neu auftauchenden Hoffnungsstrahl, 
daß hier noch ein unseliger Irrtum obwalten könne. 
Sein Entschluß stand fest. Er mußte sich von Brunhildc 
trennen, wenn auch sein Herz darüber brach. 
„Die Gipsbüste ist das ursprüngliche Modell," sagte Jasper, 
als Bernd, noch immer im Anschaun der Büste versunken, schweigend 
dastand. „Ich glaube, sie war ursprünglich als Porträt gedacht 
— sie ist sehr ähnlich . . ." 
„Aehnlich? •— Wem ähnlich?" 
„Run einer gewissen junge» Dame, deren Photographie ich 
bei Brünner oft gesehen habe." 
- Das Blut stieg Bernd heiß in die Stirn. 
„Wo ist die Photographie!" stieß er hervor. 
„Sie wird vielleicht unter den anderen Zeichnungen und 
Photographien auf dem Tische liegen." 
Bernd ergriff eine Anzahl dieser Bilder . . . Mvdcllbilder — 
Aktstellungen unbekleideter Gestalten — Abbildungen berühmter 
Denkmäler — flüchtige Entwürfe — Bühnenkünstlerinnen des 
Wintergartens und des Apvllotheaters in gerade nicht sehr ver 
hüllenden Kostümen — und hier — hier die Photographie Brun- 
hildcus — dieselbe Photographie, welche sie ihm geschenkt, welche 
neulich Bruno von Western auf seinem Tisch gesehen hatte! 
Ein Gefühl der Scham, des Ekels überkam ihn. Also des 
halb hatte sic ihm gerade diese Photographie nicht schenken wollen, 
die sie an ihren früheren Liebhaber erinnerte! Zwischen all diesen 
Modellen, Aktstudien, Theatcrdamcn — da lag achtlos hingeworfen 
ihr Bild, dasselbe Bild, vor dem er so manche einsame Stunde 
gesessen, in stillem Anschaun versunken, träumend von einem seligen 
Glück . . . oh, das war zu viel! 
Seine Leidenschaftlichkeit wallte wieder empor. Sein Auge 
flammte, eine heiße Glut überhauchte sein Antlitz, seine Hände 
bebten. 
Das ihm — das ihm, dessen Höchstes die reine, nnbcsicckte 
Ehre war! Das hatte sie ihm thun können, der vor ihr wie vor 
einem Götterbilde gelegen, der sie wie eine Heilige verehrt! 
Und hier in dem Schmutz und Staub einer wüsten Künstler- 
werkstatt fand er ihr Bild wieder, für das er ihr so warm und 
innig gedankt hatte, das sein Heiligtum gewesen? 
Unwillkürlich warf er das Bild umgekehrt auf den Tisch zurück, 
von eineni Gefühl des Ekels ersaßt. 
Da fielen seine Blicke auf eine kurze Aufschrift! Er erkannte 
Brunhildens Hand.
        
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