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Periodical volume 21.Januar 1899 Nr, 3

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Krauen und hervorragendsten Männer zwischen brillanten Farben 
skizzen, Naturstudien und Gemälden von bestechender Koloritwirkung 
prangten, und farbenprächtige, kostbare Stoffe und alte Gobelins 
von edler Harmonie der Töne als Vorhänge drapiert waren, — 
diesen Festen ließen sich doch keine anderen vergleichen inbezug auf 
künstlerischen Zuschnitt und Charakter, auf die angenberanschende 
Schönheit des Anblicks, den die Versammlung in dieser Umgebung 
bot, aus die sich in ihr entwickelnde Stimmung, die durch Takt, Ge 
schmack und Bildung gemäßigte Freiheit des fesselnden Gesprächs vor, 
während und nach den Tafelsitzungen. Wenn es zuweilen durch musika 
lische, gesangliche und instrumentale Vorträge unterbrochen und zum 
Verstummen veranlaßt wurde, so waren diese von dem Hause 
befreundeten Künstlern und Künstlerinnen ersten Ranges dargeboten. 
Ich entsinne mich einzelner glänzender Soiröen im Richterscheu 
Atelier, in welchen die Gesänge solcher Meister oder Meisterinnen 
die Vorführung von Transparentbildern begleiteten, welche von 
Richter, zum teil auch von ihm nahestehenden Kollegen, für daS 
betreffende Fest gemalt worden waren. Ihm befreundet und 
ständige Gäste des Hauses aber waren die besten und geschütztesten 
Meister aller Künste, die ersten Dichter und Schriftsteller Berlins 
und manche der bedeutendsten Persönlichkeiten der diplomatischen 
Welt und der Hofgesellschaft. In sehr geringem Maße war dagegen 
hier die hohe Finanz und die Börse vertreten. 
Bei all seiner Abneigung gegen steifen, gesellschaftlichen Formen 
zwang, bei aller Freiheit und Natürlichkeit und dem künstlerischen, 
heitern Schwung und Feuer in seinem Wesen und Auftreten war 
Gustav Richter dvch mit vollendetem Takt, mit Weltklugheit und 
Feinheit begabt und dadurch vor vielen befähigt, zu der ver 
mittelnden Stellung zwischen jenen beiden gesellschaftlichen Welten, 
eine Stellung, die er so geschickt als erfolgreich ausfüllte. 
In der Geselligkeit der gastlichen Häuser anderer wohlsituirter, 
ausgezeichneter, allgemein geschützter Künstler Berlins, wie Karl 
Becker, Paul Meyerheim, Anton v. Werner, war der Mnsik- 
und vor allem der Instrumental-, der Kammermusik, eine Haupt 
rolle zugewiesen. Waren und sind die genannten Meister doch 
selbst wohlgeschulte, glücklich begabte und passionierte Geiger 
bezw. Cellisten. Aus ihren vielbesuchten winterlichen Abendfesten kam 
die Konversation meist erst zu ihrem Recht, nachdem der Haus 
herr als ausübender Musiker mit ebenso musiktüchtigen Freun 
den einige Quartetts von Mozart, Haydn, Beethoven oder 
Schubert, ebenso zu ihrem eigenen Vergnügen, wie zu dem ihrer 
Gäste, zum Vortrage gebracht hatten. Bei Paul Meyerheim 
wechselte mit der Kammermusik häufig der Gesang der besten 
jungen Sängerinnen, und das Spiel junger Virtuosinnen auf dem 
Klavier oder der Geige. Manche der ersteren, die später zu hohen: 
Ruhm gelangt ist, hat in diesem Salon zuerst ihre Kämst erprobt 
und sich in dem dortigen Zuhörerkreise die erste bewundernde und 
verehrende Gemeinde erobert. 
Eine originelle und sinnige künstlerische Unterhaltung wurde 
auf den Abendfesten im Hause Anton v. Werners den Gästen ge 
boten. Dem noch so jugendlichen Meister war 1875 das Direktorat 
der akademischen Hochschule der bildenden Künste übertragen worden. 
Es war ihm rasch gelungen, sich in der vornehmen Gesellschaft 
Berlins eine feste, allgemein respektierte Position teils durch seine 
Kunstschöpfungen, teils durch die ausgesprochene Gunst der Mit- 
glieder des kaiserlichen Hauses und der ersten Würdenträger des 
Reiches und des Heeres zu erringen, zu denen ihn die Ausführung 
der bei ihm bestellten offiziellen Gemälde wichtiger, zeitgeschichtlicher 
Ereignisse in nähere Beziehungen gebracht hatte. Diese hohen 
Militärs, Staats- und Hofbeamten waren in jenen v. Wernerschen 
Soireen neben den Künstlern und den Dainen der verheirateten 
unter ihnen, zahlreicher noch als selbst auf den Festen im Hause 
Gustav Richters vertreten. In solchen Gesellschaften im Atelier des 
Meisters wurden zuweilen statt der Musikausführungen lebende 
Bilder von ganz eigentümlicher Art dargeboten. Von Rahmen uin- 
hegt, erschienen an der Wand des verdunkelten Raumes, in 
wirkungsvollster Beleuchtung und Farbenstimmung lebende Bildnisse, 
deren jedes in Haltung, Kolorit, Lichtefsekt und gesammtem künst 
lerischen Charakter genau den Portraits je eines bestimmten 
großen, alten italienischen, deutschen oder niederländischen Malers 
entsprach. Um „lebende Bilder" von solcher Eigenart zu erfinden 
und herzustellen, bedarf es freilich des feinsten, künstlerischen Ver 
ständnisses und der innigen Vertrautheit mit der charakteristischen 
Weise jedes dieser Alten. 
"Alle diese Gesellschaften in den Wohnungen unserer Künstler 
aber gewannen einen ihnen gemeinsamen, sie von allen in aristo 
kratischen wie in bürgerlichen Häuser Berlins veranstalteten Festen 
unterscheidenden Reiz durch die Hauptschauplätze, die meist mit 
so vielem oft phantastischen und abenteuerlichen künstlerischen Schmuck, 
interessanten alten Möbeln, Stoffen, Kuriositäten rc. ausgestatteten 
Ateliers der Gastgeber. Außer den genannten Meistern wären 
von ihren Kunstgenossen noch A. von Heyden, Hofmaler De. Otto 
Heyden, Wilhelm Gentz, der Orientmaler, als solche zu nennen, 
in deren Häusern während der siebziger und achtziger Jahre ein 
reges, und anregendes geselliges Leben herrschte, und eine schöne 
Gastlichkeit geübt wurde. 
Das Gleiche gilt von den Häusern einiger Schriftsteller, die 
sich damals in allen Kreisen der Berliner Gesellschaft einer außer 
ordentlichen Beliebtheit erfreuten. Die Häuser Paul Lindaus 
und Ernst Dohms sind unter ihnen in erster Reihe zu nennen. 
Der erstere, der zu jener Zeit als geistreicher, amüsanter Plauderer, 
Kritiker und Feuilletonist, später auch als anziehender, fesselnder 
Novellen-Erzähler sich die Gunst des weitesten Leserkreises erworben 
hatte, inst seinen Lust- und Schauspielen die Berliner Bühnen 
beherrschte, und seine durch Schönheit und feinen witzigen Geist 
ausgezeichnete Gattin Anna, die Tochter eines der Väter des „Kladde 
radatsch", David Kalisch, vereinigten bei ihren zahlreichen winter 
lichen Soireen eine Gesellschaft, die eine ungewöhnliche Mischung 
aus Angehörigen der hohen Aristokratie, der Börsenwelt und der 
Künstlerschaft im weitesten Sinne dieses vielnmfassenden Wortes, 
die der Posscnbühne nicht ausgeschlossen, darstellte. Eine Gesell 
schaft jedenfalls, von der jeder dazu Eingeladene die tröstliche und 
zni» Besuch reizende, nie getäuschte Zuversicht hegen durfte, daß er 
sich darin nicht langweilen würde. Männer wie der Herzog von 
Ratibor, wie Graf Wilhelm Bismarck, der zweite Sohn des 
Reichskanzlers, waren, ersterer ein häufig gesehener, letzterer 
ein nie fehlender Gast dieser Abende im Hause Paul Lindaus, in 
denen Ernestine Wegner, die allbcliebte Soubrette des Wallner- 
Theaters, ihre lustigsten und verwegensten Couplets unter jubelndem 
Beifall der Zuhörerschaft sang, aber auch, von dem genannten 
Herzog aufgefordert, mit ihin, wenn der Tanz begann, die Polonaise 
eröffnete. Der fürstliche Bühnenreformator, der Herzog von 
Meiningen, fehlte, wenn er Berlin besuchte, selten unter den 
illustren Gästen dieses Hauses. Aber auch diese heitere, glänzende 
Geselligkeit fand ihr Ende durch ein sehr ähnliches Familien- 
ereigniß, wie das oben erwähnte im Hause Ravenö. 
Ernst Dohm, der Mitbegründer und Chefredakteur des 
„Kladderadatsch", dem eine geist- und gemütvolle, einst auch als 
Schönheit von exotischem Typus gefeierte Gattin und vier in 
frischer Jugendblüte prangende Töchter, die Erbinnen der mütter 
lichen Gaben, zur Seite standen, hatte während jedes Winters 
einen echten und rechte» „Salon" in den bescheidenen Räumen 
seiner einfach ausgestatteten, im dritten Stockwerk eines Hauses 
in der Potsdamerstraße gelegenen Wohnung eröffnet. An jedem 
Montag Abend empfing die Familie dort die Freunde des Hauses 
und die von diesen eingeführten Gäste. Wie diese Wohnung einen 
Gegensatz bildete zu der mit großem künstlerischem Luxus ein 
gerichteten Paul Lindaus, so stand auch die Art der Bewirtung 
an diesen Montagen Ernst Dohms zu der dort üblichen im scharfem 
Gegensatz. In deren Vereinfachung hatte mau auch dort und 
damals ebenso wie heute, freilich jenes Ideal keineswegs zu 
erreichen gestrebt, wie es im französischen und italienischen Salon 
verwirklicht ist, im deutschen aber unausführbür zu bleiben scheint. 
Auch bei Dohm fehlte nicht das Büffet, das mit süßen und 
Fleischspeisen genügend besetzt ivar. Wer man zeigte sich völlig 
frei von der thörichten Eitelkeit, mit den verschwenderischen Soupers 
bei den Abendgesellschaften Paul Lindaus und unserer Finanz 
barone konkurrieren zu wollen. Die Gäste — eine wahre Elite 
schaar von namhaften Männern und Frauen aus sehr verschiedenen 
Gesellschaftskreisen und ein Flor anmutiger Damen — fand sich 
hier zusammen, für welche das Abendessen das Gleichgiltigste und 
Nebensächlichste war, und die nichts suchten als jenen unvergleichlich 
angenehmen geistigen Rausch der Unterhaltung mit gescheidten 
und liebenswürdigen Menschen, von dem sich sehr bald alle 
ergriffen fühlten, wenn sie diese Räume betreten hatten. Es war, 
als ob ein feines geistig elektrisches Fluidum von dem Hausherrn 
und den Seinen ausginge, das seine wohlthuend erregende Macht 
auf jeden Besucher ausübte. Diesen Dohmschen Salon schloß zu 
Ende der siebziger Jahre für immer die Erkrankung des eminenten 
Schriftstellers, welche ihn seinem 1883 erfolgten Tode entgegen- 
führte. 
(Ein Schlußartikel folgt.) 
Die Königliche Porzellan-Manufaktur unter Friedrich dem Großen. 
lj)ie Anfänge, aus denen sich die Königliche Porzellan-Manufaktur 
zu Berlin entwickelte, waren private Unternehmungen und 
zeigten sich im Keime, der die spätere Blüte noch nicht ahnen ließ, 
zuerst im Jahre 1750. Damals machte der Kaufmann Wilhelm 
Caspar Wegeli den Versuch, in der neuen Friedrichstraße eine 
Porzellanfabrik zu errichten. Die Fabrik ging jedoch schon im 
Jahre 1757 wieder ein- ihre Fabrikate, die heute sehr selten sind, 
zeugen bereits von einer anerkennenswerten Beherrschung der
        
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