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Periodical volume 15.Juli 1899 Nr, 28

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Wir haben sie in den siebzehn Hausstellen zu suchen, die, wie das 
Stadtbuch sagt, „wortyns", Wörthenzins, zu zahlen haben. 
Zwischen all dem stehen nun Fleischscharren, die Brotbänke, 
die Landleute mit Eier- und Butterkicpen aber auch die Fischwannen, 
die „Leget", und von drüben her, von der Verbindungsbrücke nach 
Cöln hinüber, klappern und brausen die vier Wassermühlen, die 
„Berliner"-, „Mittel"-, „Klipp"- und „Cölnische-Mühle". Ein 
Leben und Menschengedränge schiebt sich hin und her, der Vogt 
läßt am Fuße des Roland einen Richtspruch verkünden, er lautet bei 
Verletzungen des Eigentums meist aus Tod, lebendig Begraben werden. 
Viel milder sah man Verletzungen der Sitte an, und die „Fräulein, 
die an der Unehre sitzen" konnten sich manches erlauben. Es muß 
zugestanden werden, unsere Väter waren nicht gerade sehr sitten 
strenge Herren, und die Badestube am Krögel hatte einen 
schlimmen Ruf. 
Heinrich Schowenfliet (Schöufließ), dem Verfasser des 
Berliner Stadtbuches, seines Zeichens „Stadtschreiber" von Berlin, 
verdanken wir fast alles, was wir über die Verhältnisse unserer 
Stadt wissen. Er schrieb sein Buch auf Geheiß des Rates nach 
dem großen Brande vom Laurentiustage (10. August 1380), der 
die ganze Stadt in Asche legte. Erhalten blieben nur die granitnen 
Turinmauern von Nicolai (stehen noch heut), die Nordwand von 
St. Marien, die Klosterkirche der Franziskaner, ferner das „Heilige- 
geist-Hospital" und sechs Bürgerhäuser in der Klosterstraße. 
Erich Valke von der Lietzenitz auf Saarmuud hatte 
den Brand durch seine Knechte anlegen lassen. Der Rat ließ lange 
vergeblich auf ihn fahnden, dafür hing aber nachher viele Jahre 
hindurch sein Haupt vom Georgenthor als Schrecken für alle, die 
sich an Berlin zu vergehen vorhatten. 
Wenn man heut durch den „Krögel" zur Spree hinabgeht, 
ahnt man zwischen den hohen verwetterten Mauern der engen 
Gasse, daß hier der älteste und deshalb ehrwürdigste Teil von 
Berlin ist. Und doch ist von dem Ursprünglichen selbst in diesem 
uralten Gemäuer nichts mehr vorhanden, und der Kanal hat sich 
in eine Straße verwandelt. Man ist in Berlin nie sehr pietätvoll 
mit dem Werk früherer Epochen umgegangen; — diese Tradition 
scheint das einzig dauernde zu sein in all dem Wechsel der Zeiten. 
Carl Langhammer. 
Voll der chemischen Industrie in der Mark. 
Von 
Paul Mrschfrld. 
VIII. 
Aer bekannte Ausspruch Goethes: „Die Geschichte der Wisseu- 
' schäften ist eine große Fuge, in der die Stimmen der Völker 
nach und nach zum Vorschein kommen," läßt sich auch in vollem 
Sinne auf die Ge 
schichte der mannig 
fachen industriellen Ge 
triebe anwenden. So 
wissen wir, daß der 
Ursprung der Par 
fümeriekunst in die 
graue Vergangenheit 
asiatischer Kultur zu 
rückführt, deren Wesen 
uns hauptsächlich durch 
die von Forschern ge 
leiteten Ausgrabungen 
erschlossen wurde. Erst 
in später Zeit tauchte 
dann dieser in Ver 
gessenheit geratene 
Schafsenszweig in Eu 
ropa auf, um unter der 
Regierung LudwigsXV. 
in Frankreich eine Be 
deutung zu erlangen, 
welche an jene Epoche 
der römischen Kaiserzeil 
erinnerte, wo die Ver 
schwendungssucht in 
wohlriechenden Prä 
paraten und kosmeti 
schen Mitteln jedes 
Maß überschritt. Dieser 
damals ausschließlich 
französische Schaffens 
zweig wurde später 
nach England und, wie 
wir dies in unserer 
Schilderung VII näher 
ausführten, im Jahre 
1823 durch die Firma 
Treu & Ruglisch 
nach Deutschland ver 
pflanzt und entfaltete 
sich hier in so blühen 
der, mächtiger Weise, 
daß er eine bevorzugte 
Stellung auf dem Welt 
märkte zu erringen 
vermochte. 
Die Nachfolge, welche 
das Vorgehen des ge 
nannten Unternehmens 
fand, bestand anfäng 
lich, wenigstens in Berlin, aus der Begründung einzelner Parfümerie- 
Verkaufsgeschäfte, unter denen besonders das im Jahre 1831 
eröffnete Magazin von Gustav Lohse durch eine verständnisvolle 
Partie aus dem Krögel. 
Auswahl und ein geschmackvolles Arrangement aller Toiletteartikel 
die Aufmerksamkeit der vornehmen Kreise der Residenz erweckte. 
Allerdings konnte dieses Etablissement mit seinem ursprünglich 
immerhin sehr begrenz 
ten Betriebe sich erst 
dann zu einem viel 
leicht einzig dastehenden 
Verkaufshause ent 
wickeln und eine weit 
gehende Popularität 
erringen, als durch die 
neue Aera des Fabrik- 
undVerkehrswesens die 
Lebensbedürfnisse sich 
wesentlich hoben und 
das Schönheitsempsin- 
deu sich mehr und mehr 
verallgemeinerte. Zu 
dieser Zeit ging auch 
die Firma unter der 
fachkundigen Leitung 
der Söhne ihres Be 
gründers, insbesondere 
des vor wenigen Jah 
ren dahingeschiedenen 
Chemikers Dr. Eduard 
Lohse, zur Fabrikation 
einzelner kosmetischer 
Präparate über. Diese 
produktive Thätigkeit 
war von so reichen Er 
folgen begleitet, daß die 
Firma sich entschloß, 
sie noch weiter auszu 
dehnen. Als sich dies 
auf ihrem bereits 
mehrfach vergrößerten 
Stammgrundslücke in 
der Jägerstraße 45/46 
nicht mehr in der er 
forderlichen Weise aus 
führen ließ, erwarb sie 
ein in der Möckern 
straße 69 gelegenes An 
wesen, auf dem sie 
einen stattlichen, mit 
allen technischen Er 
rungenschaften dieses 
Faches ausgerüsteten 
Fabrikbau errichten 
ließ. Es war im 
Jahre 1875, als die 
Firma ihren erheblich 
erweiterten Betrieb in 
diesem Arbeitsbereiche eröffnen konnte. Damit begann für sie 
eine neue Phase des Aufschwungs, durch den ihre Verbindungs 
fäden über die ganze zivilisierte Erde geleitet wurden.
        
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