Path:
Periodical volume 15.Juli 1899 Nr, 28

Full text: Der Bär Issue 25.1899

443 
die belebende Staffage von Trachtenfiguren einfach im Geschmacke 
der betreffenden Gegend hergerichtet. Vielfach sind die Einrichtungen 
in ihrer Gesamtheit aus alten Häusern übernommen, andererseits 
auch aus verschiedenen Erwerbungen zusammengestellt. Ein solches 
vollständig altes Zimmer ist die Lüneburger Stube, eine Eß- 
und Trinkstube mit Decken- und Wandtäfelung aus dem Jahre 1510, 
mit nordischer Kerbschnitzerei verzierte Schränke und Truhen, Tische, 
Stühle und Wandbretter, Bett- und Wandbekleidungen und ver 
schiedene Hausgeräte, Geschirr, Zinnkrüge und Leuchter bilden den 
Bestand dieser Stuben. 
Von ganz besonderem Interesse und von hohem Wert ist die 
Hindeloopener Stube, welche erst vor kurzem vom Museum 
unter beträchtlichen Kosten erworben wurde. Sie stammt aus dem 
altertümlichen Städtchen Hindeloopen am Zuidersee in der nieder 
ländischen Provinz Friesland und ist das einzige Zimmer, welches 
in solcher Mannigfaltigkeit Möbel und Gerätschaften der west 
friesischen Bauern aufzuweisen hat' selbst das Museum in Amsterdam 
besitzt nur eine geringere Zimmereinrichtung aus Hindeloopen. Es 
würde zu weit führen, näher auf den wissenschaftlichen Wert dieser 
Sammlung einzugehen, sie ist einzig in ihrer Art und giebt ein 
anschauliches Bild von der Lebensweise und der eigenartigen Kunst- 
entwickelung der Westsriesen. Schwere, eichene Schränke mit wunder 
licher Schnitzerei stehen an den Wänden, die mit Delfter Fließen 
getäfelt sind. Eine ganze Seite des Zimmers nimmt die Bettstatt 
ein, nach holländischer Art in einem schrankartigen Alkoven be 
findlich, der nur mit Hilfe eines fünsstnfigen Trittes zu besteigen 
ist. Die Thüren des Alkovens, der Tritt, Tische, Stühle, Bänke 
und andere Hausgeräte sind mit einer bunten, fast orientalischen 
Malerei geschmückt, die anfangs im Gegensatz zu dem dunklen 
Eichengetäfel des Einganges und zu der lichten Wandbekleidung 
etwas seltsam wirkt, schließlich aber sich der ganzen Umgebung, da 
die Nationaltrachten der Bewohner auch ziemlich bunt sind, har 
monisch anpaßt. Die Stube, welche durch ein Oberfenster der 
eichenen Balkendecke ihr Licht empfängt, zeigt auch eine Gruppe 
von Figuren, welche sämtlich mit originellen Trachten bekleidet 
sind. Um den bunten Tisch in der Mitte sitzt die Familie, aus 
Großvater, Großmutter, Frau und einer Braut, sowie zwei Kindern, 
bestehend, einige Kinder spielen an der Erde umher, und im Alkoven 
liegt eine Wöchnerin, während die „weise Frau" mit dem Säugling 
ans dem Arme vor dem Bette steht. Die Figuren sind nicht so 
schön wie die früher erwähnten' sie stammen aus Holland, und 
man hat sie so gelassen, wie sie dort aufgestellt waren. 
Nrhinger Bauer. 
welche sowohl auf den Feldern und dem Fries der Täfelung wie 
an den Stühlen, Schränken und Tischen zierliche und teilweise 
künstlerische Schnitzereien aufweist. Ein Sandsteinkamin unter dem 
Fenster trägt eine Darstellung des heiligen Abendmahls, ans einem 
Büffett, in einem Abschlage mit 
Butzenscheiben, befindet sich mannig 
faches Zinngerät, auf den Tischen 
liegen Decken mit eingewebten 
Figuren. 
Eine alte Einrichtung enthält 
auch die Schweizerstube, welche, 
wie die Lüneburger, seiner Zeit 
einen Bestandteil des deutschen 
Dorfes auf der Weltausstellung in 
Chicago bildete. Die Deckentäfelung 
stammt aus dem Jahre 1644, die 
Wandvertäfelung mit Büsfettein- 
richtung und die breite Himmel- 
bettstatt aus dem Jahre 1682, die 
übrigen Möbel, wie Schrank, Truhe, 
Tisch, Wiege, dürften ein gleich 
hohes Alter beanspruchen. Aus 
dem Jahre 1665 datiert ein Ofen 
aus Fayencekacheln von Winter 
thur, der seiner bildlichen Dar 
stellungen wegen bemerkenswert ist. 
Auf den Eckkacheln erblickt man 
die Gestalten von Glaube, Liebe, 
Gerechtigkeit, Hoffnung, Geduld, 
Treue, Fleiß und Stärke, auf den 
oberen Kacheln die Jahrzehnte des 
menschlichen Lebens mit den all 
bekannten Berschen und auf den 
unteren die Darstellungen der zwölf 
Monate, dann folgen an der Ofen 
bank Allegorien der vier Elemente 
und Darstellungen der Handwerker. 
Die beiden Stuben aus Schleswig-Holstein, ein Pesel 
und eine Dornse, d. h. eine gute Stube und ein Wohnzimmer, 
setzen sich aus verschiedenen einzelnen Sachen und Möbeln zu 
sammen, gewähren aber trotzdem einen Einblick in die Häuslichkeit 
und den Stand des Künstgewerbes jener Gegenden. Bemalte und 
Für die Beurteilung der Lebensweise der deutschen Volks- 
stämme ist natürlich auch die Kenntnis ihrer Wohnstätten von 
großer Bedeutung, und die Museumsverwaltung hat es sich deshalb 
angelegen sein lassen, Modelle der vorzüglichsten Typen deutscher 
Bauernhäuser zu sammeln und im Museum aufzustellen. Eins 
der schönsten ist das Modell eines Schwarzwälder Bauernhauses 
aus dem Kinzigthale bei Hansach, welches sich durch naturgetreue 
Nachbildung der Gebäude und der umgebenden Landschaft aus 
zeichnet. Das mächtige Wohnhaus lehnt sich mit der Hinterwand 
an eine Berglehne, vorn fließt ein Bach, über den eine steinerne 
Brücke führt, neben derselben steht ein Marienbild. Im Erdge 
schoß des Hauses liegen die Ställe und Wagenschuppen, im oberen 
Lüneburger Stube. 
Stockwerk, zu dem außen eine hölzerne Stiege hinaufführt, sind 
die Wohnräume der Familie und nach hinten die Schlafräume 
für das Gesinde, mit eigenem Zugang über eine Galerie; in der 
Mitte des Hauses befindet sich die Küche. Unter dem weit über 
ragenden Dach liegen Scheune und Tenne, der Zufahrtsweg zu
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.