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Periodical volume 15.Juli 1899 Nr, 28

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Sie wußte, das war das Ende ihrer Verlobung. Hatte er 
nicht noch soeben gesagt, daß er ein Mädchen niemals zu seiner 
Frau machen würde, die eine „schöne Erinnerung" im Herzen trüge? 
Sie lächelte bitter, und ihr alter Trotz bäumte sich in ihr 
auf. Sie hätte sagen können, daß sie den Künstler zuweilen in 
Gesellschaft gesehen, daß er wahrscheinlich bei diesen Gelegen 
heiten sich ihre Züge eingeprägt — vielleicht unbemerkt eine Skizze 
von ihr entworfen — aber sie verachtete diese Ausreden. Es sollte 
klar zwischen ihnen werden' schon seit langem litt sie unter dem 
Gefühl, daß sie nicht wahr und offen gegen Bernd gewesen war, 
der ihr doch, sein ganzes Herz, sein ganzes Leben offen dargelegt. 
Wenn sie ihm alles erzählt, dann wiirde es sich entscheiden, ob er 
sie wirklich liebte, oder ob er kleinlich genug dachte, an ihrem kurzen, 
romantischen Jugendtraum Anstoß zu nehmen. 
Und wenn er es that — wenn er sich von ihr abwandte? 
Ihr Herz erbebte doch unter diesem Gedanken, wenn sie sich 
auch mit dem ganzen Stolz ihres Wesens zu wappnen suchte. 
„Willst Du ruhig anhören, Bernd, was ich Dir zu sagen 
habe, und vorurteilsfrei prüfen?" fragte sie mit etwas unsicherer 
Stimme. 
„Gewiß. Ich habe mich stets bemüht, gerecht zu sein," ent- 
gegnete er ruhig und ernst. 
„Laß uns einen Wagen nehmen und nach Hause fahren. .Hier 
in dem Menschengewühl vermag ich nicht zu sprechen." 
Er winkte eine Droschke heran und half Brunhild beim Einsteigen. 
Dann nahm er an ihrer Seite Platz, und der Wagen setzte sich in 
Bewegung. 
Schweigend stärrte sie vor sich hin, in die Ecke des Sitzes 
gepreßt, die Lippen herb geschlossen. 
Er nahm ihre Hand. Teilnahmlos und kalt lag sie in der 
seinigen. 
„Brunhilde," flüsterte er innig und drückte einen Kuß auf 
ihre Hand. 
Wiederum erschien das bittere Lächeln um ihren Mund. Sie 
blickte ihn nicht an, sondern drückte nur leicht und flüchtig seine 
Hand. 
„Willst Du nicht zu mir sprechen, Brunhild? fragte er sanft. 
„Richt hier " 
„Aber ich begreife nicht . . ." 
„Quäle mich nicht. Du sollst alles erfahren." 
Er schüttelte den Kops. Welch wichtiges Geheimnis würde 
sie ihm anzuvertrauen haben! Er lächelte leicht. An eine Schuld 
ihrerseits glaubte er nicht, vielleicht an eine kleine Unvorsichtigkeit. 
Er begriff jetzt nicht, wie er vorhin die ganze Sache so schwer 
hatte nehmen können. 
Wie er jetzt in ihr schönes, edles, blasses Antlitz blickte, das 
klassisch geschnittene Profil, die reine, edle Stirn, um die sich das 
dunkle Haar in reichen Wellenlinien schmiegte — wahrhaftig, er 
war keine künstlerische Natur, aber in diesem Augenblicke konnte 
er sich wohl vorstelle», daß ein Künstler sich diesen Kopf zum 
Modell genommen hatte. 
Diese edle Schönheit mußte ja jeden Künstler anregen, sie im 
Bild wiederzugeben! 
Das war ja schließlich auch kein großes Verbrechen. Nur 
öffentliche Ausstellung — ohne ihre und seine Erlaubnis — das 
war eine Taktlosigkeit seitens des Künstlers, für die jedoch Brunhild 
nicht verantwortlich zu machen war. 
Seine ganze tiefe, leidenschaftliche, ernste Liebe zu dem schönen 
Mädchen wallte in ihm empor. Ein inniges Mitleidsgefühl mit 
ihr schlich sich in sein Herz' er wollte ihr zu Hilfe kommen, er 
wollte ihr zeigen, daß er nicht kleinlich, nicht philiströs dachte. 
„Weißt Du," hub er wieder an, indem er ihre Hand zärtlich 
streichelte, „wir wollen von der dummen Geschichte gar nicht mehr 
sprechen. Der Künstler hat taktlos gehandelt, daß er die Büste, 
die Dir so ähnlich sieht, öffentlich ausstellte, ohne uns zu fragen. 
Ich werde zu ihm gehen und ihn ersuchen, die Büste aus der 
Ausstellung zurückzuziehen." 
Sie fuhr erschreckt auf. 
„Das wirst Du nicht thun!" 
„Oder noch besser — ich kaufe die Büste, und wir schenken sie 
Deinem Papa zu Weihnachten. Ist das nicht eine famose Idee?" 
„Sehr gut," versetzte sie mit ironischem Lächeln. „Aber ich 
glaube, der Künstler wird die Büste Dir nicht verkaufen. . . ." 
„Weshalb nicht? Wenn ich ihm einen guten Preis biete? — 
Daraus kommt es ja diesen Leuten vor allem an." 
Wie verächtlich das klang! In ihr bäumte es sich auf. Ah, 
er wußte ja nicht, wie einem Künstler zu Mute war, der sein 
tiefstes Innerstes in seinem Werke zum Ausdruck gebracht, der mit 
seinem Herzblut an seinem Werke hing. Er betrachtete ja die 
Künstler nur als etwas höher beanlagte Handwerker. Er machte 
keinen Unterschied zwischen einem künstlerischen Porträt und einer 
auf mechanischem Wege hergestellten Photographie. — Das hatte 
sie schon oft erfahren. 
„Ich möchte Dich bitten," entgegnete sie, „ehe Du einen Ent 
schluß faßt, zu hören, was ich Dir zu sagen habe." 
„Nun, da bin ich neugierig." 
Sein Herz pochte erwartungsvoll. Er zwang sich zu dem 
scherzhaften Ton' er wollte sich selbst nicht gestehen, welch namen 
lose, unbestimmte, innere Angst ihn quälte. 
Nach kurzer Zeit hielt der Wagen vor dem Hause, in dem 
Brunhilds Eltern wohnten. 
Sie sprang rasch aus dem Wagen, ohne seine Hilfe an 
zunehmen, und eilte die breite, teppichbelegte Marmortreppe hinauf. 
Er lohnte den Kutscher ab und folgte ihr. 
Der Jnstizrat war in seinem Bureau, die Justizrätin nicht 
zu Hause, so waren sie ganz allein in dem großen, durch den 
elektrischen Kronleuchter taghell erleuchteten Salon. 
Jetzt erst fiel ihm ihr? ungewöhnliche Blässe und der unruhige 
Glanz ihrer Augen auf. 
„Du fühlst Dich nicht wohl, Brunhild," sagte er gutmütig, 
„willst Du Deine Mitteilungen nicht auf eine gelegenere Zeit ver 
schieben?" 
„Nein," entgegnete sie kurz. 
„Ich versichere Dich, ich bin gar nicht neugierig." 
Sie lachte auf. „Ich halte es für meine Pflicht, keine Minute 
länger darüber zu schweigen, was ich Dir schon längst hätte mit 
teilen müssen." 
„Das klingt seltsam . . ." 
„Ah, es ist nicht seltsam — es ist nur eine Probe, ob Du 
mich wirklich liebst." 
„Du kannst daran zweifeln?" 
„Nach Deinen Worten von vorhin, daß Du jedes Mädchen 
verachtest, welches in seinem Herzen eine „schöne Erinnerung" 
trägt — ja " 
„Brunhild!?" 
„Siehst Du, jetzt ist Deine Neugierde geweckt!" 
„Richt meine Neugierde — sondern mein Mißtrauen, daß Du 
mich nicht liebst. Doch ich will die Andeutung, die in Deinen 
Worten liegt, nicht verstehen. Ich wiederhole nur noch einmal, daß 
ich volles Vertrauen zu Dir habe, daß ich an Dich glaube, wie 
an mich selbst — ja, noch mehr, noch tiefer. — Du sollst mir nichts 
sagen — hörst Du — was Du mir auch zu sageu hast, ich ent 
binde Dich davon — denn ich glaube an Dich und weiß, daß Du 
rein und schuldlos dastehst." 
Seine Augen flammten — seine Stimme bebte. Erstaunt, 
erschrocken blickte sie zu ihm empor. So hatte sie ihn noch nie 
gesehen' eine solche Leidenschaftlichkeit hatte sie ihm nicht zugetraut, 
und zum erstenmale empfand sie bei dem Gedanken, ihn verlieren 
zu können, einen jähen Schmerz in ihrem Innern. 
In tiefer Ergriffenheit reichte sie ihm beide Hände. 
„Ich danke Dir, Bernd, für diese Worte. . . ." 
Er zog sie in seine Arme. „Brunhild, meine Brunhild — 
wüßtest Du, wie ich Dich liebe. . . ." 
Sie blickte zu ihm auf, und er küßte in leidenschaftlicher Auf 
wallung ihre Lippen, die sich seinem Kuß nicht entzogen. 
Roch nie hatte er sie so geküßt — noch nie ihr seine tiefe, 
innerliche Leidenschaft offenbart. Sie erschauerte in seinen Armen, 
unter seinen Küssen, und ein süßes Glücksgefühl durchströmte sie. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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