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Periodical volume 15.Juli 1899 Nr, 28

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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„Sicherlich — das war auch meine Meinung. Wer jetzt, wo 
ich diese Photographie sehe, da fällt mir doch die Aehnlichkeit so 
sehr ins Auge, daß ich fast vermuten mußte, Deine Braut, oder 
doch diese Photographie, sei das Modell jener Brunhildenbüste." 
„Unsinn! Wie sollte meine Braut dazu kommen, einem Künstler 
als Modell zu dienen?" 
„Hab' ich mir auch gesagt. Indessen . . ." 
„Was soll dies „Indessen"? fuhr Bernd nervös auf. 
„Run, nun, beruhige Dich nur, es wäre ja nichts Unrechtes 
dabei, wenn der Künstler . . .?" 
Bernd erhob sich hastig und ging unruhig im Zimmer auf 
und nieder. 
„Ich bitte Dich, Bruno, verschone mich mit Deinen Wenns 
und Aber!" 
„Wie Du willst. — Es war ja nicht böse gemeint." 
Eine Weile herrschte Schweigen zwischen den Freunden. Eine 
unbehagliche Stimmung hatte sich Bernds bemächtigt. Er wußte 
sich diese Stimmung selbst nicht zu erklären. 
„Ich würde es nicht dulden, daß sich meine Braut oder Frau 
in Bild oder Büste öffentlich ausstellen ließe," stieß er nach einer 
Weile hervor. 
„Manche Damen lieben es jedoch, ihre Schönheit von aller 
Welt bewundert zu sehen . . ." 
„Bruno, willst Du damit sagen, daß meine Braut zu diesen 
Damen gehört?!" 
„Aber ich bitte Dich, Bernd, nicht im geringsten. — Ich habe 
eine sehr hohe Meinung von Deiner Braut — das weißt Du — 
aber hier in Berlin nimmt man es nicht so genau. Was liegt 
auch daran — Tausende und Abertausende kennen das Gesicht nicht 
und gehen gleichgiltig daran vorüber. — Doch laß uns von etwas 
Anderem sprechen." 
„Ja, das ist auch meine Bitte an Dich." 
„Run gut — so habe auch ich eine Bitte an Dich." 
„Heraus damit. Brauchst Du Geld?" 
„Geld brauche ich immer. Aber dieses Mal komm ich nicht 
aus diesem Grunde zu Dir, sondern . . ." 
„Ra — Du stockst? Das muß ja etwas ganz Besonderes sein. 
Bürgschaft übernehme ich nicht — das weißt Du — lieber stelle 
ich Dir meine Börse zur Verfügung." 
„Ich sagte Dir schon, das; es sich nicht um Geld handelt, 
sondern um einen Brief, den ich Dich zu besorgen bitte." 
„Einen Brief?" 
„Ja," fuhr Bruno in einiger Verlegenheit fort. „Ich möchte 
ihn nicht gern durch die Post senden, er könnte in falsche Hände 
geraten — er ist an Elli Mertens gerichtet . . ." 
„Du stehst mit Elli Mertens in Briefwechsel?!" 
„Ach, so thu doch nicht so, als wenn Du nicht wüßtest, wie 
Elli und ich zu einander stehen!" 
„Und ich soll den Brief an Elli Mertens besorgen?" 
„Ja, Du — oder vielmehr Deine Braut, die ja die nächste 
Freundin Ellis ist. Sie wird den Brief gewiß besorgen, wenn Du 
sie darum bittest." 
„Das werde ich nicht thun!" 
„Aber, Bernd, sei doch nicht so entsetzlich philiströs!" 
„Willst Du mir Dein Verhältnis zu Elli Mertens etwas 
näher auseinandersetzen?" 
„Mein Gott, wir lieben uns! Ich sage Dir, Elli ist ein 
reizender, süßer Engel — sie liebt mich leidenschaftlich, und ich — 
wahrhaftig, wenn ich das Kommißvermögen hätte, würde ich sie auf 
der Stelle heiraten." 
„Und da Du das Kommißvcrmögen nicht hast, so fängst Du 
einstweilen eine Liebelei mit dem Mädchen an. . . ." 
„Bernd? . . ." 
„Ohne Dir klar zu sein, was aus dieser Liebelei werden soll, 
ohne Dir klar zu machen, daß Du den guten Ruf des Mädchens 
aufs Spiel setzt!" 
„Aber Elli hat mir gesagt, daß sie eine Erbschaft zu erwarten 
hätte." 
„Run, so warte auch Du, bis sie diese Erbschaft in der That 
gemacht hat. Dann magst Du ihr von Liebe sprechen, dann magst 
Du auch zu ihren Eltern gehen — oder wissen die Eltern von 
Eurem Verhältnis?" 
„Die Mutter ahnt sicherlich unser Verhältnis. Und das ist 
gerade meine Sorge! Die Alte will mich fest machen — die läßt 
nicht locker, und wenn ich Polizeileutnant werden muß!" 
„Pfui, Bruno — das ist nicht gentlemanlike gesprochen und 
gehandelt." 
„Ach was — ich kann mir doch die Kaution nicht aus der 
Haut schneiden! Laß doch die Alten dafür sorgen! Aber meine 
Carriere, meine gesellschaftliche Stellung aufgeben — nein, das 
vermag ich nicht. Deshalb habe ich mich in der letzten Zeit bei 
Mertens nicht mehr blicken lassen; die Alte geht scharf ins Zeug, 
neulich hätte sie mich beinah schon dingfest gemacht. Und dann 
weint mir Elli die heißesten Thränen vor, fällt mir um den Hals 
und schwört zu sterben, wenn ich sie verließe. — Wahrhaftig, wenn 
ich gewußt hätte . . ." 
„Ja — liebst Du denn Elli nicht?" 
„Ja doch — ja doch!" 
„Und Du hast ihr Deine Liebe gestanden?" 
„Selbstverständlich!" 
„Und hast sie gefragt, ob sie Deine Frau werden will?" 
„Natürlich — sie ist doch 'ne anständige junge Dame." 
„Nun, mein Bester, dann bleibt Dir nichts weiter übrig, als 
zu dem Amtsgerichtsrat Mertens zu gehen und ihn um die Hand 
seiner Tochter zu bitten." 
„Und die Kaution?" 
„Das ist Nebensache. Du mußt abgehen und Dir eine andere 
Stellung suchen." 
„Nerei — vielleicht als Agent der Militärdienst-Versicherungs 
gesellschaft? — Da werde ich dann Deine Söhne zu Anfang ver 
sichern." 
„Mach keine dummen Witze. Es ist Deine Ehrenpflicht, Elli 
ans der schiefen Stellung zu befreien, in welche Du sie gebracht 
hast — entweder Du verlobst Dich öffentlich mit ihr oder . . ." 
„Oder?" 
„Du teilst ihr mit, daß Ihr Euch nicht angehören könnt, und 
dann läßt Du Dich nicht wieder blicken." 
„DaS ist leichter gesagt als gethan." 
„Wieso?" 
„Du kennst Elli nicht. Sie liebt mich — und — und sie ist 
ein allerliebster kleiner Käfer . . ." 
„Bruno, so spricht man nicht von dem Mädchen, das 
man liebt." 
„Na — na, thu nur nicht so. Deine Brunhild denkt anders 
über den Punkt." 
„Ich bitte Dich, laß meine Braut aus dem Spiel," entgegnete 
Bernd heftig. „Brunhild steht mir viel zu hoch, als daß ich ihren 
Namen in diese Affäre mit hineingezogen sehen möchte. Wie 
Brunhild denkt, weiß ich sehr genau." 
Ein spöttisches Lächeln umzuckte Brunos Mundwinkel. 
„Wenn Du Dich nur nicht täuschest . . ." 
„Bruno, ich muß ernstlich bitten!" 
„Schon gut — also Du willst den Brief nicht besorgen?" 
„Nein . . ." 
„Nun gut — dann werde ich Deine Braut selbst darum 
bitten." 
„Ich verbiete es Dir und werde meiner Braut verbieten, den 
Brief anzunehmen." 
„Na, es wäre ja der erste nicht!" 
„Der — erste — nicht —?" 
„Freilich" lachte Bruno . . . doch ich will Dich nicht länger 
belästigen. Entschuldige mein Anliegen — addio. . . 
„Ein Wort noch . . ." 
„Wozu? — Addio . . ." 
Er hatte seine Mütze genommen und entfernte sich rasch, Bernd 
in tiefer Verstimmung zurücklassend. 
Aufgeregt ging Bernd im Zimmer auf und ab. Er kannte 
den Leichtsinn Brunos, und auch Elli Mertens traute er nicht viel 
Standhaftigkeit zu. Seine Braut aber mußte er vor der Berührung 
mit diesen unklaren Verhältnissen bewahren. Rasch zog er silh an, 
um zu Brunhild zu gehen. Es war günstiges Winterwetter; er
        
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