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Periodical volume 1.Juli 1899 Nr, 26

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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genau gemistt; beim mit philosophischem Gleichmut hat er seinen Spruch 
über die Thür schreiben lassen: 
Einer acht's 
Der Andre verlacht's 
Der Dritte betracht's, 
Was macht's? — 
Beim Frühstück trafen wir unsere Reisegenossem Es wurde für 
den Vormittag ein Spaziergang nach dem Schloß und Christianenthal 
verabredet. Der Weg dorthin führte uns durch die waldigen Baum- 
anlagen, die den Schloßberg bedecken, den Lustgarten und den Tier 
garten. Im ehemaligen Orangeriegebäude des Lustgartens sind die be 
deutende fürstliche Bibliothek von 107 000 Bänden und das fürstliche 
Archiv ausgestellt. Das herrliche gotische Schloßgebände, gewiß heut 
die schönste und umfangreichste aller Harzburgen, bat seine imponierende, 
prächtige Gestalt noch nicht lange. Es besag früher zwar auch seinen 
Umfang, aber mit der heutigen Pracht hat es erst der 1896 verstorbene 
Fürst Otto im Anschluß an die einzelnen alten hervorragenden Gebäude- 
flügel ausbauen lassen, und so wird es in seiner heutigen Gestalt bis 
in ferne Jahrhunderte hinein eins der Wahrzeichen des Harzes bleiben. 
Wenn man dann weiter unter den schattenspendenden Baumhgllen durch 
den Tiergarten wandelt, kommt man ins Christianenthal, ein Idyll im 
reinen Sinne des Wortes. Zwischen den hohen Waldeinsäumungen 
dehnen sich srischgrüne Bergwiesen, in deren Schoße sich wieder tiefe 
Teiche betten. Der Weg nach Wernigerode zurück geht dann durchs 
ragt das Schloß mit seinen umfangreichen Wohn- und Wirtschafts 
gebäuden und Befestigungen. Es liegt etwa 100 Meter über der Stadt 
iind beherrscht durch seine Lage den ganzen Gau. Daß es infolge 
dessen ein sehr begehrter Fleck mar, ist wohl verständlich. Aus den 
Zeiten, in die keine geschichtlichen Quellen reichen, berichtet uns die 
Ueberlieferung, daß die sächsischen-Gaugrasen im „Hartingow" hier ge 
sessen haben. Kaiser Lothar soll am Ansang des zwölften Jahrhunderts 
hier eine feste Burg errichtet haben, die er mit der zugehörigen Graf 
schaft um 1130 au den Grafen Poppo, einen Verwandten der Kaiserin, 
verlieh. Dieser wurde dann der Ahnherr des Geschlechts der Grafen 
von Blankenburg und Reinstein. In der Vernichtungsfehde, die Kaiser 
Friedrich Barbarossa gegen seinen welfischen Gegner Heinrich den Löwen 
führte, wurde die Blankenburg, die „Alleintreue", belagert und von 
Grund aus zerstört. 
Im Jahre 1599 starb das Geschlecht der Blankeuburger Grafen 
aus; Burg und Grafschaft fielen an das braunschweigische Herzogshaus. 
Im dreißigjährigen Krieg verpfändete der Kaiser die Grafschaft an 
Wallenstein für ausgelegte Kriegskosten im Betrage von 50 000 Thalern. 
Um den Besitz wiederzuerlangen, mußte Braunschweig die Summe 
zahlen. Bei dieser Gelegenheit kam der Regenstein unter andere 
Herrschaft, zuletzt wurde er brandenburgisch. Noch heut werden Spuren 
von den Notzeiten der Blankenburg überliefert, so von dem großen Brande 
von 1546, bei dem die Gräfin von Blankenburg in den Flammen um 
kam, daun von der Belagerung durch Wallenstein (1625), von der mau 
Blankenburg — Kegenstein. 
Mühlenthal, dessen tiefste Rinne das Bett der Holtemnie bildet. Sie 
fließt hier ganz flach über ein Kiesbett, und die braunen Harzkühe, jede 
eine bimmelnde Glocke um den glänzenden Hals, suchen sich mit Vor 
liebe die frischen Pflänzchen und Halme, die zwischen den einzelnen aus 
dem Wasser ragenden Felsbrocken emporsprießen. Die Stadl selbst und 
all ihre Umgebung ist ein Bild wahrhaften Friedens, und man versteht, 
daß gerade hier sich Villa an Villa von sonst fernwohnenden Sommer 
gästen reiht, die Erholung von des Winters Plage und Aufregung 
suchen. 
Der Nachmittag führte uns nach Blankenburg. Mit vieler List hatte 
ich erreicht, daß wir Brunos schnellgefaßten Plan, uns im Wagen den 
andern anzuschließen, nicht ausführten, sondern programmgetreu 
marschierten. Daß Papa und Mama das auch thun konnten, war 
natürlich ausgeschlossen, schon weil sie zuviel an sich selbst zu tragen 
hatten. 
Der Forst Blankenburg, den wir durchschritten, ist das wildeste und 
verstrickteste Waldrevier des Harzes,' wie uns versichert wurde, birgt er 
viel Schwarzwild. Nach eineinhalbstündiger Wanderung kamen wir 
beim Kloster Michaelstein, das einst den Grasen vom Regenstein als 
Familienbegräbnis dienie, an. Es ist ein merkwürdiges altes Gebäudes die 
runden, schönen Kreuzgänge sind noch heut erhalten. In der Nähe liegt 
der „Mönchemühlenteich' mit berühmten uralten Eichen am Ufer, 
die schon Karl Friedrich Lessing Stofs für seine Landschaftsbilder gaben. 
Nicht weit mehr, und der Blick in die Ebene thut sich aufs zu unfern 
Füßen liegt hingebettet das freundliche Blankenburg, drüben aus der 
Ebene beben sich die bizarre Silhouette des Regensiei» und einzelne 
versprengte Klippen der Teufelsmauer. Neben uns in der Höhe aber 
noch einige Kanonenkugeln eingemauert hat. Zeiten des Glanzes 
kamen aber dann während des 18. Jahrhunderts. 1708 vermählte 
sich Christine Elisabeth, eine Tochter des Hauses, mit Kaiser Karl VI. 
Sie wurde die Mutter Maria Theresias, der großen Gegnerin des 
alten Fritz. Ihre jüngere Schwester wurde 1711 an den Cäsarewitsch 
Alexis, den Sohn Peters des Großen, vermählt. Die Grafschaft wurde 
zum Fürstentum erhoben. Höfischer Glanz und Feste waren auf der 
Blankenburg an der Tagesordnung. 
Heut pflegt der Regent von Braunschweig, Prinz Albrecht, zur 
Jagdzeit hier zu verweilen. 
Gemäß seiner geschichtlichen Entwickelung ist die Ausschmückung 
der glänzenden Festräume des Schlosses wohl meist im Ansang des 
achtzehnten Jahrhunderts' entstanden. Auch die hervorragenden Bilder, 
unter denen Dürer, Lukas Kranach, van der Werfft, Teniers, Quentin 
Massys, Wouvermann vertreten sind, haben wohl zu dieser Zeit ihren 
Platz hier gefunden. Ueberall sieht man, daß ein Geist froher Kunst 
liebe, ein Geist der Lebensfreude damals in des Schlosses Mauern 
gewaltet hat. 
Auch der das Schloß umgebende Wildpark, der Tiergarten, mit 
seinem verfallenen Luftschlößchen hat ganz den Eharakter einer Schöpfung 
aus dem vorigen Jahrhundert. In der Stadt haben sich ebenfalls 
manche Reste „aus unserer Väter Tagen" erhalten, so das alte Rathaus 
und einige Fachwerksbauten mit dem reich geschnitzten Holzwerk aus 
dem 16. und 17. Jahrhundert. Blankenburg hat im ganzen einen 
ähnlichen Eharakter wie Harzburg, einen viel ländlicheren als 
Wernigerode. Das Fleckchen Garten am Hause findet sich hier selbst im 
Herzen der Stadt.
        
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