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Periodical volume 1.Juli 1899 Nr, 26

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Eine äußerst bequeme Einrichtung, womit sich der Präsident 
der Stadt, Herr Eisenberg, gewiß den Dank jedes Fremden ver 
dient hat, ist die Bezeichnung der Namen der Straßen an jeder 
Ecke. Man hat zu diesem Behufe große, blau angestrichene Bleche 
gewählt, worauf die weiße Schrift schon in der Ferne leserlich ist. 
Die Bequemlichkeit wird noch größer sein, wenn die vorgeschlagene 
Numerierung der Häuser erst durchgeführt sein wird. Recht un 
angenehm macht sich auch das schlechte Straßenpflaster bemerkbar: 
in den abgelegenen Stadtteilen haben sogar viele Straßen noch 
gar kein Pflaster. Der ganze Schloßplatz ist zwar neugepflastert 
worden, ebenso die Königstraße und die Linden: aber mit innigem 
Bedauern sieht und — fühlt man, daß das neue Pflaster nicht 
besser ist als das alte. 
Ein beträchtlicher Teil Berlins ist noch ohne alle Straßen 
beleuchtung, z. B. vor dem Königsthore. Aber auch in den besseren 
Gegenden Berlins ist die Beleuchtung sehr mangelhaft. Die 
Laternen sind zu sparsam angebracht und die Scheiben aus so 
grünem Glase hergestellt, das durch das Licht mehr geblendet als 
erhellt wird. 
Der Fremde, der zum erstenmale in den Straßen Berlins 
umhcrwandelt, pflegt sich über die Menge der zum Teil auffallenden 
Ucberschriften der Kaufgewölbe und Buden zu amüsieren. Die 
Sucht, die Worte: „Königlich Preußisch privilegiert" über dem 
Laden anzubringen, geht so weit, das; man alle Augenblicke einen 
Königlich Preußisch privilegierten Bäcker- oder Weinessigladen 
sieht? Weiter fehlt es nicht an Beispielen unfreiwilliger Komik: 
hier liest man „Englisches Stuhlmacher-Magazin", dort: „Italiener- 
Handlung". 
Der Anstrich der Häuser befriedigt im allgemeinen alle An 
forderungen des guten Geschmacks. Doch finden sich an einzelnen 
Ottofels brr Hohne. 
(Zum Artikel „Eine Pfingstfahrt in den Harz.") 
Häusern abstoßende Farbenanstriche, so z. B. wenn der Grund rot 
gehalten ist, alle Borsprünge aber mit einem häßlichen Gelb über 
tüncht sind. Biele Häuser sind im Geschmack und Geiste ver 
gangener Zeiten mit Sinnbildern und Inschriften verziert. 
So steht über der Thür eines Hauses in der Friedrichstraße ein 
vergoldetes Schiff mit drei Masten, welches als ein Sinnbild der 
heiligen Dreieinigkeit gelten soll und die Neberschrift führt: 
Drei Wesen in einem Gott, 
Glaube mir, es ist kein Spott! 
Ueber der zweiten Thür desselben Hauses ist in einem Felde 
ein schwarzer Adler angebracht, unter welchem in vergoldeten Buch 
staben die Inschrift prangt: Königlich Preußische privilegirte Butter 
handlung! Vielfach liest man auch auf Schildern neben der 
Hausthür: Hier wird Unterricht im Christentum erteilt. Dagegen 
suchen Tabagieen Besucher durch ein Schild mit der Inschrift: 
„Au noble jeu de billard“ anzulocken. 
Der schönste Platz ist ohne Zweifel der Platz am Opern 
hause mit seinem Ausblick aus Paläste, das Zeughaus, das schöne 
Opernhaus und die katholische Kirche. Aber wie jammerschade, 
daß auf der Mitte dieses herrlichen Platzes nun schon seit Jahr 
und Tag eine elende Bretterbude steht, welche rund herum mit 
Abbildungen wilder und zahmer Tiere behängen ist! Hier sind 
einige wilde Tiere zu allen Zeiten des Tages für wenig Geld zu 
sehen. Der Herr dieser Menagerie ist ein Franzose, der seinen 
kärglichen Unterhalt vorzüglich zwei Affen verdankt, welche auf sein 
Kommando nach dem Schall einer erbärmlichen Janitscharenmusik 
auf dem Seile tanzen, oder vor der Thür seiner Bude die Vor 
übergehenden durch ihre Sprünge herbeilocken müssen. — 
_ Und nun rüsten wir uns zu einem Spaziergange durch den 
Tiergarten. Dieser liegt, sobald wir aus dem Brandenburger 
Thor hinaus kommen, als ei» großer, schattiger, nach allen Rich 
tungen mit geraden und gewundenen Gängen durchschnittener Lust 
wald vor uns. Aber ehe wir noch in seinen einladenden Schatten 
treten können, müssen wir zuerst über einen Weg, der an der Stadt 
mauer sich hinzieht und, sobald es regnet, mit tiefem Schlamme 
bedeckt ist. Bei solchem Wetter sind dann einige arme Gassenbuben 
unablässig beschäftigt, schmale Steige für die Promenierenden zu 
fegen. Dafür nehmen sie dann einige Groschen ein, die man ihnen 
für ihre Mühe zuwirft. 
Sobald wir unter die ersten Bäume treten, sehen wir vor uns 
eine Anzahl kleiner Tische, welche mit Pfennigsemmeln, kleinen 
Pfefferkuchen, Würsten und großen Branntweinflaschen bedeckt sind. 
Zwischen diesen Tischen hat sich wohl ein armer Invalide mit 
einem Kuckkasten oder einem künstliche» Bergwerk placiert, dessen 
fingerlange Bergleute an einigen Stückchen Erz hämmern, um 
ihrem Gebieter einige Kupferpfennige zu verdienen. 
Bei der Menge der zu einem Spaziergang einladenden Alleen 
hält es schwer, sich zu entscheiden, wohin man zuerst seine Schritte 
lenken soll. In der Mitte des Tiergartens vom Brandenburger 
Thor aus erstreckt sich eine breite Straße nach Charlottenburg, 
dem Lustschloß des Königlichen Hofes, wo sich die Königliche Fa 
milie im Sommer einige Monate aufzuhalten pflegt. Wollen wir 
gehen, so steht es uns frei, uns unter eine bunte Gruppe von 
Fußgängern, die den verschiedensten Ständen angehören, zu mischen: 
denn unablässig wandelt der Strom der Passanten an schönen 
Tagen unter den hohen Linden, mit welchen der Weg zu beiden 
Seiten eingefaßt ist, hin und her. Wollen wir aber fahren, so 
finden wir zu jeder Tagesstunde am Brandenburger Thor eine 
große Anzahl von Korbwagen, mit zwei oder drei Pferden bespannt, 
bereit, uns und noch sechs bis siebön Personen, welche der Wagen 
fassen kann, für zwei Groschen nach dem Lustschloß zu fahren. 
Obgleich Charlottenburg zu einem ziemlichen Flecken angewachsen 
ist, so ist es doch nicht imstande, die Zahl der dorthin an schönen 
Tagen wallfahrtenden Berliner zu fassen. Die Straße ist dann 
an beiden Seiten mit zahllosen Tischen und Bänken besetzt, und 
die Berliner sitzen überall in unübersehbaren Gruppen auf den 
Stühlen oder Bänken oder auch auf zufällig vorhandenem Bauholz 
und trinken mit wohl bemerkbarem Behagen ihr Glas Bier oder 
ihren Kaffee: zu Wein oder Punsch, wie es anderswo vorkommt, 
versteigen sie sich fast nie. 
Rehmen wir vom Brandenburger Thor aus unseren Weg zur 
Linken, so führen uns hohe, schattige Gänge zu einer Reihe Häuser, 
welche eine kleine Straße bilden. Größtenteils sind es Kaffeehäuser, 
und unter diesen ist Richard der beliebteste Traiteur der Berliner. 
Auch viele schöne Privathäuser reicher Leute liegen hier, und in 
der That kann man kaum schöner wohnen. Man geht quer über 
einen kleinen Weg, dann ist man in dem schattigen Walde, wo über 
all Tische und Bänke angebracht sind. Wer es nur einigermaßen 
gutmachen kann, wohnt hier wenigstens einige Wochen im Frühling, 
um den Brunnen zu trinken. Von fünf Uhr morgens an findet 
man hier Gruppen von Mädchen und Frauen, die bei einem Glase 
Pprmonter oder einer Tasse Schokolade' den Morgen verplaudern, 
oder sich init einem schönen Buche einsam unter einen Baum setzen, 
oder ungeniert umher gehen, oder sich am Arm des Geliebten in 
die dichten Gänge des Tiergartens verlieren. 
Wer hier im Frühling oder Sommer auch nicht wohnt, macht 
doch gern des Morgens früh eine Promenade, um in dem Hos- 
jäger, d. i. in dem entferntesten Wirtshause auf dieser Seite, zu 
frühstücken. Man nimmt in einer der vielen Lauben Platz und 
genießt bei einer nicht übel» Musik das, wozu man Lust hat. 
Durchkreuzt man so etwa um 11 Uhr den Tiergarten auf 
dieser Seite, so wird mau ihn recht interessant finden. Allenthalben 
sieht man Mütter mit ihren Kindern, die ein Plätzchen suchen, wo 
die Natur Anziehendes bietet. Leider giebt es solcher Stellen nur 
wenig: nur eine verdient einigermaßen das Beiwort: romantisch. 
In einem ziemlich großen Teiche liegt eine kleine Insel, mit einigen 
hohen Erlen bewachsen, unter welchen eine einfache Urne steht. 
Man hat dieser Insel den Namen Rousseau-Insel gegeben und 
einige Bänke als willkommene Ruheplätzchen umhergesetzt. 
Fast nur weibliche Personen sind hier des Vormittags zu 
finden. Die Männer kommen erst nach Tisch hierher. Nur einige 
Offiziere oder reiche junge Leute vom Civil tummeln sich in den 
schattigen Gängen auf mutigen Pferden. 
Während es vormittags auf der linken Seite des Tiergartens 
so aussieht, ist es auf der rechten, oder am sogenannten „Zirkel" 
noch ziemlich still und leer. Zu diesem Zirkel geht man in schattigen 
Alleen. Er hat etwa 150 Schritt im Durchmesser, in der Mitte 
steht ein mittelmäßiges Standbild der Flora. Rund umher laufen 
drei Reihen Bänke unter hohen Bäumen, und von dem Mittelpunkt 
aus erstrecken sich verschiedene schöne Wege nach allen Richtungen. 
Nach der Spree zu wäre die Aussicht offen — über das Wasser 
nach dem sogenannten Moabit und den Pulvermühlen — wenn sich 
hier an der Spree nicht drei Kaffeewirte angebaut hätten, deren 
Häuser den Namen Zelte führen. Der Platz vor diesen ist nach 
dem „Zirkel" hin mit Linden bepflanzt und von einem Staket ein 
gefaßt. Unter diesen Linden stehen unzählbare Tische und Stühle; 
der Zudrang von Menschen ist hier an schönen Nachmittagen und 
Abenden unglaublich stark, wobei alle Stände und Altersklassen
        
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