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Periodical volume 1.Juli 1899 Nr, 26

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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in den Tiergarten zu kommen. Wenn sie kam, dann konnte er 
sich ihr gegenüber rechtfertigen, und ihr gerechter Sinn mußte ihm 
verzeihen. 
Er eilte nach der verabredeten Stelle. Es war noch zu früh, 
ruhelos wanderte er auf und ab — eine Stunde, zwei Stunden 
— Brunhild kam nicht. Ein furchtbares Wehgefühl zerriß sein 
Herz, er warf sich auf eine Bank, verhüllte sein Gesicht in die 
Hände und blieb regungslos sitzen. 
Ein Schutzmann ging mehrere Male an ihm vorüber und 
beobachtete ihn scharf. Er machte den Eindruck, als ob er mit 
Selbstmordgedanken umginge. Der Schutzmann trat näher — da 
sprang er auf und floh davon. — 
Als am späten Abend Jasper seinen jungen Freund in seinem 
Atelier aufsuchte, um sich nach dem Erfolg seines Besuches bei der 
Justizrätin zu erkundigen, fand er Ewald vor der Büste Brun 
hildes am Boden liegend, den Arm auf den Sockel der Büste 
gelegt, das Gesicht in die Arine geborgen und krampfhaft schluch 
zend. Mit verstörtem Antlitz blickte er zu Jasper auf. „Sie 
hat mich verraten, in das Nichts zurückgestoßen," sprach er, die 
geballte Faust gegen die Büste ausstreckend, „ich werde mich rächen!" 
6. Raxiirl. 
Die Justizrätin verstand es vortrefflich, ein feines Diner her 
zurichten, das alle Delikatessen der Saison aufwies, ohne doch in 
seinen Genüssen überladen zu erscheinen. Dazu kam, daß die 
Weine des Justizrats die denkbar besten waren, so daß es kein 
Wunder war, wenn die kleine Gesellschaft, welche am Sonntag bei 
Justizrats versammelt war, in die behaglichste Stimmung geriet. 
Das runde Antlitz des kleinen Amtsgerichtsrats Mertens erglänzte 
in weinseliger Röte, während die Frau Amtsgerichtsrätin ganz 
ihre gewohnte steife Würde verlor und sogar zu den oft nicht ganz 
gesellschaftsfähigen Witzen ihres genialen Gatten lachte. Die 
Justizrätin war die Liebenswürdigkeit selbst, und der Justizrat 
machte in solch vornehmer und zuvorkommender Weise den Wirt, 
sich selbst klug und höflich zurückhaltend, daß jeder wenigstens der 
älteren Herrschaften an der kleinen Tischrunde glaubte, er sei die 
Hauptperson. Außer Amtsgerichtsrats war nur noch ein Kollege 
des Justizrats, ein etwas jüdisch aussehender Rechtsanwalt, 
0r. Mandel, mit seiner stark dekollettierten, recht unbedeuten 
den Gattin zugegen. Fron Or. Mandel glänzte vor allem 
durch ihre hypermoderne Toilette und ihr rotes Haar, das in 
einem dicken Wulst ihr nichtssagendes, aber blühendes Gesicht nm- 
gab. Ein schwerer, goldener Pfeil hielt den üppigen Haarkuoten 
zusammen. Um den vollen Hals schmiegte sich eine mehrreihige 
Perlenkette, und den Ausschnitt ihres Kleides zierte eine blitzende 
Diamantagraffe. 
vr. Mandel hatte in letzter Zeit einige sensationelle Prozesse 
geführt und einen gewissen Ruf in der Juristenwelt erlangt. Mit 
den -Herren Staatsanwälten stand er freilich stets auf gespanntem 
Fuße, weil er sie in seinen PlaidoyerS scharf anzugreifen pflegte. 
Leutnant von Western und Elli saßen am unteren Ende des 
Tisches und glaubten sich vollständig unbeobachtet, wie das selt 
samerweise bei Verliebten meistens der Fall ist. Sie trieben aller 
hand verliebte Thorheiten, drückten sich unter dem Tisch die Hände 
und aßen ein Vielliebchen nach dem anderen. Natürlich bemerkte 
jeder in der Gesellschaft das verliebte Spiel des Pärchens) aber 
man ging mit stillem Lächeln darüber hinweg. Alles muß ja 
einmal einen Anfang haben und somit auch eine Verlobung. 
Still und in sich gekehrt saß nur Brunhild da. Nur mit 
Anstrengung vermochte sie es, auf die Scherze des Amtsgerichtsrat 
zu erwidern oder auf die höflichen Fragen des vr. Mandel zu 
antworten. Im stillen dankte sie jedoch Leutnant von Osteroth, 
ihrem Tischherrn, der taktvoll genug war, ihrer ernsten Stimmung 
Rechnung zu trage» und sie nicht mit banalen Tischgesprächen zu 
quälen. Er begegnete ihr mit der zartesten Aufmerksamkeit, sprach 
nicht viel und las ihr jeden Wunsch an de» Augen ab. Brunhild 
cnipsand diese Rücksichtnahme sehr wohl; anfangs wollte sie sich 
verletzt fühlen, ihr Stolz empörte sich gegen das Mitleid, welches 
sie seinem Wesen ihr gegenüber zu verspüren meinte, doch als 
sie in seinem ernsten, traurigen und bittenden Blick begegnete, da 
schwand der Stolz, und eine leise Sehnsucht schlich sich in ihr Herz, 
stets so sorgsam behütet, so zart und aufmerksam überwacht zu sein. 
Sie fühlte sich so müde, so kraftlos, daß sie sich nach einer kraft 
vollen Stühe, daß sie sich nach einem Menschen sehnte, in dessen 
Hände sie getrost und sicher ihr Schicksal legen konnte. 
War Bernd von Osteroth dieser Mann? So fragte ihr Herz 
mit bangem Zweifel, und plötzlich hob sie das Auge in stummer 
Frage zu ihm empor. 
Ihre Blicke begegneten sich. Kein Wort wurde zwischen ihnen 
gesprochen, sie verstanden sich ohne Worte, und unwillkürlich fast 
flüsterte Bernd: „Ich danke Ihnen, Brunhild . . ." und sie senkte 
leicht errötend das Haupt. 
Das Diner war zu Ende. Die Justizrätin hob die Tafel 
auf, und man begab sich in den Salon, wo Kaffee und Likör 
gereicht wurde. Gar bald zogen sich die älteren Herren in das 
Rauchzimmer zurück, um bei einem Glase Bier und einer echten 
Bock sich in ein juristisches Gespräch zu vertiefen. Die beiden 
jungen Offiziere blieben bei den Damen. 
Die Gesellschaftsräume der Justizrätin bestanden aus mehreren 
in einander gehenden Zimmern. An den Salon grenzte ein Musik 
zimmer mit einem prächtigen Bechstein-Flügel, dann gelangte man 
in ein zierliches Boudoir und von diesem auf eine Loggia, die 
jetzt zum Wintergarten umgewandelt war. 
Trauliche Ecken und Erker waren überall gebildet; breit 
blätterige Palmen breiteten ihre Fächer über den schwellenden 
Sitzen aus, und kostbare persische und indische Gewebe verhüllten 
die Erker und Ecken vor allzu neugierigen Blicken. 
Reizende Plauderwiukel waren geschaffen, in denen man ab 
geschlossen von der Gesellschaft im traulichen Zwiegespräch sich ver 
stecken konnte. Bruno von Western und Elli benutzten dann auch 
diese Gelegenheit und waren sehr bald in einem dieser Plauder 
eckchen verschwunden. 
Lächelnd ließ man sie gewähren. 
Die übrigen Damen und Bernd begaben sich in das Musik- 
zinuner. Frau Or. Mandel trug einige Lieder mit leidlicher Stimme 
aber mangelndem Verständnis und Gefühl vor; dann bat man 
Brunhild, zu singen. 
Brunhild war jedoch nicht in der Stimmung. „Ich bin etwas 
erkältet," wehrte sie ab. 
„Dann spielen Sie etwas," bat man. „Sie spielen ja fast 
noch besser, als Sie singen." 
Brunhild setzte sich an den Flügel und präludierte einige 
Augenblicke, dann ging sie in ein schwermütiges Notturno von 
Chopin über, das sie meisterhaft vortrug. 
Aufmerksam hörten die Damen zu, während Bernd am Flügel 
lehnte und in schweigender Bewunderung mit seinen Blicken an 
der schönen Spielerin hing, die ihm heute rätselhafter denn je 
erschien. 
Nach der Beendigung des Notturnos spielte Brunhild weiter. 
Konnte sie sich dadurch doch am besten der Unterhaltung mit den 
anderen Damen entziehen. Diesen jedoch wurde das schweigende 
Lauschen aus die Dauer langweilig. Sie begannen miteinander 
zu flüstern, dann zogen sie sich in den Salon zurück, wo sie sich 
ungeniert unterhalten konnten, ohne Brnnhilds Spiel zu stören. 
Brunhild und Bernd blieben allein zurück. 
Das junge Mädchen schien ihre Umgebung vergessen zu haben; 
sie spielte weiter — eine wilde, schwermütige Melodie, plötzlich 
brach sie ab und stützte das Haupt auf, die Augen mit der Hand 
beschattend. 
Ein wehes Gefühl schlich sich in Bernds Herz. Er sah, daß 
Brunhild litt und vermochte ihr doch nicht zu helfen. 
„Fräulein Brunhild . . ." sprach er weich und bittend. 
Langsam erhob sie das Haupt und blickte ihn mit thränenschwercm 
Auge an. 
„Verzeihen Sie," sagte sie dann, wie aus einem Traum erwachend 
und sich erhebend. „Sie wollen mich wohl im Spiel ablösen?" 
„Ich spiele nicht, gnädiges Fräulein . . ." 
„Ach richtig, ich vergaß. Sie sind ja gänzlich unmusikalisch. 
Da habe ich Sie mit meinem Spiel wohl sehr gelangweilt?" 
(Fortsetzung folg,.)
        
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