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Periodical volume 24.Juni 1899 Nr, 25

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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979 war Kaiser Otto II. in Goslar. Er ahnte wohl kaum, daß 
ihn schon vier Hahre später im fernen Rom der Tod ereilen würde. 
984 wurde daun hier die Neichsfürstcnversammlnng abgehalten, die 
den vierjährigen Otto III. zum Kaiser kürte. Dem letzten Sachsenkaiser 
Heinrich II. war die Erweiterung der Stadt sehr am Herzen gelegen, 
doch auch unter den ihm folgenden Saliern genoß Goslar alle Gunst 
und Vorzüge des Herrscherhauses. Konrad II. gründete die Pfalz, die 
sein Nachfolger Heinrich III. vollendete. Gleichzeitig ivurde auch der 
Dom erbaut, von dem heut nur noch das ehrwürdige Gemäuer der 
„Domkapclle" steht. Des Kaisers Gemahlin Agnes von Poitou errichtete 
in der Stadt das Stift St. Peter und gebar ihrem Gemahl auf der 
Pfalz de» Thronerben Heinrich IV. 1063 fand im Dom das fürchter 
liche Blutbad zwischen Bischof Hcrilo von Hilüeshcim und dem Abt 
Widcradus von Fulda und ihren Reisigen statt — einer Rangstrcitigkeit 
wegen. Die geistlichen Herren hatten damals ein sehr lose in der 
Scheide steckendes Schwert an der Seite. 1065 brannte die Pfalz ab, 
wurde aber von Heinrich IV. glanzend wieder aufgebaut und diente 
ihm als ständiges Hoslager. Run kamen die schrecklichen Zwistigkeiten 
und Kämpfe gegen das Herrscherhaus und in diesem selbst. Heinrichs 
Gewaltthätigkeit seine Sittenlosigkeit und seine Charakterschwäche 
rächten sich. Er selbst erlitt seine herbste Demütigung in Canossa, 
und als er dann in Italien im Kampf gegen den Papst festgehalten 
war, wurden erst Rudolf von Schwaben, der aber 1080 in der Schlacht 
bei Merseburg siel, und dann Hermann von Salm-Luxemburg zum 
Radaufall bei Harzburg. 
Gegenkönig gewählt. Dieser wurde sogar aus der Pfalz in Goslar 
1082 gekrönt. Unter Heinrich V. erlebte Goslar wohl seine glänzendste 
Periode als „Kaiserstadt". Reichsversammlung folgte auf Rcichs- 
vcrsammlung mit all dem Leben, den Turnieren und Festen, die sie 
mit sich brachten. Auch unter Lothar von Sachsen 1134, unter 
Konrad III. 1l43, unter Friedrich I. Barbarossa 1154 gab es Reichs 
versammlungen. Aber bald begannen die schweren Fehden zwischen 
Welsen und Ghibellincn. Gerade die Goslarsche Bogtei war ei» Zank 
apfel zwischen Friedrich I. und Heinrich dem Löwen. 1186 sand noch 
einmal Reichstag statt, aber am 15. Juni 1206 siegten die Welsen, und 
Goslar hatte eine furchtbare Plünderung zu erleiden. Bon nun an 
vernachlässigten die Kaiser die Stadt. Wilhelm von Holland war 1253 
der letzte, der hier gewesen ist. 
Aus dem Kaiserblick, dem großen freien Platz vor dem Kaiserhause, 
standen wir und schauten hinab in das von Sonnenschein überflutete 
Gewirr von Mauern, hoben, spitzen Giebeln, steilen Schieferdächern, die 
mit ihrem Blaugrau das Bild der Stadt ganz eigenartig machen. 
Ueber das alles ragen die hohen Türme der Jacobikirchc und Stephani 
kirche und das Turmpaar der uralten Marktkirche. 
Wir fühlten das Leben des Mittelalters um uns; denn viel anders 
kann die Stadl danials nicht ausgesehen haben. Zwischen all dem 
ehrwürdigen Gemäuer aber sprießt das Frühlingsgrün, und der Bllucu- 
ichuee breitet sich über die Zweige der Obstbäunie. Und .nun neben 
uns der erhabene Bau des Kaiserhauses mit seiner Bort rrasse. Tie 
bauliche Restaurierung ist wahrhaft glänzend. Ein herrisches Wahr 
zeichen, steht es in seinen großartiger Maßverhältnisscn und wird 
hoffentlich noch lange stehen. Die Gemälde, mit denen die Wände des 
großen Kaisersaales ausgeschmückt sind, haben leider gar nichts von der 
monumentalen Größe des Hauses. Durch einen Verbindungsgang ge 
langt man in die Hauskapellc, in der jetzt der Sarkophag mit dem 
Herzen Kaiser Heinrichs III. beigesetzt ist, der einst im Dom stand. 
Hinter der Kapelle im Garten liegen die Grundmauern der kaiserlichen 
Wohngcmächer zu Tage. Wo einst die langen gold- und seidengestickten 
Gewänder der kaiserlichen Frauen auf dem glatten Fließenboden schleiften, 
da sprießt nun frisches Grün aus allen Fugen. Was haben diese 
Kemenaten alles gesehen! Die schwere Sorge Kaiser Heinrichs, wildes 
Kricgsgcdröhn, aber auch zarte Minnelieder und höfisches Spiel, und 
dann die Vorbereitungen zu all den Festen und Reichstagen, die im 
großen Saal abgehalten wurden. — Es ist ein Zeichen schöner Pietät, 
daß das neu erstandene Reich die Wiedcraufrichtung der alten „villa 
regia“, des „rikes paleuze“ als ein Vermächtnis aufgesagt hat. 
Hier waren die Glanzstätten der „Kaiserstadt" Goßlar. Aber auch 
aus den Zeiten bürgerlichen Macht haben sich trotz schwerer Feucrs- 
brünste noch manche alte Zunft-, Gilde- und Wohnhäuser erhalten. 
Meist mit reichem, plastischem Schmuck, der bald in die Krag- und Eck 
steine gemeißelt, bald in die Trag- und Fachwertbalken geschnitten ist, 
waren es keine „Kunstwerke" im strengen Sinne des Wortes. Der 
Humor, der dabei zum Ausdruck kommt, war teils fteiwillig, wie das 
„Dukatenmännchen" ani „Kaiserworth", und die „Butterhanne" am 
„Brusttuch", teils unfreiwillig; die Kaiserstatuen am „Kaiserworth", wirken 
auch heute noch auf die Beschauer. 
* * 
Der Pfingstmorgen brachte eine Uebcrraschnng, die eigentlich keine 
war, da man das Faktum erwarte» konnte. Wo gestern beschauliche 
Stille geherrscht hatte und man in Ruhe sich ganz dem Zauber des 
Wiedererstehens der Vergangenheit hingeben konnte, war heut Menschen 
gewühl und Lärm. Goslar ist ja auch eines der großen Einsallthore 
für die Harztouristen, und so kamen Züge aus Züge ans dem Bahnhof 
an und brachten ungezählte Psingstrciscnde. Der Mensch ist eben doch 
ein sehr eingebildetes Wesen, und so hatten mir unsere Idee der Pfingst- 
harzreise für viel was Originelleres gehalten, als daß so viele daran 
auch denken konnten. Unsere jugendliche Spannkraft einerseits und die 
uns innewohnende Philosophie andererseits ließen uns aber diese eine 
der schwersten Enttäuschungen unseres Lebens überwinden. 
Jedenfalls war scheunige Flucht geboten. Zu Wagen also nach 
Ocker und dann ins Ockerthal und nach Harzburg. Mein Kamerad 
begann wieder eine Uebung im Kreuzverhör mit dem Kutscher unseres 
Wagens, die indessen ziemlich einseitig blieb. 
Endlich kam Ocker. Ein Jndustriestädchcn; Fabriken, Hütten, wieder 
Fabriken, und so geht's weiter noch 2 Kilometer ins Thal hinauf: 
Schmelzhütte, Goldscheidungsanstalt, Kupfer-Extraktionsanstall, Vitriol- 
siederei, Schwefelsäurefabriken, dann noch 6 Cellulosewerke und — last 
but not least — zwei Fabriken, in denen die „Seele der Landwirt 
schaft" künstlich erzeugt wird. 
■ Das muß man überwinden — aber dann kommt der Lohn. 
Düstere schwarze Tannenwälder, aus denen gigantisch durcheinander 
geworfene und übereinander getürmte Klippe» hoch auftageu. Da 
zwischen schneidet sich dann immer das Flußbett ein, selbst ganz übersät 
mit riesigen Granitblöcken, vom Wasser schon ganz rund und blank 
geschliffen. 
Zu unserem Glück waren wir allein. Die Erklärungen der ein 
zelne» Klippen als „Zielen", „Madonna", „Großer Kurfürst", „Mönch 
und Nonne in sträflicher Umarmung", wurden uns also erst in Romker- 
halle von mitleidigen Tischgenossen gegeben, wo sie ziemlich unschädlich 
war. Es reizt mich immer, meine gute Erziehung zu vergessen, wenn 
ich mich an den abenteuerlichen Linien so eines Felsgeschiebes und Ge 
trümmers, an den stimmenden Farbkontrasten der Gesteine, der dunkeln 
Tannen, des frischen Grüns am Boden satt zu schauen suche, und es 
doch nie werde, und dann plötzlich höre: „Sehen Sie, da links die 
Steinwand, das ist der Kopf Napoleons — sehen Sie, ganz genau das 
Profil!" — 
Drei Stunden Waldwanderung und daun „Harzburg". Als wir's 
zuerst unter uns liegen sahen, hatte sich unser schon seit einiger Zeit 
jene gewisse Schweigsamkeit bemächtigt, die sich gegen Ende größerer 
Wege und Anstrengungen einzustellen pflegt, weil wohl alle Kräfte und 
Gedanken nur auf das Ziel gerichtet sind. Eine lange Kette freund- 
licher Häuschen im Chälctstil an einer sich aus der Ebene ins Thal 
hinauswindenden Straße, das ist Harzburg. Freundlich — heiter — 
lebendig. Als wir hinabstiegen, sahen wir mehr und mehr, daß es 
die größte Aehnlichkeit mit einem der die Riesenstädte umziehenden 
Villenvorortc hatte. Auch die obligaten, so bekannte» Schilder „Sommer 
wohnungen zu vermieten ' waren allenthalben ausgehängt. Wäre nicht 
der hochaufragende Burgberg und die weitere Bergkette gewesen, man 
hätte sich nach Wannsee versetzt geglaubt. Anders stell' ich mir aller 
dings das elegante Modebad Harzburg vor, wenn es erst Saison hat, 
wenn die Rennen abgehalten werden. Heute durchflutete die Menge 
der Touristen die Straßen, die mit der beim Durchschnitts-Rorddeutschen 
vom Reisen wie es scheint unzertrennlichen Uneleganz angethan, dem 
ganzen Bild etwas sehr wenig Modernes, Wellbadmäßiges gaben. 
Ganz anders muß es sein, wenn die rauschende Seide der Toiletten 
über den Kies schleift, wenn tadellos gekleidete Herren und spitzcn- 
umrauschte Damen sich um die Kurmusik sammeln und dem kleinen und 
großen Flirt obliegen, wenn die mail coaches die Alleen entlang 
rolle» und die scharsgeschnittenen, sonnengcbräunten Gesichter der 
Sportsmen und der Sportswomcn der Rennbahn entgegen eilen oder 
auf den Rasenplätzen um das große, elegante Aktienhitcl herum die 
Tennisbällc springen lassen. 
Ich schlug meinem Reisegenossen vor, noch den Burgberg zu er 
steigen, er aber erklärte, daß mau die Hochtouristik nie zur Kraxelei 
und Bergfexcrci ausarten lassen müsse. Und so schleuderten wir auf 
bequemem Wege an der hurtig über Stock und Stein eilenden Radau 
entlang, durch dichten Tannenforst zum Wasserfall.
        
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