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Periodical volume 10.Juni 1899 Nr, 23

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Des Lärms überdrüssig, wie wohlig heimelt uns da eine Wanderung 
durch Alt-Rothenburgs stille Straßen an. Nach jeder kurzen Strecke 
fast passieren wir ein Thor, grüßen uns freundliche Erker, künden 
Tafeln an den Häusern, daß hier die Größen ihrer Zeit, darunter 
Regenten, einstens gewohnt baben. Friedlich liegt der Marktplatz da) 
von der Sonne beschienen hebt sich mächtig davon das herrliche Rat 
haus ab, ein Prachtbau der Renaissance. Für den damaligen Reichtum 
der Stadt Rothenburg mag der Umstand sprechen, daß zur Zeit — 
1571 — als sie ans eigenen Mitteln dieses Gestände herstellen ließ, 
bürg. Slavische Stämme, Obotriten, Polacken und Witzen besetzten 
das verlassene Land; der zuerst genannte Stamm ward der herrschende. 
Im zehnten Jahrhundert begann der Kampf des Deutschtums mit 
dem Slavcntum, des Kreuzes mit Radegast, Das Christentum*) fand 
in der Mitte des elften Jahrhunderts bei den Obotriten einigen Eingang, 
doch nur auf kurze Zeit, Der Sturm von 1066 zerstörte die christliche 
Pflanzung, 
Heinrich der Löwe bezwang nach blutigem Kampfe gegen Pribislaw I. 
und Niklot das Land der Obotriten, In der Folge versöhnte er sich 
nüt dem Fürsten der Obotriten, Pribislaw ll,, 
einem Sohne Niklots, der nun Christ wurde, räumte 
ihm den größten Teil des Landes wieder ein und 
gab dem Sohne desselben, Heinrich Burewin, seine 
natürliche Tochter Mathilde zur Gemahlin. Nur 
die Grafschaft Schwerin ward dem tapfern säch 
sischen Grafen Güntzel gegeben und die Bischöfe 
von Schwerin und Ratzcburg mit Gebiet aus 
gestattet. Pribislaw ist der historisch gewisse Stamm 
vater aller Herzöge von Mecklenburg, der einzigen 
unter den noch blühenden Regentenfamilicn, die 
ursprünglich slavischer Abstammung ist. 
Vieh Enkel Pribislaws stifteten 1226 die Linien 
Mecklenburg, Werte oder Wenden, Rostock und 
Parchim, Parchim hörte 1278 auf, Rostock erlosch 
1314, Wenden 1436. 
Im dreißigjährigen Kriege lehnten sich die 
Herzöge von Schwerin und Güstrow gegen den 
Kaiser auf, wurden von diesem 1627 entsetzt, und 
Wallenstein mit ihrem Lande beliehcn. Seine 
Herrschaft dauerte aber nicht lange, indem Gustav 
Adolf die rechtmäßigen Fürsten 1632 in ihr Land 
zurückführte. Später entstanden die noch jetzt 
blühenden Linien Schwerin und Strelitz. 
Im siebenjährigen Kriege hatte Mecklenburg 
viel zu leiden. Die Herzöge hielten sich zwar 
durchaus neutral, aber Friedrich der Große forderte 
Rekruten und ließ Rekruten ausheben. Dazu fielen 
die Schweden von Pommern aus in das neutrale 
Land ein, 
1807 trat Mecklenburg-Schwerin zum Rhein 
bünde, 1813 waren die Herzöge von Mecklenburg die ersten deutschen 
Fürsten, die sich den Alliierten anschlossen, 1815 traten sie mit groß 
herzoglicher Würde zum deutschen Bunde. Die Landesverfassung beruht 
auf den zwischen den Regenten und den Städten errichteten Ver 
trägen, zuletzt auf dem Landesgrundgcsctzlichen Erbvergleich von 1755. 
Die eigentlichen Grundlagen sind aber viel älter, 
Neubrandcnburg liegt am Rordabhange des Mecklenburgischen 
Landrückens in einem von Berg und Wald umgebenen Thalkessel. In 
südwestlicher Richtung, nahe an der Stadt gelegen, dehnt sich der fast 
2 Meilen (15 km) lange Tollensesee aus, der von bewaldeten und zum 
Teil steilen Höhen umgeben ist. Dieser See ist sehr quellenreich und 
hat eine bedeutende Tiefe. Aus ihm entspringt die Tollense, ein munteres 
Flüßchen, welches in die Peene fließt und so zur Ostsee gelangt. Die 
von doppelten Stadtwällen umgebene Stadt hat die Form eines Kreises, 
der von rechtwinkeligen Straßen durchschnitten wird. Ein frischer Luftzug 
weht über den mit großen Plätzen und breiten Straßen versehenen Ort: 
Wald und See ist in der Umgebung genugsam vorhanden. Aus der 
Wallpromcnadc erheben sich mächtige Eichen mit ausgebreiteten Kronen. 
Auf der einen Seite wird der angenehme Fußweg aus der Wall- 
promenade von der allen Stadtmauer, von der anderen Seite von den 
Vorstädten, Gartcnanlagen und schönen Banmgruppen begrenzt. Die 
sich eröffnende Aussicht auf die ini neuen Stile errichteten Landhäuser, 
auf anderen Stellen hingegen auf die angrenzenden Kornfelder und 
zum Teil bewaldeten Höhenzügc bietet mannigfache Abwechselung, 
In dem von der Bunzlowschen Hofbuchhanblung herausgegebenen 
Führer durch Reubrandenburg wird folgende interessante Sage mit 
geteilt : 
„In alten Zeiten, bald nach der Gründung der Stadt, soll jedes 
junge Ehepaar verpflichtet gewesen sein, gleich nach der Hochzeit oder 
noch während der Flitterwochen zwei Eichen auf den Wällen zu pflanzen 
und demnächst zugleich zu pflegen, und daher komme es denn auch, daß 
die Eichen'vielfach paarweise hier zusammenstehen," 
Vom Bahnhote aus führen die Eisenbahn-, Mönchen- und Palais- 
Straße nach dem Marktplätze, auf welchem das in einfachem Stile 
errichtete Rathaus steht. 
Es ist ein in den Jahren 1885—88 aufgeführter, schmuckloser, drei 
stöckiger Massivbau mit gewölbtem Mitleldurchgang, au dessen Wand 
sich eine alte Tafel befindet, deren Inschrift lautet: Pulchra res est 
pax soris et eoncordia domi (Es ist ein föftlidj Ding, Friede draußen 
und Eintracht daheiui). Das an der Ostseitc des Marktplatzes belegene 
Großhcrzogliche Palais ist durch Fritz Reuters Säiriftcn weithin be 
kannt, und die auf demselben angebrack)ten vielen Blitzableiter erinnern 
nocki heute an die höchst humoristische Darstellung in „Dürä)läuchting". 
Ebenso urwüchsig klingt die Rculerschc Aeußerung über den Baustil des 
Rathauses: 
„Un dat in sine Buart utsach: as wenn dat vör langen Jahren 
ut ne Wihnachtspoppenschachtel namen wir." 
Auf dem geräumigen nnd mit Bäumen bewachsenen Kirchplatze 
erhebt sich eine der schönsten Kirchen Norddeutschlands, die St. Marien 
kirche. Ihr Haupialtar wurde am 31. August 1298 durch den Havelberger 
Bischof Johannes eingeweiht. Sic ist eine in rein gotischem Stile er 
baute drcischifsige Hallenkirche, Das bei dein großen Stadtbrande im 
Jahre 1676 stark beschädigte Gotteshaus ließ der Großhcrzog Georg in 
den dreißiger Jahren die>cs Jahrhunderts gründlich wieder herstellen 
und den Turm neu ausführen. 
*) Daniel, Politische Geographie. 
Altbürgermeister Nu sch leert seinen Humpen. 
noch 80 000 Gulden Kriegssteuer zu zahlen waren. Vorbei am „Weißen 
Turme", der von einem mit Holzfachwerk und einem reizenden Chörlein 
gezierten altertümlichen Hanse, dein einst sogenannten „Judentanzhans" 
begrenzt wird, zu der wundervollen St. Jakobskirche, die im gotischen 
Stile erbaut, in ihrem Innern wahre Meisterwerke der Glasmalerei, 
der Bildhauerkunst und Holzschnitzerei birgt. 
Und jetzt durch die breite Hcrrciistraße mit ihren wohl erhaltenen 
Patrizicrhäusern durch das eigenartige Burgthor mit seinen beiden 
Thorhäuschen hinaus auf die zur Anlage umgewandelte Alte Burg: 
geradezu einzig schön ist die Aussicht, welche sich von hier aus den 
Blicken bietet. 
In Windungen schlängelt sich die Tauber durck, ein Thal, das 
reich belebt ist von Brücken, Mühlen, Kirchlein und einzeln stehenden 
Häusern, darunter als bemerkenswertestes das ganz sonderbar geformte 
„Topler-Schlößchen" oder der „Kaiserstuhl". — Kaiser Wenzel wohnte 
hier Liters hei Heinrich Topler, dem tüchtigsten, zugleich aber 
auch dem unglücklichsten Bürgermeister Rothenburgs, der von seinen 
Gegnern als Verräter denunziert, im unterirdischen Gefängnisse des 
Rathauses 1408 den Hungertod erleiden mußte. Dem unschuldig Ver 
urteilten, später wieder Rehabilitierten, sollen, nach der Ueberlieferung, 
mitleidige Seelen durch Gift zu rascherem Sterben verholfcn haben. 
Das Tnubcrthal bietet einen geradezu berückenden Anblick. Das 
trutzig und schweigsam dareinschauende Rothenburg in der Pracht 
seiner Zinnen nnd Giebel, seiner Türme und Mauern, liegt vor uns. 
Ucppige Weinberge an seinen Geländen, fruchtbare Gärten, Wiesen und 
Felder fick) diesen anreihend, von sanften Höhen und Bergen umschlossen, 
ein reizvolles Bild, Daß Rothenburg, von hier aus gesehen, große 
Aehnlichkeit mit Jerusalem haben soll, wollen fromme Wallfahrer 
beobachtet haben. S. F. 
Ueber Neubrandenburg nach Rügen. 
Wem Gott will rechte Gniift erweisen, 
Le» schickt er in die weile Welt, 
Dem will er feine Wunder weisen, 
I» Berg und Wald und Stroni nnd Feld, 
Much ich habe meine Ferienzeit immer ausgenutzt und trotz meines 
vorgerückten Alters den Wanderstab ergriffen. Die Ziele meiner 
Reisen waren die schlichten Dörfer und Kleinstädte unserer Mark Branden 
burg, Und wo hätte ich lieber weilen mögen als in unseren rauschenden 
Föhrcnwäldcrn mit ihren sagenumwobenen Seen! Ost rastete ich an 
den Ufern eines rauschenden Bächleins, atmete die würzige Waldluft 
und aältete ans das Klappern der Räder einer einsam gelegenen 
Wassermühle. 
Diesmal wollte ich aber an die Gestade des Meeres •— mir war 
der Anblick der See noch nicht zu teil geworden — zuvor aber meinen 
Wohnsitz in Ncubrandenburg an den Ufern des herrlichen Tollensesees 
aufschlagen. 
Unsere Mark Brandenburg und Mecklenburg bieten viele gemeinsame 
historische Erinnerungen: die Geschichte beider Länder ist eng verbunden. 
Auch die Stadt Neubrandenburg war oft die Wahlstatt blutiger Kämpfe. 
Auch heute zeugen die noä) vollständig erhaltenen Ringmauern von 
dem Mule und der Standhaftigkeit ihrer braven Bürger, 
Während die Mark Brandenburg und die Elbgegcnden von 
slavischen Stämmen bevölkert wurden, räumten auch im sechsten Jahr 
hundert die germanischen Vandalen ihre Wohnsitze im heutigen Mecklen-
        
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