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Periodical volume 14.Januar 1899 Nr, 2

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Der Beeihovensaal in der Philharmonie. 
Von 
Hans Marshall. 
^KVerlin nimmt immermchr auch für nslc (Müctc öcr freien Künste 
Wff\ den Charakter einer Zentrale an. Ten Pulsschlag des gesamten 
(SSBI. künstlerischen Lebens zu fühlen, ist die Reichshauptstadt die 
geeignetste Stelle. Das ganze Jahr über vermitteln Ausstellungen, die 
neuerdings auch dem Fassungsvermögen der breiteren'Volksschichten Rech 
nung tragen, und eine beängstigende Anzahl von Kunstsalons die Kenntnis 
und das Verständnis der zeitgemäßen Bestrebungen auf dem Gebiete 
der bildenden Künste,' mancherlei Unternehmungen suchen den Segen 
der heiteren Tonkunst 'den Bewohnern der Millionenstadt nach des 
Tages Last und Plage mitzuteilen und der Pflege der Musik mehr 
Tiefe und mehr Breite zu verleihen. Wen» durch eine solche, die 
Anlage der Philharmonie mit ihrem ctiva 900 qm großen Konzertsaale, 
vor 10 Jahren dem Mangel an Raum, der sich in Berlin bisher bei 
großen musikalischen Aufführungen häufig genug fühlbar gemacht hatte, 
abgeholfen war, so ist cs ein erstenliches Zeichen für die Zunahme des 
musikalischen Interesses, wenn jetzt schon die Räumlichkeiten der 
Philharmonie nicht mehr genügten und ihre ivescntliche Erweiterung 
geboten erschien. Mit allen technischen und künstlerischen Mitteln ist sie 
durch die Herrn Besitzer und Direktoren der Philharmonie L. Sacerdoti 
und S. Landeckcr ins Werk gesetzt worden: Tas Etablissement trägt 
in seiner schönen und zweckniäßigen Umgestaltung allen Wünschen der 
Musiker und ihrer Hörer Rechnung und darf für die größte Konzert- 
anlage der Welt gelten; denn im ganzen bietet die Philharmonie jetzt 
der Benutzung eine Fläche von nicht weniger als 70ü0 qm. In erster 
Linie imponiert sic alp vornehme architektonische Schöpfung. Den 
Architekten, Herrn Banrat Heim und Baumeister Wirth, in dessen 
Händen die spezielle Leitung lag, ist es gelungen, durch die gediegene 
Ausstattung der Räume, ihre schönen Verhältnisse und den edlen Stil 
Der Berkhovensaal in Vor Philharmonie. 
den Eintretenden der Sphäre des Alltagslebens zu entheben und in 
eine weihevolle Stimmung zu versetzen. Namentlich der von der 
Köthencrstraße ans erreichbare neue Beeihovensaal, der eigentlich 
für besondere Musikaufführnngen und Vorträge bestimmt ist, wirkt 
schon durch seine Architektur und künstlerische RÜsschmückung erhebend 
und vorbreitcnd auf die seelische Läuterung durch die Tonkunst. 
Palastartig hebt sich ans der Häuserreihe der Köthencrstraße eine 
int Empirestil gehaltene Fassade hervor, die in ihrem Fries den Namen 
des Saales enthält. Eine Freitreppe führt in das weite Vestibül. 
Von weißgclbcm Napolconmarmor ist der Sockel, über dem große 
Spiegel in die Wände eingelassen sind. In zwei Armen steigt zwischen 
zwei Säulen, sanft eine mit vergoldetem, schmiedeeisernem Gitter ver 
sehene Treppe auf, der Zugang zu den Garderoben. Stufen und Säule» 
sind aus weißem Marmor gefertigt. Von den Garderoben endlich 
gelangt man zu zwei sich an den Längsseiten des Saales hinziehenden 
Korridoren, von denen ans je sieben Thüren aus Mahagoniholz die 
Zugänge zu dem prächtigen Inneren bilden. Aus demselben 
tiefbraunen Material wie die Thüren besteht auch die untere Holz 
verkleidung der Saalwände, über der an den Längsseiten die Brüstung 
des Balkons vorspringt, diese ist in lichtem Ton gehalten und mit 
vergoldetem Stuck geschmückt. Die Sphinx und die von zwei Schwänen 
getragene, von Lorbeer umrankte Lyra deuten symbolisch hin auf das 
Wesen der Musik. Sie reihen sich abwechselnd aneinander und sind 
durch Roscnguirlanden verbunden. Die Schäfte der freistehenden, durch 
Bogen überbrückten Balkonsäulen sind dunkel gefärbt und stehen mit 
der in weiß und Gold gehaltenen Dekoration des Saales in wirksamem 
Einklang. An der einen Schmalseite verlieft sich die Galerie zu einer 
Nische mit amphitheatralich aufsteigenden Sitzreihen. Ihr gegenüber 
befindet sich das eine Fläche von 7ü qm einnehmende Orchester, das 
noch um 2 m vorgeschoben werden kann. In der Höhe des Balkons 
stehen noch in den vier Ecknischen weibliche Gestalten, welche die vier 
Arten des Liedes verkörpern. Gattungen der Musik und ihre Ein 
wirkung auf das Gemüt des Menschen bilden auch die Themata der 
farbenprächtigen Deckengemälde von Professor Vital Schmidt. Das 
große Mittelvild ist zugleich eine Apotheose Beethovens. Bon Sonnen 
glut durchleuchtet steht aus lichter Wolkcnhöhc der verklärte Astralleib 
des gewaltigen Meisters. Neben ihm gruppieren sich drei allegorische 
Frauengestalten, die hier ihrer Zahl nach am ehesten die Deutung 
auf die Grazien zulassen, die drei von Beethoven hauptsächlich 
gepflegten Arten der Musik. Das Licht, das der Verklärte ausströmt, 
wirkt zunächst künstlerisch anregend ans den Menschen. Ein männlicher 
Genius mit Geißel und Notenblatt versinnbildlicht die Inspiration des 
schaffenden Künstlers, ein anderer mit einer Geige die Verkündigung 
von Beethovens Geist durch die Kunst der Interpretation. Die 
beiden tiefer stehenden Gruppen stellen iit zwei Kontrasten allgeniein 
menschliche Empfindungen beim Klange der Musik dar, ans der einen 
Seite die reine Freude an ihrer Schönheit, die Verjüngung des Alters, 
die Erquickung des Leidenden, die Begeisterung der Jugend; auf der 
anderen Seite die Macht der Tonkunst auch über verdüsterte und 
.verrohte Gemüter der Lasterhaften, die sich erschüttert und zur Rene 
bewegt den sittlich erhebenden Einfluß der hohen Kunst trotz aller 
Verhärtung nicht entziehen können. Tie beiden Seitenbilder neben
        
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