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Periodical volume 10.Juni 1899 Nr, 23

Full text: Der Bär Issue 25.1899

WO 
Taguerreotypie den Sieg davonzutragen. Unter der Rauhheit 
des Papiers litten die Bilder erheblich. Dieser Mangel wurde 
beseitigt, als Nispce, ein Neffe des ehemaligen Genossen Daguerres, 
das Jodkalium mit einer Eiweißlösung versetzte und statt des 
Papiers Glasplatten in Anwendung brachte. Letztere übergoß er 
mit dem erwähnten Präparate und tauchte sie nach dem Trocknen 
in eine Höllensteinlösung. Das erzielte Glasnegativ übertrug er 
sodann auf ein mit einer lichtempfindlichen Eiweißschicht überzogenes 
Papier und brachte nun Bilder hervor, die an Glätte und Glanz 
die Ergebnisse der Daguerreotypie bei weitem übertrafen. 
Die Neigung der Eiwcißlösungen, in Fäulnis überzugehen, 
führte zu dem Ersätze dieser Substanz durch Kollodium, welcher 
Stoff bekanntlich eine Auflösung von Schießbaumwolle in einem 
Gemisch von Alkohol und Aether darstellt. Bei diesem Verfahren 
wird eine Lösung von Brom- oder Jodsalzen mit Kollodium auf 
eine Glasplatte gegossen, welche alsdann durch ein Eintauchen in 
ein salpetersaures Silberbad, wobei Jod- oder Bromsilber entsteht, 
die Lichtempfindlichkeit erhält. Als Fixationsmittel oder Entwickler 
gebrauchte man bei der Anwendung von Bromsilber eine Pyro- 
gallussäurelösung mit großem Erfolge, die aber später vielfach 
durch das Hydrochinon verdrängt wurde. Alle diese Chemikalien 
bezog man damals fast ausschließlich aus Frankreich, dem eigent- 
Darstellung brachte, der Firma Löscher & Petsch, die sich vor 
zugsweise mit der Ausführung von Porträts beschäftigte und eine 
große Sammlung von Skulpturaufnahmen herausgab, ferner das 
photographische Institut von Milster, alle diese Unternehmungen 
trugen dazu bei, der preußischen Hauptstadt schon in den sechziger 
Jahren einen ruhmvollen Namen in der Kunst der Photographie 
zu verleihen. 
Je mehr die photographische Kunst Gemeingut der ganzen 
Kulturwelt wurde, desto lebhafter machte sich das Bestreben geltend, 
ihre noch hervortretenden Mängel zu beseitigen. So mußte man 
es als eine höchst mißliche Störung empfinden, daß die roten, 
gelben und auch grünen Farbentöne nur eine äußerst geringe 
Wirkung auf die photographische Platte auszuüben vermochten. 
Bei Porträtaufnahmen gab sich dieser Fehler besonders hinsichtlich 
der Kleidung kund, und eine Reproduktion von Oelgemälden be 
gegnete deshalb den größten Schwierigkeiten. Sowie es sich um 
Bilder von farbigen Objekten handelte, bedurfte man behufs der 
notwendigen Korrekturen der Hilfe des Malers. Einem Berliner 
Physiker, dem kürzlich dahingeschiedenen Professor Dr. H. W. Vogel, 
gebührt der Ruhm, das richtige Mittel gefunden zu haben, um 
diesen llcbelstaud völlig umgehen zu können. Er wies nämlich im 
Jahre 1873 durch eine Reihe überzeugender Experimente nach, daß 
Rothenburg ob d. Tauber. 
(Zum Artikel „Der Weistertrunk von Rothenburg.) 
lichen Mutterlande der Photographie. In Nr. 12 des „Bär" 
haben wir bereits das große Verdienst Ernst Scherings, des 
1889 dahingeschiedenen Begründers der nunmehr weltbekannten 
Chemischen Fabrik auf Aktien svorm. E. Schering) in 
Berlin, hervorgehoben, dem es gelang, alle diese photographischen 
Belichtungs- und Entwickelungspräparate in weit größerer Reinheit 
darzustellen, als dies die französischen Werkstätten vermochten. 
Der preußischen Hauptstadt eröffneten sich in diesem Zweige der 
chemischen Industrie durch die Wirksamkeit der genannten Fabrik 
die Pforten des Weltmarktes. 
Infolge der allgemeinen Einführung des Kollodiumverfahrens 
entwickelte sich die photographische Kunst in der ganzen zivilisierten 
Welt mit beispielloser Schnelligkeit. Auch in Berlin wuchs sie in 
den fünfziger Jahren, namentlich durch die erfolgreiche chemische 
Thätigkeit der Scheringschen Fabrik, zu einem blühenden Schaffens 
zweige empor. Sie wurde schon damals in viclumfassender Weise 
zur Erzeugung von Porträts, Gruppenbildern, Landschaften, 
Architekturdarstellungen, zur Reproduktion von Gemälden, Skulp 
turen und Kupferstichen benutzt, und, infolge der erforderlichen 
Retouchen, vielfach von Malern ausgeführt. So veröffentlichte der 
Maler Wigand, der auf der internationalen Ausstellung in Paris 
1867 die silberne Medaille errang, schon im Jahre 1848 die ersten 
Papierphotographien. Auch die photographischen Ateliers von 
Schauer, der besonders Reproduktionen klassischer Kunstwerke zur 
sich das Bromsilber für jede beliebige Farbe lichtempfindlich machen 
läßt, wenn man einen die chemische Zersetzung dieses Silbersalzes 
befördernden Stoff zur Anwendung bringt, der die betreffende Farbe 
verschluckt, die anderen Farben jedoch nicht berührt. Durch diesen 
Kunstgriff, den Vogel zunächst in der Spcktralphotographie benutzte, 
wurde man nun in den Stand gesetzt, Oelgemälde in den richtigen 
Tonwertcn photographisch wiederzugeben. 
Als dann wenige Jahre darauf Ducos du Hauron in 
Paris mit einem von ihm erdachten photographischen Buntdruck 
verfahren an die Öffentlichkeit trat, begann auch Professor 
Dr. Vogel auf der Basis seiner gewonnenen Erfahrungen über 
die Farbenempfindlichkeit der inzwischen.an Stelle der Kollodium- 
platten zur Einführung gelangten Gelatineplatten heliochromische 
Studien anzustellen. Das Ergebnis seiner Arbeiten bildete eine 
wesentliche Vervollkommnung des Ducosschcn Verfahrens. Er ver 
wandte nämlich für jede der drei Grundfarben Gelb, Rot und 
Blau einen anderen Sensibilisator in besonderer Platte, d. h. Farb 
stoffe, welche das Bromsilber nach Belieben für die hervorzurufenden 
Farben empfindlich machen, ohne natürlich die ihm eigene Empfind 
lichkeit für Blau und Violett zu stören. Was er angebahnt hatte, 
wußte sein Sohn, Dr. Ernst Vogel in Berlin, mit dem glücklichsten 
Erfolge weiter auszubauen. Mittelst Einschaltung farbiger Gläser 
bei der photographischen Aufnahme erzielte er drei farbige Negative, 
die er zur Herstellung autotypischer Platten benutzte. Mit diesen
        
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