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Periodical volume 10.Juni 1899 Nr, 23

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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zu kommen) aber ob ich das Rechte traf ... Ich war selbst ein 
wenig überrascht gewesen, als Martha mir eröffnete, zur Bühne 
gehen zu wollen. Aha! Du kennst den Grund, dachte ich still 
bei mir. Aber es hätte ja auch wirklich Talent vorhanden sein 
können. Richt wahr? Leider zeigte sich's auch einem so redlich 
bemühten Lehrmeister nicht, und das hat ihm dann — wie ich 
annehmen muß — nicht nur die Schülerin, sondern auch die Ver 
ehrerin entfremdet." 
„Unmöglich!" rief ich. „Wenn er für sie eine herzliche Zu 
neigung empfand . 
Sie zuckte die Achseln. „Ja, so ein Künstler muß da doch 
ganz eigen organisiert sein. Warum sollte denn auch durchaus die 
Kunst die Rolle der Vermittlerin übernehmen? Sie rächt sich an 
dem, der sie — wenn auch zu den liebenswürdigsten Zwecken — 
mißbraucht. Und das mag Martha erfahren haben. Vielleicht 
verstimmte es ihn, ein Talent entdecken zu sollen, wo wirklich keins 
vorhanden war." Sie schien selbst nicht ganz gläubig und richtete 
einen forschenden Blick auf mich. „Oder wissen Sic eine bessere 
Erklärung?" 
Ich wußte sie, hütete mich aber, sie herzugeben. Was konnte 
das nützen? Die verehrte Frau wollte sich offenbar nicht die 
Wahrheit sagen. „Es ist sehr sonderbar," äußerte ich, uni nicht 
ganz zu schweigen. 
Sie lächelte, als ob sie mich durchschaute. „Sehr sonderbar. 
Ich hätte, wie gesagt, damals darauf schwören mögen, daß sie 
eines Tages aus der Stunde Hand in Hand mit der Eröffnung 
vor mich treten würden, sie wären fürs Leben einig geworden. 
Statt dessen kamen sie mir zu melden, daß sie einander aufgegeben 
hätten. Und was dann noch sonderbarer scheinen konnte — der 
junge Mann, der sich einem so reizenden und liebenswürdigen 
jungen Mädchen abgewandt hatte, wandte sich mehr und mehr 
der älteren, häßlichen Frau zu —" 
„Run, nun —!" fühlte ich mich verpflichtet, gegen diese allzu 
ehrliche Selbstkritik Einspruch zu erheben. 
„Ich bitte Sie," schnitt sie mir mit drolligem Eifer jedes 
weitere Wort ab. „Geben Sic sich doch nur keine Mühe, mir 
ausreden zu wollen, daß ich alt und häßlich bin. Meinen Tans- 
schein kenne ich doch, und mein Gesicht ... ja, hin und her, einmal 
muß ich doch wohl in den Spiegel sehen. Zum Verlieben war 
also gar nichts an mir. Ich besaß nur in mir etwas, das Martha 
fehlte ■—: das angeborene Talent zu einer Kunstübung, und dafür 
hatte der Opernsänger volles Verständnis." Sie lächelte so eigen 
herausfordernd. „Ich inuß mich wohl in sein Herz hineingesungen haben." 
Es wäre grausam gewesen, darüber einen Zweifel laut werden 
zu lassen. Vielleicht deutete sie mein Schweifn schon so. 
„Ich meine zunächst sein Künstlerherz," schränkte sie selbst ihre 
Behauptung ein. „Aber glauben Sie mir nur, die Sängerin war's 
doch nicht allein, die sich einer Eroberung zu rühmen hatte. Auch 
der Frau wandte sich mehr und mehr seine wärmere Empfindung 
zu, und darauf bin ich, ganz aufrichtig gesagt, sehr stolz. Sehen 
Sie mich nur an: kann ich das nicht sein? Seine Verehrung für 
mich war nicht erkünstelt. Er schenkte mir eine herzliche Freund 
schaft, und ich — ah . . ." sie legte die kleine Hand ans den 
Mund und zog sie gleich wieder fort, „nun, gerade heraus, ich 
bin ihm auch recht gut geworden." 
Das sollte also die Erklärung einleiten, daß sie seine Be 
werbung annehmen werde. Es schien, daß sie einer Art von 
Rechtfertigung mir gegenüber zu bedürfen meinte, wen» sie in 
meinen Augen eine Thorheit beginge. „Sie haben ja so viel für 
ihn gethan —sagte ich ausweichend. „Es wäre undankbar —" 
„Ah! ans Dankbarkeit glauben Sic?" fiel sic ein, mich 
schneller verstehend, als mir lieb war. „Aber was habe ich denn 
für ihn gethan? Doch nichts, was -ich nicht mir selbst zum Ge 
fallen that? Ich schwärme nun einmal für das Theater und finde 
wenigstens einen Teil der Befriedigung, die ich mir als ausübende 
Künstlerin nicht schaffen kann, in solchem Mäcenatentum. Und 
wie billig habe ich das in diesem Falle! Nein, wahrlich! aus 
Dankbarkeit hätte er mir keinen HciratSantrag zu machen brauchen." 
Konnte diese Frau denn wirklich so ganz verblendet sein, 
den nächsten Beweggrund seines Handels nicht zu begreifen? Als 
ob sie in meinen Gedanken gelesen hätte, fuhr sie fort: 
„Selbstverständlich ist es ihm nicht gleichgiltig, daß ich sehr 
reich bin und die Neigung habe, für seine idealen Zwecke große 
Mittel aufzuwenden. Wenn ich arm wäre, würde meine Häßlich 
keit auch ihm unüberwindlich sein und meine Theaterschwärmerei 
mich nicht ausreichend verschönern. Darüber kein Wort! Nein, 
nein, die reiche Frau spielt da mit, und das kann ich ihm ja gar 
nicht übel nehmen. Ja, wenn es ihm auf ihren Reichtum ankäme 
— wenn er Gold heiraten wollte! Das trauen Sie ihm hoffent 
lich doch nicht zu, und ich weiß es anders. Die Kunst giebt ihm 
das Maß aller Dinge. Er fragt nur: welche Mittel dienen ihren 
Zwecken. Und so heiratet er nun eine häßliche, alte, reiche Frau 
aus Liebe zur Kunst. Das kann sie sich doch gefallen laffen? 
Ha—ha—ha! sie steht bei ihm himmelhoch im Preise." 
Wie sie das alles vorbrachte, mußte ich immer mehr ver 
wundert sein über diese Mischung von kluger Einsicht und thörichter 
Befangenheit. „Aber wenn Ihnen sein Antrag so unbedenklich 
schien, geradezu erwünscht kam," rief ich, „— warum in aller 
Welt mußte der Theaterzettel heut neu gedruckt werden?" 
„Ja, warum?" fragte sie mit der unschuldigsten Miene zurück, 
als wollte sie sich über mich lustig machen. „Wenn eine geschiedene 
Frau in vorgerückten Jahren und mit solcher Figur einen jungen, 
stattlichen, talentvollen, ihr ganz aufrichtig — wenn auch nur in 
Freundschaft — ergebenen, grundehrlichen Mann haben kann, 
warum greift sie nicht eiligst zu? Besonders wenn sie ihm wirklich 
gut ist. Sollte sie den Spott der Leute fürchten? Der wäre so 
ungerecht, als billig. Eine verliebte Närrin, die ihn verdiente, 
brauchte sie doch nicht zu sein. Nicht wahr? Diese Frau könnte 
sich für ganz leidlich vernünftig halten, und doch meinen, gar keine 
große Unvernunft zu begehen, wenn sie's mit einem solchen Manne 
wagte." Sie seufzte hörbar. „Ja, ja, die Sache durfte mir sehr- 
nahe gehen." 
„So kann man also nun doch gratulieren," bemerkte ich, um 
dem peinlichen Gespräch ein Ende zu machen. 
Sie schien mit Thränen zu kämpfen, zog die Mundwinkel 
herunter und die Stirn in Falten. „Da muß ich doch bitten, 
nichts zu übereilen," entgeguete sie finster. „Ueber einen Punkt 
nämlich bin ich mir noch nicht so ganz klar. Unser Freund Sig 
mund möchte ein Theater bauen und recht künstlerisch leiten dürfen, 
und dazu will er mich ganz ehrlich mit in den Kauf nehmen. 
Wirklich ganz ehrlich. Run weiß ich aber noch nicht, ob er — 
wenn er das alles haben könnte, ohne mich mit in den Kauf 
nehmen zu müssen — ob er dann nicht lieber auf meine Hand 
verzichtete. So sehr werde ich's ihm doch nicht angethan haben! 
Und wenn das der Fall wäre . . ." Sie preßte die Lippen zu 
sammen, so daß der Ton leise verhallte. 
„Wie, gnädige Frau, Sie wollen —" rief ich und sprang 
unwillkürlich vom Sofa auf. 
„Es wäre eine Bedingung dabei," sagte sie, sich aufrichtend 
und mich mit den feuchten Augen wehmütig fr -nndlich anblickend, 
denn nicht wahr? in irgend einer Weise müßte ich ihn doch in 
der Hand behalten. Ah! ich wollte, er wäre zu mir gekommen, 
und mir hätten das alles verständig miteinander besprochen. 
Jenen Brief, der nicht zu viel und nicht zu wenig sagte, hätte ich 
gestern nicht fertig bekommen . . . Zumal es etwas unruhig im 
Hanse herging." Sie zögerte ein Weilchen und dann: „Vermissen 
Sic nicht Martha?" 
„Allerdings —" 
„Ich habe gestern mit ihr meine liebe Rot gehabt. Sic 
wollte fort — auf der Stelle fort. Und weshalb? Weil ich ihr 
den Brief zeigte, den Fischer an mich geschrieben hatte, und ihr 
osfen zu verstehen gab, daß er mich sehr stolz gemacht habe. Und 
da sie nun doch nicht mehr an ihn denke . . . ha, ha, ha! Nicht 
einen Tag länger würde sie in meinem Hanse bleiben, wenn ich 
mich mit ihm verlobte. Solche närrische Abgunst!" 
„Gnädigste Frau —" 
Sie steigerte de» Ton. „Wenn ich noch den Wunsch geäußert 
hätte, sie möchte sich irgendwo in Pension geben lassen, bis sie 
einen Mann gefunden —! So ein hübsches, hochgescheidtes junges 
Ding neben sich zu haben, wenn man seiner eigenen Reize so 
wenig sicher ist . . . Klug wird man das nicht nennen. Aber sie 
wollte gar nichts weiter hören und nur auf der Stelle fort. Ich
        
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