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Periodical volume 10.Juni 1899 Nr, 23

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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haben, ein nur zu warmes Herz. Aber es soll Sie nicht beunruhigen. 
Sie rufen den Grauen, und er kommt willig. Fort mit dem 
dummen Ding! So . . . und nun beiraten Sie die Frau, die Sie 
.nicht lieben, und bauen mit ihren Schätzen der Kunst einen Tempel. 
Ein riesengroßes Haus mit Marmorsäulen rund um, mit ver 
goldetem Dach und ehernen Bildwerken auf allen Ecken. Welche 
traurige Täuschung! Die Kunst zieht nicht ein. Wer sein Herz 
verkauft, der lockt sie nimmerinehr zu sich. Er reißt ihr das Gewand 
ab, wenn sie ihm entschlüpft, und er putzt damit eine Puppe, die 
herzlos ist, wie er selbst. Dann kommt wohl auch ihm die Stunde, 
in der er dem Grauen flucht. Denn vergessen kann er nicht. Die 
Reue aber wird sein Tod sein. — Kommt eine treue Warnerstimmc 
wirklich schon zu spät? Es ist leicht, sie zu verdächtigen. Aber 
Gott weiß es, sie will nur gehört werden, als käme sie aus der 
anderen Welt. Mit aufrichtigem Lebewohl — Martha." 
Das war ein wunderlicher Brief. Ich las ihn wieder und 
wieder und begriff, daß er den aufgeregten Menschen hatte aufs 
tiefste erschüttern müssen. Er liebte ja doch Martha und war geliebt. 
Der Kranke griff mit der Hand hinter sich. Ich legte das 
Blatt hinein. Es war mir, als ob ich ihn leise schluchzen hörte. 
Nach einigen Minuten sagte er: „Und es ist doch nicht anders — 
jetzt nicht mehr. Der Graue — der Graue! Er kommt, wenn 
man ihn ruft." Dann kehrte er sich mir wieder zu. „Verzeihen 
Sie mir diese Schwäche. Was in dem Brief steht, ist sehr lächer 
lich, nicht wahr? Aber ich fürchte, es wird mir einfallen, wenn 
ich den Peter Munk spiele. Und was dann geschieht . . . Rein, 
es ist besser, ich spiele den Peter Munk nicht. Ich bin ja auch 
krank. Ein anderer wird die Rolle einstudieren. Freilich wird 
einige Zeit darüber vergehen müssen. Es thut mir leid. Aber 
jetzt wenigstens ist mir's ganz gewiß: Ich kann den Peter Munk 
nicht spielen." 
Ich bat ihn, sich deshalb keine Sorge zu machen, mit so 
heiterem Gesicht und freiem Ton, wie ich gegen meinen stillen 
Verdruß ausbringen konnte, den ich ihn doch nicht fühlen lassen 
wollte. Auf Zwischenfälle müsse der Autor immer gefaßt sein, 
wenn eine so koiuplizierte Maschine arbeite. Er möge sich nur 
erst wieder das Fieber vom Leibe schaffen, dann könne man sich 
weiter entschließen. 
Als ich den Kranken verließ, nahm ich den sicheren Eindruck 
mit, daß „Peter Munk" nicht aufgeführt werden würde, nicht in 
näherer und nicht in fernerer Zeit, überhaupt nicht. Rach dem, 
was hinter den Kulissen gespielt hatte und noch fortspielte — 
wovon freilich diesmal selbst das Theatcrvolk nichts wußte — war 
auf keine rasche Veränderung der Lage zu rechnen. Der Direktor 
Fischer hatte sich des Stückes angenommen aus Interesse für meine 
Person und für die Rolle. Ein anderer Darsteller war nicht vor 
handen. Hatte er mir nun auch beim Abschiede heiligst versichert, 
er betrachte es als eine Ehrenpflicht, selbst mit erheblichen Opfern 
einen Gast heranzuziehen, so konnten doch Wochen darüber ver 
gehen, bis man auch nur ernstlich daran dachte, von neuem zu 
beginnen. Der Wille war gewiß gut, aber die Schwierigkeiten 
ließen sich augenblicklich gar nicht übersehen. Aufgeschoben war in 
diesem Fall sehr wahrscheinlich aufgehoben. 
An den Straßenecken klebten schon die Zettel, die dem ver 
ehelichen Publikum verkündeten, die Erstaufführung des „Peter 
Munk" habe wegen Erkrankung des Direktors ausgesetzt werden 
müssen. Eine aufregende Wirkung übte das Ereignis nicht. 
Ich beschloß abzureisen. 
Es war selbstverständlich, daß ich mich von Frau Doktor 
Heiusius zu verabschieden hatte, in deren Hause ich so freundlich 
ausgenommen war. Wenigstens eine Karte mußte ich einreichen. 
Ich wurde aber sogleich gebeten, einzutreten. 
Die gnädige Frau empfing mich im Bibliothekzimmer. Sie 
stand vom Schreibtisch auf und ging mir einige Schritte entgegen. 
Es kam mir so vor, als ob ein ungewöhnlich ernster Zug das 
unschöne Gesicht nachteilig verfinsterte und die hohe Brust ängstlich 
kurz atmete. Als sie mir aber die Hand reichte und mich zu dem 
Ecksopha führte, war ihre Haltung wieder ganz frei. „Ich dachte 
wohl, daß Sie komineu würden," sagte sie, „und danke Ihnen. 
Für alle Fälle hatte ich auch noch an Sie geschrieben und um 
Ihren Besuch gebeten. Dort liegt das Billet." 
Ich teilte ihr mit, daß ich in wenigen Stunden abzureisen 
beabsichtige. Das schien sie nicht zu verwundern. „Man hat mir 
den Theaterzettel eingereicht," bemerkte sie, „und ich. habe daraus 
ersehen, daß Ihr Stück heute nicht gegeben wird. Das bedaure 
ich herzlich — schon der Veranlassung wegen." Sie machte eine 
kleine Pause und sah mir mit einem forschenden Blick in die 
Augen. „Ist der Direktor denn wirklich krank?" 
„Er siebert stark," bestätigte ich, „und ist in der allertraurigsteu 
Stimmung." 
„Der arme Manu!" rief sie mit einer Betonung, bei der sich 
in das Mitleid doch ein klein wenig Spott einzumischen schien. 
„Kann mau ihn denn nicht schnell gesund machen?" 
Ich zeigte meine leeren Hände und zuckte die Achseln. „Man ...! 
und gar schnell. Der Arzt ist schwerlich so gescheidt." 
Sie blickte in den Schoß hinab und sah nun um so häßlicher 
aus, als die Augen nicht ablenkten. „Warum auch der Arzt?" 
sagte sie, nach den Worten tastend. „Sollten Sie nicht ein Mittel 
wissen?" 
Das klang herausfordernd. „Wenn ich eins wüßte," ant 
wortete ich, „giebt's doch keine Apotheke, in der ich's bereiten lassen 
könnte." 
„Auch nicht, wenn Sie den Provisor zum guten Freunde 
hätten?" 
„Gnädige Frau . . ." 
„Ach was!" rief sie und schaute entschlossen auf. „Wozu 
einander mit Schalkreden hetzen, wenn doch schließlich ein gerades 
Wort gesprochen werden muß. Ich denke, Sie sind in das ganze 
Geheimnis eingeweiht. Sind Sie nicht? Ra ja, Sie können's 
nicht leugnen. Also beantworten Sie mir ganz offen die Frage: 
glauben Sic, daß die Krankheit daher stammt, weil ich gestern 
nicht geschrieben habe?" 
„Der Direktor hat wirklich sehr ungeduldig Ihren Brief 
erwartet." 
„Und wenn er abweisend gelautet hätte?" 
„Ja . . ." 
„Sie meinen, das Leben würde er sich nicht genommen haben." 
Sie ließ dabei die Augenwimpern flimmern. 
„Wer weiß?" 
„Ach! — Aber wenn ich ihm nun heute schriebe, daß sein 
Wunsch in Erfüllung gehen solle — glauben Sie, daß er ganz 
schnell gesund werden würde? So schnell zum Beispiel, daß er 
morgen Ihren Peter Munk spielen könnte?" 
„Er hat feierlich erklärt, daß er die Rolle überhaupt nicht 
spielen könne, gnädige Frau," antwortete ich ganz ernst. 
Sie drückte wieder das Kinn in die Brust und preßte die 
Lippen zusammen. „So — so! Es muß ihm da etwas ganz 
Wunderliches durch den Kopf gegangen sein. Vielleicht ist er nicht 
einmal selbst darauf gekommen. Ja . . ." sie sah wieder auf, 
„sind Cie nicht überzeugt, daß er es ganz ehrlich meint?" 
„Mit wem?" 
„Run — mit mir? Er hat ja doch um meine Hand an 
gehalten." 
„Gewiß, gewiß. Und Sie wären also geneigt —?" 
„Man muß sich's trotzdem ein wenig überlegen. — Sehen Sie, 
als ich seine Bekanntschaft machte, war ich der Meinung, daß er 
eigentlich auf etwas ganz Anderes lossteuerte. Mein Pflege- 
töchterchen —" 
„Ah — Fräulein Martha!" t 
„Ja, Martha interessierte sich für ihn, und das hübsche 
Mädchen war ihm auch nicht eine gleichgiltige Erscheinung geblieben 
Aus Gutmütigkeit brachte ich selbst die beiden Leutchen so weit 
zusammen, daß der Verkehr unter meinen Augen weiter keine 
Schwierigkeiten hatte. Es schien mir auch wirklich so, als ob sic 
sich gut zu einander stellten, und ich freute mich darüber. Denn 
Sie kennen ja meine Leidenschaft fürs Theater und dürfen mir 
glauben, daß ich das Mädchen sehr lieb habe. Für eine reichliche 
Ausstattung wäre gesorgt morden, und Herr' Fischer ist ja ein sehr 
tüchtiger und nicht gewöhnlicher Mensch, der es in seinem Fach bei 
der nötigen Unterstützung schon zu etwas bringen könnte. Dann 
freilich mußte mir's wohl einleuchten, daß eine Störung der freund 
lichen Beziehungen eingetreten war. Ich suchte ihr auf den Grund
        
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