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Periodical volume 3.Juni 1899 Nr, 22

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Sälen tanzten verschiedene Reimer, welche sich in neckenden Versen ans 
die Anwesenden zu übertreffen suchten. Besonders zeichnete sich ein 
rechter Kahlkopf, Namens Bennardo, aus, ein Schiffer, den man gern 
auf allen Barken als einen Ruderer bezahlte; obwohl er sein Ruder 
nur obenhin einzutauchen pflegte, so verstand er doch so lustige Lieder 
zu singen, das; die übrigen ihrer Plage ganz vergaßen und um so 
schneller ruderten. Dieser war an jenem Abende so übermütig mit 
Neckereien, daß ihm zuletzt etliche lustige Vögel, die er zu sehr geneckt, 
mit Gewalt ergriffen, und ihm die zwanzig dreißig Haare, die er noch 
haben mochte, völlig auszupften. Sodann trugen sie ihn mit großem 
Gepräge herum, setzten ihn auf einen Thron und nannten ihn Kahlkopf- 
künig. Trotz alle dem verlor er die gute Laune nicht, und hatte er 
vorher die Leute mit seinem Witze geneckt, so that er es jetzt als König 
noch weit verwegener und stolzer und war im Reimen ganz uner 
schöpflich. 
Immer lustiger und allgemeiner ward das Treiben. Endlich kamen 
auch die Frauen vieler Anwesenden, in Masken, zu sehen, was ihre 
Männer eigentlich verhütten, und um sie tüchtig zu necken. Da gab es 
denn manche sehr drollige Szene, besonders wenn der Kahlkopfkönig 
sich mit seinem Spotte darein mischte, über welchen sich die Frauen tot 
lachen wollten. Don Antonio, dessen Nachbarn ebenfalls mit ihren 
Frauen scherzten, ward davon zuerst herzlich erfreut; er verlor sich aber 
darüber nach und nach in Gedanken an sich selbst und war fast ein 
wenig traurig, — als eine sehr natürlich nachgebildete Maske mit 
langem Stabe zu ihm herangewankt kam. Es war ein betagter Eremit 
mit langem, weißem Barte, welchem die greisen Glieder so heftig er 
zitterten, daß Ton Antonio ihm, als er sich auf den Stuhl ihm zur Seite 
niederließ, fast unwillkürlich beistehen mußte. Sobald der Alte sich, wie 
es schien, ein wenig erholt hatte, begann er mit tremulierender Stimme zu 
Don Antonio: Mein teurer Don Antonio, mich will es fast wundern, daß 
Ihr so ernsthaft darein sehet bei diesem fröhlichen Feste, da es doch selbst mich 
Abgelebten, welcher bereits geraume Zeit aller Welteitelkeit entsaget, mannig 
faltig und reichlich ergötzt hat. Sollte dieser bunte Wirrwarr Euch die 
Weltlust vollends verleidet haben, o, so wär ich nun zu guter Stunde 
von meiner Einöde herabgekommen, da ich vielleicht Gelegenheit finde, 
den für die wahre Einsamkeit zu gewinnen, welcher sich inmitten dieses 
fröhlichen Getümmels bereits einsam zu fühlen scheinet, denn einsam ist 
beständig die Seele, wenn sie betrübt ist. Und Ihr seid betrübt, Do» 
Antonio. Saget mir, was betrübet Euch? Schüttet mir altem Greise 
das Herz aus, kommt in meine Waldeinöde, da könnt Ihr allen Kummer 
den Lüften des Himmels geben, ich will Eurer Seele warten und 
pflege» wie eines neugeborene» Kindleins; aber sagt mir, Don Antonio, 
was betrübt Euch? Was betrübet Euch? — 
Diese letzte Frage war mit so natürlicher Innigkeit gesprochen, daß 
der Befragte bald versucht worden wäre, den Eremiten für einen wirk 
lichen zu halten, wenn der Greis ihm nicht bei diesen Worten die Hand 
gereicht hätte, welche sich zarter anfühlte wie Sammet. Verwundert 
streichelte Don Antonio die sanfte Hand, welche seinen Druck innig 
wiedergab, und sprach; Ehrwürdiger Vater, gern wollte ich Euch als 
einem welterfahrenen, betagten Manne mein ganzes Herz ausschütten; 
aber das zarte Frauenhändchen, welches Ihr mir soeben reichet, macht 
mich in meiner Aufrichtigkeit irre. 
Nun so will ich meine Hand zurückziehen! sprach der Eremit. 
Nein, laßt mir das Händchen, es gefällt mir, sprach Don Antonio 
streichelnd. 
Ach, mein lieber Don Antonio, fuhr der Eremit da, wie erschrocken 
und sehr ernsthaft tremulierend, fort, wenn Euch, selbst bei dieser welken 
Hand eines greisen Mannes, Frauenhändchen in den Sinn kommen, 
so seid Ihr wahrlich sehr entfernt vom einsamen Leben, und ich glaube 
fast, daß in Eurem Herzen weltliche Liebe wohne mit ungestilltem Ver 
langen, welches Euch selbst bei diesem fröhlichen Gelage so traurig 
macht. O lasset fahren die falsche Sehnsucht, denn ein Weib, das eine 
Person wie die Eure verschmähen kann, muß eine sehr eitle weltliche 
Thörin sein, welche Locken an Euch suchet, wo sie Euch fehlen, welche die 
Annehmlichkeit Eurer Gespräche weder zu würdigen weiß, noch Euer 
wohlwollendes Herz zu ehren, welche blind ist für die Schönheit Eurer 
Gestalt und die Anmut Eurer Gebärden und das Ansehen, in welchem 
Ihr bei den Bewohnern des Eilandes stehet. Darum lasset sie vergehen 
in ihrem eitlen Dünkel und folget mir in meine Waldeinsamkeit, wo 
der unschuldige Gesang der Vügelein erschallet; dort will ich Euer Herz 
von weltlichen Gedanken reinigen und Euch die Seele stärken mit dem 
Troste der Eremiten, bis Ihr den Himmel offen über Euch sehet, der 
Euch nunmehro von düsteren Wolken des Grams verborgen ist. 
Kunst und Wissenschaft. 
Die Berliner Kunst-Ausstellungen. 
Mm Pfingstsonntag ist nunmehr die Ausstellung der Berliner Sezession 
Ax eröffnet worden. Mit Aufbietung aller Kräfte und Anspannung 
der höchsten Energie ist unter Zuhilfenahme der Nachtzeit das Werk 
soweit gediehen. Wahrhaft überraschend war es, wie das Gebäude, zu 
dessen Grundmauern vor sechs Wochen noch nicht der erste Spatenstich 
gethan war, emporwuchs. Die schnelle Fertigstellung wäre auch nicht 
möglich gewesen, wenn das Werk im Geiste seiner Urheber nicht fix und 
fertig gewesen wäre, ehe man begann. So konnten, während Stein 
auf Stein gefügt wurde, alle anderen Arbeiten gleichzeitig geschehen. 
Man ließ den Rupsenstoff färben, mit dem die Wände bespannt werden 
sollten; am dritten Ort sammelte und jurierte man die Kunstwerke. 
Aber alles hätte nicht geholfen, wenn nicht durch das liebenswürdige 
Entgegenkommen der Behörden Charlottenburgs die gewöhnlichen Bau- 
verzögerungen, aus ein Minimum zusammengeschrumpft wären. Die Arbeit 
all der vielen Einzelkräfte griff in einander, wie bei einer Maschine die 
Räder, und so wurde man fertig zum gewünschten Termin, was wohl 
Während der Eremit solches mit großer Salbung sprach, bemerkte 
Don Antonio den Ring Donna Teresas an dem Finger des zarten 
Händchens, welches er noch beständig festhielt, wußte jedoch die Freude, 
welche bei dieser Entdeckung ihn überwallte, schlau zu mäßigen und 
sprach: Ehrwürdiger Eremit, Dein weises Gespräch überwältigt mein 
Herz, und das Leben, welches ich bisher geführet, wird mir davon 
mehr und mehr zuwider. Ich will es ändern und Dir folgen in Deine 
Waldeinüde; dort will ich bei dem Gesänge der Nachtigallen an den 
Lehren Deines Mundes hangen, gleich einem Bienchen, welches Honig 
aus dem Kelche der Blumen sauget. Aber beweise mir nun auch, daß 
auch Dich nichts mehr an die Welt bindet. — Und womit soll ich Dir 
solches beweisen, mein teurer Sohn? fragte der Eremit. 
Damit, sprach der neugeworbene Schüler, damit, daß Ihr mir das 
weltliche Geschmeide lasset, welches Ihr eben traget. — Hierbei blickte 
Don Antonio ihm nach dem Halse. Der Eremit aber, seines Ringes 
vergessend und nur dem Blicke Don Antonios folgend, sprach: Nehmt 
das Geschmeide hin, ich habe keines! 
Doch, doch, sprach Don Antonio, und unverwandt nach dem Halse 
blickend, zog er den goldenen Ring von dem zarten Fingercheu. Seht 
da her! Mein ehrwürdiger Vater, dieser Ring ist viel zu weltlich für 
Einsiedler! 
Gebt ihn mir zurück, sprach der Eremit etwas betroffen, es ist der 
Trauring meiner Mutter. 
Das weiß ich, sprach Don Antonio neckhaft gestimmt, ich kenne ihn 
gar wohl und hatte schon lange Verlangen darnach. Es ist etwas 
Wunderbares um den Ring eines frommen Eremiten; denn nun ich 
ihn an meinen Finger stecke, fällt jede weltliche Betrübnis wie Schuppen 
von meinen Augen, und ich sehe den Himmel über mir offen und 
heiter. 
O, treibt den Scherz nicht zu weit, gebt mir den Ring wieder! 
sprach der Eremit — plötzlich mit Donna Teresas Stimme. 
Glaubt Ihr denn, ich scherze? sprach Don Antonio sehr ernsthaft; 
nein, mein ehrwürdiger Vater, es ist mein völliger Ernst, wenn ich 
sage: der Himmel ist mir offen, seit ich Euren Ring besitze. 
Ihr besitzt ihn nicht, Ihr habt ihn mir genommen, Don Antonio! 
Ihr habt ihn mir gelassen, er ist mein, ehrwürdiger Vater; bedenkt, 
als ich um Euer Geschmeide bat, sagtet Ihr: nehmt es hin! — Wohl, 
aber ich sagte dazu: ich habe keines; woraus Ihr sehen könnt, daß ich 
nur unachtsam war. 
Unachtsam? Ei, ei, sprach Don Antonio, wenn so fromme, betagte 
Lehrer noch unachtsam sind, wie sollen wir arme Schüler sein? 
Gebt mir den Ring wieder, sprach Donna Teresa, und wollte ihn 
mit Gewalt von seinem Finger ziehen; aber Don Antonio hielt ihn 
fest und ihre Hand dazu und sprach: Ei, ei, mein ehrwürdiger Eremit, 
Ihr seid schlimmer, als ich, den weltlichen Dingen ergebe», wenn Ihr 
so heftig nach diesem Ringe verlanget, welcher doch nun mein ist; 
bedenkt: anderer Eigentum begehren, ist große Sünde! 
Gebt mir den Ring wieder! sprach Donna Teresa und rang noch 
heftiger darnach: als von dieser Bewegung die Maske, welche nicht 
allzuwohl befestigt war, plötzlich herabfiel, so daß der entzückte Don 
Antonio ihr schönes Gesicht von hellen Thränen der Rührung über 
strömt sah, welchen sie bisher unter der Maske nicht Einhalt gethan. 
Nun aber suchte sie, weil Don Antonio sie nicht fortließ, ihr verlegenes 
Erröten in den Falten des Eremitengewandes zu bergen, als Don 
Carlo, welcher schon ein gut Teil der Szene mit angehört, ihr in die 
Augen sah und sprach: Wie? Ringe werden gewechselt? Masken fallen 
ab und Thränen fließen? Darüber muß ich meinen Mantel breiten, 
bis ich den Notar geholt! — Hiemit warf er seinen weiten Pythagoras 
mantel um die Liebenden und verschlang ihn so, daß ihn oeide nicht 
so bald entwirren konnten: ja das Entwirren ging so langsam, daß 
einige meinten, beide blieben gern so verborgen, der Philosoph sowohl 
als der Eremit. 
AIs sie endlich den purpurnen Vorhang, der sie umschloß, erhoben 
halten, stand ein kleines Tischchen vor ihnen, woran Cicero saß und 
eine Feder schnitt. Es war der Notar des Ortes, welcher den beiden 
Willigen einen Ehekontrakt in zwei Worten zusammensetzte, den beide 
mit zitternder Hand unterschrieben, während kristallene Thränen des 
Entzückens darauf hinabfielen. Pietro und der alte Jakob, welche de» 
Tisch herbeigebracht, klopften vor Freuden in die Hände, ergriffen beide 
den Pythagorasmantel und hielten ihn, auf zwei Stühlen stehend, als 
einen Baldachin hoch über die Glücklichen, während lautes Geschmetter 
von Trompeten und Pauken sich in ein allgemeines Iubelgeschrei und 
Händeklatschen mischte. Die Jybelndeu riesen einstimmig: Das ist die 
Krone des ganzen Festes! 
ernstlich selbst von den Zunächstbeteiligten kaum jemand zu hoffen 
gewagt hatte. 
Wir haben bereits unseren Standpunkt dem Sezessions-Unternehmen 
gegenüber in einem früheren Artikel dargelegt. Jede Entfaltung neuer 
Kräfte ist als solche mit Freude zu begrüßen. Erweisen sich die" neuen 
Idee» nicht als lebensfähig, so werden sie von selbst sehr bald unter 
gehen. Daß die großen Kunstausstellungen im Landes-Ausstellungs- 
park seit Jahren an großen Mißständen krankten, ist allgemein bekannt. 
Viel Tinte und Druckerschwärze ist gerade iu den letzten Jahren geflossen 
bei der Erörterung von Mitteln, die Mißstände zu bessern. Bei dem 
wachsenden Interesse des Publikums für künstlerische Fragen hat die 
gesamte Presse sich bewogen gefühlt, an diesen Erörterungen teilzunehmen. 
Die Sezession hat nun versucht, mit einer That zu kommen, eine Aus 
stellung zu machen, die alles marktmäßige ausschließen und nur eine 
„Kunstschau" sein will. Man hatte oftmals den Vorschlag gehört, alle 
Juri; abzuschaffen, um die vielbeklagten „Ungerechtigkeiten" zu beseitigen. 
Die Sezession hat im Gegensatz dazu ihrer Jury eine geradezu beispiel 
lose Strenge zur Pflicht gemacht. Das Prinzip der Internationalität 
war immer freier befolgt worden. Die Sezession versucht es mit einer 
„deutschen" Ausstellung.
        
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