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Periodical volume 3.Juni 1899 Nr, 22

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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braten noch davonlaufen. Alles war mit Blumen und Fruchtkränzen 
geschmückt und mit vergoldeten Citronen umsteckt. Bei jedem großen 
Braten ward Platz gelassen für die Zerleger, welche von allem reichlich 
austeilten: die Diener ermahnten überall mit lustigen Sprüchen zum 
Essen. _ Aber den ungeheuren Schwertfisch brachten acht weiß gekleidete 
kahlgeschorene Köche tanzend und singend hereingetragen: voran kamen 
die Dudelsackpseiser und bliesen. Man trug ihn erst bei allen Tafeln 
umher, damit ihn jeder sehen möchte: zuletzt abersetzten sie ihn keuchend 
auf einen Tisch nieder, welcher in der Mitte des großen Saales war. 
Viele Gäste standen nun auf, um das Ungeheuer in der Nähe zu 
'betrachten, die Schüssel dazu war. ein mächtiges Brett, welches man 
mit einem reinen Tischtuch zierlich umwunden. Hier lag der gcwallige 
Fisch, der sonst die Tiefen des Meeres durchtobt, auf einem weichen 
Bett von Lorbeerblättern und grünem Salat und war mi! Schuppen ! 
von bunten Scheibchen überdeckt, die man aus Citronen, Sellerie und j 
gelben und roten Rüben zierlich ausgeschnitten. Sein langes grau- j 
tan es Schwert war nun mit blühenden Rosen umwunden, die Flossen j 
aber so viel wie möglich ausgebreitet und mit kleinen Blümchen besteckt. j 
Edler Wirt, achtbare Gäste! 
Die Gedanken, 
Euch zu danken, 
Drängen sich bei diesem Feste: 
Wer von Herzen 
Weiß zu scherzen, 
Dem gebührt die schönste Krone! 
Wer in Leiden, 
Wie in Freuden, 
Gleiche Huld zeigt, den belohne 
Licbesneigung, 
Gunstbezeigung, 
Ruhmersteigung, 
Kran zv erzw eigung! 
Ter uns diese Lust gegeben. 
Mein geliebter. 
Nie getrübter 
Carlo soll in Freuden leben! 
Panorama von Negensburg. 
Als der Zerleger Hand an ihn legte, schaukle To» Carlo seinen schönen 
Pokal von böhmischem Glase voll, stand auf und brachte folgenden Tonst aus: 
Ehrenfeste, teure Gäste! 
Wie das Fischchcn 
Auf dem Tstchchcn 
Seiner Art das größte, beste 
Ward erfunden 
In den Sunden, 
Also ist von allen Männern 
Aller Orten, 
Wie in Worten, 
So in Thaten, rechten Kennern 
Wohl der wahrste, 
Beste, klarste. 
Wunderbarste, 
Größte, rarste 
Mann Antonio. Wer eben, 
Wie ich denke. 
Denkt, der schenke 
Voll und ruf': hoch soll Er leben! 
Hoch lebe Ton Antonio! scholl cs in allen Sälen wie aus einem 
Munde, keine Stimme blieb nach, und ein Tusch von Pauken und 
Trompeten mischte sich dreimal wiederholt in das dreimalige Klingen 
der unzähligen Gläser. Da nahm Don Antonio seinen vollen Pokal, 
stand empor und sprach, sich ehrerbietig verneigend: 
Bei diese» letzten Worten umarmte Ton Antonio seinen Carlo, und 
während das Lebehoch von allen Seite» wiedertönte, drängte sich die 
Erinnerung an manche Rot und manche Freude, welche die Freunde 
gemeinsam übertragen und genossen, vor ihre Seele, so daß in beider 
Pokale Thräne» inniger Rührung sielen, indem sie den duftenden Purpur 
des Weines schlürften. 
Als sich nun alles wieder gesetzt hatte, wurde die Unterhaltung bei 
dem so festlich besungenen Schwertfische, von dem jeder zu essen bekam, 
und durch den feurigen Wein immer lebhafter, und lachende Scherze 
flogen her und hin. 
Don Carlo hatte schon eher vergeblich den schönen Plato gesucht, 
welchen er einen Platz an Don Antonios Seite bestimnit. Er stand 
nun auf und ging überall umher, ihn von neuem zu suchen. Ver 
geblich: er war verschwunden. 
Aber als der freundliche Wirt so durch die langen Säle ging, 
ward ihm von allen Seiten freundlich zugenickt und zugetrunken. Da 
saß mancher arme, alte, ehrliche Mann an dem Tische, dem es sein 
ganzes Leben lang noch nicht so gut geworden war, und letzte den 
alten Gaumen an den trefflichen Speisen, und der Duft des köstlichen 
Weines wob süße Träume um seine Sorgen, daß er wie mit fremden 
Backen in die Welt hineinlachtc. Darüber freute sich der brave Don 
Carlo von Herzen. Auch war cs wirklich schön, zu sehen, welche reine, 
heitere Fröhlichkeit überall verbreitet war. Selbst als die Lust cnvas 
ausgelaffen wurde, ward kein Scherz übelgedeulel. Die Tugend des 
Wirts hatte sich über die Gäste ergossen. Auf und ab in verschiedenen
        
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