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Periodical volume 27.Mai 1899 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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dortiger Landesart, Haus, Hof, Küche und Keller mit Lorbeerbäumen 
und Myrtenkränzen ausputzen. Alles, was gebraten wurde, batte 
Citronen in Schnauz' und Schnabel, auch waren im Hofe Dudelsack 
pfeifer angestellt, welche zum Drehen der Spieße lustige Stückchen auf 
spielen mußten, damit den Drehleuten bei den dicken Braten die Zeit 
nicht zu lang würde. Sie hatten zwar ohnedem insgesamt Weinkrüge 
zur Unterhaltung neben sich, die ihnen an der dörrenden Glut so liebe 
Gesellschafter waren, daß beständig mehr davon an den Lippen als an 
der Erde stehen blieben, wie Don Carlo mit großer Lust bemerkte. 
Rings im ganzen Palaste stand alles osten. In allen Sälen, Zimmern 
und Hallen waren Tische und Bänke gestellt, doch so, daß überall Raum 
zur Belustigung blieb. In einem der Säle war — doch davon nachher, 
denken wir jetzt wieder an Don Antonio. Dieser war, wie wir bereits 
von Pietro wissen, nach seinem äußersten Landhause hinaufgcritten, 
welches er sich an der Lehne, die sich von dem zackigen Gipfel der Insel 
herabsenkt, erbaut hatte. Die Höhe war früher nackter Fels und mit 
vielen Steinen übersäet: aber weil man von da herab alle seine Güter 
übersehen konnte, hatte Don Antonio das Unland in einen lachenden 
Weingarten umgeschaffen und von den umherliegenden Steinen ein 
ausnehmend zierliches Landhaus erbaut, in welchem er alljährlich den 
Morgen seines Geburtstages ganz einsam zu sciern pflegte. So war 
er auch diesen Morgen auf den Altan des Hauses hinausgetreten und 
hatte Gott für alles, was er ihm verliehen, inbrünstig gedankt, auch 
jemanden, den wir bereits kennen, in sein lautes Gebet eingeschlossen, 
als er hinter sich mit seinem eigenen ein ebenfalls recht lautes Anien 
vernahm. Er wandte sich und sah Pietro hinter sich knieen, welcher 
etwas verlegen aufstand und zu ihm sprach: Verzeiht, Herr Ton 
Antonio, ich gedachte dahier heimlich mit für Euch zu beten und Euch 
im stillen die Worte nachzusprechen, die Ihr so schön zu setzen wisset. 
Es ging auch alles gut und still ab, und ich wollte mich eben wieder sort- 
schleichen, da muß ich just noch mit dem Amen so herausplatzen, weil ich Esel 
gewohnt bin, es immer so laut zu sagen! — Bleibe immer dabei, das schadet 
nicht, zwei Amen sind besser wie eines, sprach Don Antonio und küßte dem 
Alten,_ der sich zum Handkuß neigte, die Stirn; läßt Gott mein Gebet 
in Erfüllung gehen, so soll es Dir auch niemals fehlen! Komm, mein 
alter Pietro, hast Du mit mir gebetet, so laß uns auch zusammen früh 
stücken! Stellen wir uns den Tisch hieher auf den Altan, da können 
wir die Gottesgaben im Angesicht von Himmel, Meer und Erde 
zu uns nehmen. Nun mochte sich Pietro sträuben, wie er wollte, Don 
Antonio trug alles mit ihm heraus, Tisch und Essen, stellte Pietros 
Stuhl hart neben seinen, und sprach: Hier setze Dich, mein alter Pietro, 
laß uns fröhlich sein, Gott wird uns ferner Gnade schenken. Da setzte 
sich Pietro und trank das erste Glas, welches ihm der Herr eingeschänkt, 
fröhlich auf sein Wohlsein aus: bei dem zweiten Einschänken aber bat 
er ihn, aus der Flasche trinken zu dürfen. — Immer trink, wie Du cs 
gewohnt bist, sprach Antonio lachend. — Darf ich auch ein Messer 
herausholen? — Mache, was Du willst, Pietro! — Da that Pietro 
Messer und Gabel, die auf dem Tische lagen, hinweg, und zog ein 
Ungeheuer von Taschenmesser hervor, womit er dem großen Ziegenkäse 
und dem gewaltigen Brote, wie auch der Honigwabe, womit der Tisch 
besetzt war, tüchtig zusetzte, wozu er seiner Gewohnheit nach hörbar 
gluckend aus der Flasche trank. Das einfache Frühstück mundete beiden 
ganz vortrefflich. Als sie damit zu Ende waren, lustwandelten sie noch 
ein wenig im Garten und besttegen bald darauf ein paar muntere 
Tierchen, Esel genannt, die ein Knabe vor dem Thore des Gartens 
bereit hielt, welcher für diesen leichten Dienst an diesem Tage von 
seinem Paten Don Antonio jedesmal einen spanischen Piaster zum 
Geschenk erhielt: doch heute gab er ihm zwei. Geht mit Gott, mein 
Herr Don Antonio! rief der Kleine jubelnd, während der Herr und 
der alte Diener auf den zierlichen Tierchen*) um die Hänge des Berges 
hinabschwebten. Der Morgen war, obwohl fern in Nordost Sturm 
drohte, wunderschön hell und klar. Fast windstill ruhte die Lust, und 
Don Antonio sah, obwohl es Winter war, unter dem milden Himmel 
seine Felder himmelblau von blühendem Leine. Bohnen und Erbsen 
wucherten üppig überall, auch die anderen Fruchtseider waren mit lieb 
lichem Grün bekleidet. 
(Fortsetzung folgt.) 
Berliner Chronik. 
Am 12. Mai starb der Kapellmeister des Alexander-Regiments 
Julius Jaenisch im 44. Lebensjahre, der am 20. März sein 25jähriges 
Dicnstjubiläum gefeiert hatte: er war seit 1882 Leiter der Kapelle des 
Alexander-Regiments. 
Am 14. Mai fand vor 50 Jahren in Berlin die erste Schwur 
gerichtssitzung statt. Vor den Geschworenen stand nach der „Voss. 
Zeitung" der Schriftsteller Robert Springer, der an der Revolutions- 
bcwegung beteiligt war und der Majestäts-Beleidigung beschuldigt 
wurde. 
Am 16. Mai starb Louis Tabbert, einer der bekanntesten Ber 
liner Gastwirte, einer der Gründer des jetzt 334 Vereine und 25000 
Mitglieder umfassenden Verbandes deutscher Gastwirte. Tabbert hatte 
früher am Köllnischen Fischmarkt eine bei den Berlinern sehr beliebte 
Bierstube, und er ist der Gründer des nach ihm bennanten „Wald- 
schlößchens" an der Obersprce. 
In der Apsis der Petrikirche werden in diesen Tagen zwei neue 
Glas-fenster eingesetzt, die aus dem königlichen Institut für Glas 
malerei hervorgegangen sind. Die Malereien der Fenster stellen Petri 
Fischzug und seine Veruftmg dar. 
Die neue Alsen-Brücke wird am 1. Juli dem Verkehr übergeben 
werden. 
*) Die Esel auf der Insel Jschia sind ausnehmend zierlich gebaut und überaus 
munter und leicht. 
In Erfurt starb Geh. Reg.- und Baurat Ernst Dircksen, der 
Erbauer der Berliner Stadt- und Ringbahn, im fast vollendeten 
68. Lebensjahre. Der Verstorbene war einer der hervorragendsten 
Eisenbahn-Ingenieure. Den Bau der Berliner Ringbahn führte er in 
den Jahren 1867 bis 1870 aus. Während des französischen Feldzuges 
baute er auf Befehl des Hauptquartiers eine Eisenbahn von Remilly 
nach Pont-ä-Mousson. Nach dem Bau der Berliner Stadtbahn ging 
Dircksen 1882 nach Köln: von dort wurde er 1890 zur königlichen 
Eisenbahn-Direktion nach Erfurt versetzt. 
Märkische Chronik. 
Rathenow. Am 14. Juni, dem 200. Geburtstag Joachim Hans 
von Zielens, wurde auf dem Hofe der Kaserne des Zieteu-Husaren- 
Regiments das Denkmal enthüllst welches das Regiment' dem großen 
Rcitergeneral gestiftet hat. Das Denkmal besteht in einer Bronzebüste, 
die ein Werk des Bildhauers Werner Begas ist. Die 1% Meter 
hohe Büste steht auf einem Sandsteinsockel von der gleichen Höhe. 
Neu-Ruppin. Am 11. Mai starb in Neu-Ruppin der Stadtälteste, 
Kommerzienrat Louis Ebell. 
Beeskow. Die zweite Abteilung des im Oktober neuzubildenden 
3. Garde-Fcld-Artillerie-Rcgimcnts wird Beeskow zur Garnison erhalten. 
Die Kaserne befindet sich bereits im Vau. 
Werder. In der „Gartenflora" weist Professor Wittmack daraus 
hin, daß jetzt alle Nachbargcmeinden Werders, sofern sie nicht zu tief 
liegen, bis zur Station Groß-Kreuz hin, den Obstbau aufgenommen 
haben. 
Kleine Mitteilungen. 
Am 2. Juni vor 140 Jahren starb einer der Paladine Friedrichs 
des Großen, Christoph Wilhelm von Kalckstein. Als Sohn des könig 
lich polnischen Obersten Christoph Albrecht von Kalckstein 1682 in 
Preußen gehören, trat er zuerst in hessische Dienste, nahm als Adjutant 
des Erbprinzen Friedrich von Hessen-Kassel am spanischen Erbfolgckriege 
teil und zeichnete sich in der Schlacht bei Malplaquet (11. Sept. 1709) 
aus. Friedrich Wilhelm I. von Preußen lernte ihn bei der Belagerung 
von Stralsund kennen und hochachten und versetzte ihn als Oberst 
leutnant in das von Arnimschc Regiment. Im August 1718 wurde er 
Oberst und 1719 Unter-Gouverneur des Kronprinzen (Friedrichs des 
Großen), seine Söhne aber Spielgenoflen desselben. Von dem Könige 
mußte er nach der Flucht des Kronprinzen (1730) harte Vorwürfe über 
seine schlecht geratene Erziehung hinnehmen. Im Jahre 1731 sandte 
ihn Friedrich Wilhelm I. nach Kassel zu seinem früheren Vorgesetzten, 
dem nunmehrigen Landgrafen Friedrich von Hessen, der 1720 König 
von Schweden (als Gemahl der Prinzessin Ulrike Eleonore) geworden 
war, und Kalckstein entledigte sich des Auftrags, den Landgrafen zu 
bewegen, einen Teil der abzudankenden hessischen Truppen an Preußen 
abzutreten, zur Zufriedenheit seines Monarchen. Im April 1738 avan 
cierte Kalckstein zum Generalmajor. Friedrich der Große ernannte ihn 
im Jahre 1741 zum Generalleutnant. Bei Molwitz befehligte Kalckstein 
den linken Flügel und wurde verwundet. Für die Einnahme von 
Brieg (1741) wobei er 61 Kanonen und 8 Mörser erbeutete, erhielt er 
die Gouvcrneurstelle von Groß-Glogau und den Schwarzen Adlerorden. 
Im Jahre 1742 focht er bei Czaslau mit. Im folgenden Jahre gab 
ihm Friedrich die Drostei Dinslaken. Nachdem er 1744 Prag hatte 
einnehmen helfen, beförderte ihn der König im März 1745 zum General 
der Infanterie. Bei Hohcnfriedberg führte er das zweite Treffen, ebenso 
in der Schlacht bei Soor. Am 24. Mai 1747 wurde er General- 
seldmarschall. Er erhielt 1752 eine Zulage von 1000 Thalern und 
1758 unter den schmeichelhaftesten Ausdrücken den Auftrag, die Er 
ziehung der Kinder des verstorbenen Prinzen August Wilhelm zu über 
nehmen. Schon im foldcnden Jahre starb er. Der jüngste seiner 
Söhne, Ludwig, stieg gleichfalls bis zum preußischen Generalfeldmarschall 
empor. 
Am 8. Juni vor 68 Jahren erließ Friedrich Wilhelm III. 
folgende Dankadresse an sein Heer von Paris aus: „Ihr habt mein 
Vertrauen, des Vaterlandes Erwartung nicht getäuscht! Fünfzehn 
Hauptschlachten, beinahe tägliche Gefechte, viele mit Sturm genommene 
Städte, viele eroberte feste Plätze in Deutschland, Holland, Frankreich 
bezeichnen den Weg von der Oder bis zur Seine, und keine Greuelthat 
hat ihn befleckt. - Mit Achtung sicht Europa auf euch! Mit Ruhm 
gekrönt kehrt ihr aus diesem Kriege zurück: mit Dank und Liebe wird 
das Vaterland euch empfangen." An demselben Tage wandte sich der 
König auch an sein Volk mit folgenden Worten: „Beendigt ist der 
Kampf, zu dem mein Volk mit mir zu den Waffen griff! Glücklich 
beendigt durch die Hülfe Gottes, durch unserer Bundesgenossen treuen 
Beistand, durch die Kraft, den Mut, die Ausdauer, die Entbehrung, 
die jeder, der Preuße sich nennt, in diesem schweren Kampfe bewiesen 
hat. Nehmt meinen Dank dasür! Groß sind eure Anstrengungen, 
eure Opfer gewesen! Ich kenne und erkenne sie, und auch Gott, der 
über uns waltet, hat sic erkannt. Errungen haben wir, was wir 
erringen wollten. Mit Ruhm gekrönt steht Preußen vor der Mit- und 
Nachwelt da, selbständig durch bewiesene Kraft, bewährt im Glück und 
Unglück. — Eine bessere Zeit wird wiederkehren durch diesen Frieden, 
in einer neuen Ordnung werden die Wunden heilen, die langes Leiden 
euch schlug." An demselben 8. Juni 1814 wurde Hardenberg zum 
Fürsten, Blücher zum Fürsten von Wahlstatt, Jork zum Grafen von 
Wartenburg, Kleist zum Grafen von Nollendorf, Bülow zum Grafen 
von Denncwitz und Gneiscnau ebenfalls zum Grafen ernannt. Tauenzien, 
der schon seit 1791 den Grasentitel trug, erhielt das Prädikat „von 
Wittenberg." 
Beramworilicher Redakteur: vr. M. Folticineano, Berlin. — Druck und Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin SW., Neuenburger Straße 14a.
        
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