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Periodical volume 27.Mai 1899 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Etwa so? fragte Pepo und sang: 
Pittperwitt! 
Pittperwitt! 
Volle Spieße, volle Töpfe! 
Pittperwitt, Ihr kahlen Köpfe! 
Von Don Carlo seid geladen, 
Pittperwitt, zu Wein und Fladen! 
Pittperwitt! 
Pittperwitt! 
Makkaroni wird es graupeln, 
Pittpcrwitt, und viel zu knaupeln! 
Don Antonio zu Ehren, 
Pittperwitt, gicbt's viel zu zehren! 
Pittperwitt! 
Pittpcrwitt! 
Schön maskiert zu Saus' und Brause, 
Pittperwitt, kommt her zum Schmause! 
Keiner bleib' in seiner Klause! 
Pittpcrwitt, 's gilt keine Flause! 
Pittperwitt! 
Pittperwitt! 
Pittperwitt, Pittperwitt! sangen alle mit Pepo, schnappten wie er 
mit den Fingern dazu und tanzten und sprangen wie die Ziegcnböcke. 
Bravo! rief Don Carlo, singe jeder was ihm einfällt! 
Hoch lebe Don Carlo! schrie nun der ganze Schwarm, und die 
er aufgerufen, liefen nach Trommel« und Kesseln, während er weiter 
sprach: Wir, liebe Kinder, wollen indes nicht müßig sein. Ach will 
Euch meine großen Netze herausgeben, damit wollen wir alles, was 
Fisch heißt, aus dem Meere ziehen, auf daß kein Mangel sei. Etliche 
müssen nach dem Walde von Cumä hinüber rudern und Austern von 
Fusaro*) holen, der Jagdmcistcr des Königs wird niir schon ein fünf 
bis sechs wilde Schweinchen ablassen, vielleicht auch ein paar Hirschchen 
und Rehchen. Rebhühner haben wir hier auf der Insel, die Schnepfen 
und die Kibitze, die Kaninchen und die Hasen werden uns auch nicht 
alle fortflattern und entlaufen, und ist das Wilde nicht zu haben, so 
spickt man das Zahme: nur Hund' und Katzen lassen wir den Mai 
ländern: sonst halten wir uns an alles, was da ist. Von Hühnern, 
Enten und Truthähnen wimmelt es überall auf meinen Höfen, um 
Kälber und Ochsen wird auch keine Rot werden, so lange wir noch da 
sind. Makkaroni und Fcdclini und Broccoli und Sizilianer Artischocken 
und Sellerie wird sich alles stnden, wenn man nur danach sucht. Die 
Weinfässer dürfen nur angebohrt werden. Glaubt mir, es wird sich 
alles machen. 
Hört, Don Carlo, da kommen sie schon mit Trommeln und Kesseln, 
unterbrachen ihn einige, bcrrumpumpum, berrumpumpum, papiong- 
pingpang! 
Still da! rief Don Carlo. Don Antonio soll noch nichts davon 
merken: es wäre wohl hübsch, wenn man ihn damit überraschen könnte! 
Trommelt und lärmt immerzu, sprach der alte Pietro, der mit 
einem Päckchen auf dem Rücken dabei stand, mein Herr ist bereits auf 
sein äußerstes Vorwerk hinausgegangen. Ich zottle ganz sachte nach 
mit diesem Päckchen. Vor übermorgen mittag kommen wir nicht wieder 
herunter. 
Das trifft sich ja ganz vortrefflich, sprach Don Carlo. 
I freilich gnädiger Herr, sprach Pietro, ich geh' ihm bis über 
morgen mittag nicht von der Seite. Glaubt mir, so wahr ich Pietro 
bin, er soll Euren Braten nicht riechen, bevor er gar ist. Laßt mich 
nur sorgen! Ich weiß, wie man etwas geheim hält. Jede Fliege, die 
daran geleckt hat, wird abgewischt, so bleibt ihm alles verborgen! 
Run, so verteilt Euch! geht in alle Welt, trommelt und schreit, daß • 
die Gassen übereinander fallen! rief Don Carlo, und es hätte dieser 
starken Aufforderung zum Lärmen wahrlich nicht bedurft: denn kaum 
hatte sich jeder seinen Weg gewählt, so ward der Lärm ganz übermäßig, 
sechs Trommeln und sieben Kessel wurden fast zerschlagen. Alles, was 
Odem hatte, jung und alt, schrie und tobte mit, Katzen nüauten darein, 
und Hunde bellten. Es war auch zwischen diesem und dem jüngsten 
Tage kein Unterschied mehr, nur daß hier nicht die Toten aus den 
Gräbern, nur die Lebendigen aus allen Häusern kamen. Es zeigte sich 
auch noch außerdem großer Uebermut, der am jüngsten Tage wohl 
wegbleiben wird; die Trommler nämlich sahen über ihre Trommeln 
verächtlich auf die Kcssclschläger und schnitten ihnen gar schnöde Gesichter: 
die Kesselschläger aber meinten: bei solchen Einladungen zum Essen 
seien Kessel schicklicher wie Trommeln, und schrieen beständig während 
des Schlagens: heute sind sic toll, übermorgen voll! und: singt miß 
wenn Ihr' könnt, Ihr Lederpauker!. Da konnten die Trommler freilich 
nicht mit singen: trommelten aber ans Zorn desto stärker. Zwei zer 
schlugen sogar die Trommeln und mußten sie umwenden. Diese wurden 
von den Kesselschlägern so verhöhnt und verlacht, daß sie frob waren, 
als sie durch ein Ncbcnaäßchen ins Freie kamen. 
Nun lassen wir die Lärmer ziehen: denn es wäre selbst dem großen 
Poeteu Homerus unmöglich zu erzähle», was die sechs Trommler und 
sieben Kesselschläger auf ihrer Wanderung durch die anmutigen Gefilde 
und die zierlichen Ortschaften der Insel für Aufsehen erregten mit der 
wunderlichen Einladung, und was sic an jedem Orte für tolles Zeug 
anzugeben wußten. Man fing überall damit an, daß man die lustigen 
Vögel mit ihren Reimen für betrunken hielt. Sic setzten ihre Köpfe 
wohl tausendmal zu Pfande, bevor ihnen irgend jemand nur ein Wort 
von allem glaubte. Dann zogen ihnen auch überall einzeln besonders 
pfiffige Leute »ach, superkluge Spione, welche durchaus das Geständ- 
nis von ihnen heraushaben wollten, der ganze Spaß sei nur auf eine 
Fovperei abgesehen. Auch kamen von überall her Boten an Don Carlo 
zurück, welche sich im Namen ganzer Ortschaften feierlich nach dem 
wahren Verlauf des Dinges erkundigten. Diesen gab er nun die Ein 
ladung zum besserem Zeugnisse schriftlich mit. Dennoch währte das 
hin und her fragen bis zum Abend des anderen Tages, bevor man 
auf der ganzen Insel überzeugt wurde, die Sache sei wirklich außer 
dem Spaße. 
Die sonderbaren Einladungen selbst, so große Fröhlichkeit sic im 
allgemeinen auf der ganzen Insel verbreiteten, wurden dennoch von 
manchem der Geladenen nicht ganz so harmlos aufgenommen, wie _fic 
gemeint waren. Einige wurden zuerst bitlcrhöse: doch ergaben sich 
zuletzt die meisten, da es einmal nicht anders war, in den allgemeinen 
Humor und lachten von Herzen mit. 
Am übelsten wurde jedoch der Spaß von den heimlichen Kahlköpfen 
aufgcnoinmen, welche sich unter künstlichen Locken verbargen: denn 
überall schwärmten freiwillige Spione herum, welche dergleichen Kontre- 
bandc aus Licht brachten, und mit der Keckheit, welche die Leute dort 
zu Lande zur Karnevalszeit allgemein zu befallen pflegt, riß man hie 
und da jenen Dohlen die fremden Federn aus, und ein wahres Treib 
jagen von tausend Neckereien zwang dieselben wider Willen zur Teil 
nahme. Bei alldem gab es immer noch viele, welche die raffinierte 
Kunst der Haarkräusler vor aller Entdeckung zu schirmen schien: aber 
als Ton Carlo gar anfing, seidene rosenfarbene Käppchen machen zu 
lassen, die er, wie es stießt als falsche Platten Leuten mit vollen Locken 
schicken wollte, die an dem Feste teilzunehmen Lust hätten, da wurde 
den meisten in ihrer Verborgenheit bange, weil sie glaubte, die Käppchen 
würden für sic genäht. Viele derselben hatten nun aus einmal höchst 
wichtige Sachen in Neapel abzumachen. Soviel Plätze wurden auf den 
Barken, welche gewöhnlich dahin fuhren, belegt, daß es allgemein auffiel, 
besonders da der Wind nicht eben günstig zu werden schien. 
Wer sich aber recht von Herzen über das unerhörte, sonderbare 
Fest freute, war Donna Teresa. Von Natur zu Scherz und Lachen 
geneigt, konnte sie gar nicht begreifen, warum ihre beiden jungen An 
beter so wenig Vergnügen darüber empfanden. Diese wollten wieder 
nicht begreifen, wie eine so feine, liebenswürdige Dame Geschmack an 
solchen Dingen finden könne, nannten den harmlosen Scherz einen 
plumpen Baucrnspaß und fanden es für einen Mann von Stande, wie 
Don Carlo, sehr unziemend, dergleichen abgeschmacktes Zeug zu ver 
anstalten. Vergeblich warfen die schönen Lippen der fröhlichen Dame 
beständig ein, sie möchten nur bedenken, es sei Karneval, und ein 
Karneval sei je toller, je besser: beide blieben bei ihrer Ansicht und ver 
ließen die schöne Tanie fast ein wenig mißgestimmt. Ja, sie kamen 
sogar am nächsten Morgen des Festtages zu ihr, um sich auf einige 
Tage zu beurlauben, weil sie nicht Zeugen eines so sinnlosen Volks 
tumultes abgeben wollten, welcher, wie sie behaupteten, jeden Nerv in 
ihnen empören würde. Donna Teresa jedoch lachte sie beständig aus 
und stellte ihnen vor, welchen widrigen Wind sie haben würden, wenn 
sie heute segelten. Vergeblich. Das Meer wird sehr stürmisch werden, 
nicht wahr, mein Herr? sprach sie zu Don Carlo, der eben eintrat. 
Jawohl, sagte dieser, es wird weiß werden, wie Schnee, ich bin froh, 
daß meine Fische gefangen sind! Wir bekommen Nordweststurm: darum, 
meine Herren, wollt noch ein Weilchen unsere Stadt mit Eurem Aufent 
halte beglücken und diesen Abend mein lustiges Fest mit Eurer Gegenwart. 
Hiebei zog Don Carlo zwei sauber in Papier eingeschlagene Käppchen 
hervor und wollte sie den Herren überreichen. Diese jedoch bedankten 
sich dieser Ehre ziemlich stolz und empfahlen sich mit vornehmer Kälte. 
Donna Teresa wollte sogar einen Anflug von Verlegenheit bei ihnen 
bemerkt haben, als die Käppchen zum Vorschein gekommen, doch flog sie 
leichr darüber hin und sprach zu Don Carlo: Jetzt, wenn die wunder 
lichen Käuze die Käppchen nicht annehmen wollen, gebt sie mir. ich will 
mir meinem Mühmchen vermummt auf Euer Fest kommen. — Viel Ehre 
für mein Fest, sagte Ton Carlo und legte die Käppchen in ihre schöne 
Hand, kommt vermummt wie Ihr wollt, ich will Euch schon hcrauskcnnen. 
Woran denn? fragte Donna Teresa. 
An Eurem Foppen, sprach Ton Carlo, denn Ihr könnt es nicht 
lassen! 
Warum denn nicht? 
Weil cs Euch so gut läßt! sagte Ton Carlo neckend und huschte 
zur Thür hinaus und heim, wo er noch gewaltig viel zu thun fand. 
Denn, obwohl sein Haushofwcistcr ein tüchtiger Mann war und bei 
allen Festen sonst die ganze Wirtschaft in großartiger Ordnung zu er 
halten wußte, so war ihm diesmal doch die Aufgabe zu mächtig, und 
Don Carlo mußte selbst in allen Winkeln hinterdrein sein. Tic Herde 
der Küche, so übergroß sic der Erbauer seines Palastes angelegt hatte, 
gaben diesmal nicht Raum für die Hälfte der nötigen Spieße, Kessel 
und Töpfe: daher ward es nötig, in dem geräumigen Hofe Notherde 
zu bauen, die sich Altären gleich ausnahmen, um welche die lustigen 
Küche wie die Baalspfaffen sangen und sprangen. Tie Eimer der 
Cistcrne, welche die Mitte des Hofes einnahm, gingen beständig auf 
und nieder wie Sonne und Mond, weil die gewaltigen Meerfischc zu 
kochen ein unermeßlicher Wall von Wasser nötig war. Ton Carlo hatte 
nämlich befohlen, heute kein Tier zu zerschneiden, sondern alles ganz 
auf die Tafel zu bringe», — die Ragouts und Fricaffcen ausgenommen. 
Daher fand er, als er heim kam, große Not um einen Schwertfisch von 
ungeheurer Länge. Dieser hatte den Fischern bereits viel Plage ge 
macht, bevor sie ihn aus dem mächtigen Netze, welches von ihm ganz 
zerrisse» war, in das große Boot brachten, aus welchem er noch, allen 
Schlägen und Stichen zum Trotz, entwischt wäre, wenn sich nicht der 
alte Jakob beherzt auf das Schwert des Ungeheuers gestellt hätte. 
Nun aber war die Not bei den Köchen, und die Fischer lachten: denn 
wo man auch hinsandte, war kein Kessel zu finden, der ihn hätte 
fassen können. Da hieß Don Carlo den Schmied ein blechcnes Dach 
von einem albernen japanischen Gartenhäuschcn abnehmen, reinigen 
und in aller Eile an den Seiten umbiegen. In diese Schwarte 
ward nun der Fisch gelegt, so lang er war, und zwischen den vier 
japanischen Drachen, die an den Ecken in die Höhe standen, unter 
großem Jubel der umhcrtanzenden Küche ganz vortrefflich gesotten, 
samt seinem übermannslangen Schwerte. Die wilden Schweine, die 
sonst ini Cnmäer Walde gegrunzt hatten, wurden ebenfalls unzcrstückt 
im Hofe gebraten, auf Spießen von Lorbeerbäumen, welchen man die 
grünen Wipfel gelassen und mit Bänder» geschmückt. Ueberhanpl warb 
alles nicht etwa nur so schlichtlfin betrieben, nein, Don Carlo ließ, nach 
*) Vom £ce Aahira, bfiti alten fldjci'Oit.
        
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