Path:
Periodical volume 27.Mai 1899 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 25.1899

332 
Dir Familie Lette. 
^ie Mitglieder des Lette-Vereins und seine Freunde feierten am 
10. Mai den hundertsten Geburtstag des Mannes, auf dessen Ver 
anlassung in den sechziger Jahren der seinen Namen tragende, unter 
dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehende Verein gegründet 
wurde. 
Mit Lette erlosch der Name seiner Familie, da sein ältester Sohn 
in jungen Jahren, und ein zweiter in der Fremde kinderlos starb; 
dagegen sind noch drei Töchter 
am Leben, von denen Frau 
Marie Fischer geb. Lette sich 
als Schriftstellerin nnd Vcr- 
sasserin moralischer Erziehungs 
schriften, einen sehr geachteten 
Namen erworben hat und nach 
ihren; Vermögen in stiller Weise 
das Liebeswerk des Vaters 
fortsetzt. 
In einer Biographie ihres 
Vaters, wclchesiezumhundertsten 
Geburtstage erscheinen ließ, 
entwirft sie in kurzen Zügen 
ein lcbensfrisches Charakterbild 
von Lette und seinen Be 
strebungen. 
Was Lette als Staatsmann 
und Jurist war, gehört der 
vaterländischen Geschichte an, 
seine Menschenfreundlichkeit war 
es indessen, welche ihm die 
Popularität und den Namen 
„unser Präsident" eintrug. Lette 
war ein echter deutscher Mann, 
von glühendem Patriotismus, 
mit praktischem Sinne begabt, der sehr wohl begriff, das; den sozialen 
Ucbelständen nicht mit juristischen Paragraphen allein, sondern durch 
Eingreifen in das praktische Leben, durch Erschließung neuer Erwerbs 
quellen und insbesondere derjenigen auch für Frauen, abgeholfen werden 
kann, wodurch er zum Vorkämpfer der Emanzipationsidee geworden ist. 
Frau Marie Fischer schreibt von seinen Ansichten über die Frauenfrage: 
„Er verwarf jedes Ueberschreiten der von unserem Schöpfer zwischen 
ßii) HariK^alsfest auf Jscbia. 
Novelle von August Aopisch. 
Wilhelm Adolf Lette nebst Gattin. 
Mus der glückseligen Insel Jschia, die mit allem Segen Gottes reichlich 
überschüttet ist, lebte zu einer Zeit ein vornehmer Mann, von den 
Leuten schlechthin Don Antonio genannt, welcher in seiner Lebensweise 
von den meisten seinesgleichen das Widerspiel war. Er verprahlte 
sein Geld nicht in der Re 
sidenz, weder mit schönen 
Tänzerinnen noch Sängerinnen, 
auch« ward es weder ver- 
bankettiert noch vertändelt noch 
verspielt, noch auf schönen 
Pferden vergalloppiert. Er 
überließ die Verwaltung seiner 
Güter auch nicht, wie viele 
Herren, den Händen habgieriger 
oder fahrlässiger Schaffner, hielt 
es auch nicht für wohlgethan, 
alles in Bausch und Bogen zu 
verpachten, um in Gemächlichkeit 
gleichsam den Rahm von der 
Milch zu essen, während andere 
sich mühten und plagten. Nein, 
er hielt es für sehr anständig 
und vornehm, wirklich Herr der 
Scholle zu sein, womit Gott 
ihm ein Geschenk gemacht und 
zwar ein ziemlich ansehnliches; 
denn er besaß manches Obst 
und Ackerland in den Niede 
rungen am Meere, manche 
schöne Lehne mit guten Reben, 
dazu wohlgebaute Landhäuser mit mancherlei zierlichen Kunstwerken 
ausgeschmückt, alles sehr fröhlich und wohlgelegen. Seine gewaltigen 
Thunfischnetze ließ er weit ins Meer hinbreiten, seine Wachtelnetze hing 
er wie Spinnweben über alle Klippen. 
Aber fröhlicher als alles dieses war der Herr selber, ein rascher, 
rühriger Witwer. Sem Wahlspruch war: des Herrn Ange macht die 
Kühe fett, aber nicht wenn es blind ist. Daher kam ihm die Gewohn- 
Marir Fischer geb. Lette. 
den Geschlechtern gezogenen Grenzen, die ja keine Beengung, sondern 
nur verschiedene Arbeitsgebiete bezeichnen". Das Aufblühen des Lette- 
Vereins, wie die ersprießliche Thätigkeit aller derartiger weiblicher 
Erwerbsthätigkeit hat seine Grundsätze voll bewahrheitet und tausende 
verdanken ihm Glück und Segen. Im Bilde bringen wir Lette und 
seine Frau, welche die treue Helferin seines Lebens und seiner Ideen 
gewesen, wie auch Lette als flotten Studenten nach einem Pastellbilde, 
iowie den Justiiieohof, das Gut seiner Eltern, von Frau Marie Fischer 
geb. Lette selbst gezeichnet, wo Lette am Liebsten weilte und feine 
Jugendzeit verbrachte, und endlich seine Grabstätte auf dem alten 
Jerusalemer Kirchhof. Freiherr Robert von Seckendorfs. 
-xWx. 
heit, mit allen, die seine Güter ihm bewirtschaften halsen, sehr häufig 
und genau zu rechnen, damit er beständig wüßte, wie er mit jedem 
daran wäre; denn was man auf die lange Bank schiebt, verfault, sprach 
er und war überall hurtig hinterdrein. Er bezahlte keinen Tagclohn, 
sondern sprach zu den Leuten: wie viel wollt ihr, wenn ihr mir dies 
und das arbeitet? und handelte sehr scharf; doch, wenn er zuletzt die 
Arbeit wohl bestellt fand, gab er manchen Groschen zu, so daß die 
braven Arbeiter fröhlich von ihm nach Hause gingen und nicht darben 
durften. Wer aber faul war, kam des geringen Lohnes wegen lange 
nicht wieder, und kam er endlich, so arbeitete derselbe Mann viel mehr 
als vorher — wegen der Groschen, welche der Herr zulegte. Daher 
kam es, das alles Volk, welches da herumlcbte, die Arbeit lieb gewann
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.