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Periodical volume 27.Mai 1899 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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August Kopisch. 
(Geboren am 26. Mai \7tyy.) 
Von 
xudwig Geiger. 
Mk-n den Festartikeln, die man vor, am und nach dem Säkular- 
® tage von Kopischs Geburt in den Zeitungen und Zeit 
schriften finden wird, trifft man gewiß fast allgemein zwei Angaben: 
die eine, daß er die „blaue Grotte" bei Capri entdeckt, die andere, 
daß er das Lied „Als Noah aus dem Kasten kam", gesungen habe. 
Die erstere ist nicht ganz richtig, und die letztere darf nicht 
ausschließlich zur Kennzeichnung des Dichters gebraucht werden. 
Jene bedarf des beschränkenden Hinweises, daß Kopisch die blaue 
Grotte nicht eigentlich entdeckt, sondern die von den Umwohnenden 
längst _ bemerkte und oft genug angestaunte Naturmerkwürdigkeit 
auch seinerseits fand, da er ein rüstiger Schwimmer war, und 
daß er der Apostel der also von ihm gesehenen, für ganz Europa, 
ja für die ganze gebildete Welt wurde. 
Die zweite Angabe muß dahin ergänzt werden, daß Kopisch 
gewiß jenes vielgesungene, nicht bloß Studenten, sondern allen 
Sangesfreudigen recht bekannte Lied gedichtet hat, daß er aber 
deswegen nicht einfach als ein Dichter von Weinliedern oder 
humoristischen Gesängen charakterisiert werden kann. 
Darf Kopisch wohl in einem märkischen oder berliner Blatt 
als spezifisch märkischer Dichter erwähnt werden? Man kann diese 
Frage gewiß bejahen, obgleich Kopisch.in Breslau geboren wurde, 
seine Entwickelung hauptsächlich außerhalb Berlins gewann und 
nur den kleineren Teil seines Lebens in oder bei Berlin zubrachte. 
Denn Berliner ist nicht bloß der, der in Berlin geboren ist oder 
einen großen Teil seines Lebens Berlin angehört, sondern der, 
welcher der Stadt und Provinz etwas von seinen Werken zu 
gewendet, sich liebevoll mit ihr beschäftigt und ihre Eigentümlich 
keiten darzulegen sich bemüht hat. In dieser Beziehung ist Kopisch 
eher ein echter Märker als manche vielleicht auch nicht unberühmte 
Männer, die den märkischen Sand niemals verlassen haben. 
Gerade dies mag, weil es weniger bekannt ist, am Anfange 
dieses Festartikels näher ausgeführt werden. Es giebt nämlich 
von Kopisch eine ziemliche Menge Erzählungen, Märlein und 
Legenden, die auf märkischem Boden spielen oder wenigstens an 
Orten, die nicht allzu weit von Berlin entfernt sind. Sie sind 
frisch, gut, anschaulich erzählt. In vielen macht sich nicht bloß 
die Erzählungslust bemerkbar, sondern eine bestimmte moralische 
Tendenz geltend. Zwei Beispiele davon sind „Die Sage vom 
Gollenberg" und „Es trommelt unter der Stadt", Die erste spielt 
bei Jüterbog, Der Bauer Hans am Gollenberg wird von seinen 
Sünden geplagt und unternimmt deswegen eine Wallfahrt nach 
L, Jago di Compostella, Er betet unaufhörlich, kann aber trotz 
allen Rufens und Kniens keine Ruhe finden. Er fragt die Mönche, 
ob es nicht noch einen heiligeren, für Vergebung der Sünden wirk 
sameren Ort gäbe. Diese antworten ihm, ein solcher solle die 
Kapelle am Gollenberg bei Jüterbog sein, aber wo diese liege, 
könne niemand ihm sagen. Der Bauer ist entrüstet über seine 
Thorheit, 
„Daß ich mein Heil nicht kannte, 
Und hatt' es doch so nahe," 
Hier wird die Tendenz nur mit den angeführten Worten 
angedeutet. Aber sie ist klar genug ausgesprochen. Denn es soll 
nicht etwa ein Protest oder eine Mahnung gegen Wallfahrten, 
äußerliche Beichte und Sündenbekennung sein — eine solche anti 
katholische Tendenz liegt dem Dichter fern — sondern es soll die 
ziemlich platte Moral verkünden: Mancher kennt das Heilbringende 
nicht, obwohl es ihm dicht vor Augen liegt. 
Die zweite Geschichte spielt in Stendal. Einem Räuber 
wurde das Leben geschenkt unter der Bedingung, daß er das Ende 
eines unter der Stadt befindlichen unterirdischen Ganges suchen 
sollte. Er nahm sich eine Trommel mit und trommelte. Aber 
das Geräusch blieb weit länger, als er es erregen konnte. Nach 
hundert Jahren noch hörte man den Schall, 
Hier folgt nun eine bestimmte Moral: 
So geht's wohl auch in der Wissenschaft: 
Da trommelt einer mit aller Kraft, 
Er trommelt durch tiefe Finsternis, 
Als gäb' es für ihn kein Hindernis, 
Bis endlich seinen Hörern bangt, 
Weil all sein Trommeln kein Ziel erlangt. 
Aber die Moral ist thöricht und der Vergleich schlecht, oder 
mindestens äußerlich. Denn Pflege der Wissenschaft ist keine 
Strafe, und die Jünger der Wissenschaft dürfen nicht mit einem 
begnadigten Räuber verglichen werden, der die Neugierde thörichter 
Stadtväter befriedigen soll. 
Nicht leicht verständlich ist ein anderes Gedicht: „Ein Babel 
turm, Nach Schinkels Tode," In diesem Gedichte nämlich wird 
nicht ein bestimmtes Ereignis, ein einzelnes Bauwerk geschildert, 
sondern im Anschluß an die alte Legende vom Turmbau zu Babel 
die Verwirrung der Begriffe über Baukunst dargethan. Der Schluß 
des Gedichtes „es babelt immer", soll also wohl heißen: daß 
nach der Thätigkeit des Wiedererweckers des klassischen Baustils 
seine Ideen nicht allgemein eingeführt wurden, sondern mit ent 
gegengesetzten Anschauungen einen schweren Kampf führen mußten. 
Auch sonst ist die Moral manchmal ein wenig undurchsichtig. 
In dem Gedicht „Die Zwerge in Pinneberg" wird erzählt, wie 
die Zwerge an einer Hochzeit, von der sie gehört haben, ungebeten 
aber auch ungesehen teilnehmen, allerlei Schabernack treiben, sich 
betrinken, die Braut küssen. Schließlich wird einer, dem sein 
Mätzchen wegfiel, erblickt. Er wird gepeinigt, muß sich loskaufen, 
so daß zuletzt mit Hilfe seiner Genossen ein großer Haufe von 
Schätzen vor der Braut liegt. Die Moral soll wohl bie_ sein: 
wie den Menschen, so ist auch mächtigeren Wesen nicht gestattet, 
Uebles zu thun. Sie müssen, wenn sie die Grenzen des Erlaubten 
überschreiten, dafür büßen. Ja, man könnte fast sagen, wenn in 
diesen Erzählungen keine Moral vorhanden ist, wenn eine bloße 
ernste oder scherzhafte Darstellung geboten wird, so ist sie nicht 
sonderlich geraten. So erscheint mir „Das Haus ohne Treppe", 
ein Gedicht, das in Spandau spielt, obgleich die handelnden Per 
sonen zum Teil Italiener sind, recht mißlungen. Was gezeigt 
werden soll, ist eigentlich der Satz, daß der Liebende fräst seiner 
Liebe alle Schwierigkeiten überwindet, auch in einem Hause, das 
keine Treppe hat, Einlaß erlangt: in Wirklichkeit kommt er aber 
nur dadurch zum Ziel, daß das Mädchen ihm einen Korb und 
einen Strick herunterwirft, ihn so lange hinauf- und herunterzieht, 
wie es ihr behagt und ihn endlich mit Zustimmung des Vaters 
zu sich einläßt. 
Auch wenn die Erzählungen aus den Sagen in die geschicht 
liche Welt übergehen, behalten sie diesen moralisierenden Charakter 
bei. Ganz allerliebst ist z. B, in „Der Tiermaler Hosenfelder," 
die Geschichte eines jungen Malers erzählt, des Sohnes eines 
Töpfers, der gegen den Willen seines Vaters alle Töpfe und 
Schüsseln bemalt, und mit diesem nicht gebilligten Thun solchen 
Erfolg hat, daß die Konkurrenten des Vaters, die sich durch die 
Fertigkeit des Kleinen aus der Gunst des Publikums gedrängt 
sahen, zu den Mitteln beitragen, jenen auf eine Kunstschule zu 
schicken. Auch hier kann man ohne Schwierigkeit die Moral 
finden, daß nämlich das wahre Verdienst auch von denen, aller 
dings unwillig, anerkannt und befördert werden muß, die es ver 
achteten und verlachten. 
Im allgemeinen aber sind die märkischen und preußischen 
Historien ohne solche moralisierende Tendenz und beschäftigen sich 
nicht mit den Abenteuern der Kleinen, sondern mit den Schicksalen 
der Großen, Der Schlesier feiert seinen Blücher, und in einem 
sehr bekannten Liede „Der Trompeter" auch den wackeren Musi 
kanten aus Blüchers Heere; der Preuße den alten Fritz, dessen 
Bruder Heinrich, in Krieg und Frieden, in Scherz und Ernst, den 
König in seinem Verkehr mit Räten und Soldaten, mit einem 
Kutscher und einem Müller, Auch einzelne Städte kommen vor. 
So ist in historischen Gedichten gelegentlich von Potsdam die 
Rede: von seinem schlechten Pflaster, das um 1540 von denen, die 
fluchten, zur Strafe erneuert werden mußte, oder von dem Bürger 
meister 1559, der den Schlüssel der Stadt nachts unter seinem 
Kopfkissen liegen ließ und weil er sich einmal nicht wecken lassen 
wollte, einiger Privilegien seines Amtes beraubt wurde. Gern 
gedenkt der" Dichter des Ursprungs der Hohenzollernschen Macht 
und Größe, und wie er Johann Cicero ein munteres Chorlied 
weiht, so feiert er in einem prächtigen „märkischen" Liede den 
ersten brandenburgischcn Kurfürsten, 
August Kopisch, den wir also wegen all dieser Gedichte als 
Preußen und Märker feiern dürfen, ist in Breslau geboren und in 
Berlin gestorben. Aber dieser Uebergang von der zweiten zur 
ersten preußischen Stadt, der damals wie in unserer Zeit so un- 
gemein häufig war, und der gleichmäßig von residenzlüsternen 
Provinzlern wie von älteren Reichgewordenen und von jüngeren 
Strebern vorgenommen wird, wurde ihm nicht so leicht wie vielen 
seiner Genossen. Es bleibe dem Psychologen überlassen, im ein 
zelnen zu ergründen, wie diese Mischung von Breslauer- und 
Berlinertum auf den Menschen überhaupt und auf den Dichter im 
besonderen wirkt: Das fornckos gemütliche, der Neigung zum Be 
hagen und Wohlleben nicht fremde, nach Bildung verlangende,
        
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