Path:
Periodical volume 20.Mai 1899 Nr, 20

Full text: Der Bär Issue 25.1899

316 
(welches in der Steinstraße nicht weit von Körners damaliger Wohnung 
in der Burgstraße heute noch steht) die nähere Bekanntschaft des Predigers 
Heinrich und seiner Familie gemacht zu haben. Bei dieser Gelegenheit 
hat ihn die seltene Schönheit der älteren Tochter des Hauses zu 
Gedichten begeistert, wie eine ehemalige Wittcnbergerin, Frau Rendant 
Jakob geb. Ladewtg in Erfurt, eine Schwester der bereits erwähnten 
Frau Kämmerer Hopste, am 7. Februar 1899 an Fran Lokomotivführer 
Stahl (ihre Nichte) schreibt, indem sie von dem unvergeßlichen Dichter 
„Theodor Körner" berichtet: „Im Hause meiner lieben Eltern (welche 
das Nachbarhaus der „allen Apotheke" bewohnten) wurde ja oft sein 
Gedenken mit Achtung und Rnhm erwähnt .... Eine junge hübsche 
Dame hat er in Liedern besungen, es war eine geborne Heinrich, 
verehelichte Lambateur." 
Nach Mitteilung einer gleichfalls mit einem Lambatcnr, nämlich 
ihrem Vetter, verehelichten noch lebenden alten Dame, einer Enkelin 
des Predigers Heinrich und Tochter seines jüngsten Sohnes war diese 
„in Liedern bcsnngene" Tochter die älteste, namens Auguste geboren 1786, 
„ein Mädchen von seltener Schönheit." (Ob diese Lieder noch vor 
handen, vielleicht gar gedruckt sind, habe ich leider nicht ausfindig 
machen können). 
Dem Prediger Heinrich hat der Dichter am Tage der kirchlichen 
Feier, am 9. Mai, als Andenken an den weihevollen Tag eine mir vor 
liegende eigenhändige, von Heinrich mit einer bezüglichen Bemerkung 
versehene Niederschrift des „Einscgnungsliedes am 28. März 1818 in 
der Kirche zu Rogau in Schlesien" zum Geschenk gemacht. Wahr 
scheinlich war dieses Lied wie bei der feierlichen Einsegnung des ganzen 
Lützowschcn Korps in der Kirche zu Rogau und später wiederholt, so auch 
am 9. Mai bei der kirchlichen Feier in Wittenberge gesungen worden. 
Unmittelbar nach der Abendmahlfeier in sein Quartier zurückgekehrt, 
schrieb Körner noch den oben angeführten Brief an seine Eltern und 
marschierte alsdann mit der Kompagnie nach Lenzen zu. Erreicht wurde 
denselben Tag Polz, wo die Wiedervereinigung mit dem von Perlebcrg 
herkommenden Lützowschcn Hauptkorps bewerkstelligt wurde. 
Wenn ich hier nochmals auf den Prediger Heinrich zurückkomme, 
so rechtfertigt sich das dadurch, daß er sowohl in dem vorstehend mit 
geteilten Bericht an seinen Superintendenten als in Körners Briefe 
als eine sehr mannhafte, besonders sympathische Persönlichkeit erscheint, 
wie denn auch Körner sich in seiner Häuslichkeit besonders wohl ge 
fühlt, und ihm durch das Geschenk seines Gedichtes besonderen Dank 
zum Ausdruck gebracht zu haben scheint. 
vr. Thamhayn, welcher zuerst mit dem Pastor K. Brandt Nach 
forschungen über Körners Wittenberger Aufenthalt anstellte, schreibt 
in seinem Aufsätze „Theodor Körners Aufenthalt an der Niederelbe 
im Mai 1813" (erschienen 1896 in der Zeitschrift „Der Bär"). „Leider 
ist es mir nicht gelungen, über die Persönlichkeit des Geistlichen, dessen 
der Dichter so ehrend gedenkt, näheres ausfindig zu machen. Ich kann 
nur berichten, daß sein Familienname Heinrich war, und daß er von 
1787 bis 1815 in Wittenberge amtierte." 
Im Jahre 1787 wurde Heinrich nach Wittenberge als Prediger 
berufen, wo er stets sehr beliebt und hochgeachtet gewesen ist. Er hatte 
noch eine Tochter und drei Söhne. Die zweite Tochter heiratete den 
Konrektor Ebers in Wittenberge. Von den drei Söhnen Heinrichs 
fand der älteste seinen Tod im Kampfe gegen Napoleon in Rußland, 
der zweite war Arzt und wurde als Mcdizinalrat in Warschau in den 
Napoleon als Wickelkind. 
(Nach einer deutschen Karrikatur gezeichnet.) 
erblichen Adelsstand erhoben, der dritte war Kaufmann und in Schwedt 
a. O. ansässig. Eine seiner Töchter, diejenige, welcher ich diese Nach 
richten verdanke, heiratete ihren Vetter Lambateur, einen Sohn des 
vorgenannten ältesten Schwiegersohnes Heinrichs und lebt seit längeren 
Jahren bereits als Witwe in Schwedt a. O. In ihrem Besitze ist die 
erwähnte eigenhändige Niederschrift des Einscgnungsliedes, sowie der 
obenmitgeteilte Heinrich sch e Bericht über die kirchliche Feier, sowie 
endlich eine sehr hübsch ausgeführte Kreidezeichnung, Friedrich 
Wilhelm Heinrich als jungen Mann, mit auffallend schönem, höchst 
ansprechendem, klugem, kräftigem und offenem Gesichtsausdruck dar 
stellend. Dem Anscheine nach stammt das Bild etwa aus seiner Haus 
lehrerzeit. 
Im Jahre 1815 am 17. Dezember, abends 8 Uhr, starb er aus 
weislich des Kirchenbuches als „wohlverdienter 27jähriger Prediger bei 
der hiesigen Gemeinde". Sein Abscheiden erfolgte im rüstigen Alter 
von 58 Jahren 2 Monaten infolge eines Nervcnschlages, nachdem er 
sich, bis dahin als einziger Prediger am Orte in voller Kraft amtierend, 
seit vier Wochen durch seine Amtsbrüdcr Hahn aus Bentwisch (seinen 
Nachfolger) und Blum aus Groß-Breese hatte vertreten lassen müssen. 
Seine Ehefrau überlebte ihn bis 1850. Beide sind auf dem Wittenberger 
alten, jetzt teilweise zum Schulneubau verwendeten Kirchhofe begraben. 
Ihre Gräber sind dem Ban zum Opfer gefallen, dagegen ein gußeisernes 
Kreuz mit beider Namen noch erhalten (leider in zerbrochenem Zustande 
neben einem Schutthaufen im Gebüsch liegend). Auf der Vorderseite 
des Kreuzes stehen die Namen und Gcburts- und Todestage der beiden 
Eheleute, auf der Rückseite: „Ein Denkmal trauernder Liebe von Kindern, 
Enkeln und Urenkeln". Gleich neben diesem Grabkreuz gelang es mir, 
zwei gußeiserne Tafeln mit dem Namen seiner ältesten Tochter Auguste 
Lamöatcur (geb. Heinrich) und deren Mannes Karl Lambateur 
aufzufinden. Diese lebten bis 1857 bezl. 1856. Der Amtsnachfolger 
Heinrichs war I. I. G. Hahn, welcher eine Schwester von Heinrichs 
Schwiegersohn Lambateur zur Frau hatte. Sein Grab liegt auf 
demselben Kirchhose und weist die Worte auf: „Du wurdest von uns 
allen innig geliebt und verehrt". Schon wie er als Rektor der Knaben 
schule in Wittenberge wirkte, erhielt er namens der Bürgerschaft vom 
Magistrat im Jahre 1804 eine Medaille als Ehrengabe. Dann wurde 
er Prediger in Bentwisch und am 6. Juni 1816 in Wittenberge angestellt, 
wo er für „mit besonderem Fleiße und ausgezeichneter Genauigkeit 
bearbeitete" Tabellen als eine „für das Interesse des Staates wichtige 
Angelegenheit" den ganz ergebensten Dank des Kreis-Direktoriums der 
Pricgnitz erhielt mit dem Versprechen, hiervon die Königliche Regierung 
zu unterrichten. Er scheint also gleich seinem Vorgänger ein besonders 
tüchtiger, thätiger Mann in seinem Amte gewesen zu sein. 
Nach dieser Abschweifung zu einer zu Theodor Körner in so 
nahe Beziehung getretenen Familie, welche für Wittenberge ein be 
sonders örtliches Interesse haben muß, kehren wir kurz zu unserem 
Dichter und Freiheitskämpfer zurück. Nach mehrfachen Hin- und Her- 
zügen über die Niederelbe begab sich die Lützowschc Kavallerie in die 
Stendaler Gegend zurück, um die treuen, unter westfälischer Herrschaft 
befindlichen Altmärker wehrhaft zu machen. Körner durste sich hieran 
auf seinen besonderen Wunsch beteiligen, trat am 28. Mai ganz zur 
Kavallerie über und wurde Lützows Adjutant. Als solcher machte 
er einen SNeifzug nach Thüringen mit und wurde während des 
Waffenstillstandes, als er, noch dazu im Vertrauen auf das Ehrenwort 
eines französischen Generals, den Säbel in der Scheide neben der 
Marschkolonne herritt, von sranzösischcr Kavallerie überfallen und am 
Kopfe mehrfach schwer verwundet. Mit Mühe der Gefangenschaft ent 
ronnen, fand er Genesung in Karlsbad in Böhmen, und traf dann 
Mitte August voller Kampfeslust wieder bei den in der Nähe von 
Büchen an der Nicdcrelbe vereinigten Lützowern ein, um am 26. August 
im Gefecht bei Gadebusch den Tod eines braven Reitersmannes, den er 
so oft besungen und auch für sich selber vorausgeahnt hatte, zu finde». 
Begraben wurde er, tief betrauert von seinen Freunden und von ganz 
Deutschland, wie er es immer sich gewünscht hatte, unter einer großen 
Eiche beim Dorfe Woebbeli». — 
Bei der Zusammenstellung der Körner-Erinnerungen habe ich 
außer seinen eigenen Werken und der trefflichen neuesten Biographie 
des Dichters von Peschcl und Wildcnow besonders ThamhaynS 
Aufsatz über Körners Aufenthalt au der Niederelbc 1813 („Bär" 1896) 
benutzt, vor allem aber briefliche Mitteilungen, welche durch liebens 
würdige Vermittelung des Herrn Pastors Brandt und der Familien 
des Stationseinnchmers Herrn L. Kort, sowie des Lokomotivführers 
Herrn F. Stahl erhalten wurden, verwendet, endlich auch noch eigene 
Nachforschungen in Wittenberge angestellt. Allen denen, welche mich 
freundlichst unterstützt haben, meinen herzliben Dank. 
vr. H. ramer-Wittenbcrge.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.