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Periodical volume 14.Januar 1899 Nr, 2

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Verkehrsbedürfnisscii entspricht und wohl noch keinen einigermaßen 
berufenen Verteidiger gefunden hat. 
Im allgemeinen werden Berliner Brückenanlagen stets an einem 
Mißverhältnis der angewandten Mittel zu dem Zweck der Ueber- 
brückung leiden. Die Spree ist nun einnial innerhalb der Stadt 
ein wenig bedeutender Wasserlauf, und der Kanal muß für die 
Frachtkähne genügen. Monumentale Brücken in der Reichshaupt 
stadt erscheinen deplaciert, weil ihre mäßige Bogenspannung niemals 
dem architektonischen Aufbau entsprechen kann. 
Einen wesentlich bestimmenden .Einfluß auf den baulichen 
Charakter Berlins haben die in den letzten Jahrzehnten ent 
standenen Bierpaläste ausgeübt. Mit ihnen ist der bunte 
Fassadenschmuck der süddeutschen Renaissance der Reichsstädte bei uns 
eingezogen. So lange es sich noch um die Herstellung möglichst 
prunkvoller Schenkhallen handelte, auf deren Unterbau sich die ge 
wöhnliche Mietswohnungsnüchternheit renaissanceartig aufgeputzt 
breit machte, war eine einheitliche Baugestaltuug unmöglich. 
Spaten- und Tucherbräu in dem oberen Teil der Friedrich- 
straße mit ihren mit Freskomalereien bedeckten Putzflächen, mit 
ihren malerischen Fensteranlagen, von Seidl-München und 
Walther-Nürnberg erbaut, haben hier bahnbrechend gewirkt, indem 
sie durch die ganze nach außen hin bemerkbare Ranmanlage den 
Charakter der durch alle Stockwerke gehenden Trinkstuben betonen. 
Dagegen tragen die Patzen Hofer Bierhallen mit ihrer aus 
farbigen Verblendsteinen und Majülikaziegeln hergestellten Fayade 
wieder das Gepräge des märkischen Backsteinbaues und ver 
schaffen so der heimischen Eigenart zu ihrem' Rechte. 
Es mag zweifelhaft erscheinen, ob sich die bunte Putzfassade 
so ganz harmonisch in die Straßenflucht einfügt, jedenfalls bildet 
sie eine erfreuliche Abwechselung unter all den mißverstandenen 
Atlanten, Säulen und Pilastern, hinter denen sich die Masse der 
Alltagswohnungen birgt. Sie ist ein Fortschritt ans,dem.Wege, 
den zuerst Ende und Benda mit dem Prsngsheimschen Wohn- 
hause zu allgemeiner kopsschnttelnder Verwunderung einschlugen. 
Die gefälligen Formen der oberitalischen Spätreuaissance erscheinen 
hier durch die polychrome Behandlung gemildert und zusammen 
gehalten. Aus den bräunlich abgetönten Quadern des Erdgeschosses 
wachsen die mit dunkelroten, ein . Tepp ich inuster bildenden Mett 
lacher Fliesen, verkleideten Flächen des, ersten Stockwerks empor, 
die durch den reich gestalteten Erker und die prunkvoll mit Terra 
kotta-Brüstungen, Umrahmungen und Bekrönungen ausgestatteten 
Fenster unterbrochen werden. Ueber den ganzen Bau spannt sich 
unter dein Kranzgesims das von A. von Werner eutworefene Glas 
mosaik auf Goldgrund. Diese farbige Dekoration konnte' uItürlich 
schon aus materiellem Grunde keine Nachahmung in größerem 
Maßstabe finden. Nur im fernen Westen, in den uöus» nach 
Schöucberg und Wilmersdorf hinauSliegeuden Stadtteilen findet 
man abgeschwächte Nachklänge, die in Buntheit ausarten, oder sich 
mit billigeren Surrogaten, wie Sgraffito-Jmitatiou n. s. w. be- 
Fünfundzwanzig Jahre Theater in Berlin. 
(J874 bis H899.) 
Von 
I. Landau. 
enn man mit einem einzigen Satze den Inhalt der fünf 
undzwanzig Jahre Berliner Theatergeschichte erschöpfen, den 
Unterschied von einst und jetzt kennzeichnen will, wird man sagen 
sagen müssen: Das Kunstleben Berlins ist mustergebend und be 
stimmend geworden für die gesamte deutsche Bühnenwelt. 
Nicht gern, nicht willig gönnt man der Reichshauptstadt diesen 
Vorzug. Versuche zu heftiger Auflehnung sind häufig zu verzeichnen. 
Mancher auswärtige Bühnenleiter hat sich schon an die Autoren 
gewendet, um sie der Reichshauptstadt abwendig zu machen, so 
vor einiger Zeit der liebenswürdige und beliebte, selbst erfolgreich 
schriftstellernde Chef des Frankfurter Theaters, Intendant Emil 
Claar. Mehr als einmal hat auch der eine oder andere Dra 
matiker, im augenblicklichen Groll über eine schmerzende Ablehnung» 
den Entschluß gefaßt, seine Werke an anderen Kunststätten die 
Feuerprobe.bestehen zu lassen. Einzelne sind sogar von Berlin 
fortgezogen. Sudermann und Fulda, Wolzogen und Philippi, 
Halbe und Olden, aber sie sind fast alle wiedergekehrt. Persönlich 
und mit ihren Werken. Was irgend dem heutigen Theater einen 
wesentlichen Zug seiner Physiognomie giebt, hat von Berlin aus 
seinen Weg ins Reich genommen. 
Von Berlin aus gaben die „Meininger" vor gerade 
fünfundzwanzig Jahren das Signal zur Reform des Bühnenbildes. 
gnügen. Im Großen und Ganzen ist man in der vornehmeren 
Wohnhausarchitektur wieder zum Haustein zurückgekehrt und bewegt 
sich meist in den schwereren Formen der Spätrenaissance. Wenig 
betretene Wege^ schlägt in neuerer Zeit Alfred Messel ein, von dessen 
eigenartigem Formensinn wir mannigfache Anregungen erwarten 
dürfen. Das umgebaute Haus des Herrn V. Weisbach in .der 
Tiergartenstraße weist überaus gefällige Formen auf, die in den 
konstruktiven Gliedern wie in der anmutigen Ornamentierung 
überall die innere Raumgliederung andeuten und sich niemals in 
nichtssagenden Schmuck verlieren. 
Eine lokale Stilbildung ist von der Berliner Wohnhaus- 
anlage nicht zu erwarten. Sie könnte nur von dem Einfamilicn- 
hause ausgehen, das in einer koutiitentalen Weltstadt immer 
vereinzelt bleiben wird. Die Mietskaserne wird so lange nüchtern 
und stillos bleiben, als man sich nicht entschließen kann, sie als 
solche auch in der. Fassade zu charakterisieren. Schon in der 
Frontgliederung- müssen die gemeinsamen Eingangs- wie die ge 
teilten Wohnräume als solche hervortreten, statt sich verschämt 
hinter einem unwahren Architekturoorhang zu verbergen. 
Das Einfamilienhaus findet seine Stätte nur in den Vororten 
nnd hier sind denn auch die Ansätze einer lokalen Stilbildung zu 
suchen. In Wannsee und Babelsberg werden daS hügelige 
Terrain und die Seeeu und Wasserläufe maßgebend für eine 
schloßartige, auf einer Höhe gelegene Bauanlage. In der Grüne- 
wald-Kolonie dagegen treten überall die Keime einer neuen 
kräftigen Formeugebuug zu Tage im Anschluß an die märkische 
Ebene und die aus ihr schlank aufsprossende Kiefernwaldung. Hier 
sind die Holzbauten der norddeutschen Niederung und des süddeutschen 
Gebirges, der sächsischen und der fränkischen Anlage vorbildlich ge 
wesen. Das sächsische Dorfhaus mit seinem hohen Giebel und seiner 
Diele hat unerkennbar auf die Phantasie der Architekten gewirkt. 
Der von Holland importierte Ziegelrohbau mit den Zier 
formen der Spätreuaissance und des Barock hat seiner Zeit in 
Deutschland eine Neubildung nach der Richtung farbenfreudiger 
Phantastik erfahren, und der aus dem Orient überkommene Erker 
ist zu einer nationalen Bauform geworden, die, aus der Intimität 
der Jnnenräume vorspringend, die Fassade belebt. 
Wer die Zeichen seiner Zeit bis in die Gruncwaldkolouie zu 
beobachten sich die Mühe nimmt, kann sehen, wie die neue Archi 
tektur diese durch die Freude am heimische» Material und auch den 
Geschmack für sinnige Zierkunst bedingten Traditionen aufzunehmen 
und zu verarbeiten sucht. Hier erkennt »lau die Spuren des ur- 
. deutschen Holzfachwcrks, der Diele, um die sich die übrigen Räume 
verteilen, des Giebels und des Erkers. Ilcberall schmiegen sich die 
Familienhäuser mit roten Satteldächern, zierlichem Schnitzwerk, 
braunen Balkenlagen und diskreter Farbeuanwenduug malerisch in 
das.Kieferdunkel hinein und legen stummen Protest ein gegen die 
nüchternen Straßeufluchteu und prunkvollen Reklamefassaden der 
Weltstadt. 
Eine arge Zerfahrenheit war eingerissen. Der Regisseur hatte 
weder eine bemerkenswerte Aufgabe noch eine genügende Autorität. 
Die Stellungen anzugeben, die dürftige Ausstattung der Szene 
innerhalb der schäbigen Dekorationsleinwand zu bestimmen, das 
war seine Aufgabe. Jeder Schauspieler sprach und spielte wie er 
es persönlich gewohnt war, ohne sich um die andern zu kümmern. 
Ueber die Ausstattung verfügten Garderobier und Theatermeister, 
also technische Hilfskräfte, und maßgebend war der heilige „Fundus". 
Mit etlichen Römerhelmen, Lanzknechtstrachten, spanischen Mäntelchen 
und Hüten, Rittersticfcln und Schilden wurden alle Anforderungen 
des Repertoires bestritten. Da kamen die Meininger nach Berti» 
und öffneten uns die Augen, verschafften der Einheitlichkeit des 
Stils, dem lebensvollen Zusammenwirken, verschafften der Echtheit 
des Bühnenbildes Achtung und setzten den Regisseur in seine natür 
lichen Rechte ein. 
Acht Jahre später begründete Adolph L'Arronge, damals 
mit Friedrich Haase, August Förster, Ludwig Barnay, Ernst 
Possart, Siegwart Friedmann im Bunde, das „Deutsche Theater". 
Albert Hofmann, der witzige Mitbegründer und Herausgeber des 
„Kladderadatsch", der langjährige Besitzer und kluge Leiter des 
„Friedrich Wilhelmstädtischen Theaters", war gestorben. Es war 
sein Wille gewesen, daß das Haus, oder eigentlich die Häuser-
        
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