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Periodical volume 20.Mai 1899 Nr, 20

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Es gewährt keinen geringen Reiz, die Bewegung in diesem Ziffern- 
bildc zu verfolgen und zu beobachten, welche Berufsgrnppen diesen 
oder jenen Zweig der Gesamtlitteratur bevorzugen. Wir gewinnen 
damit eine Art von Momentaufnahme der geistigen Physiognomie 
des betreffenden Berufszweiges. 
Soviel dürfte sich aus diesen Betrachtungen ergeben. Der 
alte Satz: „Ein Volk kann nicht so gut ernährt wie unterrichtet 
sein" besteht noch heute fort in seiner unbedingten Giltigkeit. 
Von einem Ausruhen auf den Lorbeeren kann in unseren Tagen 
in dem rege pulsierenden Mittelpunkt des geistigen Lebens 
der Nation noch weniger die Rede sein denn früher. Aber das 
Erreichte giebt »ns immerhin Kraft und Hoffnung, einer höheren 
Stufe nachzustreben — dem hohen Ideal entgegen: die Bildung 
für alle! Rudolf Grätzer. 
Städte- und Landschastsbilder. 
(Schach.) Pots 
^^^atten sich schon beim Ban des Stadtschlosses starke Meinungs- 
Verschiedenheiten zwischen dem Könige und Knobelsdorfs 
geltend gemacht, so verschlimmerten sich dieselben noch mehr beim Bau 
von Sanssouci, und Knobelsdorfs meldete sich am anderen 
Morgen krank, um mit dem Ban nichts mehr zu thun zu haben. 
Die Grundzüge zu der Gesamtanlage der Terrassen mit dem 
Schloß aus der Höhe entstammen der eigensten Idee des Königs. 
d a M. 
Ruinenberg öffnet. Knobelsdorfs war hervorragend im Finden 
der Maaße für solche Säulengänge' unsere Abbildung zeigt die 
Schönheit, die er hierdurch zu erreichen verstand. In der zeit 
genössischen Architektur findet sich kaum ein Beispiel, das er nicht 
mit seiner Kunst übertroffen hätte. Er unterwarf sich eben nicht 
dem hergebrachten und allgemein kopierten Schema seiner Zeit, 
sondern suchte, wie er selbst im Text seiner im Kupferstichkabinet 
Schloss Sausfouri. 
Noch ist seine eigene Federskizze erhalten. Sie zeigt die sechs 
Terrassen und darüber den langgestreckten Bau mit der flachen 
Kuppel über der Mitte und den Hermenpaaren, die zwischen den 
Fenstern an den Pilastern emporragen und das Dach zu tragen 
scheinen. Knobelsdorfs hatte den Plan dann im Einzelnen aus 
zuarbeiten. Um die Wirkung zu erhöhen, wollte er dem Bau ein 
Untergeschoß oder doch wenigstens einige Stufen unterlegen und 
die Zimmerreihe nnterwölben, was zugleich auch Kälte und 
Feuchtigkeit ferngehalten hätte. Er fand Widerstand beim Könige, 
der offenbar einen eigenen Reiz darin fand, sein „Sanssouci" 
tief hinter Hecken versteckt in stiller Zurückgezogenheit liegen zu 
haben. So kam es zum Bruch mit deni Baumeister; als dann 
später die von Knobelsdorff vorher gesagten Folgen eintraten und 
recht unangenehm auf des Königs Gesundheit einwirkten, trug 
dieser still das Selbstverschuldete. 
Die Ausführung der Pläne Knobelsdorffs wurde nun 
Dietrichs und Boumann anvertraut, die das Werk in den 
Jahren 1745—47 vollendeten. Von hervorragender Schönheit ist 
die Entwickelung der Rückfassade zu einem kreisförmigen Säulcn- 
gang. In der Mitte stoßen die beiden Halbkreise aber nicht an 
einander, sondern lassen gerade dem Haupteingang zum Schloß 
gegenüber eine Lücke, durch die sich ein Blick auf den fernen 
zu Berlin aufbewahrten Originakentwürfe betont, jedesmal Maaß 
und Verhältnis der Säule aus den Gesamtverhältnissen des Bau 
werkes schon in der Zeichnung abzuleiten. 
Der Ruinenberg trägt seinen Namen von einer Tempelruine, 
die dort künstlich geschaffen wurde, um das große Wasserbassin zu 
verstecken. Die damalige Zeit liebte solche Spielereien, die uns 
heut oft als rechte Geschmacklosigkeiten erscheinen. Nur einmal 
hatte Friedrich der Große die Freude, die Wasserkünste, die in 
so reicher Anzahl über den Park verstreut sind, und die große 
Fontäne am Fuße der Terrassen in Thätigkeit zu sehen. Es war 
am Karfreitag 1754. Erst beinahe hundert Jahre später, unter 
Friedrich Wilhelm IV., gelang es, nachdem man verstanden 
batte, die Dampfkraft sich zur gehorsamen Sklavin zu machen, all 
die Springbrunnen, deren Zahl mit geistreicher Fantasie von 
Persius und Brise in den Jahren 1842—44 noch reich vermehrt 
worden war, zum Leben zu erwecken. Die Fülle der kleineren 
Bauwerke, Tempelchen, Fontänen, Statuen, Basen im Park ist 
überraschend, nicht nur durch ihre Zahl, sondern auch durch die 
immer neuen Formen und die geschmackvolle Art, wie sie sich hier 
von einer Baumgruppe abheben, dort in ein Bosket einfügen. Die 
Mnschelgrotte im Sanssoucigarten, die unser Bild zeigt, ist ein 
bezeichnendes Beispiel hierfür.
        
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