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Periodical volume 13.Mai 1899 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Verantwortlicher Redakteur: Dr. M. Folticincauo, Berlin. — Truck uud Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin SW., Ncnenbnrger Striche 14a, 
tisch mit einem seitlichen Aufbau für die Handbibliothek und die sonstigen 
Hilfsmittel eines Gelehrte» steht so ziemlich in der Mitte des nin- 
jchloffenen Raumes, an seiner Rückwand ist ein großes Ruhebett mit 
kostbarer Decke aufgestellt und vor diesem in malerischem Durcheinander 
Tischchen und Sesselchen, alles Prachtstücke einheimischen und fremden 
Kunstgewerbes. Die Wände schmücken Porträts ans der Familie 
Wefendonck, von berühmten Meistern, wie Th. Hildebrand und K. Sohn, 
gemalt. 
Die folgenden Zimmer des Gartenflügels enthalten einen Teil der 
kostbaren Gemäldesammlung, in der fast jeder berühmte Meister seit 
dem Aufblühen der Malerei im späten Mittelalter mit mindestens einem 
Stück vertreten ist. Es ist unmöglich, bei einem kurzen Besuch all die 
herrlichen Schätze eingehend zu betrachten und zu würdigen, es dürfte 
ein längeres Studium erfordern, um sich nur annähernd einen Begriff 
von der Reichhaltigkeit der Sammlung zu machen. Ueberall ausgelegte 
Exemplare des zweibändigen von Herrn Wefendonck herausgegebenen 
Katalogs erleichtern das Auffinden der einzelnen Gemälde und geben 
zugleich einen Ueberblick über die mehr als 1000 Nummern umfassende 
Privatsammlung, der sich in Berlin wohl nur die Ravenssche an die 
Seite stellen läßt. Von alten italienischen Meistern sind Raffael, 
Corregio, Paolo Veronese, Carlo Dolce mit großen Originalen und 
trefflichen Kopien, von Niederländern Rubens und Rembrandt, van 
Dyk, van der Velde, Ruisdael und Breughel, von Spaniern Velasquez 
und Murillo, von den Deutschen Lukas Cranach und Holbein vertreten. 
Außerdem ist der modernen Kunst ein weiter Platz in der Gallerte ein 
geräumt^ wir finden Cornelius, Dietz, Calvine, Hildebrand, Achenbach, 
Canon, Makart und Boecklin in erlesenen Werken vor. Zum Ober 
geschoß steigt man auf breiter, eicheugefchnitzter Treppe, deren Wandungen 
mit Gobelins und Gemälden geschmückt sind, empor. In den oberen 
Räumen tritt mehr der Galeriecharakter hervor, während in de» unteren 
Zimmern durch mannigfache Möbel ein gewisser Anstrich von Wohn 
lichkeit und Behaglichkeit gewahrt ist. Die Sammlung im Obergeschoß 
schließt sich selbstverständlich der unteren würdig an. 
Ein kleiner Gang, der mit auserlesenen Porzellanen geschmückt ist, 
führt von der Treppe des Obergeschosses zur eingangs erwähnten Vor 
halle zurück. Au diesem Gange liegt ein in orientalischem Geschmack 
ausgestattetes Rauchzimmer, das im Schmuck seiner persischen und 
türkischen Teppiche, seiner japanischen und indischen Stickereien und 
seiner glitzernden Bronzen und Waffen fast den Eindruck einer Kapelle 
macht. Von der Vorhalle aus betritt man den Musiksaal und das 
Wohnzimmer der Frau des Hauses, beide mit Bildern und Erinnerungen 
der Wesendonckschen Familie ausgestattet. Daran schließt sich dev Salon, 
in welchem das Barock vorherrscht und sich auf den weißen mit 
Gobelins überzogenen Möbel, wie auf den Wandpfeilern und Kamin- 
verzierungen vorfindet. Drei Bilder von Hans Makart, zwei rothaarige 
Meermädchen i» schäumenden Wellen und ein die Flöte blasender Faun, 
hängen an den Wände», und bilden einen kostbaren Schmuck dieses 
Zimmers' außerdem steht auf einer Staffelet am Fenster ein anderes 
Kleinod, „Das Schweigen des Waldes" von Arnold Boecklin. Tie im 
Zimmer aufgestellten Tischchen tragen mannigfache Kunstsachen und 
Sächelchen. Tapeten und Plafonds sind gleichfalls Kunstwerke, ganz 
zu schweigen von den Vorhängen, Decken, Tischläusern und dergleichen. 
Das Wesendonckiche Haus in seiner Gesamtheit ist ein Kunstwerk, wie 
es in solcher Vollendung wohl selten vorhanden sein dürfte. G. A. 
Bäder und Sommerfrischen. 
Sanatorium Inselbad bei Paderborn. 
DLwanzig Minuten entfernt von dem alten Vischossitz Pader- 
GM born beginnt vor dem Reuhänser Thor der Park des Fusel- 
bades, der von der Bahn ans fast ohne Berührung der Stadt 
zu erreiche» ist. Mit seinen herrlichen, alten Bäumen umfaßt er 
ein Terrain von 30 Morgen. Ueppiger 
. Wiesengrund am PaderflUß begrenzt die 
^ ausgedehnte Anlage; ein munterer Bach, 
die Rothe, 
durchquert den 
ganzen Park, 
und die Spie 
gelfläche des 
Teiches mit 
seinem Jnsel- 
chen bringt 
reiche Abwech 
selung in das 
Landjchafts- 
bild, das durch 
dichte Hecken 
gegen die 
Außenwelt ab 
geschlossen ist. 
Dies alles 
vereint, be 
dingt einen re 
lativ starken Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre, und 
giebt zusammen mit den konstanten Temperatur- 
verhältnissen. die ohne große Tagesschwankungen im Sommer das Mittel 
von 4- 16 11 R., im Winter von — 5 ° nur selten überschreiten, dem 
feuchtwarmen Klima seinen bekannten milden, beruhigenden Charakter. 
Diese kalmierende Wirkung kommt namentlich den mit Krankheiten der 
Respirationsorgane Behafteten zu gute, aber nicht minder den Nerven 
leidenden, und daraus ergiebt sich der große Nutzen, welchen z. B. 
Asthmatiker hier stets gefunden haben, bei denen diese beiden genannten 
Organsysteme erkrankt sind. Brügelmann hat das Klima direkt als für 
Asthma immun bezeichnet. 
Das seil alters her als Heilbad bekannte Inselbad bei Paderborn 
war früher ein offener Badeort und ist erst seit dem Jahr 1878 als 
Sanatorium geleitet worden. Es stellt eine glückliche Verbindung beider Arten 
von Kurorten dar, indem es die reichen, natürlichen Heilfakloren des Bade 
ortes (räumliche Ausdehnung der Anlagen, Bade- und Trinkquelle, Moor 
bäder re.), mit den eben so wichtigen 
Das Sanatorium will seinen Kranken alles das bieten, was sie zu 
Haus selbst unter den günstigsten Verhältnissen nicht haben können. 
Es will seine Kranken ferner zu gesunder, vernünftiger Lebensweise er 
ziehen, und ihnen so auch über die Grenzen des dortigen Aufenthaltes 
hinaus einen segensreichen Einfluß bewahren, nachdem es in der An 
stalt selbst gelungen ist, den Körper zu festigen und zu stählen. Körper 
pflege in des Wortes weitgehendster Bedeutung, richtige Diät gehören 
zu den Heilfaktoren des Juselbades. 
Büchertisch. 
Aberglaube und Occnltismus in Berlin und der Provinz Branden 
burg. Vortrag gehalten in Berlin, Oranienburg und Lands 
berg a. W. von Julius Müller, Direktor der gemeinnützigen 
Aktien-Gesellschaft Pionier in Berlin. Nebst Anhang: „Die 
Chiromantie in ihrer praktischen Anwendung". Preis 
50 Pfennig. L. Frobeen Verlag, Berlin 81V., Blücherstraße 3. 
Dieser zuerst im Bürgersaal des Rathauses zu Berlin gehaltene 
Vortrag bietet die Resultate fleißiger Forschung und reicher Erfahrung 
auf de» Gebieten des Geisteslebens. Klar und nüchtern chat der Ver 
fasser seine Aufgabe gelöst: den Volksaberglauben als solchen zu 
charakterisieren und ihm entgegenzutreten. 
Blätter für Haus- und Kirchenmusik, herausgegeben von Prof. 
Ernst Rabich. Verlag von Hermann Beyer & Sühne in 
Langensalza. Dritter Jahrgang. Preis des Jahrganges (12 Hefte 
a, 16 Seiten Text und 8 Seiten Mnsikbeilagen) 6 M., des 
halben Jahrganges 3 M. 
Das vorliegende Heft 4 vom III. Jahrgang enthält im Hauptteil 
einen Artikel von Dr. Max Zenger: „Ueber Gesang und Gejanglehre 
vom praktischen Standpunkte", der in anregender Weise sein Warnwort 
an jene richtet, die ihr Lebensglück der allverlockenden Circe, Bühne 
genannt, anvertrauen wollen: „Wie manche geträumte Elsa ober 
Elisabeth ivar froh, den ersten Versuch als Brautjungfer im Freischütz 
zu machen oder im Tannhänser ,Wolfram von Eschenbach beginne' mit 
singen zu dürfen," sagt der Verfasser — „drum prüfe, wer sich ewig 
bindet." In den Musikbeilagen bringt Ignaz Brüll ein reizendes 
Scherzo für Klavier, Jos. B. Foersler eine originelle „Serenade" für eine 
Singstimme uud Dr. Herzog ein Präludium im strenge» Kirchenstil für 
Orgel und Harmonium. 
„Im Strom der ZcitV. Roman in zwei Bänden von Marie 
Bernhard. Dresden und Leipzig, E. Pierson's Verlag. 1899. 
Preis 8 Mark. 
Die Verfasserin von „Eva Leoni" entrollt in ihrem jüngsten Roman 
ein reich ausgeführtes Bild von dem Leben und Treiben in einer kleinen, 
norddeutschen Kreisstadt, die von dem Wogenschwall sozialistischer 
Forderungen und Gedanken bespült zu werden beginnt. Und ein 
Widerhall aus dem Kampfgetöse der großen sozialpolitischen Streitig 
keiten unserer Tage ist hineingedrungen in das Verhältnis des Landrats 
Wernecke zu seiner Frau, dessen Entivickelung und Geschichte den Inhalt 
des Romans ausmacht. Zwei sich schroff gegenüberstehende Weltan 
schauungen treten, verkörpert durch die beiden Gatten, einander gegen 
über; hier die Forderung ungehindert sich enffaltender Individualität, 
dort das starre Festhalten an bureaukratisch sanktionierten Formen. Eine 
friedliche Lösung des Konflicktes ist dabei von vornherein ausgeschlossen, 
— mit einer schrillen Dissonanz schließt das Werk. — Die Charakteristik 
der einzelnen Figuren, von denen jede mit einer Fülle subtiler Details 
gezeichnet ist, darf als gelungen bezeichnet werden.
        
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