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Periodical volume 13.Mai 1899 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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ob Ihre Majestät wohl angelangt wären und die Einladung nach 
Tilsit annehmen würden. Tic Königin nahm an und fuhr in Be 
gleitung der Gräfin Bog und Gräfin Tauentzien um 5 Uhr nach Tilsit, 
non 30 Garde du Korps eskortiert. Daß diese Reise unter Thränen 
und den bittersten, wchmühtigsten Gefühlen gemacht wurde, wirst Du 
wohl selbst hinzusetzen. Ter König war schon vorausgcrittcn. An 
Luise Wilhelmine v. Bismarck, geb. Menkrn. 
der Memel empfing die Königin der Marschall Besfiers, Kommandant 
der französischen Garden, und meldete sich bei ihr zur Ausivartnng. 
Eine Ehrenwache begleitete sic, das Militär paradierte, die Kanone» 
wurden gclöfit. Uebcrhaupt ward sie mit den möglichsten Honneurs 
und der allergrößten Hochachtung empfangen. 
„Außerdem huldigten alle Herzen der betrübten Schönheit, den 
Grazien — und — dem Unglück! Sir war ein wenig echauffiert 
und sehr schön, sehr schön. Alle Hüte waren herunter, alle Herzen 
flogen ihr entgegen. Die Ausrufungen der Bewunderung der Franzosen 
nahmen kein Ende." 
„Voilä la belle reine de Prusse! ob mon Dien, qu’elle est 
belle! qu’elle a de gräce!“ u. s. w. 
„Es liegt ein unwiderstehlicher Zauber in der Betrübnis eines 
schönen Weibes! So fuhr die Königin durch die Stadt und trat im 
Ouartier des Königs ab. Hier empfing sic der russische Kaiser, hals ihr 
aus deut Wagen und führte sic herauf. Bald darauf kam ein Ober- 
kammcrhcrr des französischen Kaisers, um für seinen Herrn die Erlaub 
nis zu erbitten, ihr aufwarten zu dürfen. Er kam auch bald in seinem 
ganzen Pomp angeritten, obwohl er nur einen schlichten dunkelgrünen 
Rock, weiße Unterkleider, schwarzen Hut und das kleine Kreuz der Ehren 
legion trug. Er unterhielt sid) mit ihr über eine halbe Stunde und 
soll uon ihrer Person wie von ihrer Unterhaltung ganz bezaubert ge 
wesen sein. Wenigstens versichert die Umgebung, daß noch keine Dame 
solchen Eindruck auf ihn gemacht hätte. Dies glaube ich gern, denn 
eine solche wird er wohl noä) nickü gesehen haben. Um sieben Uhr 
fuhr die Königin zur Tafel bei Napoleon. Die Tischgesellschan bestand 
nur aus den obengenannten Fürstlichkeiten. Marschällc mußten sichend 
vorschneiden. Die Königin saß zwischen den beiden mächtigsten Herren 
der Welt, aber leider nicht zu ihrem Glück nnd ihrer Freude. Auch 
werden ihr die köstlichsten Speisen schlecht geschmeckt haben, wenn sie 
davon gegessen hat. Trotz ihrer Anstrengung will man doch zuweilen 
den inneren Kummer bemerkt haben und wie sie genötigt gewesen, eine 
hervorquellende Thräne im Auge zu zerdrücken! Ueber Tafel ruft der 
Kaiser den Marschall Bcrthicr, schickt ihn ins Nebenzimmer zu der Gräfin 
Tauentzien und läßt ihr sagen, daß er soeben einen Kurier abgesandt 
hätte, um ihrem Vater, (der mit dem hohenlohesdien Korps gefangen) 
die Freiheit anzukündigen. Trotz aller dieser Höflichkeiten ist das Ende 
ganz )d)Icd)t für uns!" 
„Nach dem" heißt cs an anderer Stelle weiter, „was wohlunter 
richtete Leute von den Fricdensbcdiugungcn wissen wollen, und woran 
leider nicht mehr zu zweifeln ist, verliere» wir ganz Neu-Ostpreußen, 
Südpreußen und einen Teil von Wcstprenßcn. Auf der anderen Seite, 
das Härteste von allem, bildet die Elbe, die Grenze. Verloren ist 
Magdeburg (um dessen Erhaltung die Königin vergebens gebeten), 
Halbcrstadt, Hannover, Westfalen, Ostfriesland und ad,/unser Vaterland, 
die gute Altmark! Es ist schrecklich und ganz niederdrückend! Zerrissen 
der prcußisd,e Staat, gekränkt, gedemütigt alles, >vas preutzsch heißt, 
gesunken der Ruhm, fast der Stolz von ganz Europa! — Unser vor 
treffliches Königliches Paar fühlt dies sehr tief. Sie leiden sehr viel. 
Jede ihrer Mienen drückt ihr Gefühl und den nid)t zu verfehlenden 
Schmerz aus, von allen hintcrgangen zu sein!" 
Einen wie tief schmerzliche» Eindruck dieser Brief aus das guts- 
hcrrlichc Paar in Schönhausen gemacht hat, läßt sich um so leichter 
ermessen, wenn man erwägt, in welch' nahen Beziehungen dasselbe zu 
der königlidzen Familie stand. Alte Sdiönhauser Dorfbewohner berich 
teten dem Verfasser, daß sie von ihren Eltern erzählen gehört: die junge 
schöne Gutsherrin sei in jenen Tagen oft mit Thränen in den Augen 
einhergegangen. Sie sei die Milde und Sanstnmt selbst gewesen. 
Außerordentliche Ehrenbezeugungen seitens ihrer Untergebenen habe sie 
sie mit den Worten zurückgewiesen: „Laßt, laßt Kinder, das Unglück 
macht uns Menschen alle gleich." 
Ein Trost blieb den treuen Patrioten von Schönhausen bei allem 
vaterländischen Unglück, daß sie,, da die Elbe die Grenze bildete, durch 
den unh.ilvollen Friedensschluß zu Tilsit nicht von Preußen und dem 
geliebten Königspaare getrennt wurden, obgleid, die aus der rechten 
Seite der Elbe gelegenen Bismarckgüter durch frühere besondere Regu 
lierungen der Altmark zuertcilt worden waren. 
Seines jungen Eheglücks wurde das Bismarksche Paar auch 
während der nun folgenden Friedensjahre nid)t recht froh. Zu dem 
Kummer über das allgemeine Unglück gesellte sid, oft auch der Schmerz 
über besondere Heimsuchungen im Familienleben. Im Frühjahr 1807 
wurde das Paar durch die Geburt eines Sohnes und im November 1808 
durd, das Geschenk eines Töchterd,cns erfreut: allein beide starben im 
zartesten Kindesaltcr. Das Knäblein Alexander Friedrich Ferdinand, 
wurde seinen Eltern 2 Tage vor Weihnachten 1809 entrissen. Die 
Trauernden betteten es an einer Stelle des Parks in die kühle Erde 
und setzten auf das Grab ein Eisenkreuz mit der sinnigen und zugleich 
ergreifenden Inschrift: „Er war die Freude und Hoffnung seiner Eltern, 
die er nur durch seinen Tod betrübte." — In den Trau erlagen, da 
das Preußenvolk den Tod der geliebten Königin Luise beweinte, am 
24. Juli 1810 wurde das Bismarcksche Paar abermals mit einem Söhn- 
lein beschenkt, das am Leben blieb, heranwuchs und gedieh. Es war 
Bernhard von Bismarck, der ältere und einzige Bruder des großen 
Kanzlers, später als Landrat und Königlicher Kammcrherr im Star- 
gardter Kreise wirkend. 
In die genannten Jahre füllt eine verdienstvolle, patriotisd,e That, 
wcld,e der Gutsherr von Schönhausen vollbrachte und an welcher seine 
Gattin sicher großen Anteil hat. 1809 erschien Schill mit seiner von den 
Franzosen hart bedrängten Freischar in der Altmark. Die westfälische 
Regierung erließ von Halle aus ein Rundschreiben, worin es hieß: 
„Es ist zur Kenntnis der hohen Behörden gekommen, daß mehrere 
Maires bcnad,barter Departements ihrer Pflichten gegen Sc. Majestät 
(den König Hyronimus) und gegen den Staat so wenig eingedenk sind, 
daß sic sogar einzelnen Marodeurs der jetzt zerstreuten Sd,illsd,en Truppen 
Aufenthalt in ihren Kommunen gestatten, ;a, daß einzelne Bewohner 
sogar die Flüchtlinge versteckt haben, um sie dem Auge der Gerechtig 
keit zu entziehen. — Sollten hier oder da sich dergleichen Marodeurs 
verborgen halten, so sind selbige gleid, zu arretieren und auszuliefern." 
Durd, geheime Kunde halte mau in Schönhansen erfahren, daß 
ein Offizier der Schilld,en Schar, Major von Lützow, der bei Doden 
dorf schwer verwundet worden, in einem Orte jenseits der Elbe liege 
und in höchster Gefahr sei, von de» Franzosen entdeckt zu werden. 
Trotz des strengen Erlasses der westfälichen Regierung zauderte Herr 
von Bismarck, von seiner Gattin ermuntert, keinen Augenblick, die Rettung 
des Gefährdeten zu versud,cn, im Verein mit seinem Vetter, dem Be 
sitzer des Schönhauser Teilgutes, brachte er den Major von Lützow 
Karl Wilhelm Ferdinand v. Bismarck. 
bei Tangcrmünde glücklid) über die Elbe und nahm ihn in sein Haus 
aus, wo die Schloßherrin seine Pflege unter ärztlicher Behandlung 
persönlich übernahm. Diese Rcttungsthat war für die Ausführende» 
mit um so größerer Gefahr verbunden, als das Schloß und Dorf 
Schünhausen seit dem Jahre 1807 fast beständig französische Ein 
quartierung hatte, wie denn französische Späher die patriotischen Be-
        
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