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Periodical volume 14.Januar 1899 Nr, 2

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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v. Schleinitz, der im Ministerium der „neuen Aera" das aus 
wärtige Amt leitete und vom Fürsten Bismarck während des 
Grafen ganzer Amtsführung auf seinem neuen Posten als einer 
der Hauptleiter aller Hosintrigucn gegen ihn beargwöhnt mit nur 
zu wohl begründetem Mißtrauen, ja mit grimmigem Haß angesehen 
Wohnhaus Thiergartenflrahe. 
Erbauer: Alfred Messel. 
(Zu dem Artikel: „Fimfuridzivqnzig Jahre Berliner Kunstentivickelung." 
wurde. Seinen Empfindungen für diesen Minister und seiner 
wenig schmeichelhaften Meinung über ihn hat der Fürst in den 
hinterlassenen „Gedanken und Erinnerungen" den rückhaltlosesten 
Ausdruck gegeben. 
Das Gräflich Schleinitzsche Ehepaar bewohnte das für das 
Haus- und Hofministerium von der Staatsregierung erworbene, 
ehemals Reimersche Palais, jenen vornehmen Rokokoban entre 
cour et jardin, Wilhelmstraße 73, dessen weiter Borhof durch ein 
barockes Gitter zwischen den gegen die Straße hin vorspringenden 
beiden Flügeln abgeschlossen wird, und hinter dessen Rückfront sich 
ein prächtiger Garten mit Alleen der schönsten allen Linden- und 
Kastanicnbäume bis zu der Mauer an der Königgrätzer Straße 
ausbreitet. Die im ersten Geschoß gelegene Wohnung dieses 
Palastes, der einzig in feiner Art im modernen Berlin ist, 
blieb säst bis zum Tode des Grasen der Schauplatz einer in 
unserer Hofgesellschaft einzigartigen Geselligkeit. Unvergeßlich sind 
jene intimen Soireen der Gräfin Schleinitz, bei welchen der Kron 
prinz und seine Gemahlin mit einer Hofdame erschienen. Mit 
ihnen fanden sich dort zusammen: Graf Pourtalcs, der Sammler 
und Kunstfreund, Gras Harry Arnim, Hofkapcllmeister Eckert und 
seine noch immer die unverwischten Spuren ihrer einstigen außer 
ordentlichen Schönheit tragenden, temperamentvollen Frau Kathi, 
der geborenen Wienerin und — wie die Hausherrin — leidenschaft 
lich begeisterten Bekennerin und Verbreiterin des künstlerischen Evan 
geliums Richard Wagners; die Maler H. von Angeli, Anton von 
Werner, Adolf Menzel, Gustav Richter und seine Gattin, die jüngste 
und schönste Tochter Meyerbeers, aber trotzdem jenen Wagneria- 
nerinnen innig befreundet. A. Menzel hat einmal die Hauptgruppen 
einer solchen Abendgesellschaft im Hause des Schleinitzschen Paares 
in einer genialen Feder- und Tuschzeichnung mit schärfster Charak 
teristik aller einzelnen Persönlichkeiten, unter denen nur Eckert und 
Richter fehlen, höchst lebensvoll geschildert. 
Die interessante Gräfin, eine eminente Meisterin des Klavier- 
spiels, die sich als solche auch in Wohlthätigkeitskonzerten und 
Soireen der vornehmsten Gesellschaft hören ließ, war die mächtigste 
Protektorin R. Wagners, und eifrigste Agitatorin für seine Sache 
am kaiserlichen Hos zu Berlin. Sie erniöglichte die von dem 
Meister selbst geleiteten ersten Konzerte, in denen znm erstenmal 
Stücke aus seiner noch nie aufgeführten Tetralogie „Der Ring des 
Nibelungen" im hiesigen Konzertsaal und im Kgl. Opernhausc im 
Frühling 1871, zu Gehör gebracht wurden, und die Wagner zum 
Besten seines großen Bayreuther Unternehmens veranstaltete. Und sie, 
die Gräfin Schleinitz, war es, der es gelang, den greisen Kaiser, 
trotzdem ihm jede Neigung für des Meisters neue Kunstwcise sehr 
fern lag, dessen Person ihm sogar nichts weniger als sympathisch 
war, zu bestimmen, daß er wenigstens an einem Abend der ersten 
Aufführung des Nibelungenringes im Festspielhause zu Bayreuth 
(August 1876) in Person beiwohnte. Als eifrige Mitarbeiterin 
zum Zweck der Einwirkung auf den Kaiser zugunsten des von 
diesen großen Damen fast vergötterten Meisters stand der Gräfin 
Schleinitz die Gräfin Dankelmann, die schönste der berühmten drei 
Schwestern, geborenen Komtessen Moltke (von den beiden anderen 
war die eine mit dem Oberhofmarschall Grafen Perponcher, die 
andere mit dem als Sportsmann bekannten Kannnerhcrrn von 
Prillwitz vermählt) treulich zur Seite. Nach dem Hinscheiden des 
Gemahls und dem Schluß ihrer Trauerzeit heiratete Gräfin 
Schleinitz den österreichischen Botschafter am St. Petersburger Hof 
Grafen Wolkenstein-Trostburg. 
Der Gatte der schönen Gräfin Dankelmann machte seinem 
Leben selbst ein Ende. Ueber die Beweggründe dieser That ist 
nie etwas Sicheres bekannt geworden. Der Gemahl einer anderen 
in den siebziger und . achtziger Jahren ebenfalls viel genannten 
und ebenfalls von G. Richter gemalten Hofschönheit, Kammcrherr 
und Zeremonienmeister v. Schräder, fiel bekanntlich vor einigen 
Jahren im Duell durch die Kugel seines Kollegen Herrn v. Kotze' 
ein Opfer der berüchtigten, bis heute noch unaufgeklärten Skandal 
affaire der in der Hofgesellschaft zirkulierenden anonymen Schmäh- 
bricfe, als deren Urheber Herr v. Kotze ungerechter Weise bezeichnet, 
verhaftet und angeklagt worden war. 
Es den hoch aristokratischen Häusern im Glanz ihrer Feste 
nicht nur gleich zu thun, sondern sie noch möglichst weit darin zu 
überbieten, war das eifrige Bestreben der Finanzgrößen der Gründer 
jahre gewesen. Sie alle aber wurden, wie an solidem, fest ge 
gründetem Reichtum, auch inbezug auf den großen vornehmen Stil 
ihrer Winterfeste übertrosfen durch den Baron, Geheimen Rat und 
Generalkonsul v. Bleichröder. In seinem neuerdings nieder 
gerissenen, vom Architekten Cohn erbauten, prächtigen Palais in 
der Behrenstraßc, fanden außer zahlreichen diplomatischen Diners, 
ein- oder zweimal in jeder Wintersaison große Ballfeste statt, die 
immer mit zwei Stunden dauernden Konzerten eröffnet wurden. 
Die ersten Meister und Virtuosen, des Flügels, der Geige, des 
Cello, die gefeiertesten Sänger und Sängerinnen wurden mittels 
jedes von ihnen geforderten Honorars gewonnen, darin mitzuwirken. 
Nicht ganz und nicht immer von ebenso glücklichem Erfolg gekrönt 
waren die Bemühungen des Festgebers und seiner Gattin, ihre 
herrlichen Räume mit einer möglichst hocharistokratischen Gesellschaft 
und besonders ntit einer brillanten Schaar vornehmer Gardeoffizierc 
zu schmücken. Man kolportierte damals in Berlin mit boshaftem 
Behagen manche scherzhafte und pikante, natürlich meist erfundene 
oder übertriebene Geschichte inbezug auf diese Bemühungen und 
ihre teilweise Vergeblichkeit. Aber wenn die Prinzen, die Fürst 
lichkeiten, die Gardeoffiziere auch ausblieben, so verleugnete die 
Familie des Reichskanzlers nicht ihre Wertschätzung und wohl- 
begründete Anerkennung der ehrenwerten Persönlichkeit des großen 
Finanzmannes, feiner ungewöhnlichen Geistesgaben und der außer 
ordentlichen Dienste, welche er der Rcichsregierung im französischen 
Kriege gelegentlich der Liontributionszahlungen der Stadt Paris 
und der Abwickelung anderer finanzieller Angelegenheiten geleistet 
hatte. Die Fürstin Bismarck erschien fast auf jedem dieser Feste 
im Bleichröderschen Hause. Auch die Söhne, Grafen Herbert und 
Wilhelm, blieben nicht ganz aus. Die Gesellschaft setzte sich aus 
Herren und Damen des diplomatischen Korps, illustren Fremden, 
Finanzmännern, Aerzten, Schriftstellern, Künstlern, ihren Damen 
und Offizieren, wenn auch nicht aus solchen der Elite-Regimenter, 
zusammen. 
Nach dem Genuß der auserlesensten musikalischen Vorträge, 
der nur durch das Zuviel der Gaben einigermaßen gemindert 
wurde, begann in dem zweiten Saal der Ball, den, wie im Schloß 
und bei den Botschaftern, das Busfetsouper unterbrach, das inbezug 
auf Fülle des Allerbesten und Köstlichsten, was dabei den Gästen 
geboten wurde, wohl noch den am üppigsten ausgestatteten in 
Fürstenpalästen über war. Bei Kaffee, Liqueuren, Bier und 
Zigarren wurde der letzte Akt der Feste in den unteren Räumen 
des Palcris oft noch bis gegen 3 Uhr morgens ausgedehnt. — 
Aus den Festen der, durch Gründungen und glücklich gelungenen 
Börsenkoups plötzlich zu Reichtum gelangten, neugebackenen Finanz-
        
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