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Periodical volume 13.Mai 1899 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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„Nimm ein Brause 
pulver, Eleonore," sagte 
Tübingen, „ich bitte Dich 
darum. Das schlägtnieder, 
und ich verstehe ja, dag 
Du erregt bist. So etwas 
passiert einem nicht alle 
Tage. Und siehst Du, ich 
freue mich doch über den 
Max. Du magst sagen 
was Du willst: es war 
ehrenwert, daß er seinem 
Herzen gefolgt ist!" 
„Aber das Majorat," 
klagte die Baronin und 
führte ihr Riechfläschchen 
an die Rase. 
„Das Majorat — na 
ja! Läßt sich die Erbbe 
stimmung nicht auf gesetz 
lichem Wege ändern, so 
wird Max eben Verzicht 
leisten müssen." — 
„Aber, liebster Mann, 
HcilsndsKirrhr bri Sarrotv. 
(Zum Artikel „Städte- und Landschaftsbilder.") 
Der ist aber Tübingensch, Eberhard 
dann erwachsen uns ja 
doch neue Verwickelungen! 
Keine Menschenseele weiß, 
ob Dieter oder Bernd der 
ältere der Zwillinge ist! Wer soll denn Hohen-Kraatz einmal erben?!" 
Tübingen fuhr sich mit der Hand durch das Haar. 
„Donnerwetter — das ist eine infame Geschichte! Da hast 
Du recht. Die Zwillinge sind gleich alt. Ganz egal — dann 
tonnen sie sich die Erbschaft ausknobeln! Eleonore, das hat alles 
noch Zeit. Kommt Zeit, kommt Rat. Vorläufig bin ich Groß 
vater, und Du bist Großmutter. Großmutter, Eleonore! Eberhard 
heißt er und hat blaue Augen. Morgen früh können wir schon 
mit unserem Enkel spazieren gehen." 
„Aber, Eberhard, er kann ja noch gar nicht laufen!" 
„So fahr' ich mit ihm spazieren!" 
„Du hast Dich ganz närrisch mit dem Jungen! . . Gott, 
wenn er doch schon hier wäre!" 
„Ra, siehst Du, Eleonore, nun hast Du Dich wieder närrisch 
mit ihm, und ich denke, daß wird immer so abwechselnd gehen, 
bis . . . Nämlich, bei dem einen wird es ja wohl nicht bleiben. 
In zwei Jahren kommt Dikte an die Reihe." 
„Ach, Eberhard, davon spricht man doch nicht! Die Verlobung 
der Dikte kam auch so aus dem Hinterhalt. Ich bin von allen 
„Ist er. Aber auch die Tübingenschc Tradition kann einmal 
ausgeklopft werden. Und deshalb werde ich mir Audienz beim 
Könige erbitte», damit seine Gnade uns den Staub aus der 
Ueberlieferung bringt. Einverstanden Eleonore?" 
„Ja, mein Freund, — aber mit schwerem Herzen. Was Du 
Staub nennst, ist für mich Patina: die ehrwürdige goldene Hülle 
der Zeit. Trotzdem — das Glück der Kinder steht mir über 
jeglichem persönlichen Empfinden." 
„Recht so, Eleonore! Dem Glück der Kinder opfert man selbst 
ein Stückchen eigenes Herz. Run brauchst Du auch kein Brause 
pulver zu nehmen. Die Ueberzeugung, daß Du richtig gehandelt 
hast, wird Dich ohne kalmiercndes Schaumwasser schlafen lassen. 
Gute Rächt, mein Lieb! Morgen vormittag haben wir ihn. Ich 
denke, ich werde von ihm träumen. Eberhard heißt er und hat 
blaue Augen. Das ist Tübingensch. Aber daß er in Paris zur 
Welt kam und nicht in Hohen-Kraatz, zeugt von höherer Diplomatie. 
Und das ist alleweil Teupensch" . . . 
fragen, wie man die Liebe empfinde. Run wußte sie es . . . 
Trude schwatzte dagegen unaufhörlich. 
„O, Dikte, welch ein Tag!" sagte sie, in ihr Bett schlüpfend. 
„Es war ein großer Tag. Daß Dein Bruder verheiratet ist, hat 
mich am wenigsten aufgeregt. Er sah schon seit längerer Zeit stark 
verheiratet aus. Aber Deine plötzliche Verlobung! Freilich — so 
etwas kommt immer plötzlich. Relly, nicht wahr?! Eine Verlobung 
kommt immer plötzlich?! — Sie sitzt schon wieder in der Badewanne. 
O, Dikte, ich weiß nicht, wie mir ist! Ich habe solch' Herzklopfen. 
Du, Dikte — Pastor Rcinbold hat prachtvolle Zähne. Wenn 
sein Vollbart erst mächtig über die Brust herabwallt, wird er wie 
ein Apostel aussehen. Die Rase wird dann gar nicht mehr auf 
fallen. Er hat etwas sehr Liebes . . . Dikte, schläfst Du schon? — 
Hast Du beobachtet, was Doktor Haarhaus für Augen macht, 
wenn er in die Nähe der Frau von Seesen kommt? Dikte, mir 
ahnt allerlei. Ich wette, daß . . . nein, ich wette nicht! Relly, 
sind Sie schon im Bette? Dikte, sag' doch ein Wort! O, seid Ihr 
langweilig! Ich habe solch Herzklopfen!" . . 
Im Schlafzimmer der Baronin schritt Tübingen auf und ab, 
während sich seine Gattin aus dem Sessel vor dem Schreibtische 
niedergelassen hatte. 
Seiten überrumpelt worden. Und nichts ist gerade so gekommen, 
wie ich erwartet habe. Der Max hat sich echt Tübingensch aus 
geführt statt Teupensch, und von der Dikte habe ich eine viel 
demokratischere Wahl vorausgesetzt." 
„Es kommt immer anders, als man glaubt, Eleonore. Rur 
eins hat Dich nicht im Stiche gelassen, etwas ganz Teupensches: 
das berühmte Heiratsjahr Deiner Familie. 
„Auch das; ich betrüge mich niemals selbst. Max hat ja doch 
schon vor anderthalb Jahren geheiratet. Es stimmt also wieder 
nicht" . . . 
Tübingen beugte sich lachend über seine Frau und küßte sie. 
„Laß Dir's nicht nahe gehen, Alte. In dieser Stunde kann 
ich schon einmal „Alte" sagen; es hört ja sonst keiner. Ich bin 
ganz zufrieden; ja, ich bin sogar recht glücklich, Eleonore; denn ich 
sehe, die Kinder sind's auch. Und wachsen Bernd und Dieter 
einmal heran, und es kommt ihr Heiratsjahr, so denke ich, wir 
lassen auch sie frei wählen, wie es ihnen um das Herz ist. Es 
ist doch nun einmal etwas Schönes um das Recht der Selbst 
bestimmung, und nimm mir's nicht übel, etwas Barbarisches um 
unseren Majoratskodex."
        
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