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Periodical volume 6.Mai 1899 Nr, 18

Full text: Der Bär Issue 25.1899

biener, Lehrburschen — alle vereinen sich in einem Saale. Die 
Adels- und Geldaristokraten legen die teuren Logen in Beschlag. 
Dort sitzen ihre Vertreter und lassen zum Takt der rauschenden 
Musik den Champagnerpfropfen fliegen. Herren und Damen treten 
abwechselnd an die Brüstung der Loge, um ihr mit dem Glase 
bewaffnetes Auge unter den unten sich tummelnden Bürgersleuten 
umherschweifen zu lassen Jetzt beginnt im Saale wieder 
die zahlreiche Kapelle eine Piece und die Herren und Damen erheben 
sich, um in den unbesetzt gebliebenen Gängen sich nach dem Takt 
zu ergehen. Man geht auf und nieder und windet sich durch die 
dichten Reihen) man sieht tief in manches blaue Auge und auf 
manchen weißen Nacken) seidene Prachtgewänder rauschen um uns 
und wollen unsere Füße umstricken . “ 
Erinnerungen ganz anderer Art knüpfen sich au das 
Raczinskysche Palais, welches dem Krollschen Theater gegen 
über an der Ostseite des Exerzierplatzes in den Jahren 1844 bis 
1846 an der Stätte errichtet wurde, auf welchem sich jetzt das 
Reichstagsgebäude erhebt. Schöpfer dieses Palastes war Professor 
Strack, ein Baumeister, der. unter Friedrich Wilhelm IV. eine sehr 
bedeutende Rolle in der Baugeschichte Berlins gespielt hat. Schade, 
daß das Raczinskysche Palais im Jahre 1883 zum Abbruch ge 
kommen ist, um der Meisterschöpfung Wallots Platz zu machen. 
Nationalgalerie bildet, würdig aufstellen zu können. Der Bau 
wurde auf fiskalischem Gelände errichtet, und die beiden äußeren 
Gebäude gehörten nicht dem Grasen Raczinsky, sondern dem Staat) 
sie waren auf Befehl des Königs erbaut, um Malern und Bild 
hauern zu Ateliers und Wohnungen zu dienen. In den Räumen 
des südlichen Gebäudes hat der große Peter von Cornelius, 
den Friedrich Wilhelm IV. 1841 nach Berlin berief, länger als 
ein Jahrzehnt gewirkt; hier sind die berühmten Kartons ent 
standen, die das Campo santo schmücken sollten, und hier hat 
der große Meister am 6. März 1867 seinen Geist ausgehaucht. 
In den Räumen des nördlichen Gebäudes (der Roonstraße zu) 
hatten verschiedene Künstler ihre Ateliers, so die Professoren 
Herrmann, Schubert und Teschner, die hier nach Schinkels Kompo 
sitionen an den Kartons für die Halle des alten Museums ar 
beiteten, ferner die Maler Kaselowsky, Cretius, Gräfe, Engelbrecht, 
Schröder, die Bildhauer Franz und Stürmer, später zeitweise auch 
W. von Kaulbach und L. Knaus. Bon 1876 an wurde der süd 
liche Flügel als eine Filiale der Akademie der Künste benutzt, und 
die Professoren Schräder, Hertel, Wilberg und Bellermann hatten 
hier ihre Meisterateliers. 
Dieser für die Kunstgeschichte Berlins wichtige Bau, dessen 
edle Kunstformen aus historischen und ästhetischen Gründen wohl 
Das Raczinskysche Palais im Jahre 1855. 
Ein Blick auf nufer Bild, welches das Raczinskysche Palais 
nach einem Stahlstiche aus dem Jahre 1855 wiedergiebt, 
beweist, daß dieser Palast ein würdiges Seitenstück des Krollschen 
Theaters, eine wirkliche Zierde des Königsplatzes war — dieser 
Name wurde dem „Exerzierplatz vor dem Brandenburger Thor" 
erst durch eine Allerhöchste Kabinetsordre vom 18. Dezember 1864 
beigelegt. Der kunstsinnige Graf Athanasius Raczinsky, 
damals Gesandter in Lissabon, ließ den mittleren Teil der nach 
ihm benannten malerischen Villengruppe erbauen, um hier seine 
kostbare Gemäldesammlung, die jetzt eine Abteilung der königlichen 
die Erhaltung verdient hätten, ist nun leider längst vom Erdboden 
verschwunden und hat dem stolzen Reichspalaste Meister Wallots 
weichen müssen. Berlin ist eine schnell lebende Stadt, in 
welcher jede Generation sich bemüht, die Bauwerke der voran 
gehenden zu zerstören, so daß die Stadt fortwährend ihre 
Physiognomie verändert. Erhalten hat sich dagegen ans jener Zeit 
das prächtige Eckhaus der Roonstraße (links auf unserem Bilde), 
eine Schöpfung des Baumeisters G. H. F. Hitzig, die mit ihren 
Statuen und Balkönen noch heute dem Königsplatz zur Zierde 
gereicht. R- Cr. 
Ein Mehrer der Mark 
ä ilii der Siegesallec wird sich bald die Gruppe Kurfürst Johann 
A Georgs und in seiner Gesellschaft auch die kernhafte Gestalt 
Lamprecht Diestelmeyers, des „ruhmwürdigen Cantzlars", erheben, 
der durch seine Thätigkeit zur Größe der Mark Brandenburg bei 
getragen hat. 
Weder Reichtum noch hohe Geburt, noch sonstige Huld- 
göttinnen haben Lamprecht Diestelmeyer ins Leben- hineingewiegt. 
Mäßig wohlhabenden Eltern in Leipzig entsprossen — sein Ge 
burtstag fällt auf den 22. Februar 1522 —, erhielt er auf der 
St. Thomas-Schule einen vorzüglichen Unterricht. Liebhaberei für- 
klassische Studien waren ihm schon in jungen Jahren zu eigen. 
Bis zu seinem zwanzigsten Jahre studierte er Theologie, die er 
aber iü der Folge mit der Rechtswissenschaft vertauschte. Durch 
den Verkehr mit dem nachmaligen sächsischen Kanzler Modestinus 
Pistorius wurde Lamprecht in das geheime Getriebe der fürstlichen 
Kabinette eingeweiht. Seine politische Schulung begann auf dem 
Barchener Ständetage, wo er sich alsbald vor eine entscheidende 
Schicksalswenduug gestellt fand. Bei seinem scharfen Verstände
        
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